Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 45 Dr. Blöcb s MocbenscbrM. Seite 745 Eröffnnngsfricr der Talm«d-Thora- » Schule. V Sonntag den 3. November fand hier in Anwesenheit eines j? überaus zahlreichen Publikums die feierliche Eröffnung des neuen Schulgebäudes der Talmud-Thora statt. Es waren unter Anderen erschienen: Präsident der Wiener Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern, Vizepräsident Baurat Ritter v. Goldschmidt (der erste Vizepräsident Landesschulrat Dr. Gustav K o h n war durch Krankheit verhindert), die Kultusvorsteher Dr. Berger, Salo Cohn, Professor Dr. E h r m a n n, Max Frank, kais. Rat K a u d e r s, Baurat Marmore k, Hofrat Doktor Rappaport, Emil Horner, Dr. Markus Spitzer, Dr. Maximilian Steiner, Dr. Ad. Stein, Kommerzialrat L. S i m o n, Adolf Schrame k. S. Steiner, kais. Rat Weil, Erster Sekretär kais. Rat Dr. Lieben, Sekretär Dr. Ad ler, ferner Oberrabbiner Dr. Güdemann und die Rabbiner Dr. Bauer, Dr. Bach, Dr. David, Dr. Feuchtwan g, Kramer und Mayersohn. Dozent Dr. Josef Grünfeld, Oberkantor Singer, die Vertreter sämtlicher Bethausvereine, die Präsidentinnen vieler jüdischer Wohltätigkeits- und Frauenvereine, k. k. Bezirksschulin pektor Prof. Schwalm, ferner die Mitglieder der Bezirksvertretung Leopold st adt und des Ortsschulrates, Präsident der Kinderhorte Dr. S a m u e l y u. m. a. Der Obmann des Talmud-Thora-Vereines Markus B o n d i begrüßte die zahlreich Erschienenen, dankte allen Männern, deren Bemühungen die Errichtung des neuen Schulgebäudes zu danken sei, insbesondere den Herren Oberrabbiner Doktor Güdemann, Landesschulrat Dr. Kohn, akademischer Maler David Kohn, Baumeister G i e ß k a n n, Baumeister Bezirksrat Melcher und Architekt Schreier. Hierauf ergriff der Präsident der Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern das Wort, um zu erklären, daß die Kultusgemeinde dieser Anstalt schon deßhalb .die weitestgehende Unterstützung angedeihen lassen wolle, weil sie sich dessen wohl bewußt sei, daß es in erster Linie ihre Pflicht sei, eine solche Schule zu erhalten, in welcher die Schüler zu guten Juden und guten Bürgern erzogen werden. Bezirksrat Melcher, der in selbstloser Weise die Leitung sämtlicher Bauarbeiten übernommen hatte, gab dann eine genaue Schilderung der Schule, in welcher sich auch eine geräumige Synagoge nach orthodoxem Stile befindet. Der Bau wurde nach den Plänen der Architekten Theodor Schreier und I. Gieskann ausgeführt. Die Baukosten exklusive des Grundes, der bereits Eigentum des Vereines war, belaufen sich auf K 244.000.—, Kronen Zweihundertvierundvierzigtausend, welche durch freiwillige Spenden zum weitaus größten Teile schon aufgebracht wurden. Es sprachen dann Architekt Schreier, der Oberlehrer der Talmud-Thora-Schule Herr Jakob Kohn und ein Zögling der Schule, der den Gründern der Anstalt im Namen aller Schüler das Versprechen gab, ihren Erwartungen nach jeder Richtung entsprechen zu wollen. Der Leopoldstädter Tempelchor exekutierte den Psalm 111 unter Professor Joseph S u l z e r s bewährter Leitung in ausgezeichneter Weise, worauf Oberrabbiner Dr. Güdemann das Wort zur eigentlichen Festrede ergriff. Hochgeehrte Versammlung! Wir verbinden mit der Dankesbezeugung gegen Gott für das Gelingen unseres Werkes die Absicht, unseren Gönnern die Talmud-Thora-Schule in ihrem neuen Gewände zu zeigen. Das Sprichwort „Kleider machen Leute" findet zwar oft gleich anderen Sprichwörtern eine verkehrte Anwendung, aber es besitzt eine wohlbegründete Berechtigung und diese darf auch auf den Wohnsitz und Aufenthalt der Menschen ausgedehnt werden, was ja durch die modernen Häuserbauten anerkannt wird. Denn das Aeußere ist oft ein Spiegel des Innern, und wie einer gekleidet ist und seine Wohnung hält, danach beurteilt die Welt nicht mit Unrecht seine Sinnesart und seinen Charakter. In der Reihe der Bauten sind es aber wiederum ^die Schulbauten, die man vorzugsweise in einer den Anforderungen des guten Geschmackes und der Hygiene entsprechenden 'Weise herzustellen