Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 702 Dr. VlolD's MotDenscLrM. Nr. 42 wurde zu eiuem würdigen Zwecke geopfert; ein Kind wie Mendel verdient es. Er hatte Ruhm und Ehre über seine Eltern gebracht und selbst, wenn der Betrag zehnmal größer hatte sein müssen, Mendel wäre jedes Opfer wert gewesen. Was für - ein Gegensatz war er doch zu Jonas, der seinen Eltern noch keine freudige Minute verschafft hatte, Jonas, der Friedensstörer, der Räuber, der Spieler und, wie die Leute erst vor einigen Tagen dem Vater hinterbracht hatten, der Trinker. Ja, daher der irre Blick, die verworrenen bösen Reden, die öftere Abwesenheit vom Hause! Doch die Eltern würden auch ihre Rache für ihr böses Tun haben. Wenn für ihn der Zeitpunkt des Einrückens da sein wird, wird nicht eine Kopeke für seine Befreiung im Hause sein. Er soll nur dienen und er soll eine Züchtigung empfangen. „Hebe es sorgsam auf," sagte der alte Simon, als er seinem Sohne das Päckchen Rubel übergab. „Dessen kannst Du sicher sein," sagte Mendel lachend. Und er ging alsbald auf sein Zimmer und barg das Geld auf dem sichersten Platze, den er ausfindig machen konnte — unter seinem Kopfpolster. Dann kleidete er sich aus und ging ins- Bett; morgen wollte er zeitlich ausstehen. Am Tische stand ein winziges Kerzenrestchen. Es war so kurz, daß es kaum nochmals zu benutzen war, aber es war doch schade, es auszulöschen. Bei diesem Licht konnte er noch füglich ein Kapitel der Gemorah lesen. So holte sich Mendel denn das Buch und setzte sich zur Arbeit nieder. Es war eine leichte Stelle, die nicht viel Anstrengung erforderte. Vielleicht wurde er deßhalb so rasch müde und schläfrig. Doch das Kapitel sollte zu Ende studiert werden. Seine Augen schlossen sich; im nächsten Augenblick waren sie wieder offen. Dann hielt er sie wieder geschloffen, diesmal etwas länger, dann noch länger, bis sie ganz zublieben; Mendel war eingeschlafen. Aber das Kerzenstümpfchen brannte noch, obzwar es nur einen halben Zentimeter hoch war. Nach und nach brannte es bis zM Tischfläche herab, es zuckte hin und her und schien seine Seele auszuhauchen, denn sein Lebenselement, der Talg, war: schon zerschmolzen. Doch ein bischen Talg hatte sich in das Tischholz eingesogen und das Dochtlichtlein klebte an dieser Stelle fest. Es bemächtigte sich des Fettes und dehnte und streckte sich im übermächtigen Drange nach mehr. Gierig leckte die Flamme das wurmstichige Holz, kroch weiter und tiefer hinein, bis sie endlich festen Halt gewonnen hatte und nun stieg sie empor wie die Flagge des Siegers über eine gefangene Festung. Mendel schlief fest; plötzlich spürte er einen starken Reiz im Halse, dann einen empfindlichen Stich an der Wange. Er sprang auf, doch sein Schreckensruf erstickte in dem dicken Qualm und Rauch. Wo war die Tür? Gott sei Dank, seine Hand hatte die Klinke erwischt. Er riß sie gerade im Augenblicke auf, als die tanzenden Feuerkobolde auf seinen Strohsack gesprungen waren. „Vater, Mutter, Feuer ist im Hause, rettet Euch," gellte seine Stimme in ihr Zimmer hinein. Einen Augenblick später standen Mendel und seine Eltern gerettet auf der Straße und blickten schreckensbleich auf das brennende Dach, das sich zu einer gegen Himmel starrenden Säule verwandelt hatte. Es war unnötig, sich um Jonas zu bekümmern; er hatte die Nacht außer Hause verbracht. „Hast Du das Geld?" keuchte Simon plötzlich. Mendel wankte. „Gott! ich habe daran vergessen, es lag unter meinem Kopfpolster." III. . Jonas hatte die Nacht in einer Strohscheune, eine halbe Stunde weit vom Dorfe, verbracht und wußte somit nichts von dem schrecklichen