Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021753--16765-3041604- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 Dr. Llocb's TOocbenscbrtft. Seite 691 europäischen Kultur geweiht hatte, sich nun seiner Abstammung wegen nicht mehr als gleichberechtigter Deutscher und Europäer fühlen sollte, verletzte ihn um so schwerer, da auch der Vater, auf den er stolz war, damals viel gelitten hatte. Als die Bewegung wieder nachließ, und namentlich in den letzten Jahren ist an die Stelle erregter Abwehr auch hier die unbestechliche Klarheit seines Urteils getreten. Der Dreyfus-Prozeß hatte ihn freilich wieder tief erregt, aber die Gleichheit der Rasse spielte hier in seinem Bewußtsein keine wesentliche Rolle mehr, nur die Erregung über die Beugung des Rechts. Eine Stelle aus einem Briefe vom 27. September 1898 ist bezeichnend für die leidenschaftliche Teilnahme, mit der er allen Ereignissen zu folgen pflegte. „Ich bezahle jetzt schon seit langem mit meiner Person, erlebe mit und träume davon. Und das ist, glaube ich, mehr als bloßer Konsemitismus. Ich denke, meine arischen Freunde haben jetzt dieselbe Aufregung, dieselbe Erschütterung und dasselbe Harren und Bangen. Wirklich, man denkt kaum mehr an den Menschen Dreyfus, und daß es ein Jude ist. Jetzt scheint das Schauspiel, dem man anwohnt, in der Tat ein Naturereignis geworden." In politischen Dingen interesfierte er sich wohl am meisten für Friedrich Naumann und für die Entwicklung des französischen Sozialismus unter Jaurös' Führung, um dessentwillen er gern französische Zeitungen las. Die pessimistische Stimmung gegenüber der deutschen äußeren und inneren Politik seit 1890 hat er mit der ungeheuren Mehrheit der „Intellektuellen" — ein Wort das er nicht ungern aus jenen französischen Kämpfen übernahm — geteilt. Sein Pessimismus, der gerade in seinen gesunden Jahren sehr stark hervortrat, galt freilich nicht weniger auch der Zukunft der Wissenschaft, nicht zuletzt seiner eigenen. Mit der 1904 gesicherten Profesiur schien nun endlich glatte Bahn vor ihm zu liegen. Das Verhältnis zu den Llonumsnta Grermaniae Historica, für die er seit mehr als zwanzig Jahren gearbeitet hatte und deren Zentraldirektion auf Vorschlag Mommsens seit 1897 angehörte, brach er freilich im Frühling 1904 schroff ab. Er hatte für sie den mächtigen Band III der Poetäe aevi Caralini herausgegeben, außerdem an Mommsens Ausgabe des Oassloäor mitgearbeitet, Dümmler vielfach unterstützt, auch die Leitung zweier Abteilungen, der Auetors8 antiquissimi und der Antiquitates, längere Zeit geführt. Letzteres hat er tatsächlich vor allem deshalb übernommen, um die von ihm außerordentlich hoch geschätzte Kraft Paul v. Winterfelds den Nonnwsnta zu erhalten; ein nicht genug zu beklagendes Schicksal entriß diesen freilich noch vor Traube im Alter von 82 Jahren seiner Arbeit.*) Die unendliche Geduld, die Traube in den schwierigen Verhandlungen mit diesem ebenso begabten und ehrenhaften, wie reizbaren Manne jahrelang bewies, habe ich zu oft mitangesehen und miterlebt, als daß ich es nicht in seinem Sinn besonders schmerzlich empfunden hätte, daß für den Bruch mit den Nonumenta gerade dieses Verhältnis den Anlaß bieten mußte. Um so ausgedehnter wurde Traubes Tätigkeit in der Münchner Akademie, deren historischer Klasse er seit 1896 als außerordentliches, seit 1899 als ordentliches Mitglied angehörte. In ihren Schriften find seine späteren Arbeiten zumeist erschienen. Die Göttinger Gelehrte Gesellschaft hatte ihn schon 1894, die R. Accademia dei Lincei 1902 zum Mitglied gewählt. Die Lehrtätigkeit an der Universität erweiterte sich immer mehr. Statt der zwei Zuhörer, mit denen er einst begonnen hatte, waren es nun 60—80, und sie verstanden ihn. Sie bewunderten in ihm nicht bloß den unvergleichlichen Gelehrten, sie kannten und liebten nicht minder auch den. Menschen, aus welchem Lager sie auch kommen mochten. Es war eine sehr bunt zusammengesetzte Schar: neben engeren Schülern, die sein Werk fortzusetzen hofften, Benediktinermönche und Jesuiten; amerikanische Philologen, die vor allem seine unvergleichliche paläographische Belehrung suchten, junge Kunsthistoriker, denen er aus den *) DaS Bild des weltfernen gelehrten Einsiedlers und vor allem des