Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021755--16807-3041648- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WK»Wlg«ni»mL 'rrsTWi 3Jr. 44 Lpr. J510CD S Mocdenscdnn. Seite 7S1 früher und ist an anderen Orten noch gegenwärtig hoch in Ehren, weil sie ihren Mitgliedern reichlich Gelegenheit gab, Pietät und Humanität in schönster Weise persönlich zu üben. Das Chewramitglied hatte die Pflicht, Kranke selbst zu pflegen, bei Schwerkranken zu wachen, mit den Sterbenden die Sterbegebete zu verrichten, Leichen zu reinigen, zu bekleiden und ins Grab zu betten. Die geringste seiner Pflichten war die Unterstützung Bedürftiger. Für das gewöhnliche Mitglied der heiligen Bruderschaft in Wien ist, wie auf fast allen Gebieten des jüdisch-religiösen Lebens, nur mehr der Jahresbeitrag übrig geblieben. Man hat alle Verrichtungen, die Anführung der Leichenzüge ausgenommen, bezahlten Organen übertragen. Das Mitglied hat keine andere Aufgabe, als jährlich 21 Kronen zu entrichten. Daß da eine Begeisterung nicht aufkommen kann, liegt auf der Hand. Ebenso begreiflich ist es, wenn dort, wo die Chewra in ihrer ursprünglichen Reinheit erhalten wurde, wie z. B. in Budapest, ihr noch heute alle Herzen entgegenschlagen. Was unserer Religion am meisten geschadet hat, die Wandlung aus einer Religion des Gemütes zu einer der Geldbörse, das kann der Chewra nicht von Nutzen sein. Ich empfehle, wie anderwärts auch hier in Wien die Chewramitglieder zu den Waschungen, der Bekleidung und Einsargung Verstorbener zuzulassen. Zu diesem Zwecke müßten die Mitglieder mit Abzeichen versehen werden, die bei Anlässen, wo sie sich als solche betätigen wollen, fichtbar zu tragen wären. Für die Veröffentlichung dankt im Voraus in vorzüglicher Hochachtung G. Bettelheim. Vom Jahrmarkt des Lebens. Qevres philantropiques. Paris- 26. Oktober 1907. Der liebe Gott und die Rothschilds — das find für den gewöhnlichen Menschen zwei sehr ferne und zwei sehr imaginäre Größen. Der gewöhnliche Mensch, der Mensch des kleinen Einkommens, der kleinen Bildung und nur zu oft des kleinen Verstandes, der Mensch, der innerlich wie äußerlich nur über die beschränktesten Mittel verfügt, der weiß gerade genug, um alles Göttliche zu bezweifeln, und hat gerade genug, um die Reichen zu beneiden. Der liebe Gott und die Rothschilds — gegen beide lehnt er fich auf. Er ist Atheist und Anarchist. Kommt man aber zu den ganz Armen, so wird das anders — die ganz Armen, die keine Zeit zum Zweifel und zum Neide haben, die leben auf sehr vertrautem Fuße mit diesen beiden Größen. Ihnen ist der liebe Gott ihr Tröster und Rothschild ist ihr Lieferant. Kommt man in Paris zu irgend einer armen Familie und erhält ein Glas köstliche Milch oder vorzüglichen Wein vorgesetzt, so fragt man wohl ein wenig erstaunt: — und wie beschämend für unsere ganze Kultur ist dieses Staunen — „woher beziehen Sie diese Milch oder diesen Wein?" Und die stereotype Antwort lautet: „Von Rothschild". Und das wiederholt fich nicht einmal, sondern zwanzigmal, fünfzigmal, hundertmal; drei Viertel von Paris scheinen bei Rothschild zu kaufen, und endlich macht man sich selbst auf die Suche nach so einem Rothschild-Laden. Man braucht nie weit zu gehen, denn in jedem Quartier besteht zumindest eines dieser Geschäfte, und bald ist man vor einem ungewöhnlich hellen, freundlichen und sauberen Verkaufsladen angelangt, über dem in großen Buchstaben geschrieben steht: „Oevre philantropique du lait“ oder auch „Oevre philantropique du vin“ und darunter „Fondation du Dr. Henry Rothschild-. Eine Gründung Dr. Rothschilds und eine sehr schöne, sehr bewundernswerte und vor allem sehr nachahmenswerte Gründung, köstliche, frische Milch, in der Großstadt das Begehrteste und Seltenste, wird da zu einem geringen und auch für den Armen erschwinglichen Preis verkauft. Freundliche ältere Frauen empfangen den Kunden, geben auf jede Frage liebenswürdig und ausführlich Bescheid und verweisen besonders auf die Inschriften an der Wand, die besagen, daß unreine Gefäße zurückgewiesen werden. Die