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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-11 · 41 (11.10.1907) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
41 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 678 Dr. jbiocWs MlocvenscbrM. Ar. 41 Diese drei Schulen unterstehen der Leitung und Inspektion des Herrn Direktors Dr. D. Markus und des obgenaunten Zweigkomitees. Herr Dr. P. Nathan hat also während seines Aufenthaltes hier eine bedeutende Arbeit verrichtet, die segensreich für die jüdische Bevölkerung wirken wird, und der Hilfsverein der deutschen Juden sichert sich ein Ruhmesblatt in der Geschichte des jüdischen Volkes. Man gibt sich hier allgemein der Hoffnung hin, daß Herr Dr. Paul Nathan die besten Eindrücke von hier mitgenommen hat. Der Großrabbiner, bei dem der Herr Dr. Nathan einen Besuch abstattete, versprach ihm die Einsetzung seiner ganzen Macht, um das Werk des Hilfsvereines zu fördern, und ehrte den Gast mit seinem Bilde und einer herzlichen Widmung in hebräischer Sprache. Möge der Hilfsverein der deutschen Juden bald in der Lage sein, die edlen Aufgaben, die er sich gestellt hat, zu lösen. Heiman Mark us Zögling des Rabbiner-Seminar» in Amsterdam, derzeit in Konstantinopel. I» Kischenew als Gouverneur. Memoiren des Fürsten S. D. Uruffow. Diese Art von Büchern ist noch selten: ein hoher russischer Beamter gibt seine Memoiren heraus. Nicht bloß ein hoher Beamter, ein Fürst U r u s s o w sogar. Die Uruffows gehören zu dem ältesten, angesehensten Adel in Väterchens Reich. Ein Urussow sitzt gegenwärtig als Botschafter in Wien. Aber der Verfasser der Memoiren ist ein anderer. Er war unmittelbar nach dem Pogrom in Kischenew Gouvemeur von Beffarabien. Man hatte den früheren Gouverneur, General R a a b e n, nach den Greueltaten fallen lassen und den Fürsten Uruffow nach Kischenew geschickt. Dort hat sich der Fürst sehr beliebt bei der Bevölkerung, ja besonders bei den Juden und daher in den Petersburger Ministerien sehr unbeliebt gemacht. Später wurde er nach Twer versetzt, aber auf seine Bitte — unter Trepows Diktatur verlor er die Lust, weiter Staatsdiener zu sein — des Postens enthoben. Seine Memoiren („Memoiren eines russischen Gouverneurs." Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt.) beschränken sich nur auf seine Kischenewer Zeit. Vielleicht sind sie die erste objektive Darstellung der Ursachen jener furchtbaren Ausschreitungen, die im Jahre 1903 die Welt entsetzten. Fürst Uruffow war als Gouverneur ein Neuling, der sich einzig von dem Willen, gesetzmäßig vorzugehen, leiten ließ. Bevor er nach Kischenew abreiste, erschien er bei Nikolaus II. in Audienz. „Der Arbeitsraum des Kaisers", erzählt er, „besteht aus einem nicht sehr großen, länglichen Zimmer mit sehr wenigen Möbeln; mitten in dem Raum in der Nähe des Fensters stand ein kleiner Schreibtisch, der Gesamteindruck des Kabinetts war der der Einfachheit. Der Kaiser trug eine weiße Litewka, sein Gesichtsausdruck war ein angenehmer und die Augen, die er direkt auf das Gesicht seines Besuchers richtete, blickten zutraulich und freundlich. Er zeigte nicht die Zurückhaltung und die Gezwungenheit, die ich an dem Großfürsten Sergej Alexandrowitsch bemerkt hatte, als ich ihm in seiner Eigenschaft als Generalgouverneur von Moskau meine Aufwartung machte. Der Kaiser benahm sich einfacher und ungezwungener, wenngleich die Uebergänge von einem Gesprächsgegenstand zu einem anderen anfangs mit gewissen Pausen erfolgten, während deren er offenbar ein neues Thema suchte. Als ich das bemerkte, begann ich selbst zu reden, wenn er schwieg, und dadurch schwand die Spannung der Situation sehr bald. . . . ,Das ist die Hauptsache", sagte