Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 45 (8.11.1907)
- Date
- 1907-11-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021756--16821-3041663- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Tunis 1× ep/1048155
OCR text
Seite 744 Sr. Mocv s TRäocbenacörift« Nr. 45 mehr Geld für eine besondere Vereinigung zu erlangen wäre, die gleichwohl in deutlichem Zusammenhang mit der Alliance stünde. — Niemals hat es einen „Abfall" gegeben, und unsere Beziehungen sind immer ungetrübt und freundschaftlich gewesen. Tatsächlich wird ein großer Teil unseres Geldes als Zubuße für die Allianceschulen verwendet.) Auch bezüglich der Israelitischen Allianz zu Wien ist die Darstellung des Herrn Philippson unzutreffend. Die Israelitische Allianz zu Wien hat sich 1873 gebildet, einfach, weil das österreichische Staatsgesetz die Bildung von Komitees einer Gesellschaft verbietet, deren Zentralsitz sich außerhalb Oesterreichs befindet. Dieser gesetzlichen Vorschrift mußte natürlich Folge gegeben werden. In Ungarn gilt das eben erwähnte österreichische Staatsgesetz nicht, hier bestehen die alten Alliance-Komitees fort. Dies findet beweiskräftige Bestätigung durch nachstehendes Schreiben, das der Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien unter dem 20. Oktober aus unsere Anftage an uns gerichtet hat: „Sehr geehrte Herren! Wir danken Ihnen sehr für die freundliche Mitteilung des aus die Alliance bezüglichen Passus im Buche des Herrn Professor Philippson, den auch wir mit großem Befremden und mit Bedauern über die tendenziöse Darstellung gelesen haben. Wir können gleich der Anglo Jewish Association nur bestätigen, daß von einer Loslösung oder gar von einem Abfall von der Pariser Organisation bei der Gründung der unsngen nicht die Rede sein konnte, daß es sich vielmehr neben der Rücksicht ans die Staatsgesetze darum handelte, größere Mittel für allgemeine südische Hilfszwecke in unserem Lande aufzubringen, als es für ein Komitee eines auswärts domizilierten Vereines möglich gewesen wäre. Während der 35 Jahre unseres Bestehens haben wir uns in permanentem Kontakte und im herzlichsten Einvernehmen mit dem Pariser Zentralkomitee befunden, dessen Mitglied unser Präsident ist, und sind bei allen großen Hilfswerken für verfolgte Glaubensgenossen mit Paris Hand in Hand gegangen. Ganz absurd erscheint uns die Andeutung des Verfassers, daß der „französische Charakter der Alliance als nachteilig für deren erziehlicke Tätigkeit im Osten angesehen und mit ein Motiv für unsere angebliche Loslösung gewesen wäre." Herr Professor Philippson läßt sich dann weiter vernehmen: „Drese (die Alliance) hat in einzelnen Fällen viel Gutes geleistet, oft den Armen und Bedrängten Unterstützung geschafft. Sie hat im Osten Elementarschulen begründet, die indessen nicht so viel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte erwarten dürfen; und zwar aus drei Gründen: einmal, weil die Leiter der Alliance zuerst selten, später nie nach dem Orient gingen und das Werk lediglick Mietlingen anvertrauten, denen es zumeist entweder an Verständnis oder an Eifer oder an selbstloser Hingabe an ihre Aufgabe fehlte. Zweitens, weil der Charakter der Schulen ein allzu abendländischer und zumal französischer ist, ohne Anpassung an die besonderen Zustände und Anforderungen des Orients. Drittens, weil sie ohne Fortbildungsschulen blieben und so die Kinder im bildungsfähigsten Alter entließen und dem alten orientalischen Schlendrian überlieferten, dem sie unrettbar wieder verfielen." Die drei Gründe, die Herr Philippson dafür anführt, daß die Elementarschulen der Alliance im Osten angeblich „nicht soviel Nutzen gewirkt haben, wie man wohl hätte erwarten dürfen", beweisen nur Unvertrautheit mit dem Schulwerk der Alliance im Osten. Die Leiter der Alliance Jsratzlite Universelle haben jederzeit Wert darauf gelegt, ihr Schulwerk, das 142 Schulen in drei Erteilen umfaßt, unter steter fachmännischer Inspektion zu halten. Sie wissen eben, daß allgemeine Bildung, sei sie noch so groß, nicht imstande ist, die Fachkenntnis zu ersetzen. — Herr Philippson nennt die von der Leitung der Alliance Jsratzlite Universelle nach langer Erprobung eingesetzten Inspektoren mit der herabwürdigenden Bezeichnung „Mietlinge". Will Herr Professor Philippson