Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 46 (15.11.1907)
- Date
- 1907-11-15
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 770 Dr. Llocv's Mocvenscvnrr. Nr. 46 Mit dem Seziermesser lassen sich Knochen und Venen zerlegen, doch Gefühle und Empfindung sind nicht teilbar. Die Religion bildet den integrierenden Teil meines Gefühlslebens, die Liebe zu Ihnen, ist auch ein Ausfluß dieser Religion, doch in dem Augenblicke, in welchem Sie ein Anderer' geworden, legt sie ein Veto gegen jede Gemeinsamkeit mit Ihnen ein. . Nur Herzen, die von gleichen Empfindungen getragen, von gleichen Gefühlen beseelt, können und dürfen „Eins" werden, darum kann ich nicht die Ihre werden, nie und nimmermehr." „Frieda," antwortete Harry, „ich reise morgen zu meinen Eltern, in vier Wochen kehre ich wieder, Sie haben Zeit, anderen Sinnes zu werden und mein Herz sagt es mir, daß Sie es werden. Daun will ich mir Ihre endgiltige Antwort holen." „Ich werde nicht anderen Sinnes werden, Harry," mit diesen Worten erhob sie sich und verließ das Zimmer. Als Harry nach vier Wochen zurückkam, hatte Frieda bereits das Elternhaus verlassen, und ihre Mutter verschwieg beharrlich ihren Aufenthaltsort. Frieda hatte in einem Schwesterheim Aufnahme gefunden und ließ sich als Krankenpflegerin am jüdischen Hospitale der Residenzstadt einkleiden. III. Der Verlust des geliebten Wesens schmerzte Harry unbeschreiblich und nur im Studium gewann er eine gewisse Erleichterung für das herbe Weh, die unermüdliche geistige Regsamkeit betäubte ihn, stumpfte die Nerven ab und wenn er daun spät in der Nacht sein Lager aufsuchte, war er so abgespannt, der Kopf war ihm wie ausgehöhlt, und ermattet sank er auf die Kissen und verfiel in dumpfen traumlosen Schlaf. In rascher Aufeinanderfolge legte er die Prüfungen mit großem Erfolge ab, einige Jahre später trHen wir ihn in seiner Heimatstadt in der Ausübung seiner ärztlichen Kunst. In ver Seele Harrys hatte sich der verzweifelte Schmerz allmählich in seine mildere Schwester, die Trauer, verwandelt, und diese flüchtete vor dem erwachenden Morgenrot einer neuen, beglückenden Liebe. Unter Dr., Roseus sorgfältiger und aufopfernder Behandlung genas Pia Bergmann allmählich und als er sie außer Gefahr wußte, wich der traurige Ernst von seinem Antlitze und ein frohes Lächeln umspielte seinen Mund. Pia Bergmann war achtzehn Jahre alt, besaß ein reizendes, pikantes Gesicht, die blauen, lebhaften, aber etwas kurzsichtigen Augen waren mit einer Lorgnette bewaffnet, außerdem war sie vom herrlichsten und zartesten Wüchse und in ihren Bewegungen edel und graziös. Sie war lebenslustig und stets froher Laune. Gab es irgendwo eine Unterhaltung, oder galt es, das Tanzbein zu schwingen, so fehlte Pia Bergmann gewiß nicht. Ihre Vergnügungssucht grenzte au Genußsucht und es kostete sie Mühe genug, den Anordnungen des Vaters nicht zuwider zu handeln und die von der Religion verbotenen Speisen und Genüsse zu meiden. Harry Rosen war hoch und kräftig gewachsen, eine jugendliche elastische Gestalt von edler Haltung, dunkeläugig. Die hohe gewölbte Stirne und das blitzende Auge verrieten den Mann von Geist. Ein dunkler Bart und üppiges Haar umrahmten das blasse Gesicht. Als Pia zum erstenmale nach ihrer schweren Krankheit, während der Rekonvalescenz auf Harrys Arm gelehnt die Straße durchschritt, blieben alle Passanten stehen, dachten oder sprachen: „Ein schönes Paar." Mochten sie es aus der Behutsamkeit, mit welcher der Doktor seine Pflegebefohlene geleitete oder aus der Hingebung, mit welcher Pia sich auf Dr. Rosen stützte, schließen, oder waren es die Dienstboten, die die aufkeimende Liebe merkten und die