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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-18 · 42 (18.10.1907) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
42 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 688 Dr. Llocv's Mocvenscdrm. Nr. 42 dag ich über meinen Tod lese, als andere, selbst meine besten Freunde — und es ist immerhin besser, daß mit meinem Porträt versehene Briefe in meinem Namen geschrieben werden, als wenn ich mit Stillschweigen übergangen würde, wie einer, dessen „Sein oder Nichtsein" weder Freude noch Schmerz bereitet. (Aus dem Englischen im „Jewish Comment" — Baltimore.) Jüdische Hochzeitsfeste im antisemitischen Rathauskeller. Für den Geist, der in einzelnen Kreisen der hiesigen jüdischen Gesellschaft herrscht, ist eine Aeußerung, die der Wirt unseres antisemitischen Rathauskellers, Herr Dombacher, jüngst einem Journalisten gegenüber gemacht, besonders charakteristisch. Herr Dombacher meinte diesbezüglich: Die Politik hat mit dem Rathauskeller nichts zu tun, es gibt hier auch keine konfessionellen Reibungen. Jrn letzten Jahre hatten wir 57 jüdische Hochzeiten zu versorgen. Die Herren Israeliten, die oben im Rathause allerdings nicht immer glimpflich hcrgenomrnen werden, sind irn Rathauskeller willkommene Gäste, ja Herr Dombacher versicherte sogar, daß ihn die jüdischen Feiertage empfindlich treffen. Die Propheten als ethische Erzieher. Eine sozial-pädagogische Studie von Dr. Simon Mandl (Nrntitschein.) (Schluß.) Religion und Sitte sind bei den Propheten eins und dasselbe. Darum ist auch die Sütenleyre der Propheten von rein menschlichem Empfinden diktiert. „Das allgemein Menschliche ist die reifste Frucht an dem Lebensbaume des Prophetismus. Diese zieht ihre beste Kraft aus der Wurzel gelauterter Gottesanschauung, aus dem Stamme reiner Gesittung. In der Forderung nach rein allgemein menschlichen Zielen erreicht der Prophctismus den Gipfel erhabener Ethik. Er finbet seinen vollendeten Ausdruck in jener Weisiagung, die ebenfalls aleichlautend bei den Propheten wiederkehrt, von dem Endziel aller Tage : „Da hochrufgerichtet sein wird der Berg des Hauses Gottes und zu ihm wallm werden alle Völker, um belehrt zu werden von seinen Wegen und zu wandeln in seinen Pfaden.') Bilden aber die wahren Tatsachen nicht einen bitteren Hohn auf dieses Vertrauen zu den gemeinsamen Zielen der Menschheit? Auch darauf haben die Propheten Antwort. Der Prophet ist eben nicht nur Prediger der Sittlichkeit, sondern auch Tröster. Wo die raube Wirklichkeit ihn im Stiche läßt, dort nimmt er Zuflucht zur Zukunft. Und die Bilder, die sein farbenreicher Pinsel von ihr entwirft, sie werden sanft und lichtvoll verklärt von dem gemeinsamen Leucht- und Brennpunkt menschlicher Liebe und Treue, und der Hintergrund, der sie umrahmt, er ist der „ewige Friede" der menschlichen Geschlechter. Denn der Prophet weiß es. daß die Glückseligkeit der Zukunft, für die er wirkt und duldet, kommen wird, kommen muß, weil ohne dieselbe in dem göttlichen Walten der Geschichte eine Lücke bleibe. Das unterscheidet ja den Prophetismus von der Mythologie, daß seine Bilder nicht die Vergangenheit allein zum Gegenstand haben. Die gemeinsamen Ziele der Gesellschaft vielmehr, die eben im lebendigen Wandel der Geschichte zum Durchbruche, zum Sieg gelangen, diese bilden den Vorwurf. Denn des Menschen Hoffen und Sehnen kann nicht von dem Ideal einer entschwundenen Zeit gleichsam eines verlorenen Paradieses befriedigt werden. Die Mythologie beruht auf Phantasie, das Prophetentum hingegen auf logischer, geschichtlicher Notwendigkeit. In anderer Form besagt dies die Definition Hermann Co he ns: Der Mythos ist festgebannt auf das Verhältnis zwischen Mensch und Gott. Der prophetische Gedanke Gottes entsteht auf Grund des Verhältniffes zwischen Mensch und Mensch. Von dieser Stufenleiter erst erhebt sich die Beziehung auf Gott. *) Dort ist die Phantasie Gegenstand, Zweck der Vorstellung ') Jesaja 2, 2 f. Wörtlich übereinstimmend findet sich dasselbe bei dem mit Jesajas gleichzeitig wirkenden Propheten Micha. Kapitel 4. I f. 3) Hermann Cohen: Religion und Sittlichkeit, im Jahrbuch für jüd. Gesch. u. Liter. Berlin 1907, S. 125. von einem entschwundenen, goldenen Zeitalter; hier aber bildet sie die Anbahnung eines künftigen, goldenen Zeitalters. Gewiß, auch der Prophet kennt die Phantasie; auch er erhebt sich auf ihren Schwingen über die gemeine Not des Daseins, aber ihm ist sie nicht Zweck, sondern Mittel für seinen trostreichen Hinweis auf kommende, bessere Zeiten. Und dies hat seine Ursache darin, daß das prophetische Ideal der Zukunft eben ein allgemein menschliches ist. Die Propheten knüpfen an die realen Erfordernisse der Gesamtheit nach Erleuchtung der Geister, nach Recht