Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-11-15 · 46 (15.11.1907) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
46 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021757--16836-3041679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 758 Dr. Mocb s Mocbenscbrltt. Nr. 46 Schlaglicht auf die Zustände geworfen, für welche die Luegerpartei die Verantwortung trägt. Da wurde gerichtsordnungsmäßig erwiesen, daß zum schwersten Schaden des Publikums Protektionskinder statt der notwendigen Fachleute verwendet wurden, daß man große Defraudationen zugunsten von Parteifreunden vertuschte und daß die Ernennung von Beamten nach der Befähigung erfolgte, welche sie sich als Wahlagitatoren erwarben. So ist es überall, so offenbart es sich in unzähligen Enthüllungen stadtbekannter christlichsozialer Geheimnisse, in deren Mittelpunkt irgend ein Krippenbeißer mit feinem Neffen steht. Das ist das Kennzeichen der Partei der christlichen Mor^. Sie ist die Partei der schmutzigsten Unmoral, der Korruption und des Nepotismus iu einem uuerhörteu Umfange. Noch die echtklerikaleu Merkmale gehören auf dieses Bild, Gesinnungslumperei und Ueberzeugungslüge. Es ist das schandbarste Verfahren, nur parteigenössische Angestellte iu Eid und Pflicht zu nehmen und dabei noch die anderen als Staatsfeinde und Verschwörer hinzustellen. Feile Angeberei ist das und der Anlaß zu einem widrigen Strebertum, dessen Gesinnung der Tasche entspringt. Der Döblinger Bezirksschulrat, der den Lehrer anwies, seinen Vortrag nach deu Vorschriften des Katecheten zu halten, ist nicht der erste Rabe, der den geistigen Winter macht. In allen Ständen wird mau vom Pfarrer geprüft und die Note aus der Religion ist die maßgebende. Bald werden auch die Universitätsprofessoren gebeten werden, sich gefälligst nach der päpstlichen Bulle gegen den Modernismus zu richten. Es ist auch nur scheinbar eiu Witz, daß die kommenden Generale im Gebetbuch werden ebenso sattelfest sein müssen, wie im Lehrbuch der Taktik. Alle werden für die Klerikalen arbeiten: Der Zensor, der Richter, der Referent vor den Behörden. Sie brauchen dazu nicht einmal gesetzlich gezwungen zu werden, sondern sie werden klug sein und mit dem Strome schlimmen. Die Wiener Herrschaft im ganzen Reiche — das ist eiu panischer Schrecken für alle anständigen Leute,-denn nun beginnt die politische Brunnenvergiftung. Mit der Brutalität der Viehtreiber, die an ihrer Wiege standen, mit der Schlauheit ihres klerikalen Pathen und Vormundes und dem Hunger chrer eigenen Korruption wird die christlichsoziale Partei alle maßgebenden Stellen im Staate mit ihren Anhängern besetzen, die ihr aus allen nationalen Lagern Zuströmen werden. Denn sie ist weder deutsch nocy anders, sie ist das, was sie nötig hat, durch und durch korrupt. Auch ihr Eintritt in die Regierung war ein grandioser Schwindet. Wochenlang rüsteten sie gegen deu Ausgleich, um ihre Zustimmung desto teuerer zu verkaufen. Sie lehnten den Eintritt in die Regierung ab, um durch die Drohung mit der freien Hand den Ministerpräsidenten desto gefügiger zu machen. Sie wahrten mit den Deutschen die deutschen Interessen, mit den Tschechen die tschechischen, mit den Polen die polnischen, aber immer nur die eigenen. Eine seine Sippschaft das, diese Volksvertreter aller Gattungen, die chren Freisinn den Christlich-Sozialen für Ministerfauteuils verkaufen und das Parlament aus einer parlamentarischen Körperschaft zu einem Tapeziererladen machen. Sie alle liegen dem Lueger zu Füßen und gehorchen chm ergebenst. Man müßte vor der Größe und Dauer der christlichsozialen Herrschaft zittern, wenn nicht eine Hoffnung bliebe, daß sie uämlich durch sich selbst zugrunde gehen wird, durch ihre Korruption, ihre Lotterwirtschaft, ihren Klerikalismus. Wir betonen an dieser Stelle, wie schon wiederholt, daß wir die katholische Kirche, ihre Lehren und ihre Wirksauckeit für unantastbar halten und uns gar nicht um diese kümmern. Was uns aber angeht und zum Streite herausfordert, ist die Tatsache, daß