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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 48 m. Liocb's Moebenscvrin. Seite 805 Noch immer ahnte der betrogene Ehegatte nichts, erst als er nach einigen Tagen von seiner Gattin ein Schreiben erhielt, daß sie sich von ihm lossage und nie wieder in sein Haus zurückkehre, da erst erfaßte er die Schwere seines Mißgeschickes, unter dessen Wucht er zusammenbrach. Er trug sich mit Selbstmordgedanken; doch die Pflicht, für sein Kind zu sorgen, bewahrte ihn vor der Mordwaffe. Tagelang schloß er sich in sein Zimmer ein, es ruhelos durchmessend, da vollzog sich ein besonderer Läuterungsprozeß an ihm. Er hatte den Glauben an Gott verloren, doch nicht den an die Menschen; nun konnte man den Menschen nicht mehr glauben, er hat sein Weib verloren, aber seinen Gott gefunden. In der Stunde der Not und des großen Herzwehs, wenn wir nirgends Trost, nirgends Hilfe finden, da erst offenbart sich uns so recht das beseligende Gefühl des Glaubens. Er griff nach dem Gebetmantel, den er in einem Schranke verschlossen hatte, holte sein Gebetbuch hervor und betete zu Gott, den er im Glücke von sich gewiesen, geleugnet. Er erhob sich auf den Schwingen des Gebetes zu seinem Gotte, die Herzensangst lehrte ihn wieder beten. Mit welcher Innigkeit küßte er wieder die vom Schimmel bedeckten Gebetriemen; er betete und weinte Tränen der Erleichterung. Der Glaube an Gott kehrte wieder in sein Herz ein und ließ ihn auch den Glauben an die Menschheit und deren Geschicke finden; der Glaube an Gott gab ihn auch seinem Berufe wieder. Die Ausübung seines Berufes und die Erziehung seines Kindes sollten fortan seine Lebensaufgabe bilden. Und sein Kind, es sollte nicht ohne jeden sittlichen Halt, ohne Religion heranwachsen, er wollte dafür sorgen, daß ihm die Saatkörner des Glaubens schon in das jugendlich empfängliche Herz gesenkt werden, er wollte aber auch alles von ihm fern halten, was seinem religiösen Empfinden schädlich werden könnte. Das Hauswesen wurde streng jüdisch geführt, eine strengreligiöse Köchin sorgte dafür, daß auch den rigorosesten Ansprüchen Rechnung getragen werde. So lebte Harry mehr als ein Jahr wenn auch nicht glücklich, so doch zufrieden, getragen von jenem Seelenfrieden, den das Bewußtsein treu erfüllter Pflicht gewährt. Pia verlebte an der Seite Dr. Voigts einige Wochen sonnigen Glückes. Doch ihr Glücksstern begann allzubald zu erlöschen; er war ein Trunkenbold und konnte seine Leidenschaft nicht lange meistern. Er kam in trunkenem Zustande in das gemeinsame Heim und ließ sich in seiner Unzurechnungsfähigkeit zu den rohesten Gefühlsausbrüchen, ja sogar zu Tätlichkeiten Hinreißen. Anfangs schwieg Pia, als er aber immer mehr dem Trünke sich ergab, ja fast selten nur nüchtern war, machte sie ihm die bittersten Vorwürfe, warum er sie aus ihrem ruhigen Glücke herausgerissen. „Glaubst Du", so antwortete er, „ich hätte es aus Liebe getan. Ich wollte mich an dem Inden Rosen, an welchen ich den größten Teil meiner Praxis abgeben mußte, rächen und ich habe ihn dort getroffen, wo er am schwersten verwundet werden konnte." Pia war tief unglücklich und doch mußte sie an Dr. Voigts Seite ausharren. Wohin sollte sie sich wenden? Ihr Gatte würde sich nicht wieder mit ihr vereinen, ihrem Vater wagte sie sich nicht zu nähern, so blieb sie, fern von allen, die ihr einst lieb und teuer waren, an der Seite eines Mannes gekettet, der sie mißhandelte. Die einzigen Sonnenblicke in den düsteren Tagen ihres Unglückes bildeten die Berichte der Wärterin ihres Kindes, welche ihr von Zeit zu Zeit zugingen. Die Wärterin