und Moral, nach gegenseitiger Duldung an, die im Schoß der Zeiten, wenn auch langsam, aber allmälig doch zur Reife gelangen. -I- * * ES ist nun einleuchtend, daß jenen angeblich „den wesentlichen Inhalt einer Religion" bildenden „Bedürfnissen der Phantasie", deren Mangel den Propheten zum Vorwurf gemacht wird,3 4) die Lehren der Propheten nicht Genüge leisten können, weil diese mit der Phantasie überhaupt nichts gemein haben» sondern lediglich mit realen Tatsachen. Man sagt, die prophetische Religion biete nicht die Möglichkeit einer „Ueberbrückung der Kluft zwischen Gott und Menschen/") Und diese Ueberbrückung soll die Phantasie herbeisühren? Eine schwache Ueberbrückung für all die Last des Menschenherzens und all die Bürde des im Irrtum befangenen Menschengeistes! Nicht um die Bedürfnisse der Phantasie, sondern um die praktischen Bedürfnisse der Gesellschaft kann es sich doch offenbar bei der Ethik handeln. Für deren Notwendigkeit müssen aber ganz andere Zeugnisse, als die der Einbildungskraft sprechen, die noch gar sehr von sittlichen Defekten mancherlei Art belastet sein kann. Was frommt alle Ueberbrückung der Kluft zwischen Gott und Menschen, wenn so oft, wie es ja leider die Gegenwart noch bestätigt, diese Ueberbrückung eigentlich nichts anderes als eine Ueberbrückung von allerlei Greueln und Lastern bedeutet, welche die Menschheit gerade in diese tiefe, gähnende Kluft herabreißt? Die Propheten sind es, die an die Menschen mit dem Anspruch herantreten, sie von diesem quälenden Zwiespalt erlösen zu wollen; allerdings mit ihrer strengen Mahnung an unerbittliches Selbstgericht, an sittliche Läuterung, an Veredelung. Das ist der alleinige Grund, weßhalb sie vor den „Bedürfnissen der Phantasie", deren Natur ja eine ungebundene, freie ist, und verwiese strengen Mahner oft als unwillkommene Tadler erscheinen mögen, keine Gnade finden; höchstens unter einer Bedingung, wenn sie ihnen den Gefallen erweisen — wie der unwillige Zögling es von seinem unbequemen Erzieher verlangt — so rasch als möglich von der Bildfläche^.zu verschwinden.. Nur-vergißt man dabei, daß dieser Wunsch um rund zweieinhalb Jahrtausende zu spät käme. Denn so lange schon dauert die Wirksamkeit der Propheten als ethische Erzieher auf allgemein rechtlichem, moralischem und rein menschlichem Gebiet. Und diese allgemein menschlichen Ziele sind es, die wir als prophetischen M e s s i a n i sm u s bezeichnen. Derselbe knüpft seine Hoffnung an ein Reich wahrhafter Menschenliebe, das aber seinerseits wieder beruht auf geläuterter Erkenntnis einer göttlichen Offenbarung in den Fortschritten der Geschichte. Diese allgemein menschlichen Hoffnungen auf ein Reich ungeteilten Friedens, sie gelangen in jener Vorschau des Propheten von der Friedseligkeit der Endtage, die freilich unserem heutigen Empfinden noch fremdartig erscheinen mag, die aber doch in der zunehmenden Versittlichung aller Menschengebilde tatsächlich begründet erscheint, zum Ausdruck: „Und es wohnt der Wolf mit dem Lamm und der Tiger lagert neben dem Böcklein und Kalb und junger Leu und Masttier beisammen und ein kleiner Knabe leitet sie." Mit dem weltumfassenden Friedensziel des Propheten stimmt es darum überein, wenn G ü d e m a n n in seiner „Jüdischen Apologetik" von demselben sagt: es wäre doch ein Widersinn, ein so großartiges Ereignis wie die friedliche Umwandlung selbst der Tierwelt innerhalb eines einzigen Landes allein vor sich gehen zu lassen, während die Menschheit im Reiche des Unfriedens und der Roheit verbliebe. 5) Aber solche weltumspannende Ziele können nur erreicht werden durch die Annäherung an ein gemeinsames, erhabenes Richtungsziel. Die Propheten erblicken dasselbe in den immer höher steigenden Ansprüchen an wahre Gotteserkenntnis, an reine Sittlichkeit. Und so gelangen wir von selbst zum Ausgangspunkt unserer Darlegung zurück: Ein Gott, eine Moral, eine Menschheit; eine Forderung, an welcher auch die Geisteswissenschaft nicht achtlos vorübergehen kann und welcher Ludwig Stein, ein Denker, in dessen Person dieselbe auch sonst einen glänzenden Vertreter besitzt, folgenden Ausdruck gibt: Das Wort Secharja's: Und der Ewige wird König fein über die ganze Erde; an diesem Tage wird der Ewige einer sein und sein Name einer, es verkündet Friede den Völkern und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer, von Strom zu Strom bis ans Ende der Erde . . Die Glückseligkeit der Menschen wird ... in das zeitliche Jenseits projiziert, in die künftige Vervollkommnung des Menschengeschlechtes, in die moralische Unsterblichkeit der Gattung, 3) Chamberlain a. a. O. I., 524. 4) Jesajas II, 6; vgl. Jes. 65, 25. 5) M. Güdemann: „Jüdische Apologetik", Glogau 1906, S. 215.

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