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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-18 · 42 (18.10.1907) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 690 Dr. Llocb s Mlocvenscbrtn. Nr. 42 von einem kleinen Orchester von Musikschülern gespielt, Mozarts Kleine Nachtmusik erklang. Damals stand ihm schon seine junge Gattin zur Seite, die er im Oktober 1900 heimgeführt hat. Ich sprach vorhin von Traubes starkem Interesse an bibliothekarischer Tätigkeit, und es mag mir erlaubt sein, davon noch etwas mehr zu erzählen. Traube war einer der stärksten und man darf hinzusetzen einer der dankbarsten Benützer der Staatsbibliothek, die denn freilich auch ihrerseits alle Ursache hat, dem größten Kenner mittelalterlicher Handschriften, den wir besaßen, dankbar zu bleiben. Wenn einmal ein minder amtliches, etwas menschlicheres Handbuch für den Bibliothekar geschrieben wird als die gegenwärtig verbreiteten, so wird vielleicht auch ein Kapitel darin stehen, was der Bibliothekar von den Benützern der Bibliothek lernt; vorausgesetzt daß die Benutzer danach find. Bon Traube war unendlich viel zu lernen; er war ja im Grunde selbst ein Fachgenosse der Bibliothekare, einer der intimsten Kenner der gelehrten Literatur und der Bibliotheksgeschichte, und recht eigentlich der Bibliothekar seiner eigenen unvergleichlichen Büchersammlung, die er immer in bester Ordnung hielt und in der fast jeder von den vielen tausend Banden die Aufschrift von seiner eigenen Hand trägt. In den kurz nach Traubes Tod erschienenen Nachrufen ist mit Recht die Bedeutung Traubes gerade für die Erschließung der Handschriftenschätze der Münchener Bibliothek hervorgehoben worden. Er hat sie fortgesetzt seinen Uebungen zugrunde gelegt und zahlreiche wertvolle Bestimmungen und Beschreibungen von Münchener Handschriften finden sich in seinen Arbeiten. Allein höher anzuschlagen ist der starke Einfluß der Anregungen, die der Verkehr mit ihm den wiflenschaftlich gerichteten Bibliothekaren in München, Bamberg, St. Gallen, Fulda, Köln, Einsiedeln und anderorts gab. Er hat durch die lebendige Teilnahme, die er jeder Nachforschung entgegenbrachte, die Aufmerksamkeit geweckt und recht eigentliche Funde hervorgerufen. Ich wüßte niemand, der dem Bibliothekar sein nicht immer dankbares Handwerk so geadelt und verklärt hätte wie er. Männer wie I. A. Schweller oder Leopold Delisle schwebten ihm als die hohen Muster bibliothekarischer Tätigkeit vor.IMit Trauer gedenke ich der zahlreichen Stunden, in denen er mir den Plan einer gemeinsam zu bearbeitenden Geschichte der.Münchener Bibliothek nach dem Vorbilde von Delisles Cabinet des mamiscrits erwog. Von dem, was dem Bibliothekar, dem wiflenschaftlich arbeitenden durchaus nicht weniger als dem bloß rezeptiven, vor allem eigen sein muß, von der neidlosen und aufopfernden Hingebung an die wissenschaftlichen Interessen anderer hat er selber fortgesetzt das lebendigste und tröstlichste Beispiel in seiner eigenen Person gegeben. „Cor meum inqnietum est,“ schrieb er mir einmal in schlimmen Tagen, „aber ich muß ungefähr vier oder fünf Recherchen für andere (sie vos non vobis) erledigen. . . Dieses sie vos non vobis nidificatis aves, sic vos non vobis mellificatis apes, und wie es weiter heißt, erklang manchmal auf jenen einsamen Spaziergängen, wenn die eigene Arbeit unter der Teilnahme an fremder auch bei seiner gewaltigen Energie zu stocken drohte. Mit dem Wachsen seines Weltrufes als Paläograph und Kenner der Ueberlieferungsgeschichte waren die täglichen Anfragen an ihn auf eine manchmal bedenkliche Zahl gestiegen. Er schrieb einmal, Dezember 1898, in sein Tagebuch: „Ich will jetzt auch die Sekkaturen einschreiben, Arbeiten für andere, die Zeit nehmen, damit ich weiß, womit sie hingeht." So sehr er manchmal darunter litt, hat er sich diesen Anfragen niemals versagt. Sein mit strenger Pünktlichkeit geführter wissenschaftlicher Briefwechsel füllt eine große Reihe von Bänden. Mit dem Jahre 1899 war für ihn eine Zeit schwerer und lange Jahre sich hinziehender Kämpfe angebrochen. Nach zehnjähriger Lehrtätigkeit war er 1899 zuerst für einen Lehrauftrag, dann zum besoldeten Extraordinarius vorgeschlagen worden, aber die für ihn beantragte Profeffur erhielt ein Kollege. Als dann 1901 die Fakultät den Antrag erneuerte, die Profeffur aber gar nicht ins Budget eingesetzt wurde, erklärte er seinen Rücktritt von seinem Lehramte. Der Fakultät gelang es, ihn zu halten; 1902 wurden mit ihm von der preußischen Regierung