Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. JBlocbs Mocdenscdrin. Seite 711 nein, wir find nicht mehr hartnäckig." Und dann sagt fich der Nachdenkliche Wohl weiter: „Wenn wir aber ein hartnäckiges Volk waren, wenn wir es noch find, mußten wir's nicht sein? Was wäre auf unserem Leidensweg durch die Jahrhunderte wohl sonst aus uns geworden? Konnten wir je an Erlösung glauben, je uns hingeben, je vergessen? Gellte nicht stets das Hepp-Hepp-Geschrei in unseren Ohren, brannte nicht stets unsere Hütten, bluteten nicht stets unsere Wunden? Wohl waren wir hartnäckig, aber welch andere Waffe hatten wir in dem grausamen und ungleichen Kampfe? Wohl waren wir hartnäckig, aber ohne unsere Hartnäckigkeit — wo wären heute der Menschheit heiligste Güter? Und man macht uns unsere Hartnäckigkeit zum Vorwurf! Welch ein Verkennen, welch eine Ungerechtigkeit!" Und dann steht der müdegelesene und heißgedachte Jude wohl auf und tritt ans Fenster und die kühle Abendluft und die leuchtenden Sterne schenken ihm ein wenig Erfrischung und Frieden. Und er erinnert fich, daß Gott sein Volk noch nie verlassen hat und daß Israel nicht untergegangen ist und nicht untergehen wird trotz allen Hasses, trotz aller Leiden, trotz aller Verfolgung. Ein hartnäckiges Volk und ein hartnäckiger Gott. Immer wieder errettet er die, die schon verloren schienen, immer wieder müssen die Feinde erkennen, daß fie nur die Körper töten und schänden konnten, daß der Geist aber lebt und unbesieglich ist. Und der Jude tritt zurück ins Zimmer an den Tisch und streicht in kosender Zärtlichkeit mit leichter Hand den Titel des Buches, den Titel, der eine Anklage sein soll und im Grunde doch nur ein Lob und eine Bewunderung ist. den Ehrentitel: „Ein hartnäckiges Volk." Professor Masaryk über die Hilsner-Affäre. . New-Aork, den 4. Oktober. Bekanntlich weilte Professor Masaryk mit seiner Frau vor Kurzem in Amerika, wo der Kämpfer für Freiheit und Recht in allen progressiven Kreisen Gegenstand herzlichster Ovation war. Hauptsächlich die Juden, und insbesondere die österreichische Landsmannschaft in New-Iork wurden nicht müde, den freiheitlich gesinnten tschechischen Gelehrten für sein mannhaftes, selbstloses Eintreten für die bedrückten Juden, besonders im Falle Hilsner, ihre Sympathie und ihren Dank zum Ausdrucke zu bringen. Die erste große Veranstaltung zu Ehren des hervorragenden Gastes wurde am 30. September vom „Verbände galizischer und Bukowinaer Juden in New-Iork" in einem der größten Säle New-Iorks veranstaltet. Der riefige Saal war bis zum letzten Plätzchen gefüllt. Den Vorsitz an diesem Abend führte der Verbandspräsident Mr. Semmel. Es wurden verschiedene Einführungsreden gehalten, unter anderen vom Abgeordneten Goldvogel, der die Versammelten mit den großen Verdiensten Masaryks um die Freiheit und den Fortschritt im Allgemeinen und um die Judenfrage im Besonderen bekanntmachte. Gerade am Schluffe dieser Rede erschien, von einer Deputation geholt, Professor Masaryk mit seiner Frau im Saale. Minutenlanger Applaus und Hurrahrufe begrüßten die Gefeierten. Nach Verlesung und einstimmiger Annahme einer Dankes- und Sympathieresolution ergriff Professor Masaryk das Wort. Er sagte unter anderem: „Ein tiefes Dankbarkeitsgefühl erfaßt mich in diesem Augenblicke für die große Ehre, die Sie mir erwiesen, aber ich lege Gewicht darauf, Ihnen zu erklären, daß ich mich nicht als Märtyrer fühle; ich habe nur das getan, was mir zu tun mein Menschlichkeitsgefühl diktiert hat und was zu tun meine menschliche Pflicht war. Ich will mich nicht besser geben als ich bin und ich bekenne hier offen und freimütig, daß es eine Zeit gegeben hat, da ich selbst daran glaubte, daß die Juden zu ihrem Opferfeste Christenblut brauchen. Zu meiner Entschuldigung bemerke ich, daß ich damals noch ein Kind war. Ich habe damals so sehr an diesen Irrwahn geglaubt, daß ich in der Schule verstohlenen Blickes die Kleider meiner jüdischen Schulkameraden musterte, ob fie nicht blutbefleckt seien. Ich habe daran geglaubt, weil meine Mutter, die eine strenggläubige, fromme Christin war, mir davon erzählt hat, und fie