Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 41 „Weißt Du Mendel," sagte er und näherte sich entschlossen dem Tische, „man sagt, Hunger sei ein Gesetz für sich. Man muß den Gesetzen folgen, glaubst Du nicht?" „Hilfe, Diebe, Mörder!" brach Mendel aus und hielt den Teller krampfhaft mit beiden Händen fest; „Jonas würgt mich." Ehe Jonas sich recht überlegen konnte, was für weitere Maßnahmen er ergreifen sollte, spürte er einen Schlag auf dem Rücken, dem viele andere folgten. Es war sein Vater, der zur Hilfe rasch herbeigekommen war und der Jonas nun ins Ohr schrie: „Also ein Brudermörder willst Du auch werden, Du bodenlos habgieriger Bube? Du glaubst wohl, ohne diesen ist Dir Gehennom nicht sicher. Ich für meinen Teil gebe Dir das Siegel — hier auf Deinem Rücken, wenn Du willst. Vielleicht soll ich es mit dem Stock unterstreichen?" Jonas gab keine Antwort, doch mit einer Bewegung seiner Schulter schüttelte er den Vater los und enteilte. Wer ihn in diesem Augenblicke mit dem lächelnden Angesicht, den Händen in den Hosentaschen abgehen gesehen und sein lustiges Pfeifen gehört hatte, hätte vermutet, daß Jonas von einer Belustigung käme. Jonas ging langsam des Weges, wie Jemand, der nachdenkt. Er frug sich, ob er all das Böse, das die Menschen ihm nachsagten, wirklich verdiene. War es seine Schuld, daß er nicht so begabt war wie Mendel? Ja, er hatte die stolze Tradition seiner Eltern nicht erhalten, indem er kein Lamdon, Schristgelehrter, geworden wie Mendel und deshalb hatte er sich die Liebe des Vaters und der Mutter verscherzt. Aber sicherlich war er nicht daran schuld, daß er so beängstigend stark war, daß ihn Niemand in den Dienst aufnehmen wollte aus Furcht vor ihm. Von seinem Vater ließ er sich aus einer gewissen kindlichen Pietät schlagen, aber einem Fremden gegenüber schuldete er keine solche Pietät, und das mußte jener Mann erfahren, in dessen Dienst er einstens gewesen. Seit dieser Zeit war Jonas mehr oder weniger Vagabund geworden und der Gegenstand des Kopfzerbrechens und bedeutungsvoller Blicke vieler Schriftgelehrter seiner Vaterstadt. Doch er lachte sie scheinbar alle aus. Aber Jonas dachte anders: er wußte, daß sein Lächeln nur äußerlich war, daß sein Pfeifen nur von den Lippen, nicht aber aus seinem Herzen käme. Er war des ewigen Hohnes, deren Zielscheibe er war, zu Tode überdrüssig. Und warum erduldete er all das? Warum hatte der abenteuerliche, unbekümmerte Jonas nicht längst sein Ränzel geschnürt, um wo anders ein neues Leben zu beginnen? Warum war er nicht fortgezogen, wie viele seiner einstigen Freunde? Die Antwort kam eben auf zwei zierlichen, kleinen Füßchen einhergetrippelt; sie hatte ein jugendfrisches Gesichtchen; sie hatte eben erst die Grenze zwischen Kindheit und Weiblichkeit überschritten. Als Jonas das junge Mädchen erblickte, zog er die Hände aus den Taschen und das Pfeifen erstarb auf seinen Lippen. „Guten Tag, Freide," sagte er. Sie antwortete nicht und ging an ihm vorüber, ohne ihn anzusehen. „Was soll das bedeuten," frug Jonas ärgerlich. „Ach tu nicht, als ob Du von nichts wüßtest," gab sie zurück: „Hast Du nicht vor einer Stunde das Leben Deines Bruders bedroht? Ich habe schon alles darüber gehört." Jonas war entsetzt. „Erstens ist das nicht wahr," sagte er endlich; „zweitens war es nur ein Scherz und ‘ drittens, was hat diese Angelegenheit mit Dir zu schaffen?" Freid.es Antwort war ein starkes Erröten, das ihr ganzes Gefichtchen mit rosigem Schimmer übergoß. Jonas -wußte dieses Erröten nicht zu deuten, es brachte ihn außer Fassung. Er hatte oft mit ihr gesprochen, aber diese Erscheinung hatte er nie an ihr wahrgenommen. „Nun, was hast Du damit zu schaffen," wiederholte er. „Schon wieder tust Du, als ob Du nichts erfahren hättest," sagte sie, aber diesmal in viel