Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Llocd s tJQIocbenscbrifr« Seite 689 in die Evolution (Entwicklung) der Menschengeschlechter nach oben, das heißt, zu immer höherer Perfektibilität. °) Und diese hohe sittliche Vollendung ist es eben, die in der Ueberzeugung von einem Gott, einer Moral, einer Menschheit gipfelt. Diese Ueberzeugung ist es, die das erste und das letzte Wort der Propheten bildet. Für diese Ueberzeugung trat, wie wir gesehen, einst ein Prophet wie E l i j a h u der Tischbite auf die Wahlstatt. Und seine Persönlichkeit ist es darum mit Recht, an welche auch der letzte aller Propheten M a l e a ch i anknüpft. Sein feuersprühendes Beispiel für alles Wahre und Edle ist es, das auch alle menschlichen Geschlechter für dieselbe Rechts- und Friedensliebe entflammen soll; es soll sie gegenseitig sich finden lassen in der gemeinsamen Ueberzeugung: „Haben wir denn nicht all einen Vater, hat nicht ein Gott uns gebildet, warum sollten wir auch treulos handeln Einer gegen den Anderen?6 7 8 *) ch ch ch In all den bisherigen prophetischen Aussprüchen treten uns Bedürfnisse der menschlichen Gesellschaft von rein praktischer Notwendigkeit entgegen. Die Lehren der Propheten haben sich die im und für das Leben zweckmäßige Ausübung alles dessen, was gut ist, zum Ziel gesetzt. Sie bewähren sich somit — wenn der Ausdruck gestattet ist — gewissermaßen als eine Kritik der praktischen Vernunft. Aber das Gute ausüben kann nur derjenige, der vorher erkannt hat, wo das Wahre, das Edle zu finden ist. Diese Forderung schöpften die Propheten, wie wir gesehen, aus den Quellen reiner Erkenntnis und reiner Moral. Und so erweisen sich diese Quellen auch gleichsam als Kritik der reinen Vernunft und Kritik der Urteilskraft, lange vor dem eigentlichen unsterblichen Begründer der Systeme gleichen Namens (Kant). In jener praktischen Befriedigung beruht der Segen der prophetischen Lehren. Diese Lehren enthalten aber auch die Idee des späteren Judentums, welches auf denselben fußt, ohne sie nicht gedacht, von ihnen nicht losgelöst werden kann. Sie beide bilden gemeinsam das Wesen des Judentums und umfassen somit nicht. bloß einen sogenannten „Komplex von Vorstellungen" einen leeren „Glauben", wie man heute so gerne vorgibts), sondern üben einen lebendigen erziehlichen Einfluß auf die europäische Kultur. Freilich haben wir uns hier nicht gerade an die Kultur in rein ethymologischem Sinne zu halten; nicht bloß der technisch-künstlerische Standpunkt kann hier in Betracht kommen, obgleich die glänzenden jüdischen Namen auf technischem und künstlerischem Gebiet den Beweis erbringen, daß die Idee des Judentums eher förderlich denn hinderlich hier wirken kann. Zunächst handelt es sich hier vielmehr um die Kultur als welterhaltendes, gesellschastsförderndes Element, um die gesamte ideale Lebensrichtung, welche die jüdischen Weisen charakteristisch mit dem Terminus: „Jischuv" bezeichnen in dem Spruch: Wer mit Kenntnis, Anstand und Sitte vertraut ist, der wird nicht sobald sündigen.. Wer aber weder Wisien noch Anstand noch Sitte kennt, der ist auch nicht als Kulturmensch zu betrachten°). Wir haben es hier mit jener Kultur zu tun, von welcher uns die beiden völkerpsychologischen Forscher Lazarus und Steinthal je ein schönes Wort hinterlassen haben. Nach dem Erstgenannten bedeutet diese Art von Kultur das Interesse für die Idee der Wahrheit gegen den Irrtum, für die Idee der Zweckmäßigkeit gegen die Nichtigkeit und Leerheit für die Idee des Schönen gegen das Rohe, Gemeine und Häßliche 10). Diese Kultur strömte einst nach Steinthals tief empfundenen Worten in der umfangreichen Literatur der Propheten, von der aber ein Blatt mehr weltgeschichtlichen Wert hat, als alle Werke der Semiramis mit allen Pyramiden und Obelisken Egyptens. Denn alle diese Werke sind durch die kurzatmige Arbeit von Sklaven entstanden; das Wort der Propheten aber ist der Hauch der göttlichen Freiheit. Und so hat nun längst dieses Wort alle Kulturvölker gewonnen.") Die Ansichten und Grundsätze der Propheten sind deshalb nicht etwa nur die alten, sondern sie erweisen sich in jedem Zeitalter immer von neuem als die ä l t e st e n, weil sie in entscheidenden Augenblicken stets als die besseren zuverlässigeren sich erproben. Und in Anbetracht dessen, daß alle Sittenlehren, die späterhin mit dem Anspruch auf Neuheit auftreten, ethisch nicht verläßlicher waren, als jene, darum bleiben sie heute noch und wohl noch für eine unabsehbare Zeit die Grundlagen alles sittlich-sozialen Lebens. Es besteht auch alle Ursache, anzunehmen, daß auch in Zukunft jene Grundlagen als die soliden sich erweisen werden, welche bisher durch all die Jahrtausende in den Stürmen der Zeit den Menschen einen sittlichen Hort und Schutz geboten haben. Die unerschütterliche Gewißheit und Klarheit über diese Frage aber, sie heißt für das Volk der Propheten nichts anderes, als die einzig wahre Lebensberechtigung und Lebenspflicht. 