Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-11 · 41 (11.10.1907) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
41 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021752--16749-3041587
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 676 L>r. Jäioco s Mwcvens^örm. 'Jtv. 41 Familien. Unser Zweck ist, den Bevölkerungsklaffen darzutun, daß es sich hier nicht um eine bloß kirchliche oder Pfarrer- Frage handelt, sondern um eine im weitesten und edelsten Sinne christliche Frage, die zugleich eine solche der Menschenwürde, der bürgerlichen Ordnung und des öffentlichen Wohles bedeutet. Darum bemühen wir uns, anzukämpfen gegen die Oeffnung der Bureaus und Läden am Sonntag, wie auch gegen den Sonntags mißbrauch, die allzuvielen Feste, die Fortbildungsschulen am Sonntag, die Löhnung der Arbeiter am Samstag Abend oder am Sonntag, die sonntäglichen, militärischen Uebungen und Versammlungen für Geldinteressen an diesem Tag." Internationale Kongresse fanden bisher statt: In Genf 1876, in Bern 1879, in Stuttgart 1892, in Chicago 1893, in Brüffel 1885 und 1897 und in Paris 1881, 1889 und 1900, in St. Louis (Amerika) 1904, in Mailand 1906. An der Spitze der Verhandlungen stand die Beratung über die Ausdehnung der Sonntagsruhe für Handlungsgehilfen und technische Beamte. Berichterstatter waren die Herren H i l l e r ^Leipzig), Ing. Lüdem a n n (Berlin), R o t h (Hamburg). Da zu erwarten war, daß die Beziehungen vonSabbathruhe und Sonntagsfeier nicht ohne Erörterung auf den Kongreffen bleiben würden, hatten die in der Sonntagsruhe-Frage kooperierenden „FreieVereinigung für dieJnteressendes orthodoxen Judentums" und „V e rband der Sabbath-Freunde" in der Person des Herrn Moritz A. L o e b einen Vertreter zu den Verhandlungen entsandt. Während die Referate der Herren Lüdeman n und Roth von unserem Standpunkt aus keinen Anlaß zu Bemerkungen bieten, war dies umsomehr bei den Ausführungen des Herrn Hitler der Fall. Dieser Herr, der als Vorsteher des Leipziger Gehilfenverbandes sprach, konnte sich nicht damit begnügen, für die Ausdehnung der Sonntagsruhe einzutreten, er leistete sich auch einen ebenso unmotivierten, wie sachlich ungerechtfertigten Angriff auf die „orthodox-jüdischen" Kaufleute. Nach Ansicht des Herrn Hiller bilden die Bestrebungen der am Sabbath geschloffen haltenden Kaufleute eine schwere Gefahr mr die gesamte Sonntagsruhe, weßhalb er die Versammlung ausfordert, sich entschieden gegen die Gewährung jeglicher Ausnahme zu wenden. Herr Hiller meint, das Arbeiten am Sonntag dürfe nicht gestattet werden, weil jenen Kaufleuten durch die Möglichkeit der früheren Erledigung der Eingänge den anderen Kaufleuten gegenüber ein Vorteil geboten werde!! Als erster Diskussionsredner meldete sich Herr Rabbiner Dr. H o r o v i tz (Frankfurt a. M.) als Vertreter des Verbandes deutscher Juden zum Wort, um auf eine Bemerkung des ersten Referenten zu antworten. Er bemerkte, daß gerade die gesetzestreuen Juden den großen Segen der vollständigen Sabbathruhe vollauf zu würdigen wüßten und deshalb trotz schwerer Opfer schon Jahrtausende hindurch durchgeführt hätten. Gerade die orthodoxen Juden begrüßten die Arbeit des Kongresses mit warmer Anerkennung, und er habe an den letzten großen jüdischen Feiertagen während der Gottesdienste die Gelegenheit wahrgenommen und seine Glaubensgenoffen ermahnt, ihren christlichen Angestellten doch nach Möglichkeit am Sonntag frei zu geben, damit sie eine richtige Sonntagsruhe bekämen. Er bedauere die Angriffe von Hiller (Leipzig) gegen die „gesetzestreuen jüdischen" Kaufleute außerordentlich. Es sei nur verlangt worden, daß jene jüdischen Kaufleute an Sonntagen dort, wo völlige Sonntagsruhe herrsche, in geschlossenen Räumen durch jüdische Angestellte die dringendsten Arbeiten erledigen lassen dürften. Von einer Konkurrenz der jüdischen Kaufleute am Sonntag könne unter diesen Umständen doch wahrlich keine Rede sein. Wer, wie die Teilnehmer des Kongresses, dafür eintritt, daß jedem Menschen ein voller Ruhetag gewährt werde, der könne unmöglich gegen Bestrebungen sein, die den Juden die Durchführung ihres Ruhetages ermöglichen wollen. Den gehaltvollen