Ereignis. Als er sich des Morgens dem Elternhause näherte, erzählten ihm die Leute von dem Schreckenssall und bald überzeugte er sich durch Augenschein von der traurigen Wahrheit. Dank der raschen Hilfe der Nachbarn war wenigstens der untere Teil des Hauses gerettet worden. Als Jonas vor dem Hause ankam, stand eben ein Wägelchen davor und eine sonderbare Szene spielte sich ab. Mendel umarmte gerade seine Mutter, während der Vater händeringend und nassen Auges daneben stand. In geringer Entfernung stand Freide, steif wie eine Statue; ihr Gesicht war leichenblaß. „Das Geld war vorbereitet gewesen und ist verbrannt," hörte Jonas die Leute reden. „Wenn es bis 42 Uhr mittags nicht erlegt ist, muß er dienen. Vierhundert Rubel! Wo ist Jemand, der diese Summe hat?" Eine Ahnung dämonischen Entzückens ging durch die Seele Jonas. Jetzt begriff er, warum ihn die Ellern gebeten, die Nacht außer Hause zu verbringen; es war viel Geld im Hause gewesen, da fürchtete man seine Anwesenheit — solcher Dinge hielt man ihn fähig. Also warum sollte er sich nicht freuen? War es nicht ein Beweis, daß Gott auf seiner Seite war? Nun war der Augenblick der Rache für ihn gekommen, jetzt konnte er seinem Hasse fröhnen. Er blickte um sich. Mendel hatte sich von den Eltern verabschiedet und hatte sich zu Freide gewandt. Jonas war begierig, was sie sagen werde. Sie sagte nichts; sie blickte Mendel an und ein lautes Schluchzen entrang sich ihrer Seele. Jonas wunderte sich über sich selbst; ihr Schluchzen hätte liebliche Musik für seine Ohren sein sollen, doch statt dessen gab es ihm einen Stich durch's Herz, als ob ruchlose Hände an seinen Herzenssträngen ziehen würden. „Mendel, ich gehe an Deiner Stelle," sagte er, vor ihm hintretend. Verblüfft schaute Mendel ihn an, als Jonas fortfuhr: „Ich will Gott ein Opfer bringen, ich tue es zu Ehren Gottes." Im nächsten Augenblicke war er im Wagen drin und der Kutscher hieb die Pferde zum Gallop an. Jonas wollte fort sein, ehe Freide ihm danken konnte. Aber sie dankte ihm. Am nächsten Morgen schritten die Rekruten über die Landstraße am Ende des Dorfes. Die gesamte Bevölkerung war herbeigeströmt, um den Abmarsch mitanzusehen. Es war ein trauriger Anblick, gleich einem Trupp Gefangener, die ihrer Verurteilung entgegengehen. In den letzten Reihen marschierte Jonas, lächelnden Angesichtes und fröhlich pfeifend; er war der einzige, der einherging wie einer, der etwas von der Zukunft erhofft. Seine Augen blickten kühn umher; er wußte, seine Eltern und sein Bruder standen am Wege: Plötzlich fühlte er, daß sich zwei weiche Arme um seinen Hals legten und ein warmer, langer Kuß berührte seine Lippen. „Zu Ehren Gottes," flüsterte Freide und im nächsten Augenblicke war sie in der Menge verschwunden. „Du mußt uns nicht durch Dein ewiges Singen und Pfeifen Kopfweh verursachen, nur weil ein hübsches Mädchen Dich geküßt hat," sagte Jonas Nachbar mürrisch. „Du bist nicht der erste Mann, dem das passiert." Aber Jonas pfiff weiter. Literatur. Taglicht, I. Dr., (Rabbiner in Wien). Grab- und Gedenkreden. Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. M., 1907. (SS. 4 + 141.) Wenn bei einer Rede all diejenigen Faktoren ausgeschaltet werden, die ihr beim Vortrag zugute kommen — die Persönlichkeit, das Organ des Redners, die durch den Ort und die Zeit bedingte feierliche Stimmung, das Interesse für das Stoffliche des ad hoc versammelten^Publikums u. dgl. mehr — und sie noch immer einen Eindruck in unserer Seele zurückzulassen imstande ist, kann man ihr mit Recht einen.literarischen Wert zuschreiben. Bei Reden vollends, die einem solch traurigen An-