Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Teile 712 Dr. Llocb's MocdenscdrtN. Nr. 43 Das Bedürfnis von jüdische» Botts- und Jugendbibliotheken. Die Nachricht von der Gründung einer Vereinigung zur Schaffung von jüdischen Volks- und Jugendbibliotheken wird gewiß bei vielen mit Freuden begrüßt worden sein. Namentlich wird der Umstand, daß auch jüdische Jugendbibliotheken ins Leben gerufen werden sollen, in Religionslehrerkreisen freudigen Widerhall erwecken. Schon vor zwei Jahren hat Schreiber dieses an dieser Stelle die Schwierigkeiten hervorgehoben, mit welchen der jüdische Religionslehrer, zufolge des Einflusses der einseitig religiösen Zusammenstellung der Schulbücher wie nicht minder der Schulbibliotheken, zu kämpfen hat. An Jugendschristen im allgemeinen mangelt es uns wahrlich nicht, der Markt ist förmlich mit solchen überschwemmt; aber jüdischen Zwecken entsprechen diese in keiner Weise, ja weitaus der größte Teil wirkt schädlich. Abgesehen davon, daß alle diese Schriften im einseitig christlichen Sinne verfaßt sind, ist der Inhalt eines großen Teiles, wir machen uns keiner Uebertreibung schuldig, wenn wir behaupten, „des größten Teiles derselben" direkt antisemitisch; trotzdem, daß diese literarischen Produkte vom Lehrer approbiert werden, ehe sie der Schulbibliothek einverleibt werden. Die Lehrer, aus einem Milieu hervorgegangen, wo mehr oder weniger antisemitelt wird, bemerken bei der Lektüre eines solches Werkes gar nicht den schädlichen vergiftenden Einfluß, den es auf das Kindergemüt auszuüben geeignet ist. In vielen, ja sehr vielen dieser Jugendschriften sind in dem Inhalte Haudbrngen eingeflochten, oft förmlich hineingezwängt, die gar nicht zu dem Rahmen der Erzählung Pasten, teils, um nur den Juden Me möglichen und unmöglichen Untugenden anzudichten, teils, um auf Kosten der jüdischen Religion eine andere zu verherrlichen. Wir haben es auch nicht notwendig, wenn wir eine Jugendliteratur schaffen wollen, bei anderen Religionen oder Nationen Anlechen zu machen; die Geschichte unseres Volkes und seiner Religion bietet uns Stoff in Hülle und Fülle. An guten Schriften für Erwachsene, so auch für die reife Jugend fehlt es uns nicht. Die Ursache, daß diese nicht die verdiente Verbreitung gefunden, ist auch in dem Umstande zu suchen, daß es uns an jüdischen Volksbibliotheken gefehlt. Aber au Jugendschristen fehlt es uns ganz. Eine einzige jüdische periodische Zeitschrift „Jung Juda" ist vorhanden, die auch teilweise ihren Zweck erfüllt. Die Ursache, warum sie nicht die genügende Unterstützung findet, ist in der Gleichgiltigkeit unserer Glaubensgenoffen der Sache gegenüber, in der geringen Aufmunterung seitens der Religionslehrer zum Bezüge derselben, wie auch in der ungenügenden Ausstattung dieser Zeitschrift selbst zu suchen. Um das Jntereffe der Jugend für diese zu wecken, wäre es notwendig, dieselbe anders auszugestalten, in der Art z. B. wie „Oesterreichs deutsche Jugend", in demselben Format mit schönen Illustrationen.*) Die Erzählungen entsprechen vollkommen. Jedoch soll diese Zeitschrift auch der Schule, nicht der Religion allein dienen. Etwas aus dem Tier- und Pflanzenleben, Märchen, Heldensagen aus dem jüdischen Volke, schließlich kleine Schauspiele aus dem religiösen und Familienleben, wie auch aus Märchen fehlen eben dieser Zeitschrift ganz. Der Zug der Zeit ist wohl mehr für einen Unterricht auf realer Basis. Jedoch auch ein Lehrer, der noch so sehr auf diesen Standpunkt steht, wird den Wert des Märchens für das Kindesgemüt anerkennen und den Einfluß desselben nicht gerne miffeu. Unsere Literatur bietet hinlänglich Stoff für solche Lektüre und brauchen wir nicht im deutschen Märchenwalde Anlechen machen. Die Legenden des Talmuds, von kundiger Hand bearbeitet, könnten