Mähr verbreiteten, das Gerücht bestand und sollte sich bald bewahrheiten. Nach wenigen Wochen hatte die Jugend und die gesunde Natur Pias den vollsten Sieg über die tückische Krankheit errungen, sie war blühender und schöner als jemals. Was die Händedrücke und glühenden Liebesblicke seit Wochen sich sagten, entschlüpfte auch den Lippen in einem Augenblicke des Alleinseins. Doch kaum daß die ersten Treuschwüre gewechselt, da riß das in seinem Elternhause bedienstete Mädchen ungestüm die Türe auf und rief mit keuchender, pfeifender Stimme: „Der Herr Rabbiner ist plötzlich schwer erkrankt." Dann sank sie auf einen Stuhl, der Atem schien ihr auszugehen, so war sie gelaufen. Harry war ohne Kopfbedeckung, wie er eben vor seiner Braut stand, davongelaufen, mit einigen Laufschritten erreichte er das Elternhaus; er kam zu spät. Verkalkung der Herzarterien hatte seinem Leben ein jähes Ende bereitet, das sagte auch der totenbeschauende Arzt, das konstatierten zwei andere Kollegen; doch er wußte es besser; sein gebrochener Schwur hat den teueren Vater gemordet. In dem Augenblicke, als er Pia Treue geschworen, hatte er Frieda den heiligen Schwur, den Schwur beim Haupte seines Vaters, gebrochen, im selben Augenblicke hauchte sein Vater seine reine Seele aus. War das nicht deutlich genug. Freigeister sind in der Regel abergläubisch; der Geist des Glaubens verläßt sie, was dafür einzieht, ist eine gewisse Ungebundenheit, die den Geist in stärkere Bande schlägt. Auch Harry war von der Religion des Unglaubens,' vom Aberglauben, erfüllt. Er glaubte nicht an Gott, aber irgend eine höhere Macht, vielleicht gar der Teufel, mußte die Hand im Spiele gehabt haben, seinen Vater in dem Augenblicke hinwegzuraffen, als er den Eid, geschworen beim teuren Vaterhaupt, gebrochen. Mit stierem Blick schaute er auf den toten Vater, in seiner Seele hatte sich der verzweifelte Schmerz festgewurzelt, keine wohltätige Träne vermochte diesen zu lindern. Zwei Tage später sargten sie den Vater ein und trugen ihn hinaus auf den „Ört des Lebens". Freunde und Kollegen waren aus weiter Ferne herbeigeeilt, um dem unbeugsamen wahrhaften Charakter, dem großen Lehrer in Israel, die letzte Ehre zu erweisen. Es schnitt dem Sohne tief ins Herz, als die Trauerredner seines Vaters Lob verkündeten, seine wahre Frömmigkeit, seine unerschütterliche Glaubenstreue, seine großen Tugenden so getreu schilderten, und als einer der Redner dem Schmerze über den jähen, unverhofften Hintritt in den besten Mannesjahren Ausdruck verlieh, dabei das Midraschzitat anführend: „Die Tinte, die Moses in der Feder zurückließ, träufelt Gott auf das Haupt der Frommen und das macht ihrem Leben ein Ende. Die Mühe mit der Erforschung der mündlichen Lehre, das Vertiefen im Gottesworte entführt die Frommen allzufrüh dem irdischen Dasein." (Fortsetzung folgt) gitattbi«. Eine hebräische Büchersammlung. Die Hamburger Stadtbibliothek hat im letzten Jahre eine äußerst wertvolle Bereicherung ihrer Sammlung hebräischer Werke erfahren. Die Verwaltung hebt in ihrem Jahresbericht für 1906 dies als eine der bedeutsamsten Errungenschaften der Bibliothek hervor, indem sie schreibt, daß es ihr insbesonders gelungen sei, die Bibliothek des verstorbenen Rechtsanwaltes Dr. H. B. Levy zu erwerben, die hauptsächlich hebräische Literatur enthält. Ein Gönner der Stadtbibliothek hatte 9000 Mark, der Vorstand der Averhoff-Stiftung 3000 Mark, Senat und Bürgerschaft den Rest zur Verfügung gestellt. Die Sammlung besteht aus 1020 Werken und 174 Manuskripten, teilweise in sehr schönen, kunstvollen, auch einigen silbernen Einbänden. Die Handschriften, die häufig mit prächtigen Miniaturen und ge-