Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 42 Sr. Block s Mwcdenscvrtn. Sette 693 Großherzogs halte ich mich berechtigt, auch nun Dir alles mitzuteilen. Der Großherzog ist sehr besorgt um meine Gesundheit und er rät mir, im Herbst nach Baden-Baden zu kommen. Der Großherzog deutete hier auch an. daß zu meinem 70. Geburtstag etwas geschehen solle, dem ich mich nicht entziehen werde. Er war lauter Liebe und Güte, und Du kannst Dir denken, wie Wohl mir das tut." Das war die letzte Begegnung des Dichters mit dem Fürsten. Am 8. Februar 1882 starb Berthold Auerbach. Einfluß der Bibel auf die Kultur Englands. Der englische Gelehrte Dr. Jucker hat jüngst ein Buch veröffentlicht, worin nachgewiesen wird, welchen Einfluß die alten und modernen Literaturen der Welt auf die Entwicklung und Ausdehnung der englischen Literatur ausgeübt haben. Interessant sind die Bemerkungen, die der Autor macht hinfichtlich der literarischen Beziehungen zwischen der Bibel und der alten und modernen Literatur Englands. „Die Hebräer", sagt er, „haben mehr als alle Literaturen zusammen unsere Nationalliteratur beeinflußt. Der großartige Stil der Bibel, ihre eigenartigen Bilder und die schöne Form ihrer herrlichen Poesie haben von jeher den gefeiertsten englischen Schriftstellern zum nachahmenden Muster gedient. Wer die Werke der letzteren mit einiger Aufmerksamkeit liest, wird sicherlich vieles darin finden, was vom Geiste der hebräischen Bibel beseelt und durchhaucht ist." Jüdische Bankiers vor wehr als 2$00 Jahren. Diese historische Feststellung ergibt sich aus unlängst entdeckten Urkunden, die der Zeit von 471—411 v. Ehr. angehören. Sie werden in einem Werk von Prof. A. H. Sayce und A. E. Cowley „Aramaic Papyri discovcred at Assuan“ (Alexander Moring Ltd., London) veröffentlicht. Hier wird die Lage der Juden in Egypten im 5. Jahrhundert v. Ehr. interessant beleuchtet, und aus jenen datierten, gut erhaltenen Urkunden geht nach der „Intern. Wchschr. für Miss., Kunst und Technik" hervor, daß im Süden Egyptens hundert Jahre nach dem Tode Jeremias, der ihre Großeltern in das Land geführt hatte, eine Siedelungsgenossenschaft von Juden als Bankiers tätig war. Sie bildeten eine besondere Gemeinde mit einem eigenen Gerichtshof und einem eigenen Heiligtum. In diesem verehrten sie den „Gott der Juden"; die Sitte, die später das Aussprechen seines Namens verbot, findet sich in ihnen noch nicht. Sie wurden nicht für Bürger angesehen, doch befolgten sie wahrscheinlich das egyptische Gesetz, in welchem die rechtmäßige Nachfolge nach der Mutter rechnet. Im übrigen lebten sie unter persischem Gesetz. Die Papyri gehören Herrn Robert Mond und Lady William Cecil. Auch ein Jubiläum (1882—1907). Das Auftauchen der antisemitischen Bewegung vor 25 Jahren in Wien. Aus den vergilbten Blättern, in denen wir nach den Vorfällen vergangener Zeiten forschen und aus denen gar manches Ereignis vor unserem Geiste emporsteigt, an das unsere rasch lebende, schnell vergessende Zeit lange nicht mehr denkt, obgleich es den Zeitgenossen oft als sehr wichtiges Geschehnis erscheinen mochte, tönt uns manchmal ein „Halt" entgegen, wenn wir von Dingen lesen, die in ihrer Wirkung unabsehbare Folgen für unser Volk zeitigten. Am 12. November werden es 27 Jahre, seitdem in Berlin eine hochangesehene Versammlung aller Berufskreise eine unter großem Aussehen erschienene Erklärung gegen die damals in Entstehung begriffene antisemitische Bewegung abgab. Auf dieser am 12. November 1880 abgegebenen Erklärung prangten nicht weniger als 76 Unterschriften, darunter die eines Bruns, D r o j s e n, G n e i st, Mommsen, Virchow und Wattenbach. Diese Männer bezeichnen die von Stöcker und Konsorten in Fluß gebrachte antisemitische Bewegung als eine ansteckende Seuche, welche, eine Wiederbelebung des alten Wahns, die Verhältnisse zu vergiften droht, die in Staat, Gemeinde, Gesellschaft und Familie Christen und Juden auf dem Boden der Toleranz verbunden haben. Sie beklagen es tief, daß