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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-25 · 43 (25.10.1907) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sette 714 Dr. Llocb's Mocbenscbrm. Nr. 48 Unterzeichnete Vereinsleitung, gegen diesen Mißbrauch der Redefreiheit Vorstellung zu erheben — obwohl sie sich bewußt ist, daß in den meisten Fällen derartige Hetzreden von den Redner selbst nicht ernst gemeint seien. Allein angesichts der geringen Urteilsfähigkeit eines Teiles der Zuhörer erscheint es doch notwendig, diesen verderblichen Redestrom, soferne damit die beständige Herabsetzung und Bedrohung einer gesetzlich anerkannten Religion oder einer Nation verbunden ist, iu seine richtigen Bahnen zurückzudrängen, wenn es nicht wie in Rußland und Rumänien zu Gewalttätigkeiten und Wertzerstörungen kommen soll. Ohne diese Geschäftsantisemiten einer Widerlegung zu würdigen, muß doch auf das ebenso rohe, dem Christentum birtft hohnsprechende, wie auch wirtschaftlich schwer schädigende Vorgehen solcher Demagogen hingewiesen werden, welche ihren Beruf lediglich darin erblicken, die Bevölkerung zu verhetzen. Es braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden, daß wir nicht an Ueberfluß, sondern im Gegenteil an Mangel an Geschäften leiden und daß gerade die von ihnen so vielverlästerten Juden es sind, welchen wir die meisten Unternehmungen auf industriellem und kaufmännischem Gebiete verdanken. Ohne das tatkräftige Eintreten der Letzteren hätten wir keine Eisenbahnen, insbesondere iu so früher Zeit und in so großer Ausdehnung erhalten. Die hunderttausende von Arbeitern und tausende von Beamten, welche so viele Millionen an Steuern produzieren, sind in dem Momente brotlos, wo es der geradezu verbrecherischen, auf die niedersten triebe berechneten Wühlarbeit der ebenso unwissenden wie unmoralischen Agitatoren gelänge, diese emsigen und nüchternen Geschäftsvermittler hiuauszuekeln. Vergebens erwarteten wir, daß von staatswegen gegen die vom Abgeordneten Schneider vor Jahren gebrauchte Drohung vom „Schußgeld auf Juden" eingeschritteu werde, — ein Ausbruch der Roheit, gegen welchen nicht einmal die Trunkenheit als Entschuldigung eingeweudet werden könnte; — heute indes dürfen wir nicht mehr die unverhüllte Aufforderung zur „Dezimierung der Juden" dieses für den Reichsrat kandidierenden Landtagsabgeordneten*) ruhig hinnehmeu. Unter Hinweis daraus, daß von einem großen Teil der Bevölkerung die Passivität der hohen Regierung entweder als Schwäche oder als Zustimmung ausgelegt werden muß, beehren wir uns die ergebenste Bitte zu stellen: 1. Den Genannten wegen seiner, eine flagrante Verletzung der Staatsgrundgesetze bedeutenden Rede zur Verantwortung zu ziehen; 2. durch die bei solchen Wahlreden stets anwesenden Regierungsvertreter verhindern lassen zu wollen, daß irgend welche das Gefühl und Ansehen einer Religiousgenossenschaft verletzenden Reden gehalten werden. In tiefster Ehrerbietung Verein zur Abwehr des Antisemitismus (Unterschriften.) Wien, 22. April 1907. Es ist nicht nicht zu erkennen, aus welchem Grunde eine Antwort dem Verein nicht zuteil geworden ist. Brün«. (Eröffnung eines israelitischen Knaben- und Mädche n-W a i s e n h e i m e s.) Im Hause Nr. 51 der Wawrastraße fand am 20. d. M. vormittags die offizielle Eröffnung des daselbst vom israelitischen Humanitätsvereine „Moravia" in Brünn errichteten israelitischen Knaben- *) Siehe den Bericht der Tagesblätter vom 13. April a c. über die Versammlung im Fünfhauser Volksverein. und Mädchen-Waisenhauses statt. Zu dieser Feier waren erschienen: Vizebürgermeister Roh rer, die Landtagsabgeordneten Dr. I a r o l i m und Stadt-Sekretär B a e r a n (letzterer für das „Pestalozziheim"), der Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Dr. Fialla mit mehreren Kultusvorständen, der Leiter des hiesigen Knabenwaisenhauses Direktor B e r t l, Großindustrieller L ö w-B e e r, Rabbiner