wir im Namen eines gefälschten Christentums um unsere gesetzlichen Rechte gebracht werden sollen. Dagegen werden wir uns immer energisch zur Wehre setzen, vor allem gegen die zur Regierung gelaugten christlichsozialen Minister, die den Amtseid leisten werden, ohne die Staatsgrundgesetze auzuerkennen. Wir werden lauten Protest gegen jeden Versuch der Vergewaltigung durch das Ministerium Lueger einlegen, wir werden durch eine geschlossene Organisation großer Steuerträger und loyaler Staatsbürger kämpfen. Organisation der Juden? Geßmann und Ebeuhoch führen einen Teil der Regierungsgeschäfte, Lueger die ganzen. Nun mögen die Führer des Judentums uns sagen, wie lange unsere Einigkeit noch ausbleiben darf, jetzt müssen sie ihre Befähigung beweisen. Der Herr Ueichsratsadgeordnete Thomas KUiaser. Herr Thomas S i l i n g e r, der Abgeordnete des 29. böhmischen Wahlbezirkes von Mähren, genießt den Ruf eines Mannes von konservativer Ueberzeugung und redlichem Charakter, der zwischen Mein und Dein, Recht und Unrecht gut zu unterscheiden weiß. Er sieht sich plötzlich in einer Situation, in der er sich unmöglich ganz behaglich fühlen kann. Ihm ist die fatale Aufgabe geworden, die berüchtigte Wahl des Herrn Stanislaus Ritter v. Starzynski zum Abgeordneten des 30. Wahlbezirkes von Galizien mit der Weltordnung in ihrer galizischen Fassung wieder in Einklang zu bringen. Trotz der zahllosen Verbrechen und Amtsmißbräuche, welche vorausgehen mußten, um diese Wahl zu ermöglichen, eine Formel für den Agnoszierungs a n t r a g ausfindig zu machen. Die sonderbaren Vorgänge bei der sogenannten „Wahl" in den Reichsrat im 30. Wahlbezirk des Königreiches Galiziens, welche eine Schande und eine Schmach für die staatliche Administration Oesterreichs bilden, sind unseren Lesern hinreichend vertraut. Mit aller nur wünschenswerten Deutlichkeit haben wir die Verbrechen des Bezirkshauptmannes Szwedzicki in Sokal, des Regierungskommissärs Smolen von Belz und ihrer Genossen in Rawaruska und Zolkiew öffentlich gebrandmarkt. Und diese sehr deutlichen Anklagen haben wir immer " wieder erneuert, immer lauter in die Welt hinausgerufen, ohne daß die in ihrer Amtsehre so schwer getroffenen Beamten auch nur den Finger gerührt hätten. Ach ja, eine Klage wird gegen unfern Herausgeber erhoben, und zwar vor dem Lemberger Bezirksgericht, wegen — eines angeblichen Vergehens gegen das Vereinsgesetz. Dieses Vergehen wird in der Tatsache erblickt, daß er 8 Tage vor der Reichsratswahl eine Wählerversammlung in Sokal abzuhalten versuchte, ohne den gestrengen Herrn Bezirkshauptmann um Erlaubnis anzusuchen.Jawohl! Wegen dieses Deliktes wird sich Dr. Bloch vor dem hiezu eigens delegierten Gericht in Lemberg zu verantworten haben. Sonst wird gegen ihn und die „Oesterr. Wochenschrift" kein Schritt unternommen. Die an den Pranger gestellten politischen Beamten tragen stumm die Schmach, weil sie vor der Untersuchung durch ein unparteiisches Gericht in namenloser Angst find. Kein Mensch mit bürgerlicher Ehre würde eine solche öffentliche Brandmarkung ruhig über sich ergehen lasten. „Wir möchten so einen Bezirkshauptmann in Böhmen sehen, von dem man die Hälfte zu sagen wagte, wie über die im, 30. galizischen Wahlkreis; ohne den Skalp des betreffenden Journalisten würde er sicher nicht in seinem Amtsbezirk zurückkehren und er könnte auch sonst nicht. Denn die Statthalterei würde ihm sagen : Fleckenreine Ehre oder Abschied mit Schimpf und Schande" — sagten wir in Nr. 26. Aus allen Teilen der Monarchie und auch aus dem Ausland gelangen Zuschriften an uns, die sämtlich die Verwunderung darüber äußern: Wie vermag sich die Statthalterei in Lemberg der bitteren und zwingenden Notwendigkeit zu entziehen, Smolen und Genossen auf den Klageweg zu jagen? In Nr. 26 waren wir in der Lage, darüber die Auskunft zu erteilen: „Die galizische Statthalterei erfand, das Ei des Columbus: Sie nahm die Artikel in der „Oesterr. Wochenschrift" einfach nicht zur Kenntnis.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.