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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-18 · 42 (18.10.1907) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 693 Dr. Llocb s MocbenscvrLN. Nr. 42 IDom Jahrmarkt des Lehens. Der deutsche Judeutag. Frankfurt a. M. Im großen Saal des Saalbaues fand am 13. d. M. die zweite Hauptversammlung des Verbandes deutscher Juden statt. Die Versammlung, von Dr. Edmund L a ch m a n n (Berlin) geleitet, machte einen würdigen, wirksamen Eindruck. Es wurde ein Huldigungstelegramm an den Kaiser abgeschickt. Geheimer Regierungsrat Prof. Dr. Hermann Cohen (Marburg) hielt eine gedankenreiche und formvollendete Rede über religiöse Postulate. Prof. Dr. Martin Philippson sprach über die staatsrechtliche Stellung der Juden in Vergangenheit und Gegenwart. Ihm schloß sich Rechtsanwalt Dr. Max L ö b (Mainz) an, der die Bevorzugung Getaufter durch den Staat und die Prämie auf die Charakterlofigkeit geißelte, die darin liegt. Seine mannhafte, schwungvolle Rede fand stürmischen Beifall. Schließlich wurde einmütig die folgende Resolution angenommen: „Die durch Reichsgesetz und Verfassung gewährleistete Gleichberechtigung der deutschen Staatsangehörigen jüdischen Glaubens wird sowohl im Heere wie bei der Besetzung öffentlicher Aemter fortdauernd verletzt. Der Verband wiederholte seine Forderung endlicher Durchführung der Gleichberechtigung im Reiche und in den Einzelstaaten. Der Verband erhebt Widerspruch dagegen, daß durch Gewährung staatlicher Vorteile eine Belohnung des Glaubenswechsels erfolgt. Der Verband erblickt eine Kränkung auch der deutschen Juden in der Ausweisung von Ausländern nur wegen ihres Bekenntniffes zum Judentum und in der fast ausnahmslosen Nichtgewährung der inländischen Staatsangehörigkeit an Ausländer jüdischen Glaubens. Der Verband fordert, daß, entsprechend den Grundsätzen des modernen Staatsrechtes, der Staat, soweit er den Religionsgemeinschaften Berücksichtigung und Förderung gewährt, diese der jüdischen Religionsgemeinschaft in gleichem Maße wie den christlichen zuteil werden lasse." Tod des Astronomen Maurice Löwy. Paris. Am 15. d. M. ist der Direktor der hiesigen Sternwarte, Maurico Löwy, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, im Alter von 74 Jahren plötzlich gestorben. Mitten in der Arbeit, welcher sein ganzes Leben gewidmet war, hat ihn der Tod ereilt. Löwy war nachmittags im Unterrichtsministerium erschienen, und zwar zu einer Sitzung der Kommission Internationale du Metre, an welcher Vertreter der europäischen Staaten, darunter auch Professor Dr. Lang von der Wiener Akademie der Wissenschaften, teilnahmen. Unternchtsminister Briand und Marineminister Thomson kamen dem sterbenden Gelehrten zu Hilfe. Alle Sorge war jedoch vergeblich. Herzschlag hatte das Leben des großen Gelehrten beendet. Der illustre Kreis von Gelehrten, welche Löwy umgeben hatten, war vom tiefsten Schmerze und wahrer Trauer erfüllt. Die Sitzung wurde sofort aufgehoben. Mit Löwy ist einer der hervorragendsten Astronomen und bedeutendsten Denker dahingegangen. Löwy war von Geburt Oesterreicher, ein Wiener. Trotzdem er wegen seines Glaubens in seinem Vaterlande eine Stellung nicht erlangen konnte und im Auslande Annerkennung suchen mußte, hat er doch seinem Vatcrlande treue Anhänglichkeit bewahrt. Er unterließ niemals, Dankbarkeit den Lehrern seiner Heimat zu zeigen, welche ihn auf den Weg der Wissenschaft geführt und die ihm auf dem Wiener Observatorium Förderung und Anregung geboten. Löwy verließ auf Veranlassung des großen Astronomen Leverrier Wien, um an der Pariser Sternwarte einen hervorragenden Platz anzunehmen. Im Jahre 1864 ließ Löwy sich naturalisieren und wurde Affistent an der Pariser Sternwarte. Seit 1878 war er Direktorstellvertreter. Unter Meline im Jahre 1896 ward Löwy Chef dieser Anstalt. Selbst unter diesem Ministerium war die Konfession Löwys kein Hindernis für seine Ernennung. An Stelle von