Verhandlungen über seine Berufung an die Universität Berlin angeknüpft, die sich jedoch zerschlugen. Dann kam im August 1902 ein Ruf auf ein Ordinariat für klassische Philologie nach Gießen. Diese sehr ernstliche Gefahr, Traube zu verlieren, machte dem unerfreulichen Spiel ein Ende. Dank dem Eingreifen des Ministers v. Crailsheim erhielt er zunächst ein unbesoldetes Ordinariat für lateinische Philologie des Mittelalters, für das dann vom Landtag zwei Jahre später auch das Gehalt bewilligt wurde. So waren fünf Jahre vergangen, ehe sein Verbleiben in München gesichert war. Schlimmer als diese Ungewißheit der ganzen Existenz wirkten auf Traubes empfindliches Gemüt die häßlichen Begleiterscheinungen, die sich mit diesen Kämpfen verbanden. Es war nur zu bezeichnend: lange Jahre hatte er in großartiger Unbekümmertheit um sein nicht unbeschränktes Vermögen der Wissenschaft jedes persönliches Opfer gebracht und Menschen aller Art aufs freigebigste unterstützt und gefördert; nun wollten es selbst Männer, die ihm nicht ohne Wohlwollen und Verständnis gegenüberstanden, befremdend finden, als auch er wie andere und minder Bedürftige seine Lehrtätigkeit nicht bloß mit einem Titel anerkannt wissen wollte. Dabei wurden ihm in kleinlichster Weise vor dem ganzen Lande die geringen pekuniären Vorteile des Berliner Rufes vorgerechnet. Ja, als die Studenten an ihn nach seiner Rücktrittserklärung eine Adresse richteten, wurde selbst diese als künstliche Mache hämisch verdächtigt. Jene Adresse, die ihren Anregern und Unterzeichnern Ehre macht, liegt mit ihren 80 Unterschriften vor mir; die Zahl von seither mit tüchtigen Leistungen hervorgetretenen Teilnehmer überrascht um so mehr, als inzwischen noch nicht sechs Jahre verflossen sind. „Ihre wissenschaftliche Methode, welche erhellende Klarheit im einzelnen mit weitem Blick verbindet, Ihre Art zu lehren, unter der tote Form zu mannigfaltigem, menschlichem Leben erwacht, ist uns Vorbild und immer erneute Anregung gewesen," schrieben die Studenten; es steht auch sonst kein Wort darin, das nicht jeder, dem Traubes Lebensarbeit einigermaßen bekannt ist, ohneweiters unterschreiben würde. Genug von diesen unerquicklichen und für Traube so aufreibenden Kämpfen. Es kann ja kein Zweifel sein, daß Traubes jüdische Abstammung eine gewisse Rolle dabei gespielt hat. Es hat lange gedauert, bis dieVerehrung, die auch katholische Gelehrtenkreise, namentlich hervorragende Benediktiner, für Traube empfanden,*) die Abneigung der herrschenden Partei gegen Traubes Ernennung genügend abgeschwächt hatte. Ueber die Zumutung, durch einen Uebertritt ohne Ueberzeugung seine Laufbahn zu erleichtern, hat Traube wohl kaum je ein Wort verloren. Dem orthodoxen Judentum stand er fern, wenn ihm auch sein konsequenter Monotheismus sympathisch, wenigstens verständlich war. Aber in der Raffenfrage haben bei ihm die Erinnerungen an die leidenschaftliche Berliner antisemitische Bewegung zu Ende der 70er Jahre lange nachgewirkt und ihn mit Trauer und Erbitterung erfüllt. Lange noch war ein Gespräch mit ihm über diese Dinge nicht leicht ohne die Gefahr eines Mißverständnisses zu führen. Die Vorstellung, als ob er, der in Goethe und Lessing seine Lebensführer suchte und seine Arbeit der Geschichte der *) Ein schönes Zeugnis dafür gibt der Nachruf, den ihm einer seiner Schüler aus dem Benediktinerorden P. Placidus Glogger, in der literar. Beil. d. „Augsb. Postzeitung" vom 7. Juli gewidmet hat. Einige Sätze daraus siien hier wiederholt: „Seinen Schülern wird Traube eine unvergeßliche liebe Erinnerung und ein leuchtendes Vorbild für wissenschaftliche Forschung bleiben. Unerschrockene Wahrheitsliebe ohne Rücksichtslosigkeit, gründliche Genauigkeit ohne Pedanterie, weite Gesichtspunkte ohne Oberflächlichkeit, gepaart mit frischem, unverzagtem Mut und einem liebenswürdigen, bescheidenen Wesen, das durch den Erfolg nicht aufgebläht wird: dies ist Traubes geistige Hinterlassenschaft für uns." Es wird keine Indiskretion sein, wenn ich dem die Worte hinzufüge, die einer hervorragendsten und urteilsvollsten Gelehrten des Benediktinerordens einst seinem Dank für Traubes Vorrede zur Chronik des Hieronymus hiuzugefügt hat: „Vons ites de ceus dont on voudrait posseder les moindres travaux. Et si la chose dependait de moi, tont ce qu’il y a permi nous de jeunes gens travaillant encore susceptiblet d’une bonne formation philologiquie devrait pouvoir beueficier des legons d’un tel maitre.

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