Dr. L e w y, die Damen Fräulein Klein und Fräulein Langer (für das israelitische Ferienheim), ferner viele Mitglieder des israelitischen Humanitätsvereines „Benai Brith" mit ihren Damen, sowie viele Förderer, Freunde und Gäste. Nach einer herzlichen Begrüßung der Anwesenden durch den Obmann der „Moravia" Herrn Dr. Schreier nahm als erster Herr Stadtrat Dr. F e i t h das Wort, um über die Gründung, Zweck und Ziel dieses Heimes zu berichten. Herr Dr. F e i t h führte aus, daß diese neue Justitution mit Naturnotwendigkeit aus den Tendenzen des gründenden Vereines erwachsen sei, der nicht nur die Förderung von Stammesfragen bezwecke, sondern ganz besonders die Witwen- und Waisen Versorgung in sein Programm ausgenommen habe. Dabei mußte der Verein natürlich über die private Unterstützung hinaus an die Allgemeinheit denken und nahm sich so vor, die gesamte, geschlossene israelitische Waisenpflege in Mähren in die Hand zu nehmen. Nicht der Konfessionalismus, nur die reinste Humanität habe ihn zu dieser Gründung bestimmt. Und wenn der Verein, entsprechend seinen Tendenzen, dieses Heim nur zugunsten seiner Glaubensangehörigen errichtete, so tat er es in der Ueberzeugung, daß die Lösung der Judenfrage einen Teil der Menschheitsfrage bedeute. Diesem Entschlüsse folgte bald die Tat und nach den mit den Gemeinden und sonstigen in Betracht kommenden Interessenten gepflogenen Vernehmungen schien die geplante zentrale Lösung der in Aktion genommenen Frage durchaus möglich. Vorderhand galt es, da die Kosten für die Errichtung eines eigenen Waisenhauses unerschwinglich waren, zunächst ein auf dem wohltätigen Prinzipe des Familienlebens beruhendes Heim zu schaffen. In dankenswerter, hochherziger Weise hatte der Landesausschuß hiefür einen Betrag von 2400 K (behufs Anschaffung von Mobiliarien) sowie einen jährlichen Beitrag von 240 K für jeden Pflegling bewilligt, außerdem hatte der mährisch-schlesische Waisenhilfsverein für acht übernommene Kinder eine erhöhte Unterstützung zugefichert. An diesem Herde und unter der fürsorglichen Anleitung ihrer tüchtigen Pflegemutter und ihres pädagogisch erfahrenen Pflegevaters mögen die Kinder ungebunden ihre Kindheit genießen, aber zugleich hier Wurzel fassen und die Liebe zu ihrer zweiten Heimatstadt finden. Für ihr weiteres Fortkommen würde auch fernerhin gesorgt werden. Die Anwesenden bat der Redner um ihre unterstützende Kontrolle der verantwortungsvollen und erst Entwicklung nehmenden Bestrebungen. Dieses Heim gelte nur als Schulbeispiel. Mögen die Glaubensgenossen darnach trachten, daß deren noch viele in unserem Kronlande gegründet werden. Der Verein selbst aber werde seine Aufgabe nur mit der zentralen Lösung der Frage erfüllt sehen. Hierauf sprach Herr Dr. Fialla namens der Glaubensgemeinde und des israelitischen Waisen-Hilfsvereines, der „Moravia", allen Förderern den Dank aus, begrüßte mit aufrichtiger Genugtuung und unter Zusicherung kräftigster Förderung die neue Institution und knüpfte daran den wärmsten Wunsch für ihr Blühen und Gedeihen. Desgleichen brachte Herr Rabbiner Dr. Lewy den Wunsch zum beredten Ausdrucke, die neue Anstalt, die einen Hort der Liebe und der Zuflucht bedeute, möge vollen Erfolg haben. Er flehe den Segen des Herrn auf sie herab. Vize-Bürgermeister Rohrer beglückwünschte namens der Stadt den Verein zur Schaffung dieses Heimes. In Brünn sei die Waisenfürsorge ja stets besonders gepflegt worden und deshalb könne er die Unterstützung dieser gleichen Bestrebungen unserer Stadtgemeinde Zusagen. Hierin habe Brünn noch nie einen konfessionellen Unterschied gemacht und seinerseits könne der Verein auf die möglichste Unterstützung rechnen. Hiemit war die offizielle Feier beendet. Ihr Fernbleiben hatten entschuldigt: Landeshauptmann Graf Serenyi (mit dem Wunsche, daß den schönen Bestrebungen des Vereines der beste Erfolg zuteil werde), Landeshauptmann-

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