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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-11-22 · 47 (22.11.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47 wr. JSiocö’s MocbenscbrLN. Seite 781 Wir betraten den Siechensaal, in dem 16 alte Frauen in ihren Betten ruhten. Der Saal ist hoch, geräumig, Peinlich sauber gehalten, die Betten weiß lackiert, weiß bezogen. Die Greisinnen machen den Eindruck, als fühlten sie sich hier aller Erdensorgen entrückt, mit denen sie wohl früher oft zu kämpfen hatten, so wohl, wie sie es kaum je zu hoffen gewagt. Man zeigt mir eine 90jährige Frau, die einst als gefeierte Schönheit bewundert worden. O Wandel alles Irdischen! Heute ihr Haar silberweiß, die Haut pergamentartig, das Auge glanzlos, die Kiefer eingefallen. Im Bette nebenan ruht eine 80jährige. Sie erzählt, daß sie noch täglich ihre Zeitung liest oder sie sich von der Wärterin vorlesen läßt. Ihr Geist ist noch rege, der Körper aber mumienhaft. Auf meine Frage, ob sie sich schwach fühle, antwortet sie: ..Ich bin ja noch gar nicht so alt, meine Mutter wurde 99 und hat es nicht so gut gehabt, wie ich!" Ja gut haben, sie es, die armen alten Leute, und das erkennen sie ausnahmslos an. In jedem Stock ist solch ein Siechensaal, überall find alle Betten besetzt, wie mir mein Führer, der kundige Verwalter des Hauses, Herr Brößler, mitteilte. Der Initiative des Präsidenten unserer Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, und der des Baurates R. von G o l d s ch m i d t, die unermüdlich für das Wohl der armen alten Leute besorgt find, ist es zu danken, daß jetzt jedem Siechensaal ein auf Eisensäulen ruhender, mit Glaswänden umgebener Tagraum angereiht wird, in dem die alten Leute sich ergehen können, wenn sie das Bett verlassen. Von da haben sie den Blick über Gärten und wenn an schönen Wintertagen die Sonne hell in die Krankensäle flutet, da hofft wohl mancher der armen Unheilbaren wieder gesund zu werden. Ein Besuch in den Zimmern des Versorgungshauses ist interessanter als man glaubt. Da sitzen die alten Frauchen je zwei in einem Zimmer und stricken, nähen, plaudern, schauen zum Fenster hinaus oder beschäftigen sich damit, ihren Hausrat in Ordnung zu bringen. Und mit wie peinlicher Sauberkeit wissen das die meisten zu tun! Der Verwalter zeigt mir eine 75jährige, die sich gestern ihren Kleiderkasten selbst lackiert hat, eine Andere, die, um doch ein Sopha in ihrem Zimmer zu haben, ihr Bett mit blumigem Kreton bezogen hat, so daß es wirklich wie ein im Biedermeierstil gehaltenes Sopha aussieht. Und auf ihrem Nachtkästchen stehen bunte Blumen, die sie sich aus farbigem Papier gemacht, gestickte Decken überall, Zeichnungen an d.'n Wänden. Die gute alte Frau hat Geschmack und Kunstsinn und freut sich wie ein Kind, wenn man ihr sagt, daß sie ihr Zimmer schön eingerichtet hat. Andere begnügen sich damit, alles sauber zu halten. An jeder Türe hängt Besen und Staubtuch, jede Frau will, wiewohl Dienstpersonal vorhanden ist, ihr Zimmer selbst reinigen, eine sucht die andere an Ordnungssinn zu übertreffen. Die Zimmer, in denen Ehepaare wohnen, sind größer, am Ende jeden Ganges ist ein besonders großes Zimmer, in dem sogar vier Personen untergebrachl sind. Gemütlich plaudernd sitzen sie an weißgedecktem Tische; hier im trauten Altersheim haben sie keine Sorgen, wohnen bequem und sind gut verpflegt. Ein alter Mann, den ich fragte, womit er die Zeit verbringt, sagte mir: „Mit Beten und Gott danken, daß er mir auf meine alten Tage ein Heim gegeben." Ja, dieses Heim recht Vielen zu geben, die im Kampfe ums Dasein ermattet ihre letzten Tage in Ruhe verleben möchten, ist der Mithilfe aller Edlen und Gutgesinnten wert. Alljährlich laufen Hunderte von Meldungen ein, die nicht berücksichtigt werden können, da der Raum fehlt. Und auch dann, wenn das jetzt neugebaute Haus besetzt sein wird (es soll am 1. Dezember zur Feier des Regierungsjubiläums unseres Kaisers eröffnet werden) dürfte Seegasse 9, dieser echte Tempel der Humanität, sich zu klein erweisen, um all den armen, alten Leuten, die auf die Mildtätigkeit ihrer Glaubensgenossen angewiesen sind, ein Heim zu