selbst glaubte auch nur deshalb daran, weil ihr von anderen Christen dieser Irrglaube beigebracht wurde. Als ich älter wurde, da geschah es, daß meine christlichen Kollegen einen jüdischen Schulgenoffen verhöhnten und mißhandelten, weil er abseits stand und mit dem Gebetriemen an Arm und Stirne leise betete. Auch ich habe mich an dieser Mißhandlung beteiligt. Der junge Mann kümmerte fich aber nicht um den Hohn und Spott seiner christlichen Studiengenoffen, er verrichtete sein Gebet ruhig weiter, bis er damit zu Ende war. An diesem Tage begann ich über Juden und Judentum nachzudenken, den psychologischen Regungen dieses Volkes nachzugehen und von diesem Tage an ist auch allmälig eine Aenderung meiner Gesinnung den Juden gegenüber eingetreten. Als Leopold Hilsner wegen Mordverdachtes verhaftet und unter Anklage gestellt wurde, interessierte mich die Sache herzlich wenig, ich habe kaum was von der Sache in den Zeitungen gelesen. Einige Monate später jedoch, ich befand mich gerade auf einer Ferienreise, erhielt i h von einem meiner gewesenen Schüler, einem Journalisten, einen Brief, in welchem er mir mitteilte, daß Hilsner im Sinne der Anklage verurteilt worden sei, ein Christenmädchen ermordet zu haben, um deffen Blut den Juden zu rituellen Zwecken für die jüdischen Osterfeiertage zu liefern. Der Journalist bat um meine Meinung. Ich antwortete meinem Schüler kurz und bündig, was er mir mitteile, sei einfach unmöglich, das Gericht hat in diesem Falle ein ungerechtes Urteil gefällt. Der Journalist veröffentlichte meinen Brief mit meiner Erlaubnis in der „Neuen Freien Presse". Jetzt fielen die Antisemiten über mich her, überhäuften mich mit Schmähungen, wie ich dazu käme, mich in diese Affäre zu mengen, gegen das Gericht Stellung zu nehmen und dergleichen mehr. Ich ließ mich von alledem nicht beirren. Mittlerweile begegnete ich einem meiner Freunde, der ebenfalls Univerfitätsprofeffor ist und von jüdischen Eltern stammt. Er erklärte mir im Vertrauen, daß er jetzt die Berechtigung des Ritualmordglaubens gegen die Juden anerkenne, ein Beweis hierfür sei das Urteil gegen Leopold Hilsner. Ich war ungemein überrascht und konnte die Frage nicht unterdrücken, wie ein gebildeter Mensch einen solchen Unsinn glauben könne, besonders wenn er von jüdischen Eltern geboren wurde und er daher wissen müsse, daß er in seinem Elternhause nie Aehnliches gesehen oder erfahren hat. Der Profeffor erwiderte, daß er wohl tatsächlich im Hause seiner Eltern niemals etwas gehört, was den Gebrauch von Christenblut durch Juden bestätigen würde, er glaube jedoch, es müffe unter den Juden eine geheime Sekte bestehen, die an die Verwendung von Christenblut zu rituellen Zwecken glaubt und deren Mitglieder diese Mordtaten begehen. Diese Aeußerung hat mich über alle Maßen intereffiert und ich entschloß mich nun, in die Oeffentlichkeit zu treten und gegen den verbrecherischen Unsinn der Ritualmordlüge mit aller Energie anzukämpfen. Ich hatte mir die stenographischen Berichte über den Prozeß Hilsner verschafft und alsbald die kraffen Widersprüche derselben herausgefunden. Ich mußte nach gründlichem Studium der Akten zu dem Schluffe kommen, daß noch niemals und nirgends die Lügenhaftigkeit des Ritualmordmärchens so klar und deutlich erwiesen wurde, wie gerade im Hilsnerprozeß. Ich veröffentlichte hierauf eine Broschüre, deren Ausführungen die Regierung zwangen, die Revision des Prozeffes anzuordnen. Der zweite Prozeß hat die Ergebniffe des ersten Prozesses völlig über den Haufen geworfen. Ich bin wegen meines Auftretens in dieser Sache stark verfolgt worden. Ich wurde auch angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Wahrheit kann nicht ewig unterliegen. Ich erblicke einen Sieg dieser Idee in der Tatsache, daß das Volk, daß mich bei meiner ersten Stellungnahme zur Hilsner-Affäre verdammte, mich später in den Reichsrat gewählt hat." Zum Schluffe sprach Profeffor Masaryk seine Zuversicht aus, daß die Hilsner-Affäre noch nicht endgültig erledigt sei. Die Wahrheit müffe endlich doch siegen! Langanhaltender Beifall des Auditoriums lohnte die intereffanten Ausführungen.