an dem Vermächtnis L e s s i n g s Männer rütteln, die auf der Kanzel und dem Katheder verkünden sollten, daß unsere Kultur die Isolierung desjenigen Stammes überwunden hat, welcher einst der Welt die Verehrung des einzigen Gottes gab ... Es ist ein vergilbtes Dokument, das wir hier im Auszuge zitierten, aber, wenn sie jetzt aufständen die Geistesheroen, die es unterfertigten und von denen die meisten unter dem grünen Rasen ruhen, sie würden sehen, was für Früchte der Rassenhaß und der Fanatismus des Mittelalters hervorgebracht! Doch, wir wollen nicht die Gegenwart, sondern nur die Vergangenheit reden lassen. Es folgte die große „Judendebatte" im preußischen Abgeordnetenhause am 20. November, die an die Interpellation Hänels anknüpste und welche Graf zu Stolberg-Wernigerode sofort zu beantworten sich bereit erklärte. Vor dem Hause geht es ungemein lebhaft zu. Berittene Schutzmänner halten die Ordnung aufrecht. Die Tribünen des Sitzungssaales find überfüllt. Kurz, eine große Sitzung. Am 23. November: Zweiter Tag der Debatte. Eugen Richter und Stöcker kreuzen die Klingen. Der letztere wendet sich gegen die Erklärung der Elite der Bevölkerung", welche „gleiches Recht und gleiche Sonne für alle" fordert. Und zwei Jahre später, d. h. vor 25 Jahren, wurden wir in Oesterreich mit dem deutschen Import. beglückt und Schönerer heißt der Importeur. Der Sturm der Ereignisse hat diesen inzwischen von dem Schauplatze der Geschichte weggesegt. Lassen wir nun die vergilbten Blätter über die antisemitische Bewegung sprechen, welche vor 25 Jahren in Wien ihr Unwesen zu treiben begann, und mag sich jeder selbst seine Gedanken machen über die Prophezeiungen, die damals, ach, wie falsch oft — die Zukunft dieser Frage vorherzusagen vermeinten. Einer dieser Wiener Propheten meint im April des Jahres 1882: Mit den Hetzern und Schreiern werden die Behörden schon fertig werden... Die Regierung wird den konfessionellen Frieden nicht stören lassen und wird damit auch die Ehre der Residenz wahren. Die Ehre der Residenz, ein schönes Wort. Doch lassen wir den Propheten weiter sprechen. Die eigentliche, die nachhaltige Abwehr gegen das Schönerertum (kein schönes Wort!) darf von der Bildung, dem gesunden Sinne der Bevölkerung erwartet werden ... Die Erwartungen wurden leider getäuscht, wie die aller Optimisten. Getäuscht wurde auch derjenige, der sagte: Den Rechten der Bürger jüdischen Glaubens wird der Wahnwitz keinen Abbruch tun. Wenn der Prophet, der solches vor 25 Jahren im „W r. Fremdenblatte" verkündete, noch lebt, kann er sich heute eines besseren überzeugen. Der Redakteur, der in der „N e u e n F r e i e n Presse" sich darüber empörte, daß die Konfession hereingezerrt wird in die Tageskämpfe der Parteien, wird, wenn er noch unter den Lebenden wandelt, lächeln über jene „Empörung", zu der er sich vor 25 Jahren verstieg. In der „Morgenp o st", die längst eingegangen ist zu ihren Müttern, läßt sich ein Rufer im Streite in folgender Weise vernehmen: Wien ist ein undankbarer Boden für konfessionelle Hetzen. Wir wissen es heute, daß Wien, welches jede „Hetz" so gerne mitmacht, ein sehr fruchtbarer Boden für die „konfessionelle Hetze" geworden ist. Niemals ist wohl eine schlechtere Vorhersage in die Welt geschleudert worden, als die des so rosig in die Zukunft schauenden Schreibers der selig im Herrn entschlafenen „M o r g e n p o st". Heroisch spricht das „Neue Wiener Tagblatt": „Die Arbeiter und die Bürger (man lache nicht) werden einer Agitation den Kops zertreten, welche die wildesten und niedrigsten Instinkte entfesseln will, um die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft, die Humanität und die Freiheit, in die Luft zu sprengen . . . Doch genug dieser Tiraden . . . Um aber zu zeigen, wie schlecht manche dieser Propheten in der Volksseele zu lesen verstehen, will ich noch die Worte der damaligen „Borstadt-Zeitung" anführen, die, irre ich nicht, sich jetzt in die „Volkszeitung" umgewandelt hat. Diese Worte lauten: „Um