Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Llocd's Mloebenscdritt. Seite 713 einer Päßangelegenheit für einen Zögling aus Or Jehuda. Bei dieser Gelegenheit tat Herr Kenn Aeußerungen über unsere Glaubensgenossen, die bei einem rumänischen Konsul erstaunlich find und die ich deßhalb wiedergebe. (Allerdings ist Herr Keun, wie ich vorausschicken muß, nicht Rumäne von Geburt.) Nachdem die Paßangelegenheit erledigt war, die mich zu ihm geführt hatte, erzählte mir Herr Keun von den sehr herzlichen Beziehungen, die zwischen ihm und meinem verstorbenen Amtsvorgänger Herrn Pariente bestanden hatten. Er fügte hinzu: „Ich stehe mit den Israeliten von Smyrna seit sehr langer Zeit in Verbindung. Die Umwandlung, die Sie bei ihnen durch Ihre Schulen bewirkt haben, ist eine vollständige. Sie haben aus einer Bevölkerung, die nur zu niedriger und herabwürdigender Beschäftigung geeignet war, eine Bevölkerung gemacht, die auf die angesehensten Stellungen Anspruch erheben darf und fie auch erlangt. Niemals hat ein Werk so tiefgreifende und andauernde Wirkungen gehabt, wie die, die den Anstrengungen der „Alliance Jsraelite Universelle" zu danken find. Ich kenne sehr genau die verschiedenen Bevölkerungsteile der Stadt. Ich habe konstatiert, daß die jüdische Bevölkerung die ehrenhafteste, fleißigste, klügste und sauberste ist." „Dieses Urteil wird auch von Herrn Guiffray geteilt, einem französischen Katholiken, Direktor der Kaianlagen und der Straßenbahnen von Smyrna. Herr Keun, der neben seinem Konsulatsamt ein großes Kommissionsgeschäft betreibt, und Herr Guiffray haben eine Anzahl jüdische Angestellte, denen sie das günstigste Zeugnis ausstellen. N a b o n." Die sieben mageren Jahre. Aus Kairo wird der „Deutschen Orient-Korrespondenz" . geschrieben: In den Kreisen der Gelehrten, die sich insbesondere mit dem Studium der biblischen Geschichte befaffen, wird zweifellos eine von dem rühmlichst bekannten Egyptologen Brugsch Bey kürzlich gemachte Entdeckung großes Aussehen erregen. Es handelt sich um eine monumentale, aus dem 17. Jahrhundert vor Christi stammende Inschrift, durch welche nunmehr erwiesen wird, daß der Nil während eines Zeitraumes von 7 Jahren die für die Fruchtbarkeit des Bodens unerläßlichen Ueberschwemmungen nicht zeitigte, infolgedessen Egypten durch eine lange andauernde, schreckliche Hungersnot heimgesucht wurde. Bekanntlich ist 1700 v. Ch. das Datum des Beginnes der „sieben mageren Jahre", welche im Buche Genesis erwähnt und erörtert werden. Durch die erfolgte Entdeckung kann nunmehr diese bekannte biblische Erzählung fernerhin als eine geschichtliche Tatsache betrachtet werden. Die Beschreibung des Versagens des Nilstromes und der dadurch im Lande entstandenen langjährigen Hungersnot ist in einer Reihe von seltsamen Hieroglyphen verfaßt, welche Brugsch Bey glücklicherweise zu entziffern in der Lage war. Korrespondenzen. Wien. Die eben abgelaufene Session des Nied.-Oest. Landtags brachte den antisemitischen Volksrettern vielfach Gelegenheit, ihre Denkungsart abermals und in hellster Beleuchtung zu zeigen. Sie stach nicht ab von der ohnehin genügend bekannten Oede — weder in der Frage des Jmpfens, noch der Automobilsteuern, noch , der Warenhäuser. Daß der anscheinend um die öffentliche Moral so besorgte Herr E. Schneider diese Anlässe sich nicht entgehen ließ, um seiner zweiten Leidenschaft, dem Judenschimpfen, so ganz nach Herzenslust zu fröhnen, ist begreiflich, da er ja bekanntlich über andere Mittel nicht verfügt. — Wie schade