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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-11-29 · 48 (29.11.1907) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 794 Wr. Mocb's Mocbenscbrltt. richtigkeit, indem er mit dem berühmten Berliner ausruft: „Ick dementiere mir!", indem er die vor Hunderten Personen gebrauchten Worte am nächsten Morgen einfach wieder abstreitet. Darauf haben die Herren mit der plötzlich erweckten Berserkerwut nur gewartet. Sie verlangen ja absolut nicht ein Dementi der Taten, sondern nur der Worte. Beim seinerzeitigen Bundesvertrag haben sie ja schon ganz gut gewußt, daß sie ihren gekrümmten Rücken sür den Aufstieg des Klerikaliswus bieten, dessen Truppen die Christlich-Sozialen sind. Alle chnstlichsozialen Politiker und Zeitungen bemühen sich jetzt, ihnen den schwarzen Schrecken wieder auszureden und aller Erfahrung und Voraussicht nach wird ihnen das ausgezeichnet gelingen. Die Deutschen werden zwar noch eine Weile so tun, als ob, aber daun werden sie bereitwilligst wieder den Kopf in den warmen Sand stecken und den Klerikalismus der Christlich-Sozialen niemals wieder erblicken. Namentlich wenn man ihnen nahelegen wird, daß vom Streit der Deutschen die Juden irgend einen Vorteil ziehen könnten. Ja die Juden! Die waren immer noch der Kitt zwischen ihren Feinden, die sich noch niemals so bitter raufen konnten, als daß sie sich nicht sofort gegen den Juden vereinigt hätten, wenn der Ruf dazu erging. Der Ausschuß der deutschen Parteien wird ebenso erhalten bleiben, wie die christlichsoziale Herrschaft über das Parlament. Wer Vorteile zu vergeben hat, darf sich schon etwas erlauben, auch eine klerikale Universitätsrede. Ihm wird von der arischen Moral sicherlich verziehen werden. Namentlich, da sich in der Wählerschaft nichts gerührt hat und trotz aller C turmwirbel in der liberalen Presse sich von christlicher Seite niemand zu einem Proteste aufgerasft hat, als ein paar sozialpolitische Professoren und ein kleiner Teil deutscher Burschenschafter. Und was das Schönste ist an dieser kurzen und tatsächlich bedeutungslosen Episode: Man hat vielleicht Lueger in die Schranken gewiesen, aber die klerikale Partei niemals. Diese hat höchstens die Erfahrung gemacht, .daß es von vorne und mit einem offeueu Angriff nicht geht. Sie wird sich also zurückziehen und die alte Methode wieder benützen, nämlich auf Seitenwege zum Ziele zu gelangen. Wenn dieses Ziel auf der Universität oder wo immer sonst die Schädigung des Judentums ist, dann kann uns kein Rummel von heute und gestern die Ueberzeugung nehmen, daß man die Mithilfe fast sämtlicher Parteien finden wird. Ob Deutschradikale jemals gewinnen werden oder Christlich- Soziale, die Juden werden immer verlieren. Was immer an scheinbar freiheitlichen Ariern in der letzten Zeit in Oesterreich austauchte, war noch lange antisemitisch und die Juden haben keinerlei Ursache, an einen Freisinn zu glauben, der so tot ist, daß ihn nicht einmal Lueger erwecken kann. Dergrsse«. Wenn Licht und Lärm des Tages zu Ende gehen und die beginnende Nacht die Unglücklichen ihrer Trauer überläßt, tritt der Dämon der Verzweiflung seine schreckliche Regierung an, und die Qual ist die Vollstreckerin seines Willens. Dort, wo die Schmerzen des Körpers und die Schmerzen der Seele zuhause sind, in den Krankenhäusern und Strafanstalten, ist seine Residenz, dort verjagt er allabendlich die Hoffnung und beginnt seine Folter. Ach. wir unerbittlichen und boshaften Menschen! Wir würden uns weit mehr als durch die Kultur und die Kunst veredeln, wenn wir diesem entsetzlichen Dämon zu unserem Feinde erklären wollten, und kein Reicher, kein Mächtiger sollte schlafen gehen, ohne einen guten Vorsatz, an die Stätten der Hoffnungslosigkeit eine Hoffnung zu bringen. Wie entsetzlich ist erst das Schicksal eines Menschen, der unschuldig im Kerker schmachtet! Wie viel blutige Tränen, wie viele Seufzer des Sa merzes