Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 710 s>r« Liocv's Mycvenscvrlrr. Nr. 43 allen Gebieten, wo uns die Betätigung gestattet war, hervorragende Kräfte jüdischen Glaubens gewirkt haben; aber wenn es sich um staatliche Anerkennung handelt, da versagt der Staat. Das erweitert nicht nur bestehende, sondern schafft neue Gegensätze und wirkt korrumpierend auf das öffentliche Rechtsbewußtsein. Früher gehörte Deutschland zu den Ländern, die nur um ihres Glaubenwillen Vertriebenen ein Asyl gewährt haben. Heute stößt man im Osten die einwandernden jüdischen Elemente zurück, die als Fermente deutschen Wesens gerade für die dortige Gegend so nützlich waren. „Deutschland kann keine fremden Juden brauchen." Die Ausweisung ist höchste Staatsraison. ES gibt aber ein Sittengesetz auch für Staaten, und die höchste Slaatsraison besteht in der höchsten Humanität und der höchsten Gerechtigkeit. Jüdischen Ausländern ge lingt es fast nie, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erlangen. Wenn aber das Judentum der Ausländer eine Hinderung für die Ausübung ihrer deutsch-staatsbürgerlichen Pflichten bildet, so ist das eine schwere Kränkung auch der deutschen Juden, denn diesen wirft man damit vor, daß ihr Glaube sie weniger dazu geeignet macht, nützliche Bürger unseres Staatswesens zu sein. Wir verlangen auch, daß in den Beziehungen zwischen Staat und Kultus mit gleichem Maß gemessen wird. Wir können auch ohne staatliche Alimentation bestehen; aber solange der Staat aus dem Gelde jüdischer Steuerzahler andere Kulte unterstützt, muß er gleiches Recht auch dem jüdischen Kultus gewähren. Von der „jüdischen Geheimlehre" wäre längst keine Rede mehr, wenn an dem Sitze der Regierung auch unserer Glaubensgemeinschaft eine Vertretung gewährt wäre. Es würde vielleicht auch verhütet werden, daß Christentum mit Religion verwechselt wird, wenn das jüdische Bekenntnis als vollwertige Religion von Staatswegen anerkannt wird. Es ist ein glänzendes Zeugnis für uns Juden, daß wir trotz alledem und alledem niemals unsere Vaterlandsliebe verloren haben. Die Stiefkinder haben ja die Eltern oft mehr geliebt, als diejenigen, denen Gunst und Liebe zuteil wurde! Dankbar erkennen wir an, daß Vielebesser geworden ist. Der Ewige, der die Zeiten wandelt, hat uns zu freien Bürgern eines mächtigen Staatswesens werden lassen. An uns liegt es, die Freiheit so zu nützen, daß aus ihr auch die Glei qberechtigung uns erblüht. Da gibt es keine Bescheidenheit, die bei freien Menschen nur Feigheit bedeuten kann. Aus deni Kampfe für unser Recht wird uns und dem Vaterlande in gleicher Weise Segen entsprießen, denn auch das zeugt für die providentielle Mission unserer, Glaubensbekenntnisses, daß die Stellung seiner Bekenner gleichbedeutend ist mit dem Kulturgrad der Völker, denen sie angchören. Wenn wir für unser Recht, unsere Freiheit kämpfen, kämpfen wir zugleich für die Kultur Deutschlands, für das Recht, die Freiheit und die Gleichberechtigung Aller. (Sehr wahr!) „Einigkeit und Recht und Freiheit Sind des Glückes Unterpfand. Blüh' im Glanze dieses Glückes, Blühe deutsches Vaterland!" Ein Sturm begeisterten, jubelnden Beifalls, der immer von Neuem losbrach, durchbrauste minutenlang den Saal, als der begnadete Redner geschlossen hatte. Nur mit Mühe konnte der Vorsitzende sich Gehör verschaffen, um zunächst den Referenten zu danken und sodann mitzuteilen, daß die Herren Professor Philippson und Dr. Loeb ihre Ausführungen in die nachstehenden Resolutionen zusammcngefaßt hätten, deren Annahme der Ausschuß empfehle: Die Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden erklärt: 1. Die durch Reichsgesetz und Verfassung gewährleistet.- Gleichberechtigung der .deutschen Staatsangehörigen jüdischen Glaubens wird sowohl im Heere wie bei der Besetzung öffentlicher Aemter fortdauernd verletzt. Der Verband wiederholt seine Forderung endlicher Durchführung der Gleichberechtigung im Reich und in den Einzelstaaten. Er fordert dies auch im Interesse des Staates selbst, dessen Daseinsberechtigung und wesentlichste Aufgabe in dem Schutz und derAufrechtcrhaltung von Recht und Gesetz besteht. Der Verband erhebt Widerspruch dagegen, daß durch Gewährung staatlicher Vorteile eine Belohnung des Glaubenswechsels srfolgt. 