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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-11-08 · 45 (8.11.1907) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
45 (8.11.1907)
Date
1907-11-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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S«ite 746 Dr. Dlocb's MocbenscbrlN. Nr. 45 meinen und über einzelne im Besonderen, über ihre Langes Erhaltung und Befestigung beitragen, wenn wir im Hinblick oder Kürze, über die Zwischenräume zwischen den einzelnen M auf jene leuchtenden Gestalten und durch die Gefolgschaft, die Buchstaben, über die Linien, auf denen sie stehen, wie überMwir ihnen leisten, unsere Kinder ebenso zu den Quellen der den angemessenen Zustand der Feder, der Tinte und des^ Wissenschaft wie zu denen der Religion führen. Dessen befleißigt Papiers. Diese kaligraphischen Belehrungen erschienen dem sich im Rahmen ihres Lehrprogrammes die Talmud-Thora-Schule, Vater wichtig genug, sie dem Sohne noch in seinem letzten ' und mit Rücksicht auf diese doppelt verdienstliche Leistung ist Willen ans Herz zu legen. Es ist ja auch bekannt, daß viele kein Wunsch berechtigter, als daß sie sich aus dem prekären Zustande Handschriften, die wir von Juden besitzen, sowie — nach Erfin- ' einer Vereinsschule zu einer Gemeindeschule, natürlich unter düng der Buchdruckerkunst — viele aus jüdischen Offizinen .. vollständiger Wahrung ihrer Prinzipien, erheben würde. Der hervorgegangene Drucke zu dem Schönsten gehören, was auf diesem Gebiete überhaupt vorhanden ist. Das ist wohl ein genügendes Zeugnis dafür, daß selbst in den Zeiten des Druckes der Schönheitssinn der Juden nicht unterdrückt werden konnte und daß sie ihn besonders auf dem Gebiete des Schulwesens betätigten. So bemerkt der um die Mitte des 14. Jahrhunderts geborene Spanier Profiat Duran von dem Schulhause : „Das Schulhaus muß von schöner und gefälliger Form sein. Denn diese regt den Lerneifer an und stärkt außerdem das Gedächtnis, weil das Anschauen schöner Formen und gefälliger Skulpturen und Bilder das Herz erweitert und belebt und die Geisteskräfte stärkt." Hoffentlich entspricht unsere Talmud-Thora-Schule in ihrer jetzigen Gestalt dieser Forderung und wird auch die entsprechende Wirkung ausüben. Nun wollen Sie mir noch einige Worte gestatten über das Innere dieser Schule, über den Geist, der hier gepflegt wird, und über die Ziele, denen die Schule zustrebt. In früheren Zeiten, in denen für den Unterricht überhaupt die Religion den Mittelpunkt bildete, wurde das Unterrichtswesen der Juden selbst von den Christen als mustergiltig anerkannt. So ruft der Laienprediger Sebastian Lotzer um 1523 in dem damaligen Deutsch aus: „Unsere Schüllerer" — er meint die geistlichen Scholastiker des Mittelalters — „hond bißher gesagt, es sollen sich die layen nit mit den Juden in ein Disputatz geben, dann sy sehen gelert in ihren gsatz, möchten ein etwa überwinden. Ja freilich sind sie glert, sy leren ihr Kint von jugent auf ihr gsatz Version." Aus diesen Vorzug können wir leider heute keinen Anspruch erheben, denn die Kenntnis der Grundschriften unserer Religion, die ftüher jeder Jude besaß, ist dem weitaus größten Teile unserer Glaubensgenossen abhanden gekommen. Deshalb ist unsere Talmud-Thora-Schule bestrebt, diesen Vorzug wieder zu gewinnen, und sie eröffnet ihren Schülern das Verständnis der Bibel und auch des Talmud. Die Schüler werden dadurch in Stand gesetzt, über unsere Religion sich selbst ein Urteil zu bilden und sie im Kampfe des Lebens zu verteidigen. Denn hier wird nichts verheimlicht und vertuscht, sondern man sagt den Schülern: „Forschet selbst und dann entscheidet, ob ihr später eure Ueberzeugungen für einen irdischen Vorteil verkaufen, ob ihr um den Preis, den leider der Staat selbst auf den Abfall und die Lüge setzt, nach einer Staatsanstellung trachten, oder lieber, es koste was es wolle, eurer Ueberzeugung treu bleiben wollt." Aber das ist nicht die einzige Ausgabe unserer Anstalt. Sie will aus ihren Schülern nicht bloß treue, charakterfeste Juden, sondern auch gebildete Menschen und gute, verläßliche Bürger machen. Daß diese Aufgaben sich vertragen, ja, daß ihre Vereinigung notwendig und heilsam ist, beweist die Geschichte der Juden in Spanien, die Glanzzeit