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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Dr. »wcb's Mocbensebritt. Seite 795 Vom Jahrmarkt des Lebens. Ein jüdischer Bürgermeister in Rom. Rom, 25. November. Der Gemeinde rat der Stadt Rom ist heute zum erstenmal nach den allgemeinen Gemeinderatswahlen zusammengetreten und hat mit 60 Stimmen bei zwölf Stimmenenthaltungen Ernesto Nathan zum Bürgermeister gewählt. Der Name Nathan hat in der Geschichte der italienischen Befreiungskämpfe einen guten Klang. Während seiner Verbannungszeit hatte Mazzini in Lausanne keinen treueren Freund, als den Engländer Nathan und dessen Frau. Den Idealen des berühmten Agitators haben Nathans seither italienifierte Nachkommen die Treue bewahrt bis zum heutigen Tag, bloß mit dem Unterschiede, daß Ernesto Nathan sein republikanisches Gewand ablegte und ehrlich zur Monarchie überging. Nathans Erhebung wird in Rom mit allgemeinem Jubel ausgenommen. Nathan war bis vor drei Jahren Großmeister des italienischen Großorients und er ist seiner Konfession nach Jude. Auch die Klerikalen geben indessen zu, daß Nathan ein ehrlicher, tüchtiger Mann ist und, soweit es auf ihn ankommt, im Kampfe bestehen wird. Das Volk baut auf ihn jedenfalls mit größtem Vertrauen. Es erhofft von seiner Tatkraft eine gründliche Läuterung im verrosteten Getriebe der städtischen Verwaltung und die Kräftigung des wirtschaftlichen Lebens der Stadt, die heute trotz alles Scheins ein mehr als kümmerliches Leben fristet, auf alle Wohltaten des großstädtischen Verkehrs verzichten muß und von der Großstadt nur die Schäden hat. Italien hatte einen jüdischen F i n a n z minister, einen jüdischen Kriegsminister, nun hat es auch einen jüdischen Bürgermeister von Rom. Die Mission des amerikanischen Ministers Taft in Rußland. Eine sensationelle Nachricht bringt die letzte Nummer des New-Aorker „Tagblatt". Das genannte Blatt will von einer hohen und verläßlichen Persönlichkeit, dessen freundschaftliche Beziehungen zum Präsidenten Roosevelt bekannt find, erfahren haben, daß Minister Taft den Auftrag habe, in seiner Audienz beim Kaiser von Rußland auch die Judenfrage zur Sprache zu bringen und den Zaren für die Juden Rußlands günstiger zu stimmen. Präsident R o o s e v e l t habe hauptsächlich deshalb Taft mit dieser Mission betraut, weil dieser als äußerst geschickter Diplomat gilt und auch in den russischen Regierungskreisen sich der größten Beliebtheit erfteue. Besonders sei Taft beauftragt, die russischen Regierungskreise und den Beherrscher Rußlands darüber aufzuklären, daß die Juden in Amerika zu hohen Staatsstellen gelangt find und auf die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten einen segensreichen Einfluß geübt haben. Diese Erfahrungen mit den Juden Amerikas, die zum großen Teile aus Rußland eingewandert seien, lassen es den Präsidenten Roosevelt tief bedauern, daß die Juden in Rußland nicht die volle Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsbürgern genießen. Diesen Gefühlen der Amerikaner entspreche auch die jedesmalige Entrüstung, so oft Nachrichten über neuerliche Pogroms in Rußland jenseits des Ozeans bekannt werden. In Amerika gibt man sich der Zuversicht hin, daß diese von Taft sicherlich in taktvoller Form vorgebrachten Hinweise auf die amerikanische Stimmung große Wirkung haben werden. Das Blatt hebt schließlich hervor, daß, obwohl Taft schon vor seiner Abreise die Aufträge bezüglich seiner inosfiziösen Intervention in Rußland erhalten hatte, nach Bekanntwerden der Wahlresultate und der jüngsten Entwicklung der politischen Verhältnisse in Rußland zwischen Taft und Roosevelt ein reger Depeschenwechsel in dieser Angelegenheit stattgefunden habe. Diese Depeschen enthielten viel weitergehende Instruktionen, als sie ursprünglich gedacht waren, da man in den maßgebenden politischen Kreisen Amerikas die Befürchtung hegt, daß eine reaktionäre Duma-Majorität leicht neue große Ausschreitungen gegen die Juden im Gefolge haben