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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-11-08 · 45 (8.11.1907) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 754 Dr. Llocb's MocbenscbrLN. Nr. 45 Feuilleton. Der Kaaiteschumoh. Von Dr. F. Richard H e i n s ch e l. II. Von frühester Jugend auf wurde Harry von seinem Vater in allen Disziplinen der jüdischen Wissenschaft unterrichtet und war bereits mit reichem jüdischen Wissen ausgestattet, als er, für den Rabbinerberuf bestimmt, die Universität bezog, um sich dem Studium der Philosophie zu widmen. Er oblag diesem auch mit ausgesuchtem Fleiße, dabei ging er aber nicht in eitel Fachsimpelei auf, fand auch noch Zeit, orientalische Sprachen, mit besonderer Bevorzugung des Hebräischen, zu treiben. Harry genoß im Hause seines strenggläubigen Vaters eine echt jüdische Erziehung und hing mit rührender Liebe am Judentum, übte heiligen Brauch und Sitte mit minutiöser Pünktlichkeit. Die Bibel war ihm ein heiliges Gottesbuch, und die Bewunderung für das Buch der Bücher hatte der Vater ihm frühzeitig ins Herz gesenkt. Die alma mater eröffnete ihm neue Gesichtskreise, übermittelte ihm den Schlüssel zu dem Athenäum europäischer Wissenschaft. Der Buchstabenglaube, den der Vater ihm beigebracht, geriet ins Wanken, die heilige Scheu vor dem Gottesbuche schwand dahin; die Bibelkritik nahm ihn gefangen. Bange Zweifel durchwühlten sein Herz. Die Bibel sollte nicht ein einheitliches Gotteswort, von verschiedenen Verfassern, in weitab von einander liegenden Zeiten sollte sie niedergeschrieben worden sein? Vergebens zermarterte er sein Hiru, er vermochte sich die einmal aufgetauchten Fragen nicht zu beantworten. Vergebens rannte er in seinem Zimmer auf und ab, vergebens weinte, flehte er zu Gott um Erleuchtung, kein Lichtstrahl von oben erhellt ihm das Dunkel. Er schilderte seinem Vater seine Seelennot, die Antwort des strenggläubigen Vaters befriedigte ihn nicht. In Frieda Reich erstand ihm eine Retterin in seiner Seeleupein. Harry hatte im Hause der Lehrerswitwe Betti Reich, deren Gatte ein Jugendfreund und Studienkollege Harrys Vater war, gegen geringes Entgelt gastliche Aufnahme gefunden. Betti Reich, eine stille, bescheidene und immer kränkelnde Frau, schenkte dem neuen Hausgenossen nur wenig Aufmerksamkeit; die feinsinnige und hochgebildete Frieda wandte sich dem neuen Hausgenossen mit umso größerer Herzlichkeit zu. Frieda war ein üppig gewachsenes Mädchen von eher kleiner als großer Statur. Die Fülle glänzenden, rabenschwarzen Haares, zu einem breiten Geflechte geschlungen, umrahmten ein edel geschnittenes blasses Gesicht, blitzende schwarze Augen, die auch ernst und tief traurig drein blicken konnten, zumeist aber lächelnd in die Welt blickten, eine klassisch geformte Nase, eine feingeschnittene Oberlippe, mit einem ganz dezenten, kaum merkbaren samtenen Anflug, unter welchen zwei Reihen Zähne sichtbar waren, die wie aus durchsichtigem weißen Email gegossen schienen, dies alles und der Hauch der Anmut und des Liebreizes, welcher das Mädchen umschwebte, gestaltete sie zu einem vollendet schönen Geschöpf. Kaum den Kinderschuhen entwachsen, verlor sie den Vater, doch ihre fröhliche Laune und ihr geistvoller Humor half chr glücklich über alle Wechselfälle des Lebens hinweg. Held ist nur derjenige, der sich selbst beherrscht, glücklich nur derjenige, der in jedem Augenblicke über seinem Ich stehen kann. Das konnte man auch von Frieda sagen. Ihrem Auge entging der Wechsel in Harrys Benehmen nicht. Der sonst so aufgeschlossene und gesprächige junge Manu saß bei Tisch, still und in sich gekehrt, in tiefem Nachdenken versunken. Die Speisen, denen er sonst eifrig zusprach, berührte er kaum. Wie traumverloren und geistesabwesend