Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 44 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 780 Dr. »locb’s Mocbenscbrltt. Nr. 44 Bororte« an der äußere« Peripherie Wiens neue, jüdische Friedhöfe zu errichten. So wäre Baumgarten, schon ursprünglich von der Kommune als Zentralfriedhof in Aussicht genommen, für die jüdische Bevölkerung der westlichen Bezirke weit gelegener, deßgleichen konnten neue Begräbnisstätten in Hernals und Ottakring eine Entlastung des jetzigen Zentralfriedhofcs bewirken. Sollte aber der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde in gewohnter Saumseligkeit zögern, dieser wichtigen Frage baldigst näher zu treten, werden die Gemeindemitglieder aus eigener Initiative die erforderlichen Schritte unternehmen. Nach einer kurzen Polemik gegen einige frühere Redner schloß Herr Baum seine Ausführungen, welche allseits Interesse fanden. Vorstandsmitglied Emil Horner führt gegenüber den Bemängelungen des Herrn Dr. I. Weiß aus, daß allerdings die Beistellung der orthopädischen Apparate wenn auch nicht in allen, so doch in manchen Fällen durch das Spital zu erfolgen hätte. Erfahrungsgemäß werden jedoch diesbezüglich den Parteien die größten Schwierigkeiten bereitet und waren diese früher zum Herantreten an Privatpersonen geradezu gezwungen. Um diesen sehr unangenehm empfundenen Uebelstand zu beseitigen, habe die Chewra-Kadischa vor einer Reihe von Jahren die Aufgabe übernommen, den Parteien hinsichtlich der Beistellung von Apparaten an die Hand zu gehen. Die konstant steigende Ausgabe aus diesem Titel stehe mit der immer steigenden Einwanderung auswärtiger Juden zum Zwecke von Operationen im Zusammenhänge. Was die Erteilung von Kurbeilrägen anbelangt, werden ebenso wie bei der Gewährung von Unterstützungen in jedem einzelnen Falle möglichst genaue Informationen eingeholt. Daß trotzdem Täuschungen Vorkommen, sei nicht zu vermeiden, wenn auch so krasse Fälle, wie die von Herrn Dr. Weiß angeführten, sich schwerlich ereignen dürften. Der derzeitige Modus bei Anweisung von unentgeltlichen Medikamenten war wiederholt Gegenstand eingehender Beratungen des Vorstandes und eines von ihm zu diesem Zwecke einberufenen Aerzte-Komitecs, ohne daß jedoch diese Beratungen bisher zu einem positiven Ergebnis geführt hätten. Der Vorstand werde nicht ermangeln, sich mit dieser Frage neuerlich eingehend zu befassen. Der Delegierte des Kultusvorstandes, Vize-Präsident Theodor Ritter von Goldschmidt, begrüßt in herzlichen Worten die Versammlung und verweist auf die zahlreichen Berührungspunkte zwischen Chewra-Kadischa und Kultusvorstand. Die von einem Mitgliede so schmerzlich empfundene Aufsicht durch die Kultusgemeinde stelle sich in Wirklichkeit bloß als ein freundschaftliches Verhältnis dar, da der Kultusvorstand noch niemals Gelegenheit hatte, die Verwaltung der Chewra-Kadischa irgendwie zu bemängeln. Die in der Debatte gegebenen, sehr schätzenswerten Anregungen werde er an geeigneter Stelle zur Kenntnis bringen. Vereinsmitglied Dr. H a a s e gibt die Anregung, über die Behandlung jener Vereinsagenden, welche in das ärztliche Gebiet einschlagen, die dem Vereine angehörenden Aerzte einzuvernehmen. Vereinsmitglied Grünfeld regt an, an jenen Tagen, an welchen eine größere Anzahl von Leichenbegängniffen stattfindet, mehrere Delegierte auf den Friedhof zu entsenden. Präsident Salo Cohn stellt gegenüber den Ausführungen des Herrn Dr. Weiß richtig, daß der diesjährige Jahresbericht bereits im April laufenden Jahres den Mitgliedern zugesendet worden ist, daß demnach für eine eventuelle Vorbereitung zur heutigen Generalversammlung wohl genügend Zeit gewesen wäre. Der von Herrn von Telaszko angeführte Vergleich zwischen der Wiener und der Budapester Chewra-Kadischa sei nicht zutreffend. Die Budapester Chewra-Kadischa zählt das gesamte Leichenbestattungswesen, das in Wien bekanntlich von der Kultusgemeinde besorgt wird, zu ihren Agenden und ist in der Lage, ihren Mitgliedern bedeutende Benefizien zu gewähren. Jeder Angehörige der Budapester Kultusgemeinde