Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 43 (25.10.1907)
- Date
- 1907-10-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 4L Dr■ Bloch’s JahrgangXXIV Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wien, 25. Oktober 1907. — Lrscvetnt jeden fveftag. Brief-Adresse: Mlen» IX/r, Lerggasse 39. Telegramm-Adresse: Llocd's Mocbenscdrltt» Mien. Inhalt: Leitartikel: Juden in den Uranfängen der Stadt Wien. — Verbandstag der deutschen Juden. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Das hartnäckige Volk. Professor Masarhk über die Hilsner-Affäre. Das Bedürfnis von jüdischen Volks- und Jugendbibliotheken. Empfang des jüdischen Klubs beim Ministerpräsidenten. Die rumänische Emigration. Ein rumänischer Konsul über die Juden. Die sieben mageren Jahre. — Korrespondenzen: Wien. Brünn. Nikolsburg. Stuhlweißenburg. Petersburg. Odessa. Jassy. — Vermischtes: Spendenverzeichnis der israelitischen Kultusgemeinde. Bethausspenden. Chewra-Kadischa. Unterrichtskurse der Tohnbee-Halle. Floridsdorf. Oberlandesgerichtsrat Dr. Löwner. Leipnik. Oderberg. Podersam. Budapest. Klattau. — Feuilleton: Berdiczew in Paris. Eine Chassidim-Geschichte. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. »-« A. k. Pofisparksssrn-Arni aieartng-Ü erfc ebr mr. 810.976. Drdakiion und Administration: Wir» ix/i. Lerggasse Nr. 39. Velelo» «r. 14.847. *-R f----» Beiuyisprtia für Vrfirrrrirtz: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzetle 24 Heller. ,1 uävil in «len Hrantüngon der 8tadt Wien. Yon Dr. Max Grunwald. Nach dem Vorgänge des Matthäus oder Gregorius Hagen wissen die alten österreichischen Chronisten, so auch noch Fuhrmann (Alt- und Neu-Wien 1738) von einem Judenreiche (Judeisaptan) in Oesterreich zu berichten, das von Herrschern regiert wurde, die Wien gegründet und hier, sowie in Tulln, Stockerau und Korneuburg residiert haben. 859 Jahre, 9 Monate nach der Sintflut, am 12. des Brachmonates, sei Abraham mit seinem Weibe und seinen Söhnen aus der terra Ammiracionis oder Theomanaria nach Auratim (Stockerau) in Judeisaptan gekommen. Die Gräber der — 72 — jüdischen Fürsten waren (nach Läzius, De aliquot gentium migrationibus etc.) in Nussdorf, Korneuburg, Greifenstein u. a. 0. zu sehen. Auffallend ist in der Tat: schon im frühen Mittelalter eine Unzahl von Orten in Oesterreich, deren Namen mit „Juden“ gebildet sind, so in Oesterreich ob und unter der Enns: Judenau bei Tulln (1155 erwähnt), Judenfurt 1275, Judendorf bei Wolfern (Bez. Steyr) 1371, Judenhof (Bez. Ybbs), Juden weis (Bez. Mistelbach) und Judenleithen (Bez. Berg). Judenburg in Steiermark hat ja(von 1075) bis heute seinen Namen und im Wappen den Judenkopf — diesen freilich aus späterer Zeit — behalten. In Spitz an der Donau kennt man noch jetzt zwei Judenkeller und einen Weinberg, der „Jud“ genannt. * *) (Blätter des Vereines für Landeskunde von Niederösterreich, XVII., 435.) In Krain bei Rozanc bei Cernembl nennt das Volk die Felsenkluft bei einem Mithrastempel „judovska kapela“ oder v Judjch („Argo“ I). (Auch in Serbien heissen die Grabstätten beim Kastell auf Rgotski „Zidovsko“.) Von den „Judendörfern“ in Deutschland, wie bei Magdeburg, bei Halle, Salzwedel — ein „Judendorf“ ja ') Solcher drei kannte man in Wien noch im XVI. Jahrh. auch bei Graz — wissen wir, dass dieser Name, gleich den „Judenstrassen“, die später, wie in Breslau, Gleiwitz und Trenczin, in „Karlstrassen“ umbenannt worden sind, tatsächlich auf eine alte, jüdische Ansiedlung hinweist. Dies gilt sicherlich auch, wenigstens zum Teil, für die genannten österreichischen Orte. Vor der Katastrophe vom Jahre 1421, der grausigen „Wiener Geserah“, wohnten, wie die von Uhlirz u. a. herausgegebenen Regesten der Stadt Wien und andere Quellen berichten, Juden in allen Städten, Dörfern und Flecken in Oesterreich und der nächsten Nachbarschaft, wie Wien, Tulln, Salzburg, Marburg, Perehtoldsdorf, Oedenburg, Steyr, Eggenburg, Klein- Zell, Wiener-Neustadt, Herzogenburg, Krems, Traiskirchen, Villach, Linz, Klagenfurt, Neunkirchen, Waidhofen, Ybbs, Raab, Feldsberg, Retz, Klosterneuburg u. a. m.2) Vor der Landesverweisung von 1670 finden wir in Wien und der nächsten Umgebung Juden in Waidhofen, Taxenberg, Dobersberg, Langenlois, Gobelsburg, Weitrafeld, Steindorf, Greifenstein, Stockerau, Windsteig, Hainreich, Schrems, Litschau, Weitenegg, Achau, Zwölfaxing, Tribuswinkel, Waltersdorf, Krottendorf u. s. w. Im Volke auf dem Lande lebt noch vielfach ergänzende Ueberlieterung.a) So muss man mindestens in einigen jener seit dem 12. Jahrhundert urkundlich nachweisbaren „Juden“-orte Judenansiedlungen vermuten. Für manche dieser Bezeichnungen mag allerdings die Erklär ung gelten4), dass die alten Chronisten *i Dort findet sich auch (vgl. Grunwalds »Auf blutigen Spuren« in Nr. 38 d. J. der »Oest. Wochenschrift«) ein Hans Judenfeind in Passau. Der Bischof von Passau als Schuldner von Juden s. Fortsetzung. *) Herrn Rabbiner Dr. Schmiedl sind, wie er mir berichtet, solche Traditionen in seinem diesjährigen Sommeraufenthalte begegnet. Diese Spuren, die sich vonJahr zu Jahr mehr verwischen, zu sammeln, ist hohe Zeit! *) Es sei auch die Annahme erwähnt, die Juden selbst hätten durch solche Erfindungen ihren vorchristlichen Aufenthalt in der neuen Heimat dartun wollen, um so jeder Anklage auf Anteil an der Kreuzigung des christlichen Heilandes vorzubeugen*