Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 42 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Kl. 42 WL. Lwül"s Wochrnfarrn^ Seile 687 unga^ländischen Juden drohen dieselben Verhältnisse, in denen sich die österreichischen Juden bereits befinden, wenn sie so — unerfahren sein werden, wie unsere Politiker waren. Glücklicherweise gibt ihnen die Widerstandskraft der jetzigen Regierung Zeit zur Einrichtung eines vorbeugenden Systems und die Art des Vorgehens seitens ihrer Freunde auch die moralische Berechtigung dazu. Gewiß können und wollen sie nach so langer Gefolgschaft auf magyarischer Seite nicht plötzlich ins gegnerische Lager überschwenken. Das wäre außer allem andern auch d i e Dummheit, daß der magyarische Antisemitismus eine scheinbare Begründung bekäme. Trotzdem könnte man den Separationswünschen der Volkspartei und Kossuthpartei entgegenkommeu, zumal es außerordentlich vernünftig ist. Die Juden brauchten nur die Arbeit für das Magyarentum einzustellen, auch keine Arbeit für eine andere Nationalität oder Gruppe zu übernehmen, sondern sich in ihrer Masse politisch selbständig machen, sich auf jüdischer Grundlage organisieren. Wer sie dann brauchen wird, wird zu ihnen kommen und sie dann auch beschützen müssen. Man hört einen Chorus von tausenden Stimmen, wenn man diese Worte niederschreibt. „Nur sich nicht zurückziehen, nur sich nicht selbst ins Ghetto sperren." Genau so hat man in Oesterreich auch geschrien, schließlich aber hat es sich gezeigt, daß das Herumlungern und Herumbetteln bei anderen Parteien das Ehrlose und Wertlose war, daß man gegenüber der antisemitischen Uebermacht nur durch den Mut des jüdischen Bekenntnisses etwas durchzusetzen vermochte, daß man mit ehrlicher jüdischer Politik imponiert. Wenn wir Juden hier von unserem Germanendusel noch haben etwas praktisch :oett machen können, dann war es durch die Verhandlungen jüdischer nationaler Organisationen. Das find die Lehren, die uns österreichischen Juden in den letzten zwei Jahrzehnten auf die Haut gebrannt wurden. Sie unseren Brüdern in Ungarn drüben ausdrücklich zu geben ist nicht unser Recht, -aber wir können ihr Auge auf die Beispiele diesseits der Leitha lenken, damit wenigstens sie durch Stolz und rechtzeitige Klugheit vermeiden können, was wir an Schimpf und Schaden erleiden. I. U p r i m n y. Totgesagt. Von Morris Rosenfeld. Die Zeitungen berichteten, daß ich gestorben sei. „Das ist eine Lüge", sagt die Not. „Ich war eben bei ihm und sah, wie er litt. Ich sehe ihn immer, früh und spät. Ach, der stirbt nicht so schnell, dieser Dichter, der Israels Lieder gesungen. Er lebt und leidet wie ein Jude." Die Zeitungen berichteten, daß ich gestorben sei. Es scheint fast, die Welt könne die Zeit nicht erwarten, mir die letzten Ehren zu erweisen, obgleich fie noch weit davon entfernt ist, mich der ersten teilhaftig werden zu lassen. Bedenke ich, daß ich als jüdischer Schriftsteller überhaupt noch nicht gelebt habe, so liegt in Wirklichkeit nichts Neues in der Mitteilung, daß ich tot sei. Ist es nun tatsächlich wahr, daß ich gestorben bin, so müssen meine Feinde fich zu Tode ärgern, wenn fie jetzt erfahren, wie unsterblich ich bin. Als ich die Lobsprüche las, die über mich veröffentlicht wurden, dachte ich mir, daß ich, so tot wie ich nun einmal bin, meinen Panegyrikern viel bessere Nachrufe gewidmet und fie ganz anders begraben hätte, als sie es mit mir getan. Aber die Wahrheit ist, daß nach dem Tode manches