Milch wird nur dem verkauft, der eine saubere Flasche oder eine saubere Kanne mitbringt. Ein Zwang zur Reinlichkeit also, der gewiß ebenso segensreich wirkt wie die gute Milch selbst, denn wer seine Milchkanne wäscht, wäscht schließlich auch seine Teller und Gläser und, wer weiß, am Ende gar fich selbst. Und wie besucht sind diese Milchgeschäfte! Sonntag ist meist schon um 11 Uhr der ganze Vorrat verkauft und die blitzenden Kannen und funkelnden Schöpflöffel scheinen fich über das flotte Geschäft mit zu freuen. — In den Weingeschäften geht es ähnlich zu. Herrlicher, unverfälschter, weißer und roter Wein wird zu unglaublich niedrigen Preisen verkauft in Flaschen, die an Güte und Elegance nichts zu wünschen übrig lassen. Die Korke find vom besten Material — der Arme kann eine Flasche mit abgebrochenem oder morschem Korken, wie ihn erste Häuser oft liefern, nicht leicht verschmerzen, die Etiquetten find geschmackvoll und hübsch — der Arme wird auch in der Aufmachung nicht schlechter bedient, als sein glücklicherer Nebenmensch. Die leeren Flaschen werden für 5 Centimes zurückgenommen, „vorausgesetzt, daß keine andere Flüssigkeit als Wein in ihnen enthalten war". Eine einfache Erklärung darüber genügt; man hat Vertrauen zu den armen Leuten und dies Vertrauen wird niemals enttäuscht. — Das find die Läden des Dr. Henry Rothschild. Ob er ein guter Geschäftsmann ist, weiß ich nicht, aber ficherlich ist er ein guter Lieferant. Seine Kunden find mit ihm zufrieden. „Ces sont des hon gens“ sagen sie, wenn fie von den Rothschilds sprechen. „Das find gute Leute". Gibt es ein schöneres Lob selbst für die Rothschilds? Die Rothschilds find eine Familie, die — wie überall in der Welt — au<fj in Paris viel Gutes getan und gestiftet haben: Krankenhäuser, Bethäuser, Versorgungshäuser und was sonst noch alles. Populär find fie aber erst durch die Gründung Dr. Rothschilds geworden. Der Arme verlor das Bewußtsein, Almosen zu bekommen, er genoß neben der Wohltat auch das hübsche Gefühl, Kunde und zahlender Kunde zu sein; und gar Kunde von Rothschild. Rothschild verdient an ihm, besser kann man es doch schon gar nicht haben. Ganz im Innern fühlt er freilich mit stiller Richtung, was ihm durch dieses „Oevre philantropique" geschieht, und er rühmt die Rothschilds als „hons gens“, als „gute Leute", fast ebenso wie er „hon dien“ sagt. Und zu den vielen Titeln und Ehren, die fich diese Reichen gekauft haben, kommt nun als Letzter der Titel, den ihnen die Armen geben. Und den haben fie fich verdient. (tzolusblüten. Man schreibt uns aus Paris: Paris, 27. Oktober. Ein junger Marine-Fähnrich, Benjamin Ulmo, hat in diesen Tagen in plumpster Weise geheime Papiere zu Geld zu machen versucht, und alle Zeitungen find natürlich von diesem Vaterlandsverrat erfüllt. Die „Libre Parole", das bekannte Organ Drumonts, schreit mit hämischer Freude: „Ulmo ist Jude", und selbst ein sonst unabhängiges Blatt wie der „Matin" bemerkt: „Jntereffant ist eines: Ulmo ist Israelit". Der „Matin" mag recht haben, die „Libre Parole" hat es nicht. Ulmo ist vielleicht Israelit, Jude ist er keinesfalls. Der junge Ulmo gehört zu der großen Zahl jener degenerierten jungen Leute, die mit dem Gelbe ihrer Väter nichts Befferes anzufangen wiffen, als fich zu affimilieren, und assimilieren heißt ihnen, die Besten der anderen nachahmen und übertrumpfen. Der junge Ulmo führte ein wildes, glänzendes und verschwenderisches Leben mit seiner Geliebten, einer Halbweltdame, die den suggestiven Namen „Ha belle Lison“ führt. Ist das jüdisch? Wurde er nicht schon längst ein Verräter an jeder jüdischen Tradition der geheiligten Familie, ehe er Verräter an seinem Vaterlande wurde? Der junge Ulmo rauchte Opium, trank, nahm noch andere berauschende Gifte und verschwendete wie sein Geld so auch fich in finnloser Weise. Ist das jüdisch? War er nicht schon längst ein Verräter an jeder jüdischen Ethik, ehe ihn der Kriegsminister verhaften ließ? Der junge Ulmo ist ein Verräter. Gut! Aber ist er, der zum Judentum, zu allen jüdischen Hoffnungen und