Ausführungen des Redners, die durch die stark begrenzte Redezeit (Höchstdauer 7 Minuten) leider nicht ausführlicher sein konnten, folgte lebhafter Beifall. Alsdann ergriff namens der von ihm vertretenen Körperschaften Herr Moritz Ä. L o e b-Frankfurt a. M. das Wort. Er führte aus, daß der Verband der Sabbathfreunde für Deutschland Aehnliches anstrebe, wie der Internationale Verband für die Allgemeinheit, allerdings für Juden. Der Verband umfasse nach zweijähriger Tätigkeit heute schon mehr als 80 Ortsgruppen mit über 4000 Mitgliedern. Er verfolge das einzige Ziel, die Beobachtung des jüdischen Ruhetages dort, wo sie verloren gegangen sei, wieder einzuführen, und wo sie noch bestehe, zu ihrer Festigung beizutragen. Bei dieser Arbeit müsse die gesetzestreue Judenheit und insbesondere der Verband der Sabbathfreunde einer Körperschaft, die den christlichen Mitbürgern ihren vollen Ruhetag sichern wolle, die größte Sympathie entgegenbringen. Umso bedauerlicher sei es, wenn aus diesem Kreise Angriffe erfolgten, wie es soeben seitens des Herrn Hiller geschehen sei. Herr Hiller sei dazu umsoweniger berechtigt, als er die Materie nicht einmal genügend beherrsche. So gibt er den Juden den Rat, ihre Geschäfte am Samstag abend zu erledigen. Er weiß also nicht einmal, daß der jüdische Ruhetag erst nach Eintritt der Nacht beendigt ist, wodurch ein Beginn der Arbeiten am „Samstag-Abend" im Hochsommer zum Beispiel erst um 10 Uhr abends möglich wäre! Wenn Herr Hiller behauptet, eine den jüdischen Kaufleuten gewährte Erlaubnis, am Sonntag 2 bis 3 Stunden zu arbeiten, notabsno bei verschlossenen Türen, führe zu einer Schädigung ihrer christlichen Konkurrenz, so bedürfe es da keiner ernstlichen Widerlegung. Daß ein Kaufmann, der eben nach 25stündigem Schluffe sein Bureau zu kurzer Tätigkeit öffnet, nicht imstande ist, seinen Konkurrenten, der inzwischen tätig war, auch nur einzuholen, geschweige denn gar zu überholen, liege für jeden Fachmann doch auf der Hand. Es sei denn auch in den Städten, in denen Ausnahmen für die gesetzestreuen jüdischen Kaufleute bereits zugelaffen sind, wie München und Posen, Niemand eingefallen, hierin eine Schädigung zu erblicken und die dortigen Kaufleute müßten doch ihre eigenen Interessen mindestens ebenso gut kennen als Herr Hiller aus Leipzig. Herr Loeb, vom Vorsitzenden an den Ablauf der Redezeit gemahnt, schließt mit einem warmen Appell an die Versammlung, nicht Bestrebungen die Unterstützung zu versagen, die so ganz im Geiste ihrer eigenen Aufgabe liegen. Auch diesen Ausführungen folgte tebhafter Beifall. In seinem Schlußwort versuchte Herr Hiller sich gegen die Angriffe der Herren Rabbiner Dr. Horovitz und Loeb zu verteidigen, doch blieb seine lendenlahme Erwiderung sichtlich ohne Eindruck. Auf dem Kongresse waren nicht nur Vertreter der Staatsregierung, wie zum Beispiel des preußischen Handelsministeriums, sondern auch Vertreter der obersten kirchlichen Behörden, wie des preußischen Oberkonsistoriums, des Bischofs von Würzburg u. s. w. anwesend. So haben die Verhandlungen des Kongresses, wenn sie auch die Gesetzgebung nicht unmittelbar beeinflussen, doch immerhin eine gewisse Bedeutung. Umso wichtiger ist es, daß wir durch den Mund berufener Vertreter die Forderungen, - die wir gesetzestreuen Juden, in Sachen der Sonntagsruhe mit ruhigem Gewissen erheben können, in ausreichendem Maße zu Gehör bringen konnten. Ueber kurz oder lang muß ohnedies eine Regelung der Sonntagsruhe eintreten; es steht zu hoffen, daß bis dahin diese Anregungen entsprechend Früchte zeitigen. Aus der territorialiftischen Bewegung. London. Zufolge der zunehmenden Jüdischen Auswanderung nach Galveston und mit Rücksicht auf die Wahrscheinlichkeit einer großen Entwicklung in nach st er Zukunft begaben sich Mr. Israel Za n gwill, Präsident des „Emigrations-Regulierungs-Departements der „Jto" und Mr. Clement Salaman. der Ehrensekretär des Departements, am Freitag den 27. September nach Bremen, um im Vereine mit Dr. Bernhard Kahn und Dr. R o s e n a k, letztere als Vertreter des „Hilfsvereines der Deutschen Juden", mit dem Generaldirektor des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.