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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-25 · 43 (25.10.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
43 (25.10.1907)
Date
1907-10-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 708 Dr. Lwcb's Mocbenscbrirr. Nr. 43 Menschheit. Man hat allmälig aufgehört, von dem „Nationalgott" der Juden zu sprechen. Da der einzige Gott der Gott der Menschheit ist, so kann er nicht der Gott eines Staates sein. Nimmermehr kann man bestreiten, daß der Messias für Israel zugleich der Messias für alle Völker ist. Darum sollten wir die tiefste politische Weisheit des Propheten Jeremias uns zum Leitstern machen. „Weinet nicht um den Toten; weinet um den, der geht und nicht zurückkehrt und wiedersieht das Land seiner Heimat." Der einzige Gott hat uns unser Vaterland entriffen, um es in der Menschheit uns wiederzugeben. Den einzigen Gott haben wir in der W^lt zur Anerkennung zu bringen; das ist unsere Aufgabe in der Weltgeschichte Hätten wir diese nicht oder nicht mehr, so hätte es keinen jüdischen Sinn, unseren Stamm zu erhalten. Im modernen Sinne sollte man daher auch nicht mehr von einem jüdischen Volke sprechen. Der moderne Staat fordert eine einheitliche Nation, aber keineswegs eine einheitliche Nationalität. Es ist ebenso theoretisch wie moralisch falsch, wenn nationalistische Richtungen diesen Unterschied nicht beherzigen. Wir alle sind tief von dem Bewußtsein durchdrungen, daß wir unseren Staat lieben, daß wir in ihm nicht nur überhaupt die Rechtsordnung ehren, sondern die Rechtsordnung unserer Heimat, die uns ins Herz gewachsen ist. Es ist ein Widerspruch gegen den messianischen Grundgedanken, gegen die Mission Israels, daß wir einen eigenen Staat uns machen könnten, uns machen dürsten. Trotz unserer Leiden und trotz aller Kränkungen fühlen wir uns längst nicht mehr in der Verbannung. Wir leben in unserer Heimat (Bravo!); wir leben in unserem Staat und für unseren Staat. (Anhaltender Beifall und Händeklatschen.) Dieser Staat vermittelt uns die Segnungen der allgemeinen Kultur; eine eigene jüdische Kultur gibt es nicht. Wir atmen in Kunst und Wissenschaft, in der allgemeinen Kultur, und nur in der Gotteslehre sind wir Juden und wollen wir Juden bleiben. (Bravo!) Wir unterschätzen den Kulturwert anderer Religionen wahrlich nicht. Aber diese geschichtliche Unbefangenheit darf uns nicht irre machen an unserer eigenen Aufgabe in der Geschichte. Andere Auffasiungen iu Ehren, uns aber dark das Hochgefühl nicht verlassen, daß wir die Idee des wahrhaft einzigen Gottes unter den Völkern zu lehren und zu leben haben. Zu dieser Aufgabe gehört es, daß wir den Völkern der Erde in allen Fragen der Kultur außer der vom einzigen Gott uns innerlich anschließen und eingliedern. Ihr Volk sei unser Volk, denn ihr Staat ist unser Staat. Es ist die notwendige Folge des messianischen Gottesglaubens, daß wir unser Vaterland lieben, denn die messianische Menschheit bedeutet keineswegs den Untergang der Völker, sondern vielmehr ihre Vereinigung in der Sittlichkeit. Aber der messianische Gott stellt nicht nur das Zukunftsbild der Weltgeschichte dar, sondern er fordert auch die unverdrossene Anteilnahme an den einzelnen konkreten Aufgaben des Staates. Es ist die Aufgabe des Juden, an der Herbeiführung des messianischen Zeitalters im Staate seiner Heimat mitzuwirken. Unser Staat ist unser Vaterland (Bravo!) und unsere messianische Religion selbst ist es, welche uns nicht nur gebietet, sondern welche ihrem Begriff gemäß es möglich macht, daß wir unseren Staat als unser Vaterland erkennen und lieben lernen. Wir deutsche Juden stehen nun aber in einem ganz besonderen Verhältnis zu unserem deutschen Vaterland. Nur Italien, in dem von seiner Renaissance an den Juden ein innerlicher Anteil an der allgemeinen Kultur geschaffen ist. könnte für die italienischen Juden selbst hiermit in Vergleich kommen. Deutschland ist das Mutterland der Kultur für die europäische Judenheit überhaupt. Der