Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 706 L>r. JbiocD s Miocvens^orm, Nr. 48 äiv Zeit zwischvu äsr Rörnsrhorrscbaft uuä äsr EiuwLuäsruug äsr Gcrrnuucu oäor — Slaven — mit hypothetischen Judenansiedlungen auszufülleu suchen. Doch auch diese Hypothese stützt sich auf eine geschichtliche Tatsache. Es steht ausser Frage, dass die Juden, die im 9. Jahrhundert nachweislich den Welthandel vom Frankenlande bis nach China fast ausschliesslich beherrschen, schon im Gefolge der Römerheere, wie an den Rhein, wo wir aus den ersten Jahrhunderten der üblichen Zeitrechnung bereits von jüdischen Gemeinden, wie Köln, hören, doch noch weit eher an die Donau gekommen sind und in Noricum und Pannonien, zunächst als Armeelieferanten, ihr Geschäft gesucht haben. Sie waren auch die ersten „Zivilisten“ in einem eigenen Quartier neben dem alten Castrum Viudobonense. Schon aus 12. Jahrhundert werden Wiener Rabbiner erwähnt, und bereits 1204 begegnet uns in einer Urkunde eine Wiener Synagoge. Die archäologischen Funde, die in jüngster Zeit die Kanalisierungsarbeiten am Judenplatz zu Tage gefördert haben, erhärten von neuem die alte Annahme eines Wiener Judenviertels zur Römerzeit. Eines steht zweifellos fest: Lange vor den Vorfahren der heutigen Herren von Wien wohnten in seinen Mauern jüdische „Bürger“ (als cives Romani). Somit ist die Sage von einer Judengründung in Wien nicht ganz aus der Luft gegriffen. * * * Eine der Quellen oder Varianten dieser Tradition scheint in einem alten — undatierten — losen Blatt vorzuliegen, das mir im Hofkammerarchiv begegnet ist und folgenden Stammbaum jener mythischen ältesten Herren von Oesterreich aufstellt: Des Landes Oesterreich Anfang und Regierung von Heiden, Juden und Christen, biss auf Kaiser Maximilian um, den ersten, 1611 von anfang nach der Sindtflut als hey 1446 Jahren und vor Christi geburth bey 1600 Jahren vnd nach Christi geburtt wieder 1500 Jahr. (Zunächst werden die Heiden, an ihrer Spitze Abraham (!) aufgezählt.) 1 Abraham ein Griechischer Heidnischer Starcker Ritter sucht ihme ein freyes heimb eröfnen, zog vber meer in dis landt, mit Weib vnd Kindt, zur Zeit da Moises die Kinder Israel auss Egipten führt, zuvor aber wardt dis landt genennet von dem Jonico dem Vierden Sohn Noe Jndiscipta. Aldieweil dieser Jonicus wie ein Sternseher weissagte, ds ein landt wehre gegen Mitternacht darin solle gross wein wachsen erbanden, darumb nennet ers Indiscipta oder Indissieba ds ist ein Loh der Truneken. Wie er nun diess landt besehen, pauet er ein Stadt nennet sie Arartim oder Arachim heist yetz Stockeraw. Regiert 3 2 Althain Abrahams Sohn, der erst Marggraf, bracht viel Volcks zusamben, besetzt das landt, verkehrt den nahmen des landts, nennet es Arachien, schrieb sich Marggraf von Arachin u. s. w. u. s. w. 1 12 Für Oesterreich trifit dies schwerlich zu. Die Namen der angeblichen jüdischen Herrscher (s. unten) sowohl als auch das Motiv: Abraham zieht der weitberühmte Wem nach Oesterreich — sind durchaus uujüdisch. Summa der Heidnischen Regenten 29, darunter Marggrafen 4, Herzogen 24 Ritter. (Nun folgen die Juden.) Regenten Hertzog Juden § 3 Toonsn vnd seine Brüder. Sconan regiert Oesterreich, welches damals Mitteraus hiesse, sein Bruder Sciptan herschet ob der enss, vnd Mavor ihn Mährern. 25 1 45 31 Rippan 26 2 43 32 Selan der 1. auss Vngern 27 3 30 33 Sallay der Neyder 28 4 9 34 Loptan, aus Bibern, er wandelt des Landes nahmen Mittenaus, nennet es Fanan 29 5 41 85 Malan auss Vngl. (Ungarn) 30 6 31 36 Fantones nent ds Landt Aurata 31 7 46 37 Roptan aus Vngern 32 8 32 38 Mathan 33 9 41 39 Rethou aus Vngerlandt 34 10 30 40 Athallon 35 11 45 41 Raban nent ds landt Phillan 36 12 1 42 Effra 37 13 29 43 Naben 38 14 31 44 Kanier von Behem nent das landt Kainmorina 39 15 40 45 Someth 40 16 38 46 Roland von Bebemb 41 17. 50 47 Jannoch nent ds landt Coradatia 42 18 58 48 Manthon war ein Judt, vnd liess den Glauben, wardt ein heidt 43 30 S Summa der Judeischen Regenten 18. * * * Trotz aller Lieblosigkeit, die ihnen gar oft die Stadt der Lieder zu einer Stätte der Leiden wandelte, haben die Juden Wiens seit jener altersgrauen Vorzeit bis auf diesen Tag ihre Anhänglichkeit an die Heimat in allem Wechsel des Geschickes tausendfach erwiesen. War doch des Juden Dasein auch an anderen Orten nur eine Erholungspause von der einen zur anderen Katastrophe. Die Würdigung dieser jüdischen Treue gegen die heimische Scholle beginnt — in neuester Zeit — sich Bahn zu brechen. In dem Festspiel zum dreihundertjährigen Bestehen der Stadt Mannheim bat der Dichter, Herbert Eulenberg, in einem alten Juden den Typus dieser dankbaren Beharrlichkeit in erfreulich vorurteilsfreiem Sinne verkörpert. Nach dei Zerstörung Mannheims durch die Franzosen 1689 verlässt die Bevölkerung, hier durch einen Christen (!), sein Weib und Kind vertreten, leichten Herzens den heimatlichen Grund, um nach neuen Zielen auszusehauen. Nur der alte Jude klammert sich an einen Baum und will um keinen Preis den Christen folgen. „So musst du diesen Baum erst niederbiegen Und mich mit ihm aus unsern Wurzeln hier Losreissen.“ Der Mann will ihn forttragen. Doch die Frau spricht: „Lass ihn doch! s’ist kein Plaisir, Den alten Kerl uns auch noch aufzuladen. Der Mann: Er half mir einst in Not zu seinem Schaden. Die Frau: Ach! Das ist lange her. Was redst Du mir!