vielleicht die Rabbiner als „Mietlinge" ihrer Gemeinden, die Gymnasiallehrer als „Mietlinge" des Staats oder der Kommunen ansprechen? Nein, diese alle sind die verehrten und angesehenen Vertrauensmänner der Gemeinden, des Staates, der Städte. Und so sind die Männer, die Herr Philippson als „Mietlinge" herabwürdigt, unsere erprobten und angesehenen Vertrauensmänner, die ihres schweren Amtes mit reifem Verständnis, mit unübertrefflichem Eifer und mit vorbildlicher Hingabe walten! Wenn Herr Philippson den Charakter der Allianeeschuleu im Orient „allzu abendländisch und zumal französisch" findet, so überfieht er: Die Orientschulen der Alliance sind Schulen suis generis, sie sind ihren besonderen Bedürfnissen, die eigenartiger Natur sind, angepaßt, sie sind genau das, was Herr Philippson sagt, das sie sein sollen, und was er bloß nicht gesehen hat. Herr Philippson beklagt den Mangel an Fortbildungsschulen. Das Fortbildungsschulwesen ist im Morgenland wirklich noch nicht systematisch durchzuführen. Einen gewissen Ersatz schaffen wir in den Ergänzungskursen (ela8868 suxplsmentairas), die wir in verschiedenen Städten, wie Konstantinopel, Salonichi, Smyrna, Tunis, Tanger, Bagdad, Alexandrien, Kairo, den oberen Klassen angegliedert haben. Wenn im übrigen unsere Jungen im Orient unsere Schulen früh verlassen, so geschieht es nicht um des „Schlendrians" willen, sondern aus bitterer Not, weil sie für Brot zu sorgen haben. Herr Professor Philippson beendet seine Ausführungen folgendermaßen: „Im Dezember 1872 beschloß eine Versammlung in Berlin die Begründung einer besonderen „Israelitischen Allianz in Deutschland". Allein das Zentralkomitee der Alliance in Paris wies diesen Plan durchaus zurück, der auch nie verwirklicht worden ist. Leider ließ das Pariser Zentralkomitee sich durch solche Vorgänge und auch durch den Abfall der Engländer und Oesterreicher nicht bestimmen, die speziell französische Färbung der Alliance und den Despotismus des Pariser Zentralkomitees irgendwie zu modifizieren. Dadurch verlor sich in Deutschland das Interesse für sie umsomehr, je schärfer die nationalen Gegensätze zwischen beiden Ländern sich unglücklicherweise gestalteten." Charakteristisch ist schon der erste Satz, daß „eine" Versammlung — deren nähere Bezeichnung vollständig fehlt — im Dezember 1872 die Begründung einer besonderen „Israelitischen Allianz in Deutschland" beschlossen habe. Wer hat denn „beschlossen"? Wer waren die Beschließenden, die ihre Absicht sofort fallen ließen, weil das Zentralkomitee in Paris den Plan zurückwies? Es müssen doch recht schwächliche Herren gewesen sein, die dem Pariser „nein" gegenüber sofort auf ihren Willen verzichteten. In Wahrheit ist jener „Beschluß" nie gefaßt worden, in Wahrheit hatte -as Pariser Zentralkomitee nie Anlaß gehabt, solchen Beschluß zurückzuweisen. Es ist im Dezember 1872 einmal eine Anregung in der angegebenen Richtung hervorgetreten. Ein Mahnwort des Herrn Sanitätsrates Dr. Neumann hat genügt, von dem üblen Plan abzuhalten. Was in dem vorstehenden Resume über den „Abfall der Engländer und Oesterreicher" über die „speziell französische Färbung" der Alliance, über den „Despotismus" des Pariser Zentralkomitees gesagt ist, haben wir widerlegt. Aber auch das, was Herr Philippson über eine Abnahme des Interesses für die Alliance Jsraelite Universelle in Deutschland behauptet, ist. nicht zutreffend. Das Interesse für die Alliance Jsraelite Universelle hat sich in Deutschland nicht verloren. Der Zuwachs von tausenden von Mitgliedern, die sich uns in kurzer Zeit neuerdings in Deutschland angeschlossen haben, beweist das Gegenteil. Weitausschauende und allzeit betätigte jüdische Wohlfahrts¬ und Wohltätigkeitspolitik verfolgt die Alliance Jsratzlite Universelle. Sie wird ihrer Satzungen immerdar eingedenk bleiben und ihnen in unermüdlicher Arbeit treu sein, zum Segen für die gesamte Judenheit. Berlin, den 30. Oktober 1907. Das Präsidium der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Jsraslite Universelle Ludwig Max Goldberger. Charles L. Hallgarten. Paris, den 1. November 1907. Der vorstehenden Erklärung schließt sich vorbehaltlos an Das Präsidium des Zentralkomitees der Alliance Jsratzlite Universelle Narcisse Leven. Salomon R e i n a ch. Dr. A. Netter Jacques M a ch i e l s.