dieser „Nachrufer" kein „Hahn" krähen wird. Die Erde wird ihm sehr leicht sein. Niemand wird ihn missen, denn ein so leichtfertiger Geselle, der die Nachricht über meinen Tod in die Welt gesetzt hat, fieht seine größte Ambition darin, durch Lumpereien zu brillieren und die Welt besitzt Lumpen mehr als genug. Aber Eines erfüllt mich mit Genugtuung, daß nämlich diejenigen, die fich über meinen „Tod" gefreut haben, es jetzt oft bedauern werden, wenn ich im Traume zu ihnen kommen werde. Sie werden gar oft erschreckt ausspringen, wenn ich so unerwartet vor ihnen erscheinen werde. Wenn es wahr ist, was meine Großmutter sagt, daß die Toten fähig seien, die Lebenden ins Fleisch zu zwicken, dann wehe euch, die ihr unter meine Krallen kommt! Und ist es wahr, daß die Nägel des Toten im Grabe wachsen, so werde ich wohl wissen, mich ihrer zu bedienen. So viel über meinen Tod! Was kann ich aber tun, um wieder meine Auferstehung herbeizuführen? In Europa begannen fie plötzlich Briefe in meinem Namen zu veröffentlichen, für die ich nicht im Ge" ringsten verantwortlich bin. Selbst die „Neue Freie Presse", eine der größten Zeitungen des Kontinents, hat einen solchen Brief von mir veröffentlicht. Der Inhalt dieser „meiner" Briefe ist ungefähr folgender: „Mein gutes Volk! Ich gebe dir kund und zu wissen daß ich weder tot noch lebendig bin. Ich liege mit meinen sechs kleinen Kindern auf der Straße, habe über 800 Dollar Schulden, bin stockblind, sehe nicht einen Cent vor meinen Augen usw." Daß ich einen solchen Brief geschrieben habe, entnimmt die Wiener „Neue Freie Presse" einer jüdischen Quelle — ein sicherlich unanfechtbarer Beweis für seine Echtheit. — So schmerzvoll die Dinge um mich auch stehen mögen, ich mußte doch lam auftachen. Jsts nicht eine wunderbare Idee? Ich habe gerade genug an meinen zwei Kindern und fie behaften mich mit sechsen. Ich erwarte jeden Augenblick aus „meinem" kleinen Hause hinausgeschmissen zu werden, weil die Hypothekenlast allmählich größer wird als die Erträgnisse der Dichtungen, und in Wien schreiben fie, ich liege bereits auf der Straße. Nicht genug, daß ich gezwungen bin, vier Paare von den besten Spezialisten hergestellte Augengläser zu gebrauchen und doch kaum weiter sehe als meine Nase reicht: fie, in Wien müssen mich ä tont prix stockblmd haben. Und als ob es nicht schon schlimm genug wäre, daß ich keinen Cent mein Eigen nenne, müssen fie mir noch Schulden von mehreren Hundert Dollars zuschreiben. Was ists eigentlich mit Europa? Es scheint, daß fie dort die russische Revolution besserte geschoben und an ihrer Stelle mich aufgegriffen haben. Denken Sie einmal: Man greift ein Einzelindividuum auf, ärgert es zu Tode, wo man doch zur selben Zeit vier Kongresse und einen Guerillakrieg hat, mir denen man fich doch eingehender beschäftigen sollte! Ich meine den Zionisten-, Sozialisten-, Anarchisten- und den „ist"-losen Friedenskongreß und einen Guerillakrieg in Marokko. Wäre es nicht vorteilhafter gewesen, wenn die Presse fich aus diese vier Kongresse geworfen und mich hätte ungeschoren sein lassen'? Wäre es nicht zweckdienlicher gewesen, wenn fie den jüdischen, den Zionistenkongreß aufgegriffen hätte, als einen einzigen Juden, der kaum noch lebt? So bin ich denn vor einiger Zeit gestorben, und jetzt, da ich wieder ins Leben zurückgerufen wurde, werden mir wieder Briefe an europäische Zeitungen zugeschrieben, von denen ich niemals auch nur geträumt habe. Schließlich ist es noch besser.