Delaunay wurde er im Jahre 1873 Mitglied der Akademie des Sciences. Er war Mitglied der Akademien von Wien, Petersburg und London. Am 15. April 1833 geboren, studierte er in Wien Astronomie. Von Leverrier nach Paris berufen, wurde er als Astronom am dortigen Observatorium angestellt. Im Jahre 1873 wurde Löwy Mitglied der Pariser Akademie und leitete seit diesem Jahre als Mitglied des Längenbureaus die Redaktion der „Connaiffance des Temps" und des „Annuaire du Bureau des Longitudes". Nach Leverners Tode wurde ihm in Gemeinschaft mit Admiral Mouchez im Jahre 1876 die Direktion der Sternwarte von Montfourts übertragen. Viele Arbeiten Löwys finden sich in den Denkschriften und Publikationen der Akademien von Wien und Paris, darunter hervorragende Abhandlungen über neue Methoden zur direkten Bestimmung der Refraktion und Abberation, sowie die Theorie eines neuen von Löwy angegebenen und auch auf mehreren Sternwarten eingeführten Refraktors, des sogenannten Ellbogenrefraktors. Der große Astronom hing am Judentum mit kindlicher Pietät, welches in ihm nicht bloß einen hoch emporragenden, sondern auch einen treuen Sohn verliert. Der Großherzog von Baden und Berthold Auerbach. Ein hübsches Spiegelbild der einfach schlichten Persönlichkeit des verstorbenen Großherzogs von Baden ist sein wahrhaft freundschaftliches Verhältnis zu dem Dichter der Schwarzwälder Dorfgeschichten Berthold Auerbach, wie es sich in den, Briefen des Dichters an seinen Vetter Jacob in Frankfurt am Main dokumentiert. Der Großherzog schätzte in Auerbach nicht nur den Dichter von Bedeutung, sondern er ehrte in ihm auch den berühmten Sohn seines Landes und den begeisterten Verherrlicher badischen Volkslebens. Beinahe niemals war der Großherzog von Baden in Berlin, ohne daß er den Dichter zu sich bescheiden ließ. Nicht selten aber auch brachte der Großherzog den Dichter und sein Haus in eine nicht geringe Aufregung, indem er sich ohne jede Anmeldung bei Auerbach einfand und mit ihm eine Stunde verplauderte. Einmal berichtet Berthold Auerbach seinem Vetter: „Es ist eine wahre Wonne, diesem offenherzigen und offengeistigen Manne (dem Großherzog) gegenüber zu sein, und man möchte alles Gute vor ihm ausschütten, was man seit der letzten Begegnung erlebt und gedacht hat, und er hört so getreu zu und nimmt so getreu auf und tut auch mit, läßt nicht bloß den andern abhaspeln. Wir redeten über Allgemeines und Persönliches. Der Großherzog erzählte mir auch viel von seinem Sohn, wie weit er in juristischen und philosophischen Studien sei, und wie schön, einander erziehend, das Verhältnis zu Prinz Wilhelm von Preußen sei. Die beiden Vettern wollen jetzt zusammen auf der Universität sein. Der Großherzog sagte mir auch, daß er meine letzten Geschichten schon zwei oder dreimal gelesen habe." Ganz besonders freundlich war die Aufnahme Auerbachs immer, wenn er in seiner badischen Heimat sich aufhielt, von seiten des großherzoglichen Paares. Und durch dieses war Auerbach auch mit der Kaiserin Augusta, der Mutter der Großherzogin, befreundet. Mit Freimut schüttete Auerbach diesen drei Fürstlichkeiten gegenüber oftmals in den Zeiten antisemitischer Hochflut sein Herz aus. Im August 1881 fand in St. Moritz die letzte Begegnung des Dichters mit dem Fürsten statt. Der greise Dichter lag rauchend auf seinem Sofa in seinem Hotelzimmer. Da meldete das Mädchen einen Herrn, der ihn sprechen wolle. Auerbach sagte, er sei müde, aber der Herr möge hereinkommen. Er kam, es war der Großherzog. Er verlangte, daß Auerbach liegen bleibe, was dieser aber nicht tat, und als der Dichter die Zigarre weglegte, zündete der Gcoßherzog ein Zündhölzchen frisch an und Auerbach mußte rauchen. „Wir sprachen natürlich," berichtete Auerbach, „bald über die Zeitverhältnisfe. Wir sprachen auch über Ed. von Hartmann, der den Konstitutionalismus als nichtig erklä.t, kurz über alles, und bei der Offenheit des

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