6) Ludwig Stein: Die Ahnengallerie des Optimismus. '») Maleachi 2. 10. 8) Chamberlain a. a. o. 8) Mischnah Kiduschin 40 d. 10) La zarus: Ethck des Judentums, Frankfurt a. M. 1898, Seite 114. ") Steinth al: Ueber Juden und Judentum, herausgegeben von Gustav K a r p e l e s, Berlin 1906, S. 118. „Ein Volk kann nicht sterben, wie ein einzelner Mensch stirbt"; es lebt, so lang es selbst den Willen zum Leben hat. Das Volk, das für die Wahrheit der Propheten lebt, es leidet freilich schwer unter diesem Willen zu einem .musterbietenden, ethischen Wandel. Aber es duldet nur deshalb so schwer, weil es eine zu ausgeprägte sittliche Natur ist. um Mitleid für sich zu heischen, und weil es andererseits im Verhältnis zu diesem ethischen Stolz und Selbstbewußtsein physisch zu schwach ist, um sich selbst Schutz bieten zu können. Aber eines bleibt unwiderlegbar: Die Leuchtkraft des jüdischen Prophetismus dauert ungeschwächt fort. Wie oft schienen sie erloschen alle die Lichtspuren der Menschen. Vergebens schauten sie aus in finsteren Nächten. Nur Graus und Finsternis umher. Weithin kein Schimmer, kein Hoffnungsstrahl. Verdunkelt die sonst glitzernden Führer am Himmel der Geschichte. Ein einziges Licht erstrahlte dann und flammte wieder hinein in die Herzen der Menschen: Das Licht des jüdischen Prvphetismus. Nock ist es nicht allenthalben hellichter Tag. Gar oft mag noch dunkles Gewölk den Horizont der Menschheit umdüstern. Aber so lange die Menschen in ihrem Zweifel und Wahn die Propheten als ethische Erzieher betrachten werden, so lange haben sie keinen Grund und Anlaß zu Besorgnis, so lange besteht aber auch die Wahrheit jenes Wortes eines ihrer erhabensten Vertreter: „Und es wandeln Völker in Deinem Licht uud Fürsten im Schimmer Deines Glanzes!" ") Erinnerungen an Krrdwig Traube Von Profeffor Franz Voll in Würzburg. (Fortsetzung.) In dieser damals noch halbländlichen Schwabinger Einsamkeit, die einer seiner liebsten Freunde und sein junger Pflegesohn als Hausgenoffen mit ihm teilten, begann sein nervöser Zustand sich langsam wieder zu bessern. Auf der Rasenfläche seines Gartens spielte er mit Freunden und Freundinnen Tennis-; auf dem Zweirad, wo er namentlich im tempo prestissimo jenen nervösen Zustand am leichtesten überwand, raste er mit einem Freunde auf den verbotensten Wegen durch den Englischen Garten bis zum Aumeister, kindlich vergnügt, wenn der strafende Arm des Schutzmannes die Frevler nicht erreichen konnte. Er war damals auch sonst oft von einer Fröhlichkeit, ja Ausgelaffenheit der Stimmung, die alle Augenblicke einen Scherz ins Gespräch warf oder einen kleinen Posten trieb; er hatte sich sogar daran gewöhnt, sich wegen seiner Neigung zu Wortwitzen necken zu lassen, was er anfangs übel zu nehmen drohte, und fein fröhliches Helles Lachen war unter seinen Freunden sprichwörtlich. Jener Zeiten gedenke ich um so lieber, als sie auch mein Verhältnis zu Traube, dessen Nachbar ich seit 1895 geworden war, nach einer aus geringer Ursache entstandenen Störung neu begründeten. Es find glückliche Jahre meines Lebens gewesen, in denen Freude und Leid unseres kleinen Hausstandes von diesem liebenswürdigsten aller Freunde geteilt, meine damalige bibliothekarische und wissenschaftliche Arbeit durch den Umgang mit ihm fortgesetzt belebt und gefördert wurde. Wenn er in der Regel nachts um neun oder zehn Uhr oder noch später im grauen Mantel mit der spitzen braunen Mütze angetrabt kam, in späteren Jahren von seinem schwarzen Pudel, den er Parfifal, den reinen Toren, nannte, begleitet, so kannten wir ihn schon von weitem an seinem Bergsagliere-Schritt und an seinem il mio euore batte per te, batte per te, das er vor sich hinträllerte. Späterhin war es öfter die zarte Melodie (op. 50 im Scherze genannt), die er aus der Seele des Goetheschen Liedes: „Füllest wieder Busch und Tal" fich selber herausgesponnen hatte, so bezeichnend, daß sie nicht leicht jemand vergessen konnte: gar nicht modern, sondern etwa in der bescheidenen Art einer Reichhardtschen Komposition zu Goethe. Es ist nicht die einzige anmutige Melodie, die ich von ihm kenne, und wenn ihm auch zum Anhören von Konzerten, es sei denn als nächtlicher Zaungast am Kaffee Leopold in Schwabing, Zeit und Gesundheit fehlten, so hatte er doch an guter Musik stets die echteste ernste Freude. Sein Liebling war wohl Robert Schumann. Mancher wird fich noch gerne jenes köstlichen Abends im Sommer 1901 erinnern, als in seinem Garten an der stillen, vom Wagengeraffel ziemlich verschonten Seestraße, ") Jesajas 13, 13.