Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr 44 Dr. Llocb's Mocdensevrttt. Seite 735 das bisherige Geschäftsergebnis. im laufenden Jahre mit Rücksicht auf die schon längere Zeit bestehenden schwierigen Geldverhältnisse ein befriedigendes ist und daß insbesonders der Reservefond bereits mit Ende dieses Monates eine Höhe erreicht haben wird, welche erst pro Ende Dezember vorhergesehen wurde. Es konnte weiters die Tatsache hervvrgehoöen werden» daß die Rückzahlungen der Darlehen von den Genossenschaften in pünktlicher und zufriedenstellender Weise erfolgen, wohl ein Beweis dafür, daß die Kreditnehmer der Genossenschaft, also der mittlere Gewerbestand ebenso wie der besser situierte Beamte, von der drückenden Sorge der Geldbeschaffung viel weniger berührt werden, als der im Verkehre mit einer Bank stehende Kaufmann. Herr Aufsichtsrat Hermann König referierte über die von ihm am gleichen Tage vorgenommene Revision und konstatierte die vollkommene Ordnung und Uebereinstimmung der Bücher mit der Rohbilanz. Ganz besonderen Wert legte er darauf, daß seine Revisionen ausnahmslos unverhofft sind und daß er die Bücher stets k jour finde. Die vvrgeuommeuen Stichproben haben die beste Ordnung ergeben. Der Vorsitzende, Herr Richard Rappaport, drückte hierüber die volle Zufriedenheit aus. Bei dieser Gelegenheit erinnere er auch mit Befriedigung daran, daß der Vorstand sich seinerzeit, trotz der Erhöhung des Bankzinsfußes, dafür entschieden hat, den Zinsfuß für Darlehen nicht zu erhöhen und daß bei derartiger Wahrung des Interesses der Mitglieder dem Institute, wie aus der vorliegenden Rohbilanz erwiesen wurde, kein wesentlicher Nachteil erwachsen ist. Vor Schluß der Sitzung erbat sich noch der leitende Direktor das Wort zu einer außergeschäftlichen Bemerkung. Er erinnerte daran, mit welchen Schwierigkeiten das Institut in den ersten Jahren seines Bestandes zu kämpfen batte und wie unermüdlich der Vorsitzende Herr Richard Rappaport jederzeit dem Institute mit Rat und Tat beigestandenwie-sehr er bestrebt war, dasselbe, trotz aller Widrigkeiten zu erhalten und zu heben. Heute ist die Situation des Institutes den Intentionen der Gründer bedeutend nähergerückt; das Institut zählt bereits über 350 Mitglieder und hat in den Jahren seines Bestehens viele Existenzen gestützt und dazu beigerragen, daß so manche neu gegründet werden konnte. - Solch segensreiches Wirken verdiene, wohl auch für späterhin der Erinnerung erhalten zu werden. Aus diesem Grunde habe er ein Bildnis des allseits geehrten Obmannes, des Herrn Richard Rappaport, anfertigen lassen und bitte, zu gestatten, daß dieses an paffender Stelle den Sitzungssaal ziere. Selbstverständlich fand diese Anregung die freudigste Zustimmung der Anwesenden, worauf das Bild unter vielem Beifalle enthüllt wurde. Hoffentlich verfügt die Wiener Spar- und Kreditgesellschaft mit der Zeit über einen größeren Sitzungssaal und zweifellos auch über eine Mehrzahl von Bildnissen solcher Männer, die sich um den Verein in hervorragender Weise verdient gemacht haben. Erste galizische zionistische Landeskonferenz. Lemberg. In Anwesenheit von zirka 150 Delegierten begannen am 27. v. M. die für zwei Tage anberaumten Beratungen der ersten galizischen zionistischen Landeskonferenz. Der jüdische Parlamentsklub ist durch den Abg. Dr. Gabel vertreten. Dieser erklärte, der jüdische Klub sei sich dessen bewußt, daß er auch in der parlamentarischen Arena zionistische Zwecke zu verfolgen habe. Dr. Rapaport referierte über die Arbeiten für Palästinazwecke. An das Referat knüpfte sich eine lange Debatte, in deren Verlauf heftige Angriffe gegen die Parteileitung gerichtet wurden, weil sie die Palästinazwecke zugunsten der Landespolitik ganz vernachlässige. In der Nachmittagsfitzung wurde nach vierstündiger Debatte das neue Organisationsstatut der Partei angenommen, wonach eine Zentralstelle für zionistische Zwecke in Lemberg errichtet wird. Budapest. Die Raben habe gute Witterung. Die klerikale Volkspartei hat in Form eines volksbeglückenden Programms den Wählerfangköder ausgeworfen; an der Budapester