leistete ihr Vorschub bei der Flucht; ihr gab sie auch ihren Aufenthaltsort bekannt. Es war ein strenger Winter. Unter den Kindern grassierte eine Scharlachepidemie und trotz der größten Vorsichtsmaßregeln, trotz der peinlichsten Desinfektion wurde auch Rut Rosen von dem Scharlachfieber ergriffen. Pia Rosen wurde von der Wärterin verständigt und zwei Tage später stand sie an der Haustür ihres Gatten, flehentlich Einlaß begehrend. Dr. Rosen war in einer entsetzlichen Lage. Wenn die treulose Gattin unvermutet an die Pforte des Hauses pocht, das sie im Ueberschwange einer unseligen Stunde in ihrer Impulsivität den Eingebungen ihres betörten Herzens folgend, verlassen, die sündige Mutter, die von der Sehnsucht nach ihrem Kinde gepeinigt wird, die ihr krankes Kind ans Herz drücken will, das ist eine Rolle, die auf's Gemüt wirkt, da muß auch der stärkste Mann schwach und nachgiebig werden. Die Tränen in dem Auge des reuigen, büßenden Weibes bezwingen mit elementarer Gewalt alle Seelen. Gewiß, seine Gattin hatte in ihrer Verfehlung eine wuchtige Last auf sich genommen. Mit ungewöhnlicher Leichtherzigkeit gab sie sich den Wallungen ihres Temperamentes hin, trennte sich im Banne ihres mänadischen Dranges von ihm, von ihrem eiuzigeu Kinde, nach dem sie jetzt mit ungestümer Inbrunst verlangte, wie eine Bettlerin an der Türe pochend, wo sie einst unbeschränkte Gebieterin war. Dürfte er es wagen, an dem seelischen Band, das die Mutter mit dem Kinde verknüpft, zu rühren? Durfte er die Mutter von dem Platze, den die Natur ihr eingeräumt, verweisen? Allein es gab ein Bedenken: Der Umgang mit der Mutter könnte dem Kinde eine Gefahr sein. Allein kann eine jüdische Mutter so tief sinken, daß sie auch ihr Kind an den Abgrund zieht, an welchem sie gestanden? Kann es Sünden eines Weibes geben, die nicht nur an ihr, sondern auch au ihrem Kinde gestraft werden können, soferne es der Mutter entbehren muß? Nein, er durfte der Mutter den Zutritt zu ihrem Kinde nicht verwehren. Dann aber mußte er weichen. Nach jüdischem Gesetze durfte er mit der Ehebrecherin keine Stunde unter einem Dache leben. Gegen den Gedanken einer Wiedervereinigung erhob sich nicht nur die Vergangenheit, die zwischen diese beiden Menschenherzen trat, sondern auch das jüdische Gesetz in seiner ganzen Strenge, welches jede wie immer geartete Gemeinschaft verbot. Und Harry ertrug die ganze Schwere des Gesetzes wie ein Glaubensheld. Er beugte sich über fein schwerkrankes Kind, legte ihm die Hände segnend auf's Haupt, benetzte es mit seinen Tränen, und in dem Augenblicke, in welchem er die Erlaubnis gab, seiner Gattin Einlaß zu gewähren, verließ er an der Hinterpforte für immer sein Heim. Als er in dunkler Nacht, durch die Umstände gezwungen, sein einziges, schmerkrankes Kind verlassen mußte, seine ärztliche Kunst nicht mehr in den Dienst dieses Kindes stellen durfte; da schwur er es sich hock und teuer, nie wieder diesen Beruf auszuüben, bis er gesühnt, was er jetzt nicht ändern konnte. Drei Wochen — bis er sein Kind, nach welchem er mehreremale täglich Erkundigungen einzog, außer Gefahr wußte — verweilte er noch in der Stadt, dann verließ er diese, ohne auch nur einer Menfchenseele seine Zukunftspläne mit einem Sterbenswörtchen zu verraten. Als Pia das Krankenzimmer ihres Kindes betrat und den fieberirren Blick desselben sah, sank sie ohnmächtig zusammen. Als die Kunde zu ihr drang, das kleine Wesen, welches sie unter dem Herzen getragen, liege in einem hitzigen Fieber darnieder, da wurde sie selbst krank. Und dennoch machte sie sich auf den Weg.

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