bieten. Als ich das Haus verließ, sah ich auf Marmortafeln mit Goldschriften die Namen derjenigen, die dieses Haus gegründet und erbaut, eingegraben. Sie Alle haben sich hier ein ehrendes Denkmal gefetzt; unwillkürlich gedachte ich, wie herrlich sich solch ein Bau, wie Seegaffe 9, auf dessen Ehrentafel sich jedoch die jüngere Generation unserer von Glücksgütern begünstigten Gemeindemitglieder ein Rendezvous gegeben, draußen an der Peripherie der Stadt Wien ausnehmen würde, wo bereits die christlichen Stadtväter für ihre armen, alten Leute ein herr-- liches Heim erstehen ließen! Pia desideria! „Es heißt: Wir haben kein Geld!" — Aber wir haben gute, jüdische Herzen, und wenn diese sich auftun, wird unser im Wohltun unermüdlicher Kultusvorstand sicher die längst geplante Humanitätsanstalt erstehen lassen, deren Segnungen jenen müden Alten zugute kommen sollen, die nach langem, entbehrungsreichen Leben, das ihnen zumeist trotz Kampf und Mühen nur Enttäuschungen gebracht, nur noch den einen Wunsch haben, ihren Lebensabend sorglos beschließen zu können. Jda Barber. Israelitischer Frauen - TVohltätigkeitsverein für den 1Y. und T. Bezirk. Unter großer Beteiligung der Mitglieder und geladenen Gäste fand unter Vorsitz der Vereinspräfidentin Frau Amalie Treb itsch am 15. d. vormittags im Sitzungssaal, V. Bez., Wienstraße 12, die 24. ordentliche Jahresversammlung statt. Als Schriftführerinnen fungierten die Damen Eugenik Walter, Alice Fischer und Riza Krishaber; als Verifikatoren die Herren Adolf Hoffmann und Sigmund W i e s n e r. Nachdem das Bureau konstituiert war, erhob sich die Präsidentin und begrüßte die Anwesenden und speziell die Vertreterin des Israelitischen Hort Frau B a r a n y, sodann hielt sie einen innigen Nachruf dem verstorbenen Herrn Simon, Gemahl der Frau Sara Simon, Herrn Pollatschek, Vater der Frau Irma D r a ch, und Herrn Heinrich Spitzer; die Trauerworte wurden von der Versammlung stehend angehört. Hierauf wurde dem Beirat kaiserlichen Rat Lichtblau das Wort erteilt, welcher den Jahresbericht — der gedruckt anlag — erläuterte, indem er bemerkte, daß zwei Hauptziffern, und zwar Spenden und Gaben 1907, welche nominell im Bericht aufgeführt find, in die Bilanz noch nicht einbezogen find und daß diese erst mit 31. Dezember d. I. in die neue Bilanz eingestellt werden, ferner daß der Fond von X 20.000, welcher bei der Oesterr.-ung. Bank in4%0 Rente erliegt, für ein Asyl gedacht ist und für laufende Wohltätigkeitsakte nicht verwendet werden darf. Der Verein hat in den letzten zwei Jahren wieder neue Förderer und Wohltäter gefunden, welche den Verein so unterstützen, daß er sein Ausgabenbudget bestreitet — es sei hiermit allen Förderern der innigste Dank für ihre Großherzigkeit gesagt. Schließlich bat er alle Anwesenden, unentwegt an der Seite des Vorstandes hilfreich einzugreifen — gilt es ja, der größten Not beizuspringen. Für die Revisoren erstattete Herr S. W i e s n e r den Bericht und ersuchte dieser, dem Gesamtvorstand die Decharge zu erteilen, was einhellig geschah. Die Statutenänderungen wurden gleichfalls angenommen und hierauf, da im Sinne der neuen Statuten noch nicht gewählt wurde, der bisherige Vorstand Frau Amalie Trebitsch zur Präsidentin, Frau Emma Bamberger zur Vize-Präsidentin, Frau Eugenie Walter zur Schriftführerin, Frau Karoline H o f m a n n zur Kontrollorin und die Damen B a ch r a ch Ella, B l a ß k o p f Anna, D r a ch Irma, Fischer Alice, Krishaber Riza. Simon Sara, Schlesinger Sophie, Spitz Rosa, Taussig Rosa, Weiß Emma und kaiserl. Rat Adolf Lichtblau als Beirat wieder gewählt. Eine Interpellation wegen eines Balles oder Kränzchens wurde dahin beantwortet, daß auch für 1908 keine derartige Festlichkeit gedacht ist, da die Spender lieber für den wohltätigen Zweck ihr Scherflein beitragen, als 70—80% der Spenden in unnützen Ausgaben verloren zu sehen. Nachdem die Präsidentin mitteilt, daß die Tagesordnung erschöpft ist, und allen herzlich für ihr Erscheinen gedankt hatte, bat sie die Damen, sich nun an der Beteilung der Winterkleider für 25 Mädchen und 25 Knaben zu beteiligen, was unter

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