wundersamen Träumers und Dichters P. v. Wintersfeld hat mit liebevoller Freundeshand Hermann Reich in der Besprechung seiner Gedichte („Deutsche Literatur-Zeitung" 1905) entworfen. Handschriften den Zugang zur Geschichte der mittelalterlichen Kunst eröffnete, Theologen, Bibliothekare, jüngere akademische Kollegen und natürlich Alt- und Neuphilologen, Historiker und Germanisten; dann und wann wohl auch einer von Jung- Schwabing, in dessen Dichterträumen das kluge, blaffe Gesicht mit der mächtigen Stirn und den seltenen Augen einmal wieder austauchen mag. 1906 wurde auch die seit längerem geplante Errichtung eines Seminars für lateinische Philologie des Mittelalters an der Universität München genehmigt. Die Kollegen an der Universität und Akademie, von denen ihm mehrere als Freunde nahestanden, ehrten die Entschiedenheit und Sachlichkeit seines Urteils. Seine Autorität in allem, was Haudschristenkunde Paläographie. Bibliotheksgeschichte, mittelalterliche Philologie betraf, war in der ganzen Welt unbestritten und von Meistern wie Leopold Delisle am rückhaltlosesten anerkannt. Seine großen Arbeiten reiften ihrer Vollendung entgegen — da erfaßte ihn die tödliche Krankheit, mit der er zweieinhalb Jahre lang in stillem Heldentum gerungen hat. Schon in früheren Jahren waren schwere Magen- und Darmstörungen nichts Seltenes gewesen: als ich ihn zu Neujahr 1905 sah. sprach er die Befürchtung eines Krebsleidens aus. Wenige Wochen darauf hatten ihm die Aerzte, von denen er Klarheit forderte, das unheilbare Leiden (Leukämie) bezeichnet, dem er erliegen mußte. Der Sohn des Arztes hat sich keinen Augenblick über die verhängnisvolle Bedeutung dieser Diagnose getäuscht. Optimum est pati quoll omsullaro non pos8i8, hatte er einst in seiner Dissertation dem 107. Briefe des Seneca nachgesprochen; nun hielt er dem Schicksal im bitteren Ernst sein Wort. Klaglos unterwarf er sich den beschwerlichen Kuren mit allen ihren quälenden Begleiterscheinungen; bis zur letzten Woche vor seinem Tode hat er das sich zuletzt stets verschlimmernde Verhältnis der roten zu den weißen Blutkörperchen und seine Krankheitszustände in seinem Tagebuche mit wissenschaftlicher Genauigkeit verzeichnet, wie ein hellenischer Philosoph dem unentrinnbaren Geschick ins Auge sehend und rastlos die letzten Minuten, die ihm die Krankheit gönnte, für seine Arbeit verwendend. Er begründete noch 1905 in den „Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters" für die Arbeiten seiner Schüler ein Archiv. Die Nomina sacra, sein letztes großes Werk, wurde mit Unterstützung jüngerer Freunde in den Druck gegeben und abgeschlossen, und er durfte auf seinem Sterbebette die letzten Bogen davon sehen. In der Akademie ist der Schwerkranke noch in diesem Winter mit einer Reihe von Mitteilungen hervorgetreten. Alle die Kämpfe und Bitterkeiten, die ihm vor und in dieser Zeit beschieden waren, haben sein menschliches Wesen nur verklärt. Mit der alten Freundlichkeit hat er an dem Leben und den Scherzen seiner Umgebung teilgenommen und seiner treuen Gefährtin die Pflege erleichtert. Aus seinen herrlichen Augen sprach die Wehmut des Abschiednehmens und zugleich eine reine Güte, die allen, die ihn geliebt haben — und ihre Zahl war immer größer geworden — ins Herz schnitt. Im Frühling 1907 war er in Italien, um von der vergeblich ersehnten Sonne in Porto d'Anzio für die finkenden Kräfte die letzte Stärkung zu suchen. Die Rückreise, Anfang Mai, ermüdete ihn furchtbar. Doch vermochte es sein starker Wille, die Vorlesung des Sommersemesters mit einer Stunde zu beginnen, von deren tiefem Eindruck mir einer seiner Schüler erzählt hat. Es war die letzte. Am gleichen Tage (8. Mai) schrieb er in sein Tagebuch: „Beginn heftiger Schwindelanfälle." Die Augen, von schwarzen Schatten umzogen, versagten ihm den Dienst; noch schleppte er sich ein paar Tage lang in seinen Garten, hörte und beriet mit treuester Teilnahme die Angelegenheiten seiner Freunde: dann kam am I I. Mai der Zusammenbruch. Qualvolle Tage vergingen in Atemnot und Fieberphantafien, denen am Freitag eine kurze scheinbare Besserung folgte. Aber die Lebenskraft war erschöpft. Am 19. Mai, in der Pfingstnacht, ist er, noch nicht 46 Jahre alt, entschlummert. (Fortsetzung folgt).