bemüht ist. Das ist nicht immer so gewesen. ^Wer sich darüber belehren will, wie es in dieser Richrung früher mit den Schulen bestellt war, der braucht nur eine Reise zu machen und er wird in alten Städten mit Staunen wahrnehmen, in welchen Schlupfwinkeln oft die Schulen untergebracht waren. Wer aber für diese Belehrung den bequemeren Weg der Lektüre vorzieht, dem ist die Autobiographie von Thomas und Felix Platter, Vater und Sohn, zu empfehlen, die auch von Gustav Freytag in seine „Bilder aus der deutschen Vergangenheit" ausgenommen ist. Die Schilderung, die Thomas Platter von der berühmten Schule zu Skt. Elisabeth in Breslau entwirft, kann man, wenn man eine empfindliche Haut besitzt, nicht ohne eine gewiffe körperliche Reaktion lesen, so lebhaft wimmelt es von Ungeziefer in diesem Berichte, obwohl er schon über dreihundert Jahre alt ist. Man kann sich hiernach eine Vorstellung davon machen, wie im Allgemeinen die äußeren Verhältnisse der Schulen in früheren Jahrhunderten, beschaffen waren. Es ist kein erfreuliches Bild. Wie unter diesen Umständen gerade die Judenschule eine Zielscheibe des Spottes werden konnte, ist schwer begreiflich, da auch die christlichen Schulen, wenn man Thomas Platter glauben darf, im höchsten Grade verwahrlost waren. Man müßte denn annehmen, daß mit der Judenschule nicht die eigentliche Schule, sondern die Synagoge gemeint ist, wo allerdings, was die ausgezeichnetsten Rabbiner durch ihre Klagen bezeugen, oft Lärm und Unordnung herrschten. Oder, was wahrscheinlicher ist, daß man die eigenen Fehler nur an den Juden wahrnahm und tadelte. Das ist auch heute noch so, denn vielfach sind die an den Juden getadelten Fehler und Mängel auch die Fehler und Mängel ihrer Tadler. Dem sei jedoch wie ihm wolle — daß die hiesige Talmud-Thora-Schule bei ihrer Gründung vor siebzig Jahren in ihrem Aeußern das Mittelalter noch nicht verleugnete, wird Niemand Wunder nehmen. Wenn die damaligen Juden es auch hätten verleugnen wollen, man würde es ihnen nicht erlaubt haben. Ich selbst habe vor mehr als vierzig Jahren die Talmud-Thor a-Schule in einem Hause in der Sterngasse vorgefunden, das schon lange vom Erdboden verschwunden ist. Es hat kein besseres Los verdient. Dieses etwas hartherzige Urteil gibt einen hinlänglichen Begriff von dem Zustand des Verfalls, in dem sich das Haus befand, und ebenso die Lokalität der Schule, die darin untergebracht war. Seit damals hatte die Talmud-Thora-Schule hier auf eigenem Grund und Boden und in eigenem Heim sich ansässig gemacht, aber auch seinem von der staatlichen Aufsichtsbehörde aus hygienischen Gründen geforderten Untergange brauchen wir keine Träne nachzuweinen, umsoweniger, als die Schule nunmehr gleich dem Vogel Phönix aus ihrer eigenen Asche zu einem neuen und schöneren Dasein erstanden ist. Dank vor Allem dem Beistand Gottes, Dank der Unterstützung des verehrten Gemeindevorstandes und Dank der Munifizenz zahlreicher, großmütiger Spender kann die Schule sich in ihrem neuen Gewände sehen laffen, und sie darf mit einigem Selbstbewußtsein von sich sagen : „Kleider machen Leute". In diesem Gewände braucht sie sich aber auch vor ihrer eigenen Geschichte nicht länger zu schämen. Diese Geschichte, die natürlich weniger von der hiesigen Talmud-Thora-Schule, als im Allgemeinen von der althergebrachten Institution handelt, ist ein altes und umfangreiches Buch, und darin finden sich neben minder erfreulichen Blättern auch solche von unvergänglichem Glanze. Erzählen uns die einen von dem zeitweiligen Verfall, der bei den in dem Ghetto zusammengepferchten Juden erklärlich und entschuldbar war, so belehren uns die anderen, wie die Juden trotzdem einen lebhaften Sinn auch für die äußere Schönheit von allem, was mit dem Schulwesen zusammenhängt, sich bewahrten. Wir besitzen aus dem 12. Jahrhundert das Testament des vornehmlich als Uebersetzer hochberühmten Spaniers Juda ibn Tibbon, worin er seinen Sohn über die Notwendigkeit einer schönen Handschrift belehrt. Er unterweist ihn über die Buchstaben im Allge-