in der Geschichte der Juden in der Diaspora. Maimonides, Gabirol, Jehuda Halevi und viele andere ihresgleichen sind die festesten Stützen unseres Glaubens gewesen und es gibt keinen Juden, welcher Richtung immer, der nicht verehrungsvoll zu diesen Heroen unseres Glaubens aufblickte. Aber auch die allgemeine Kulturgeschichte verzeichnet ihre Namen mit Ehren, denn sie haben die Bildung und Wissenschaft nicht in geringem Maße gefördert. Viele Juden jenes Zeitalters haben durch ihre fruchtbare Uebersetzertätigkeit erst die europäische Gelehrtenwelt mit den philosophischen, medizinischen und naturwissenschaftlichen Ergebnissen des griechischen Altertums bekannt gemacht, und auch ihre eigenen originalen Leistungen haben die verdiente Anerkennung gefunden. Sie liefern also den unwiderleglichen Beweis dafür, daß wir Juden unseren Glauben nicht allein nicht schädigen, sondern auf die wirksamste Weise stützen und zu seiner verehrte Gemeindevorstand würde sich mit der Erfüllung dieses Wunsches, wie es in den Psalmen heißt, aus dem Munde der Kinder unsterblichen Ruhm gründen. Auch unsere Stadtvertretung hätte alle Veranlassung, dieser Anstalt ihr Wohlwollen zu beweisen, denn diese Volksschule erspart ihr die Aufgabe, an ihrer Stelle selbst eine zu gründen und zu erhalten. In früheren Zeiten ist denn auch unsere Schule mit Rücksicht auf ihre von der Schulbehörde stets belobten Leistungen von der Stadtvertretung subventioniert worden. Bei der Strömung aber, von der unsere gegenwärtige Stadtvertretung beherrscht wird, ist in absehbarer Zeit nicht zu erwarten, daß sie dieser I u d e n s ch u l e, die neben der jüdischen Religion alle Bürgertugenden so eifrig pflegt wie irgend eine andere, die in reichem Maße verdiente Berücksichtigung gewähre. Aber wenden wir uns von dieser Strömung ab und lenken wir unsere Blicke auf jene Anhöhe, wohin ihre Wogen nicht reichen. Auf ihr thront unser erhabener und geliebter Kaiser, dessen landesväterlichem Herzen alle Bürger der Monarchie, welcher Konfession sie angehören mögen, gleich nahe stehen und dessen glorreiches Beispiel dazu beitragen wird, daß auch unter den Bürgern selbst der Geist der Einigkeit und gegenseitiger Liebe immer mehr zur Herrschaft gelange. Möge unser erhabener Kaiser, für dessen Genesung alle Bürger unseres Vaterlandes Gott einmütig danken, noch viele, viele Jahre der erlangten Gesundheit und des höchsten Lebensglückes sich erfreuen. Das walte Gott. * Mit Absingung der Volkshymne schloß die erhebende Feier. Den gesanglichen Teil des Festes besorgte in meisterhafter Weise Oberkantor Bela G u t t m a n n. Es sei zum Schluffe erwähnt, daß während der ganzen Bauzeit die Arbeiten an Sabbathen und Feiertagen unterbrochen wurden und daß sämtliche Arbeiten bis auf eine von Juden, zum Teile früheren Zöglingen der Anstalt, ausgeführt wurden. Vom Zabrmarkt des Lebens. Die Gräber der Vergessenen. Herr Redakteur! Mein Weg führt mich öfter auf die letzte Ruhestätte unserer Glaubensgenossen. Wenn ich die Reihen der auf dem Zentralfriedhof Ruhenden durchwandere, gedenke ich unwillkürlich der Zeit der Gründung dieses Friedensfeldes. Es wurde tatsächlich als ein „Friedensfeld" geschaffen. Als solches ist es eines der schönsten Denkmäler an die vielverlästerte Zeit des Liberalismus. Hier wenigstens sollte die Gleichberechtigung ohne Einschränkung zum Ausdruck gelangen. Hier sollten die Verschiedenheiten des Glaubens und der Rasse aufhören. Hier sollten nebeneinander den Schlaf der Gerechten schlafen, denen man im Leben die Gleichberechtigung nur in beschränktem Maße gegönnt hat. Wenn man die Hauptallee durchwandert, an deren rechten Seite unsere Glaubensbrüder bestattet sind, während an der linken Seite die katholischen Gläubigen ruhen, dann erkennt man, daß die Friedensaufgabe erfüllt worden ist und dankend muß man der Männer gedenken, die, allen Anfeindungen zum Trotze, die Idee des alle Verstorbenen in sich ausnehmenden Friedensfeldes durchführten. Es ist ja sonst so wenig von jener Zeit übrig geblieben und die „junge Generation" vergißt nur allzusehr, was in jener Zeit gutes geschaffen wurde, und schmäht mit Unrecht den Liberalismus statt die Liberalen zu schmähen, die der Vergangenheit untreu geworden sind.

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