hat hierdurch ein persönliches Interesse, der Chewra-Kadischa als Mitglied anzugehören. Dadurch ist die Anzahl der Mitglieder der Chewra- Kadischa in Budapest eine weitaus größere und sind demgemäß auch die Einnahmen derselben ungleich höhere. Nach Richtigstellung einiger weiterer, im Laufe der Debatte gefallener Bemerkungen ersucht der Präsident, die Stimmzettel für die vorzunehmende Wahl von 5 Vorstandsmitgliedern abzugeben. Die Ausführungen der Herren Ignaz Klein und Leopold Otto, welche sich um die neugeschaffenen Vorstandsmandate bewerben, werden von der Versammlung beifällig ausgenommen. Von den Mitgliedern Wilhelm Löwy und Jacques Fisch Hof find Anregungen eingelaufen, welche dem Vereinsvorstande zur Behandlung überwiesen werden. Das von den Herren Michael Lichtenstern und Moritz Lerchenfeld vorgenommene Skrutinium ergibt die Wahl der Herren Moritz Breitner, Jakob Kann, Ignaz Klein, Leopold Otto und Samuel S t e i n e r zu Vorstandsmitgliedern der Chewra-Kadischa für eine dreijährige Funktionsperiode. Nach der einstimmig erfolgten Erteilung des Absolutoriums an den Vorstand wird die Generalversammlung um einviertel 1 Uhr mittags geschlossen. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Doktor! . Mit großer Befriedigung, ja mit berechtigtem Swlze denken die Mitglieder unserer Chewra-Kadischa an den Verlauf der Generalversammlung vom letzten Sonntag zurück. Eine überfüllte Versammlung ohne einen einzigen Mißton, dagegen mit einer Reihe fruchtbarer Anregungen muß in jedem Teilnehmer ein erhebendes Gefühl auslösen. Bei mir kommt noch dazu, daß ein Wunsch, den ich vor nun fünf Jahren in Ihrem geschätzten Blatte besprach, der aber seither eingesargt schien, dank dem feurigen Worte des Herrn M. Baum seine Auferstehung feierte, um seiner Erfüllung entgegenzugehen. Es ist dies der Wunsch, die geradezu barbarische, nur in Wien gebräuchliche Unsitte endlich abzuschaffen, die Unsitte nämlich, die Leidtragenden in ihrem tiefsten Schmerze während Leichenrede und Gebet zur Schau zu stellen. Hoffentlich werden nunmehr auch zu beiden Seiten der Estrade einige Bänke für die nächsten Verwandten aufgestellt. Hat man den Verstorbenen mit Aufopferung seiner Kräfte gepflegt, zuletzt den Schmerz des Verlustes eines geliebten Verwandten ertragen, so erübrigt nicht jedem genug physische Kraft, um der Leichenfeier stehend beizuwohnen. Doch nicht um auf diese, wie ich den Erklärungen des Vertreters der Kultusgemeinde entnehmen darf, erledigte Angelegenheit zurückzukommen, nehme ich den Raum Ihres geschätzten Blattes in Anspruch, sondern um Vorgänge in der Leichenhalle zur Sprache zu bringen. Unmittelbar vor der Beerdigung wird der die Leiche bergende noch offene Sarg auf eine Tragbahre in den engen kahlen Korridor des Leichenhauses gestellt. Die Hinterbliebenen zwängen sich in den noch freien Raum, um ein letztesmal das Antlitz ihres geliebten Toten zu sehen, ihm Abbitte zu leisten für alles Leid und alle Unbill, die sie ihm im Leben etwa zugefügt, von ihm Abschied zu nehmen — für immer. Ein solch ergreifender Vorgang sollte sich in einem würdigen Milieu, in einem paffenden Raume abspielen. Dabei könnte ein solcher Raum die nicht mehr genügenden Zeremoniensäle entlasten. Ich halte es für eine unerläßliche Pflicht der Gemeinde, ihn zu schaffen. Von größerer Tragweite scheint mir aber dasjenige, was ich noch auf dem Herzen habe. Wenn ich auch dem Fortschritte auf religiösem Gebiete mit Leib und Seele ergeben bin, so kann ich mir doch nicht verhehlen, daß das moderne Judentum den Boden, in dem unsere Religion wurzelte, aus dem es seine besten Kräfte zog, verlassen hat. Im Gegensätze zu der Hierarchien anderer Konfessionen erfreute sich das Judentum der Diaspora der denkbar demokratischesten Verfassung. Oberster Grundsatz war: „Weatem tiheje li mamleches kohanim". Ihr sollet mir sein ein Volk von Priestern. . Jeder Jude suchte seinen Glauben öffentlich zu betätigen und wurde auch nach Möglichkeit zur Mitwirkung am religiösen Leben herangezogen. Die heilige Bruderschaft war