verschluckt nicht sein dumpfes Kissen, wenn wieder ein Tag vorüber- Nr. 48 schritt, ohne daß ein verheißendes Wort, eine Silbe des Trostes den Weg zu ihm gefunden hat, wenn er in unabsehbarer Ferne nichts für sich sieht als Ketten und Elend! Die Binde der Gerechtigkeit läßt die Göttin manchen Fehlgriff tun und vor unserem Strafgesetz steht nicht der göttliche Spruch: Ich will Sodom und Gomorrha verschonen um zehn Gerechter willen. Woher nehmen wir denn den Mut, irgend einen Menschen zu verurteilen, wenn seine Schuld nicht sonnenklar erwiesen ist, woher nehmen unsere verantwortlichen Justizfunktionäre vor Gott und den Menschen die moralische Kraft, den Leopold Hilsner, diesen jungen Menschen, sür sein ganzes Leben lang in den Kerker zu sperren, wo es doch sür jeden halbwegs Gebildeten nnzweiselhaft ist, daß die Beweise für seine Schuld krasse Lügen gewesen sind? Seine Stellung und Bequemlichkeit sind jedem lieber als die Pflicht gegen sein eigenes Gewissen, und nur der barmherzige Gott des Schlafes kann dem armen Schustergesellen vorgaukeln, daß es draußen noch Leute gibt, die nicht dulden wollen und werden, daß die Gerechtigkeit beleidigt werde, daß ein Unschuldiger leide. Wir haben Wichtigeres und Größeres zu tun. Der Kampfplatz des Ehrgeizes ist offen, die Saison der Politik hat begonnen, zwischen Himmel und Erde gehen größere Dinge vor, als daß ein armer Schustergeselle darauf rechnen könnte, daß man sich seinetwegen schämen würde, mit einer Ethik zu prunken, die man nicht hat. Mag sich seine Mutter die Heller vom darbenden Munde absparen, mag sie hungern und frieren, um die Orffentlichkeit bestürmen zu können: Helft meinem Kinde! Was Mutterherz, was Unschuld! Morgen ist auch noch Zeit, aber zu unserem „Morgen" ist die Zeit sehr lange. Hat noch niemand den Schlüssel zur Hilfe gefunden, sind wir nicht nur, sondern bleiben wir ohnmächtig? Wir haben Abgeordnete und haben einflußreiche Korporationen. Sie dürfen nicht träge sein, 'sonst könnten sie in eine Zeit antisemitischer Allmacht hineingeraten. Sie dürfen nicht träge sein, denn nicht nur der unschuldige Hilsrnr ist zu befreien, sondern auch ein Stück jüdischer Ehre und jüdischer Rechtssicherheit. Drei überaus gewichtige Gründe, um nicht zu vergessen und nicht zu erlahmen. Wir veröffentlichen als Mahnschreiben an alle, die dazu berufen sind, wieder einen der vielen Bittbriefe des Unglücklichen, im Namen der jüdischen Ehre, im Nrmen der Unschuld und des zweifachen Elends einer unglücklichen Mutter. — y. Das uns zugesendete Schreiben lautet: Stein an der Donau, 30. Oktober 1907. Liebe theuere Mutter! leb grisse Dich vielmals, und bin bei meinen alle Leiden, und Kummer sehr betriebt. Ich mache Dir bekannt, ich habe in Tempel gesprochen mit Hern Rabbiner Dr. Diamant über Deine traurige Lage, das Du keine Unterstützung hast. Er hat mpine Bitte wohl angenomen und hat mir beantwortet Du solst schreiben an Hern Dr. Bloch nach Wien. Er soll sich doch Deiner annehmen, und sich einer Unglückliche Mutter Erbarmen. Der Herr Dr. Diamant bittet dem Hern Dr. Bloch, er soll Dich in Aufruf geben, damit Du eine Unterstützung bekomst. Ich bitte auch dem Hern Dr. Bloch er soll weiter türDich sorgen und nicht verhungern lassen. Liebe theuere Mutter! bitte dem Hern Dr. Bloch er soll eine dringende Bitte richten an unsere Glaubensgenossen, und für Dich eine Unterstützung erwirken. Ich muss leiden U nschuldig schmachten, Du muss in bittere Noth leben, wir sind sehr Unglücklich geworden, bitte dem Hern Dr. Bloch er soll unser Vatter und Engel vorstelln, er soll sein Herz erweichen, über eine Unglückliche Familie. Ich bitte dem Hern Dr. Bloch er soll mein Brief in der Wochenschrift geben, da jeder weiss von unsere traurige Verhältnisse. Für heute schliesse ich mein schreiben und verbleibe De;n treuer Unglücklicher Sohn Leopold H i 1 s n e r. K. u. k Strafanstalt Stein.

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