uns alles dieses ersetzen und das Kind nur sittlich beeinfluffen. *) Wir erlauben uns, den Verfasser auf „Unsere Hoffnung", Organ für die Mittelschuljugend, aufmerksam zu machen. (D. Red.) Solche Schriften wären geeignet, das Jntereffe des Kindes für die Geschichte seines Volkes zu wecken. Die Herren Religionslehrer werden mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, derartigen Schriften in der Familie Eingang zu verschaffen, so daß das Kind nicht genötigt sei, seinen Leseeiser in der Schulbibliothek zu befriedigen, welche in ihrer derzeitigen Gestalt nur geeignet ist, dem jüdischen Religionsunterricht entgegenzuarbeiten. Das Interesse für diese Literatur einmal geweckt, würde den Absatz solcher Schriften steigern, viele geeignete Geister zu neuem Schaffen auf diesem Gebiete anregen und die Gründung von Jugendblibliotheken erleichtern. Josef Schön. Empfang des jüdischen Klubs beim Ministerpräsidenten. Die Reichsratsabgeordneten Dr. Gabel, Dozent Doktor Mahler, Stand und Dr. Straucher hatten heute, einer Einladung des Ministerpräsidenten Freiherrn v. Beck folgend, mit demselben eine längere Unterredung. Der Klub hatte Gelegenheit, sich mit dem Ministerpräsidenten über die aktuellsten Tages- und galizischen Landesfragen, sowie über die Lage der jüdischen Bevölkerung eingehend auszusprechen, und es wurde ein neuerlicher Termin für die weitere Besprechung für die nächste Zeit bereits heute festgesetzt. Die rumänische Emigration. Infolge der Exzesse gegen die Juden und besonders infolge der grausamen polizeilichen Maßregeln und der Ausweisungen aus Dörfern, wodurch viele Hunderte jüdischer Familien um Erwerb und Existenz gebracht wurden, hat sich während der letzten Monate die Emigration aus Rumänien wieder bedeutend verstärkt. Sie wird wie in früheren Jahren in großen Gruppen über Wien in der Weise geleitet, daß Listen der Emigranten vom Komitee in Bukarest der „Israelitischen Allianz" im voraus eingesandt werden, so daß Vorkehrungen für den Empfang, die Verpflegung in Wien und die Weiterbeförderung nach überseeischen Ländern getroffen werden können. Nachdem bereits vor den verflossenen Feiertagen zwei große Gruppen rumänischer Emigranten nach Kanada befördert worden waren, weilte in Wien Anfang dieses Monates die dritte Gruppe, 133 Personen, Männer, Frauen und Kinder umfassend, welche, da sie an einem Freitag eingetroffen waren, über Samstag hier in Hotels untergebracht und verpflegt wurden. Gestern Abends traf mit dem Personenzuge 7.54 die vierte Gruppe, 180 Personen umfassend, von welchen jedoch ein Teil an der rechtzeitigen Abreise verhindert war, von ihrer Heimat hier ein. Sie war bis Wien vom Vertreter der Hilfsorganisationen in Bukarest Herrn Js. Astruc begleitet und wurde am Bahnhof vom Sekretär der „Israelitischen Allianz" Herrn Dr. Kaminka und Herrn Emil Jelinek erwartet. Durch die rechtzeitig getroffenen Vorkehrungen gelang es, unter Zuhilfenahme mehrerer Diener die Gruppe in den bereitstehenden Omnibussen noch am selben Abend zur Westbahn zu befördern und über Basel mit den für sämtliche Emigranten bereits ausgefertigten Schiffskarten nach Kanada zu expedieren. Die Emigranten wurden in ausgiebiger Weise mit Speisevorräten für die lange Bahnfahrt versehen. Vom Führer der vorletzten Gruppe erhielt die „Jsrealitische Allianz" namens sämtlicher Auswanderer ein Dankschreiben für die umfassende Fürsorge, welche ihnen während des Aufenthaltes in Wien gewährt wurde. Ein rumänischer Konsul über die Juden. Herr Nabon, Direktor der Alliance-Schule in Smyrna, hat an den Präsidenten der „Alliance Jsraelite Universelle" nachstehenden Bericht geschickt: „Smyrna, 8. Oktober 1907. „Heute habe ich zum .erstenmal den rumänischen Konsul Herrn Kenn besucht. Es geschah zur Regelung