Universität richtet der Rektor an die jugendlichen Kreuzritter, welche die freisinnigen Vorträge eines Profeffors, der mit offenem Visier gegen die klerikal-revolutionäre Klassenherrschaft kämpft, durch Demonstrationen stören, die Aufforderung, daß, was sie erreichen wollen (den Professor unmöglich zu machen), „auf friedlichem Wege" zu versuchen; den jüdischen Professor einer Realschule will man von seiner Stelle suspendieren, weil er offen eingesteht, daß er sozialistischen Ideen huldigt; der Kandidationsausschuß des Abgeordnetenhauses ballotiert die jüdischen Abgeordneten aus den Ausschüssen. Erwägt man ferner die Stimmung, welche in jüngster Zeit in den evangelischen Kirchenversammlnngen zum Ausdruck gelangte, so ist klar ersichtlich, daß sich bei uns eine konfessionelle Unduldsamkeit breit zu machen beginnt, über welche schweigend hinwegzugehen ein Unrecht wäre. Am prägnantesten tritt diese Unduldsamkeit auf dem Gebiete des Unterrichtswesens in die Erscheinung, und so lange Graf Apponyi diese Vorkommnisse in seinem Ressort duldet, ist er zumindest mitverantwortlich. Der Lehrernachwuchs an den Mittelschulen ist, wie die Fachkreise sagen, nicht groß und in einzelnen Fächern nicht gut, z. B. zur darstellenden Geometrie müffen die Kandidaten für Mathematik und Physik mit dem Versprechen, daß sie dann sofort Anstellungen erhalten, gezwungen werden. Solch ausgezwungene Liebe für ein Fach trägt dann auch die entsprechenden Früchte. Trotz diesem Mangel erhalten Juden nur in ganz ausnahmsweisen Fällen Anstellung. Der Leiter der Mittelschulsektion Baron Borköczy ist Antisemit oder, wie man hier sagt, „Antimosaist". Für deutsche und französische Sprache find überaus wenig Kandidaten vorhanden und es ergeht an die Mittelschulen die vertrauliche Verständigung, den Maturanten, welche sich dem Lehrfach zu widmen gedenken, diese beiden Fächer als besonders ausfichtsvoll zu empfehlen. Mittlerweile werden die vakanten Stellen mit 20- bis 21jährigen jungen Leuten, welche die bereits nach Absolvierung von drei, höchstens vier Semestern zulässige erste Prüfung mit Ach und Krach bestanden haben und Christen sind, besetzt. Ist einmal doch ein Jude an einer Mittelschule, dann wird versucht, ihn hinauszuekeln. Von den Hochschulen gibt es an den unzähligen Rechtsakademien vielleicht keinen einzigen Juden, an den drei Hochschulen keine fünf und diese stammen ans der antidiluvianischen liberalen Zeit. Die getauften Juden an den Hochschulen, deren es eine Unmasse gibt, werden, wenn sie sich ruhig Verhalten, geduldet, hat aber einer seine eigenen Ansichten und den Mut, diesen Ausdruck zu verleihen, wie dies Profeffor Pikler gegenüber den klerikal-reaktionären Bestrebungen auf dem Gebiete unseres Unterrichtswesens getan, dann werden Demonstrationen inszeniert, Skandale erzeugt, um ein Einschreiten der Unterrichtsverwaltung zu veranlassen. Diese vorläufigen Angaben genügen wohl, um zu beweisen, daß die klerikalen Kreise „ihre neue Zeit" für gekommen erachten und an der christlich-sozialen Organisierung der Gesellschaft emsiger denn je arbeiten. Rechnet man zu alledem den blindwütigen Haß der Agrarier gegen Handel und Börse, so kann man eine Vorstellung erhalten, wie es derzeit bei uns mit dem Liberalismus bestellt ist. Einweihung der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums. Im Beisein des Kultusministers Dr. Holle, des Provinzialschuldirektors, des Stadtschulrates Dr. Michaelis, des Polizeipräsidenten, ferner einer Anzahl hiesiger und auswärtiger Gelehrter und Vertreter größerer israelitischer Gemeinden und Vereine fand in Berlin die feierliche Einweihung der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums statt. Aus der großen Zahl der Reden, die teils einen rein wiffenschaftlichen. teils auch einen politischen Charakter trugen, sei zunächst die einleitende Ansprache des Vorsitzenden des Kuratoriums, des Jnstizrats Simon, erwähnt. Er gab ein anschauliches Bild von der inneren und äußeren Entwicklungsgeschichte dieses Institutes, das eine Lücke in den höheren Bildungsanstalten der Reichshauptstadt auszu-