freundlicherem Tone; „als ob Du nicht wüßtest, das Dein und mein Vater gestern abends beschloffen haben, daß Mendel mein Gatte werde. Nun wirst Du wohl zugeben, daß es mich wohl angeht, wenn Seite 681 Du ihn am Leben bedrohst. Aber Du wirst es nicht mehr tun, nicht wahr, Jonas?!" Sie blickte ihn bittend an und bemerkte dabei, daß er leichenblaß geworden war. Sie dachte, es wäre aus Reue. „Es wird nie mehr Vorkommen," sagte Jonas. „Aber sage mir Freide, hast Du ihn lieb?" „Oh ja, sehr lieb habe ich ihn und schon seit jeher. Wie wäre es auch anders möglich, da jeder voll des Lobes über ihn ist. Ist er nicht der bedeutendste Lamdon, Schriftgelehrte der Gemeinde? Schon ans diesem Grunde muß ich ihn lieb haben. Ich habe mich immer gewundert, Jonas, daß Du an der Seite eines solchen Bruders das geworden bist, was Du bist." „Ich wundere mich selbst," sagte Jonas und ging mit kurzem Gruße von dannen. Es war Freide nicht aufgefallen, daß er ihr nicht gratuliert hatte. Jonas ging schwankenden Schrittes heimwärts und die Leute flüsterten einander bei seinem Anblicke zu: „Nun ist er auch ein Trinker geworden." Zum ersten Mal war es Jonas vollkommen klar geworden, daß er ein Verstoßener im Elrernhause war; nicht einmal dieses bedeutende Familienereignis, die Verlobung Mendels, hatte man ihm mitgeteilt. Doch das bittere Gefühl, das ihn über diese Mißachtung seiner Person beschlich, war noch honigsüß gegen die Erkenntnis, daß nun der einzige Stern seines Horizontes für ihn erloschen war und seine Seele nun im Finstern tasten müßte. Doch es war nicht anderes zu erwarten gewesen? Die Distel hätte sich nimmermehr mit der Rose vermählen können und die Distel hatte ihre Unwürdigkeit erkannt und hat nie ihre Sehnsucht eingestanden. Darüber war er froh — eine Demütigung weniger. Jetzt hatte er Niemanden mehr, den er lieb haben konntej nicht einmal mehr sie. Es wäre Sünde, sie noch lieb zu haben. Sein Plan war fertig: noch eine kurze Zeit wollte er dem Haffe fröhnen und dann auf und davon. Er kam erst eine Stunde nach dem Nachtmahl nach Hanse. Die Grütze stand am Herd; sie war längst kalt und geschmacklos geworden. Jonas verzehrte sie mit einem Stück Schwarzbrot. Die schlechte Kost däuchte feinem Gaumen süß. Nicht der Hunger versüßte sie ihm; sondern der Haß, der in ihm wühlte. _ (Fortsetzung folgt.) Neue Bücher. Giersch: Der Weg zum Frieden. Verlag von Albrecht Giersch in Posen. Jewish Cülonization Association. Rapport de l'Administration Centrale an eonseil d’administration pour l’annöe 1906 presente a l’assemblöe generale da 7 juillet 1907,. Paris, 1907. Jacob Obermeyer. Modernes Judentum im Morgen- und Abendland. K. k. Hof-Buchdruckerei und Hof-Verlagsbuchhandlung Carl Fromme, Wien und Leipzig 1907. Krirfkastr«. B. S. Der Oberstleutuant Bloch, Direktor des Geniekorps in Maubeuge ist zum Oberst und Direktor des Geniekorps in Versailles, der Eskadronschef Meyer vom 2ä. Artillerie-Regiment ist zum Obcrftleutnant und Direktor der Artillerieschule des 7. Armeekorps und der Hauptmann Cerf vom 110. Limen-Jnfanterieregiment zum Bataillonschef des 31. Regiments befördert worden. Dr. E. Am 9. v. M. ist in St. Louis im 5.1. Lebensjahre der Kommandant Simon Cook, einer der besten Marineoffiziere Amerikas, der namentlich im spanisch-amerikanischen Kampfe auf den Philippinen sich wiederholt ausgezeichnet, gestorben. Die Beerdigung fand mit Motzen militärischen Ehren auf dem jüdischen Friedhofe Mount Sinai statt. ' S. M. Der Generaldirektor im italienischen Ministerium des Aeußern. Giacomo Malvano, ist zum Sektionspräsidenten im Staatsrat ernannt worden. „Chasak" Ad. 1 Nein. Ad. 2 Nein. - Salomo« St. in Z. Die entsprechenden Informationen standen im Inserat. B. L. Der 23. November 1894 war Freitag, der 24. Chesch- / wan 5655. Dr. Dlocd's Mlocvenscdrm.