könnte. Wie „Newyork-Times" melden, werden jetzt zwischen den amerikanischen und russischen Regierungen wegen Zustandekommens eines Vertrages Unterhandlungen gepflogen, welcher besonders für die auswandernden russischen Juden von außerordentlicher Wichtigkeit werden kann. Es handelt sich nämlich um die gesetzliche Anerkennung der freiwilligen Expatriierung russischer Untertanen. Während nach den heutigen russischen Gesetzen ein Untertan, der vor der Erfüllung seiner militärischen Pflichten auch dann nicht straflos nach Rußland zurückkehren darf, wenn er in Amerika naturalisiert wurde, soll ihm dies, wenn der bezeichnete Vertrag zustande kommt, in Zukunft gestattet sein, vorausgesetzt natürlich, daß ihm die russische Regierung das Betreten russischen Bodens überhaupt gestattet. Die Gnggenheims (Zur amerikanischen Krise.) Aus New-Aork wird uns geschrieben: Sieben, nach jeder Richtung bedeutende Söhne eines noch bedeutenderen Vaters find die Brüder Guggenheim, die eigentlichen Besitzer der „American Smelting and Refining Company", deren Aktien bei dem letzten amerikanischen Krach einen erschrecklichen Tiefsturz erlitten haben. Das Gesamtvermögen der sieben Brüder wird auf 500 Millionen Dollars geschätzt. Jeder der Brüder Guggenheim ist ein „Geldmacher" für sich, aber die sieben Söhne des Meyer Guggenheim, der den Weg zu diesem großen Vermögen geebnet hatte, arbeiten dennoch gemeinsam und in absoluter Harmonie. In Amerika herrscht allgemein die Anschauung, daß wenn die Gnggenheims nicht von einem unerwarteten, überwältigenden Schlage heimgesucht werden, ihr Familienvermögen dasjenige der Rockefellers weit übertreffen müffe. Die Rockefellers beherrschen die Oelindustrie und die G u g g e n h e i m s die Gold-, Silber-, Kupfer- und Bleiminen. Sie find die größten Silber- und Bleiproduzenten der Welt. Sie find aber auch die gefürchtetsten Konkurrenten der „Vereinigten Kupferwerke Amerikas", welche gegenwärtig als die größten Kupferproduzenten der Welt gelten. Die sieben Guggenheim-Söhne verdanken jedoch ihre ganzen Erfolge der staunenswerten Geschäftsklugheit ihres Vaters. Meyer Guggenheim kam im Jahre 1848 als 19jähriger Junge nach Amerika. Er landete in Philadelphia und begann dort mit Ofenschwärze zu peddeln. Später erwarb er das Rezept zur Erzeugung der Schwärze und stellte sie selber her. Seine kleine Fabrikation hatte Erfolg, er bildete später die „Amerika« Lye Company" und inaugurierte den Spitzenimport aus seinem Heimatsland, der Schweiz. Dann heiratete er seine Landsmännin Barbara Meyers, die mit ihm auf demselben Dampfer nach Amerika gekommen war. Jsak, der älteste der sieben Söhne, wurde am 7. Juni 1854, Daniel am 9. Juli 1856, Murry am 12. August 1858, Salomvn am 2. Februar 1861, Benjamin am 26. Oktober 1865, Simon am 27. Dezember 1867 und William am 6. November 1868 geboren. Man sieht, der alte Guggenheim hat fast allen seinen Söhnen biblische Namen gegeben. Außerdem entstammen der Ehe auch drei Töchter. Vater Gnggenheims Geschäftstheorie, die er täglich seinen Söhnen verkündete, lautete immer: „Verdient Geld, aber versucht nie es zu verdienen, indem ihr über die Leichen eurer Mitmenschen steigt." Dieses Prinzip wurde ,$$ stets hochgehalten, selbst damals, als die Brüder durch eine unglückliche Verbindung mit „Outsidern" zwecks Ausbeutung von Kobaltminen lV2 Millionen verloren. Das Minengeschäft der Gnggenheims datiert aus jener Zeit, da Meyer Guggenheim einige im ersten Stadium befindliche Silbergruben für eine dubiose Forderung übernehmen mußte. Auf Anraten der Söhne wurden diese Minen mit modernen technischen Hilfsmitteln ausgestattet und von da an rückten die Gnggenheims allmählich in die erste Reihe der amerikanischen Großindustriellen. Laut übereinstimmendem Urteil der Brüder, gilt der Zweitälteste, Daniel, als das Genie der Familie; er ist auch der Präsident sämtlicher durch die Familie gegründeten Gesellschaften. Senator Simon Guggenheim in

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