der Kaiser, ,Sie müssen verlangen, daß jeder seine gesetzliche Pflicht tut, dann wird alles gehen, wie es sein muß/ Ich begann von dem Pogrom in Kischenew zu sprechen, aber ich hatte den Eindruck, als wäre das dem Kaiser unangenehm." Als Fürst Uruffow bei P l e h w e seinen Abschiedsbesuch machte, entließ ihn der Minister mit der Bemerkung: „Eines sage ich Ihnen beim Abschied: Bitte, etwas weniger Reden und weniger sentimentale Judenfreundschaft." Zum Gluck hat das Gesetz den Gouverneuren ihre Selbständigkeit gewahrt, sie nicht den Ministerien unterstellt, und der Fürst brauchte sich um den verblümten Rat nicht zu scheren. Als er nach Kischenew kam, sah man überall noch die Spuren des Pogroms, vor allem stockte der Handel noch, und das gesellschaftliche Leben mar aus dem Gleis geraten. Er empfing eine Abordnung der Juden, der er seine Grundsätze von Toleranz und Gerechtigkeit auseinandersetzte. Der Erfolg war glänzend. Das Stadtbild änderte sich fast plötzlich. „Die Kunde, daß die Juden die Trauer abgelegt hätten und wieder an Vergnügungen teilnähmen, verbreitete sich schnell in der Stadt; die Straßen belebten sich, alle Leute beobachteten sich neugierig, tauschten Bemerkungen aus, überhaupt wurde die Stimmung fröhlicher und sogar freudig." Beim Pogrom war auch in der Synagoge die den Juden heilige Thorarolle, die das auf Pergament geschriebene Alte Testament enthält, zerriffen worden, und die Kischenewer Juden wollten sie nach einer rituellen Vorschrift zeremoniell begraben. Bisher hatten die Behörden das Begräbnis hinausgeschoben, aus Furcht, es könnte zu Exzessen kommen. Fürst Urussow gestattete es unter klugen Dispositionen und die Ruhe wurde nicht gestört. Kraffe Bilder sind es, die er von der Korruption und Verwilderung in Beffarahien entwirft. „Während der Amtstätigkeit des Generals Raaben konnte man die Herren Offiziere bei schmutzigem Wetter auf Schutzleuten über die Straße reiten sehen; das waren sozusagen harmlose Spasse, wechselseitige Liebenswürdigkeiten zwischen Militärs. Bei mir kamen solche Fälle nicht vor, aber dafür konnte ich mich besonderer Zuneigung der militärischen Kreise nicht rühmen." Die Polizei lebte von Bestechungen und Erpressungen, die Offiziere ließen sich arge Exzesse zuschulden kommen, die Juden litten unter öffentlichen Mißhandlungen. Wo es nötig war, griff Fürst Urussow scharf zu, durch Ausweisungen uub Verhaftungen. Bald galt er als „Judenschützer" und zog sich den Haß der Hetzer zu. Er versuchte, hinter die Anstifter der blutigen Pogroms zu kommen. Keinesfalls spricht er die Petersburger Regierung der moralischen Verantwortung frei. „Ich halte", schreibt er, „unsere Regierung für schuldig der Begünstigung einer beschränkt-nationalen Idee, einer kurzsichtigen und in ihren Mitteln rohen Politik gegen die Grenzdistrikte und fremden Nationalitäten; ich mache ihr den Vorwurf, daß diese Politik zwischen den einzelnen Völkerschaften Mißtrauen und Haß gefördert und erzeugt hat, und endlich, daß die Behörde, willenlos einem falschen Radaupatriotismus nachgebend, indirekt jene wüsten Erscheinungen begünstigt hat, die, wie das bekannte Zirkulär des Ministers des Innern Grafen Tolstoj aus den Achtziger-Jahren beweist, in demselben Augenblick verschwinden, in dem die Regierung offen erklärt, daß ein Pogrom auf dem Boden nationalen Haders ein Verbrechen ist, für dessen Duldung die lokalen Behörden die Verantwortung trogen werden. Und so halte ich denn die Beschuldigung, die Regierung habe die Pogroms stillschweigend geduldet, für bewiesen. Aber kann man wenigstens die russische Negierung freisprechen von dem Verdacht unmittelbarer Teilnahme an den Greueltaten ihrer allerdings geheimen Agenten, und