2. Der Verband erblickt eine Kränkung auch der deutschen Juden in der Ausweisung von Ausländern nur wegen ihres Bekenntnisses zum Judentum und in der fast ausnahmslosen Nichtgewährung d-r inländischen Staatsangehörigkeit an Ausländer jüdischen Glaubens 3. Der Verband fordert, daß, entsprechend den Grundsätzen des modernen Staatsrechts, der Staat, soweit er den Religionsgemeinschaften Berücksichtigung und Förderung gewährt, diese der jüdischen Religionsgemeinschaft in gleichem Maße wie den christlichen zu Teil werden lasse." Vom Jahrmarkt des Lebens. Das hartnäckige Volk. „Die Thora wurde Israel darum gegeben, weil es ein hartnäckig Volk ist." (Talmud.) In London lebt ein reicher jüdischer Finanzbaron. Er entstammt einer Frankfurter Familie, in der seit Generationen Judentum und Reichtum, also Kultur, Tradition wurden, einer Familie, deren Mitglieder, auf dem ganzen Kontinent verbreitet, überall eine hervorragende Rolle spielen, einer- Familie, die im Glanz goldener Tage allmälig die Qualen und Leiden vergißt, die die Herzen ihrer weniger begünstigten Volksgenossen erzittern machen; kurz, einer Familie, in der das Nationalbewußtsein fast erloschen ist und die nun auch beginnen will, das Religionsbewußtsein in sich zu ersticken. Der Baron will sich assimilieren; er will mit und in der englischen Gentry leben, er will die Sitten und Gebräuche der anderen sich zn eigen machen, er will sich nicht unterscheiden von den Söhnen des Landes, in dem er lebt, er will aufhören, zu dem hartnäckigen Volke zu gehören. Widerwillig erst und voll innerer Furcht folgt ihm seine schöne Frau auf diesen Weg zu den Fremden, aber allmälig frißt der Moloch Weltlust alle Sehnsucht ihrer Seele nach dem jüdischen Heim, und wie in einen tiefen Abgrund des Vergessens versinkt alles, was ihrer Jugend heilig war. Die Töchter wachsen heran, vermählen sich mit englischen Adeligen, die Söhne werden erwerbstüchtig und genußfreudig, und alles wäre gut, würde nicht in einem Kinde dieser Familie, einem Sohne, der alte Jude wieder aufleben. Rafael mißbilligt das Leben, die Pläne und Absichten seiner Familie, er fühlt die Schmach, die dem ärmsten Juden angetan wird, wie selbst erlitten, und auf welchem Fleck Erde er auch stehen mag, überall findet er den Boden von jüdischem Märtyrerblut getränkt; er kann nicht Freund sein mit den Verfolgern und Hassern seines Volkes, er kann sich nicht an die Tafel derer setzen, die seine Väter gemordet haben. Und so wird er zum Schmerz und Erstaunen seiner Eltern, zum heimlichen und offenen Aergernis und Spott der Geschwister der jüdischeste Jude, der je gelebt. Und nichts vermag ihn zu erschüttern, nichts zum Wanken zu bringen; nicht der Zorn des Vaters, der ihn enterbt, nicht die Liebe einer Frau des fremden Volkes, die sich ihm gern zu eigen geben möchte, wenn er nur ein wenig vergessen wollte, daß er zu dem hartnäckigen Volke gehört. Die Melodien des Lebens spielen süß und lockend, sehnsuchtweckend und freudeverheißend vor seinen Ohren, aber aus der Tiefe klingen Psalmen und Todesschreie, und wie Christus alles von sich warf, so wirft auch er alles von sich, was weltlich ist, um ganz seinem Volke zu leben. Von wenig Getreuen begleitet, von seiner Familie verschmäht und verlassen, zieht er als Prediger nach dem heiligen Lande, um sein Volk zu lehren und sein Volk zu erlösen, um sich selbst hinzugeben für das Heil Aller. Aber das hartnäckige Volk, das noch keinem Erlöser je geglaubt, es glaubt auch ihm nicht, und körperlich und geistig gebrochen muß er seinen Traum als nichtig erkennen, die Unmöglichkeit der Verwirklichung einsehen und Hoffnung und Leben mit einem Schlag verlieren. Wer kann Wasser aus dem Stein schlagen? — — So weit ein englischer Erzähler, der aus dieser Fabel ein sehr schönes Buch machte, ein Buch voll Sympathie für das Judentum und voll zorniger Verwunderung über die Juden. „Wahrlich, Ihr seid ein hartnäckig Volk", schilt dieses Buch, „die Besten unter Euch macht Ihr leiden, nie glaubt Ihr, nie gebt Ihr Euch hin. Wie soll Euch geholfen werden?" Der jüdische Leser aber, der dieses Buch mit Jntereffe lesen wird, der prüft gewiß in nachdenksamer Stunde das Bild, das der christliche Erzähler von ihm entworfen hat, und fragt sich: „Sind wir wirklich ein so hartnäckiges Volk? Hat der Dichter Recht?" Und mit leisem Seufzer gesteht sich dann der Nachdenkliche: „Ach, wir sind kein hartnäckiges Volk mehr. Wir Alle fangen an zu vergessen, wenn auch stets von Neuem mit Blut und Flammen unsere Erinnerung aufgestachelt wird. Wir find nicht mehr, was wir einstens waren, was wir noch heute sein müßten.