starrte er vor sich hin; redete man ihn an, dann dauerte es immer einige Augenblicke, bis er sich zurechtfand und auf die an ihm gerichtete Frage antworten konnte. „Warum so traurig und verschlossen, Harry?" fragte Frieda eines Tages. Und Harry, froh eine Seele zu finden, der er seinen Kummer anvertrauen konnte, schilderte den Kampf zwischen Glauben und Wissen mit jugendlichem Feuer. Frieda, eine lies empfindende, religiöse Natur, die über das Judentum viel nachgedacht und eine abgeklärte Meinung darüber hatte, erwiderte ihm: „Was frommt Ihnen Ihre Wissenschaft? Sie kann Ihnen nur die treue Anhänglichkeit am Glauben, die Freude an der Glaubenstreue verbittern. Die Wissenschaft des Judentums ist Leben, nicht aber ein Raketenschein von Geistesblitzen. Sie holen den Moder aus den Sarkophagen verwitterter Leichen hervor, hauchen ihm den Schein der Wahrscheinlichkeit ein und sprechen dann: „Das ist Leben, Lichtstrahl des Wissens." Die jüdische Wissenschaft gedeiht nur auf dem fruchtbaren Boden des jüdischen Lebens. Das Wissen vom Glauben, das Leben vom Wissen zu scheiden, ist törichter Wahn, weil ja dadurch das ganze religiöse Sein des gläubigen Juden einem Nachtschatten überliefert würde. Die Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft setzt auch kein praktisch religiöses Leben voraus und das Judentum will nur das Leben. Es stellt keine Wechsel auf lange Sichten aus, es verweiset seine Gläubigen nicht auf's Jenseits, nein hienieden als Jude leben, ist sein Ideal; nicht die Grabeshügel, sondern das blühende Leben ist das Gebiet seiner Betätigung, und wenn Sie nun zwischen Ihrem Leben und Ihrem Denken, zwischen Gl au b en und Wissenschaft eine solche Scheidewand aufziehen, dann ist Ihr Leben ein Wahn, eine Lüge. Glauben Sie wirklich dem Judentum einen Dienst zu leisten, wenn Sie das Glück haben, die Farbe von Hillels Strumpfbändern zu eruieren, oder wenn Sie durch durch eine vage Hypothese herausklügeln, die Bibel wäre 300 Jahre später geschrieben, als man bisher dachte? Dem Gottesbuche wird es weiter keinen Schaden bringen, wenn Menschen daran herumkcitteln und deuteln, ihm rauben sie nichts, aber sich selbst rauben sie die heiligsten Empfindungen. Wo Menschenverstand nicht ausreicht, suchen sie Fehler und Jrrtümer und legen am Gotteswerke menschlichen Maßstab an; dem lieben Gotte geschieht damit nichts, aber die Menschen geben ihre letzte und schönste Erinnerung, ihre heiligste Empfindung preis. Wandeln Sie die Bahnen des Gesetzes, halten Sie fest am jüdischen Leben, Sie werden glücklich sein, auch ohne Begleitung der modernen, jüdischen Wissenschaft, die ja nun einmal doch mehr Wert darauf legt, die Quellen der Speisegesetze zu ergründen, als diese selbst zu betätigen. Müssen Sie denn Seelsorger werden? Sie haben das Gift der Kritik einmal eingesogen, weisen Sie es von sich und kehren Sie zurück zum praktischen, jüdischen Leben, das wird das beste Gegengift sein und im Laufe der Jahre werden Sie sich überzeugen, daß Glaube mehr ist als Wissenschaft, weil Glaube selbst WI s s e u ist. „Sie sind noch jung und werden vergessen. Oder wollen Sie Ihre Studien fortsetzen und ein Seelsorger werden, der zerfleischt von einer Zweiflertheorie, anders denkt als er spricht? Wollen Sie einnlal den Kindern Ihrer anvertrauten Herde die Göttlichkeit der Thora Preisen, in glühenden, begeisternden Worten schildern, im tiefsten Innersten aber von der Ueberzeugung durchdrungen sein, die Bibel wäre Menschenwerk, sie mit dem Maßstab Ihrer Kritik messen und sie korrigieren? Mit solchen Anschauungen kann man aber Menschenherzen nicht verbessern. Dazu sind Sie ein viel zu ehrlicher Charakter und darum lassen Sie jüdische Wissenschaft

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