doch, daß die jüngsten Kirchendiebstähle in Frankreich nicht von einem Juden — sondern, ach! von einer gutkatholischen und frommen Familie verübt wurden! Die allzu — seinen Auslassungen über einen ganzen Stand, die Krankeukassenärzte, welche von Herru.Schneider aus dem Schimpflexikon eines „Wasserers" geholt worden sein dürften, boten dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus die Handhabe zu einer Eingabe an den Landmarschall von Nieder-Oesterreich, worin um den nachträglichen Ordnungsruf ersucht wurde. Da der Vorsitzende Prinz Alois Liechtenstein hieß, so war auch der Erfolg, wie vorauszusehen, gleich Null. Mit dieser Nichtbeachtung eiiur im Interesse der guten Sitte und des Anstandes gestellten Bitte hat sich das blaublütige Parteioberhaupt nur selbst gerichtet. Es liegt auf der Hand, daß der edle Prinz, der das „Jüdeln" beim „blauen Luchsen" in Hernals früher selbst zu seinem Sporte zahlte, es nicht gewagt hat, die Anflegelung hochgebildeter, noch dazu abwesender M e n s ch e n seitens des plebejischen Gesinnungsgenossen zurückzuweiseu! Die Eingabe enthielt nichts, was gegen die Regeln der Höflichkeit und Billigkeit verstoßen hätte, wie ans dem Wortlaut, der hier folgt, ersehen werden kann. Wien, den 12. Oktober 1907. Euer Durchlaucht, Hochzuverehrender Herr Landmarschall k In der 29. Sitzung des Nieder.-Oesterr. Landtages der diesjährigen Session fand — laut amtlich stenographischem Protokoll *) der sattsam bekannte Abgeordnete E. Schneider in der Debatte über die Virsorgung der Gemeindeärzte Veranlassung, die Krankenkassenärzte durch den Zwischenruf zu stigmatisieren: „Lauter Juden, kein einziger Mensch, 98 Prozent Juden, lauter Betrüger!" Es ist gewiß nur dem Zufall des Ueberhörens zuzuschreiben, daß dieser unquaüfizierbaren Aeußerung, welche übrigens eine direkte Gesetzesverletzung in sich schließt, nicht sofort die verdiente Zurechtweisung seitens Euer Durchlaucht auf dem Fuße folgte. Ungeachtet sich der ergebenst Unterzeichnete Vereins- Vorstand sehr wohl des geringen Ansehens bewußt ist, das der Genannte allenthalben, auch in der eigenen Partei genießt, so muß er doch in Erfüllung seiner Aufgabe darauf bestehen, daß der Ordnungsruf nachträglich erteilt werde, und indem er sich hiermit beehrt, bie diesbezügliche Bittezu stellen, erlaubt er sich gleichzeitig, dieselbe ganz besonders mit dem Hinweis auf die Folgen zu begründen, welche erfahrungsgemäß derartige und in einem solchen Forum gefallene Aeußerungen aufreizender Natur — wenn sie ungerügt bleiben — bei der urteilslosen Menge nach sich ziehen. Mit der Abstattung des Dankes im vorhinein verbindet der ergebenst ui terzeichnete Vereinsvorstand die Versicherung feiner vorzüglichen Wertschätzung, mit der er die Ehre hat zu zeichnen in größter Hochachtung Verein zur Abwehr des Antisemitismus. (Unterschriften). Auch eine bereits im April d. I. anläßlich der Hetzreden seitens einzelner Reichratskandidaten, namentlich desselben E. S ch n e i d e r an das k. k. Ministerium des Innern gerichtete Eingabe hatte den gleichen negativen Erfolg. Wie aus dem ebenfalls hier nachfolgenden Inhalte zu ersehen, ist dieselbe ebenso in den vorsichtigsten Ausdrücken gehalten. Sie lautet wörtlich: Hohes k. k. Ministerium des Innern! Die maßlosen Ausschreitungen, welche siäi einzelne Reichsratskandidaten bei ihren gegenwärtigen Wahlreden gegen das Judentum erlauben, zwingen die ehrerbietigst *) Beztv. laut den Berichten in den Tagcsblätterr.: „Deutsches Volksblatt", „N:ue^ Freie Presse".