tiefere Grund dafür liegt sicherlich in der inneren Wesensverwandtschast desMdischen und des deutschen Geistes, worauf schon Heine hingewiesen hat. So konnten wir seit der Römerzeit in Deutschland seßhaft werden, und es gab keine Zeit, in der in Deutschland trotz aller Verfolgungen nicht dennoch immer Juden geblieben wären. So konnte deutsches Wesen sich uns einpflanzen und in Geist und Gemüt lebendig und fruchtbar werden. Mit derselben Anhänglichkeit, welche noch im fernsten Orient die Nachkommen der Opfer der spanischen Inquisition an die Sprache der spanischen Heimat knüpft, sind die Juden überall, selbst bis ins südliche Rußland, dem mittelalterlichen Deutsch treu geblieben. Wir teilen mit den Deutschen den Sinn für die Weltliteratur, aber unsere deutschen Dichter stehen uns doch näher. Die Grundidee unserer klastischen Literatur ist die weltbürgerliche Humanität, entsprechend dem innersten Wesen unserer Religion, der messianischen Humanität. Bei Herder zeigt sich diese Gleichartigkeit des Wesens im „Geist der hebräischen Poesie" und in den „Ideen zu einer Philosopbie der Geschichte der Menschheit." Dieses Zeitalter der Humanität hat auch für die Tiefe unserer prophetischen Grundgedanken den Sinn in uns geweckt, den Blick uns geweitet. Moses Mendelssohn ist der Doppelsprob dieses einheitlichen Wesens, und wenngleich wir sein religionsphilosophisches Programm nicht annehmen konnten, so betrachten wir uns doch als die Erben seines jüdischen und seines deutschen Geistes. (Beifall.) Als drittes Postulat stelle ich die Forderung einer gestärkten Sorge für unsere Wissenschaft. Unsere Lage erfordert in Allem eine doppelte Fürsorge: für die ideale Zukunft, damit wir das prinzipiell Richtige nicht verfehlen, und für dre Gegenwart, damit ihren Mängeln tunlichst abgeholfen werde. Die finanziellen Schwierigkeiten sind hierbei schon sehr empfindlich; dazu kommen aber auch noch innere Schwierigkeiten. Unsere Rabbiner sind in der Hauptsache zugleich unsere Profesoren. Wir sind daher in der Bibelforschnng ins Hintertreffen gekommen, und wir müssen auf diesem unserem eigensten Grund wieder in den Vordergrund kommen. Zu diesem Zwecke müssen wir unser literarisches Ghetto allgemach verlassen und den Weg zur Universität anstreben; das ist das Forum, auf dem und vor dem die Gegensätze ausgekämpft und ausgeglichen werden. Bis diese Mauern fallen, müssen wir dafür sorgen, daß .wir unsere eigenen Lehranstalten im Sinne der Universitäten immer innerlicher und immer breiter und weiter und umfangreicher ausbauen. Das ist ebensosehr Religion, wie Wissenschaft und Politik. Unsere politische Gleichberechtigung stützt sich im letzten Grund auf die geistige Kraft, die wir aus unserer Religion schöpfen. Jedes Kulturleben aber ist ein geistiges, nicht nur ein seelisches: die geistigen Schätze müssen neu erworben, durch neue Arbeit wieder neu entdeckt, in neuer Gestaltung fortentwickelt werden. (Bravo!) Das gilt von der rabbinischen Lehre nicht minder, als von der Bibel, und das weite Feld unserer religionsphilosophischen Literatur, welche mit dem neunten Jahrhundert einsetzt, steht noch ganz offen. Nur wenn wir aus der Geschichte unserer Religionsphilosophie heraus es erweisen, daß die Idee des einzigen Gottes in ethischer Klarheit nach ihrem Zusammenhang mit der Idee der sittlichen Menschheit immerdar erkannt und behauptet worden ist, nur dann können wir an der Wahrheit unserer Religion eine zuverlässige Ueberzeugung befestigen und mit Würde ihre Bekenner bleiben. Das ist die Bedeutung unseres Verbandes, daß wir nicht nur aus politischem Freisinn und aus Gerechtigkeitssinn und nicht nur aus angeerbter Zugehörigkeit zu unserem Stamme Juden sein wollen, sondern daß wir deutsche Juden sind und bleiben wollen im Glauben an den einzigen Gott." (Langanhaltender, stürmischer Beifall im Saal und auf den Tribünen.) Referat des Herrn Prof. Dr. M. Philippson-Berlin über „Staatsrntereste und Judenpolitik": Nicht nur als Israeliten, nein, als