kann man behaupten, daß der unmittelbare Anlaß zum Pogrom ein natürlicher und zufälliger, nicht aber ein gestellter" war?" „Solange ich Gouverneur in Kischenew war und noch geraume Zeit später habe ich dem Gedanken nicht Raum gegeben, daß die Pogrompolitik in leitenden Kreisen tätige Anhänger und geheime Inspiratoren habe. Die Ereignisse der Jahre 1905 und 1906, die Revision Sawitsch' in Homel, des Senators Turau in Kijew, die Tätigkeit des Verbandes russischer Leute und die hohe Protektion, die sie genießen, die Antwort des Ministers des Innern auf die Inter- pellation der Duma wegen der Geheimdruckerei, der Bericht Makarows über die Pogromtätigkeit der Gendarmerieoffiziere Kommissarow und Budagowskij usw.,-alles das hat mich zu einer anderen Anschauung gebracht, und vieles, was mir bis dahin unverständlich gewesen war am Kischenewer Pogrom, und manches, was mit Händen nicht zu greifen war und was meine Zweifel nicht hatte zur Ruhe kommen lassen, schreibe ich jetzt der Einwirkung gewisser geheimer treibender Kräfte zu, die von hochstehenden Persönlichkeiten in Bewegung gesetzt wurden. Möglich, daß der Chef der Kischenewer Schutzabteilung, Lewendal. dem böse Zungen direkt die Organisation des April- Pogroms zuschrieben, eine doppelte Rolle gespielt hat, mit einer Hand den Pogrom vorbereitete, mit der anderen jenen Rapport au das Polizeidepartement schrieb, der vor bevorstehenden Unruhen warnte und den ich in den Akten des Departements fand." Im Jänner 1904 nahm Fürst Urussow an den Sitzungen der „Judenkommission" in Petersburg teil. Plehwe „schnitt" ihn demonstrativ; er war mit dem Verhalten des Gouverneurs gar nicht einverstanden. Die Sitzungen verliefen „zum Weinen"; ihre Stumpfsinnigkeit wäre der Verspottung durch einen Courteline wert. Der Krieg gegen Japan brach inzwischen aus. Der Zar bemerkte, er betrachte den Angriff der Japaner „wie einen Flöhstich". Es wirkt heute grotesk, zu hören, von welcher Zuversichtlichkeit Nikolaus damals war. Fürst Urussow erschien wieder in Audienz vor ihm und berichtet darüber: „Die ruhige und sogar fröhliche Gemütsverfassung des Kaisers überraschte auch mich, als ich in sein Kabinett trat. Seine Majestät trug eine ebensolche weiße Litewka wie damals, als ich ihn im Juni sah; er begrüßte mich sehr höflich, drückte seine Zufriedenheit darüber aus, daß in Beffarabien alles ruhig und friedlich sei, und äußerte dann den Wunsch, die Gouverneure möchten in ihre Gouvernements zurückkehren. Ich berichtete dem Kaiser, ich fahre noch am selben Tage nach Kischenew, und erwähnte hierbei das Unglück, das in Gestalt eines unerwarteten Krieges über Rußland hereingebrochen sei. Die authentischen Worte des Zaren, die er hierauf zu mir sprach, habe ich gut im Gedächtnis behalten und führe sie daher mit zuverlässigster Genauigkeit an: ,Jch bin über den Ausgang des Krieges vollkommen ruhig", sagte er, ,und Sie werden es jetzt auch bedeutend leichter haben." Ich verstand nicht gleich die Gedanken des Zaren, aber es erklärte, der Krieg würde eine Hebung des patriotischen Geistes Hervorrufen, dadurch würde die regierungsfeindliche Agitation Nachlassen, und folglich würden die lokalen Behörden es leichter haben, Ordnung und Ruhe aufrechtzuerhalten. ,Jch kann Ihnen eine angenehme Nachricht aus Kischenew mitteilen," fügte der Kaiser hinzu. ,Es haben dort Demonstrationen stattgefunden mit Gottesdienst und dem Zarenbilde, ich habe gestern ein patriotisches Telegramm erhalten." Die Revolution kam demnach für den Zaren völlig unerwartet. Er hatte das Gegenteil, die „Hebung des patriotischen Geistes" erhofft! Fürst Uruffow kehrte nach Kischenew zurück, wo ihn bald

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