Deutsche Staatsbürger fordern wir die integrale Ausführung der von Gesetz, Verfassung und europäischer Kultur gebotenen Gleichberechtigung aller Bürger ohne Ansehung der Abstammung und des Bekenntnisses. Die Zerstreuung der Juden, die nahezu 2000 Jahre dauert, umfaßt einen längeren Zeitraum, als die Zeit ihrer Existenz als selbständiger Staat. Sie mußten sich in dieser Zeit den Lebensbedingungen fügen, die ihre Wirtsvölker ihnen boten, und diese waren je nach den Anschauungen des betreffenden Staates über die Behandlung religiöser Minderheiten verschieden. Das Altertum hat sich fremden religiösen Bekenntnissen gegenüber durchaus neutral verhalten, solange sie die Staatsreligion nicht angriffen. Die Christenverfolgungen in Rom sind nur dem nach römischer Auffassung sakrilegen Verhalten der ersten Christen entsprungen. Aber kaum war die Kirche zur Herrschaft gelangt, so stellte sie den Anspruch auf alleinige Geltung, und schon Augustin verkündete den Zwang gegen alle Andersgläubigen förmlich als ein Dogma. In den Juden indessen erblickte die Kirche einerseits die Nachkommen derer, die „den Heiland gekreuzigt" hätten und ihn fortgesetzt beleidigen, andererseits lebendige Zeugen für den Ursprung des Christentums und den Fluch, der sichtbarlich auf ihnen ruhte, als die Strafe für den „Frevel gegen den Erlöser". Man behandelte sie mit Demütigungen, schließlich auch mit Austreibung und Plünderung, wobei die Staaten ja ihre Rechnung fanden. Man hätte die Juden wohl überall vertrieben, hätte man sie nicht zum Geldhandel nötig gehabt, den die Kirche verbot, den das Wirtschaftsleben aber nicht entbehren konnte. Sobald die Juden sich jedoch an diesem Handel bereichert hatten, nahmen die Machthaber den allgemeinen Haß zum Vorwand, um ihnen ihre Habe zu entreißen. Die Reformation hat hierin zunächst keine Besserung gebracht. Nur wenige Herrscher, wie der große Kurfürst, besaßen so viel Einsicht und Duldsamkeit, um die Juden bei sich aufzunehmen, während sie anderwärts — in Skandinavien und zahlreichen italienischen und deutschen Staaten — vertrieben wurden. Aber sie blieben verachtet: Jude und Wucherer galten als identische Begriffe. Ihre Vorstellungen, man möge sie zu anderen Gewerben zulasten, fanden kein Gehör. Nachdem aber im Westfälischen Frieden die verschiedenen christlichen Konfessionen als gleichberechtigt anerkannt worden waren, konnte die Aufrechterhaltung einer Kirche nicht mehr die vornehmste Aufgabe des Staates bleiben. Das Erwachen des wissenschaftlichen und kritischen Geistes, die Entwicklung der Naturwissenschaften überwanden den strengen Konfessionalismus. Die eigentlichen Juden-Verfolgungen blieben nun aus; aber es blieh auch die soziale Abneigung. Von allen Kasten und Ständen bildeten die unterste Stufe die Juden. Das Staatsinteresse schien zu gebieten, sie in möglichst engen Grenzen und getrennt von den anderen zu halten. Ein neues Zeitalter beginnt mit der französischen Revolution im Jahre 1789. vie Unterscheidung der Bürger desselben Staates nach Stand und Bekenntnis hat sie grundsätzlich verworfen. Am 17. September 1791 hat die französische Nationalversammlung die Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen, und sie Hai diesen Grundsatz nach Belgien und Holland, nach Deutschland und Italien übertragen. Auch als religiöse Gemeinschaft wurden die Juden den anderen Religionen gleichgestellt. Napoleon hat den israelitischen Kultus von Staatswegen geordnet und reorganisiert. Seit 1830 standen die jüdischen Geistlichen als Beamte den christlichen gleich, bis zur Trennung von Staat und Kirche im Jahre 1906. Die neue Richtung war auf vollkommene Trennung des Staatsinteresses von der Religion orientiert. Die Politik sollte unabhängig sein von religiösen Anschauungen und die Religion unabhängig von politischen Rücksichten. Dagegen berief sich das konservative Element auf eine geradezu entgegengesetzte Theorie: die vom „christlichen Staate". Ihr

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