Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Mi. 41 Dr. Llocvs Mlocvenscvttn. Serie 673 Linien zeigt und den sinnlichen Glanz der unbeschatteten Glutaugen noch freier leuchten läßt. Wie lange aber wird es dauern, und die Kleiderfitten sind vergessen oder haben ihren alten Wert nicht mehr. Nicht etwa, weil es in Tanger einige gar kecke Burschen unter den jungen Juden gibt, die seelenruhig mit einem roten Fez auf dem Kopfe herumstolzieren, obwohl ihnen mancher Araber ärgerlich zuruft: „Ungläubiger Hund, so dürftest Du nicht bis Marakesch reisen!" Nein, es sind die Moden der Europäer, die mit ihrem Beispiel die Nacheiferung wecken. Spielt die Leuorita bobrea erst Klavier, so wird sie sich nur noch im Straßenkostüm und Hut auf dem „Kleinen Socco" zeigen. Die Eltern gönnen wohl den Kindern diese „Zivilisation", aber sie selbst halten dennoch treu zu Kaftan und Shwal, zum Mützchen und Kopftuch und sind nur traurig, daß ihr Kleid mehr und mehr das der Armut wird und von der jungen Generation nicht mehr mit dem gleichen Stolz getragen wird. „Es ist ein Unglück", so klagte mir ein jüdischer Greis, „Sie glauben es nicht, was für eine Gesellschaft uns hier auf den Hals kommt. Alles will nach Tanger; von der Küste und aus dem Innern kommen sie angerückt. Lauter Schnorrer, mit Weib und Kind. Meinen, hier liegt das Geld auf der Straße. Geld-Drcck liegt hier. Und wer muß bezahlen, daß sie nur das Leben haben? Wir hier, mit unserem Geld." — — In der Tat ist das proletarische Element unter den Juden Tangers an Zahl stark gewachsen. Viel häßliche, mißgestaltete Menschen sind darunter, schwächliches, verkümmertes und auch verkommenes Volk. Sie stellen die Bettler für die Straße und die Dirnen für die öffentlichen Häuser. Wie sie in Schmutz und Dunst beisammen hausen, sah ich in einem seltsamen Quartier, einem weiten Hofe, der zwischen zwei Straßenreihen liegt. Bretterbuden und kleine Hütten aus Lehm bedecken diesen Platz. Man muß sich bücken, will man durch die Türe eintreten, und im Innern kann man kaum aufrecht stehen. Für eine ganze Familie ist immer nur ein solcher Raum; nicht viel größer als ein Ziegenstall und auch nicht viel reinlicher. Alles hockt auf der Erde, die Kinder halbnackt und alte wie junge Weiber den Busen kaum verhüllt. Arbeit gibts offenbar nicht viel. Höchstens daß hier einer Schuhe flickt oder dort ein paar Leute Lumpen sortieren. Auf dem schmalen Pfad, der zwischen diesen Wohnlöchern hindurchführt, liegt stinkender Unrat gehäuft. Ein Brutherd für alle Seuchen, stände nicht die große Desinfektions- Maschine „Sonne" am heiteren Himmel und machte wieder gut, was hier gegen die Hygiene gesündigt wird. Es find die letzten Reste der alten Judenstadt, des Melach, die all dies Elend und solche Verwahrlosung bergen, und auch sie werden bald den modernen Straßenzügen weichen müssen, deren erste Anfänge bereits über das einstige Ghetto-Gebiet führen. Die Häuser reicher Israeliten, Bauten nach Großstadtart, verdrängen die armseligen Hütten der Allerärmsten. Von diesem neuentstehenden Stadtteil aus wird sich die allmähliche Europäifierung Tangers vollziehen. Viele der wohlhabenden Juden aber mögen ihre alten maurischen Häuser noch nicht gegen die neumodischen eintauschen. Denn diese Wohnungen find bequem und farbenprächtig wie die morgenländische Gewandung. Die weite Säulenhalle, wo um den blinkenden Brunnen Palmen und Blütenbäume stehen, füllt das Stück Himmel, das sich darüber wölbt, mit immer erhabener Ruhe. Zwischen den schlanken Strebepfeilern der Galerie ranken sich zierlich geschnitzte Bogen, aus deren buntem Holzwerk vielverschlungene Arabesken eine altkluge Sprache reden und von den Wänden strahlen die glänzenden ^ulsjoo das helle Tageslicht milder zurück. Eine tiefe Feierlichkeit, eine stete Sabbathstimmung gehl von diesem Patio aus in alle Räume, die sich auf ihn hin öffnen. In einem solchen Hause war ich zu einem Fest geladen. Den Hausbesitzern, einem jungen Paar, war der erste Sohn geboren worden, und man feierte nach altem Brauche die Aufnahme des Knäbleiys in den „Bund Israels". Im Vorhof saßen arabische Musikanten und plärrten zum hastigen Quietschen ihrer Streichinstrumente unaufhörlich die gleiche eintönige Melodie. Nur ein jüdischer Jüngling befand sich unter ihnen, der wild das Tambourin schlug und mit näselnder Stimme die Textworte sang, wobei er, wie ein Schiff auf sturmbewegter See, beständig in schaukelnder Bewegung war. In den Räumen, die an die obere Galerie anschließen, hatten sich die Gäste zahlreich versammelt. Manche in europäischer Kleidung; Damen, deren helle Roben, und Herren, deren Gesellschaftsröcke den neuesten Schnitt aufwiesen. Aber ebensoviele in der Judentracht. Etliche, die mit den kostbaren Stoffen ihres Kaftans oder den schweren Seidentüchern die reiche Verwandtschaft repräsentierten, und andere, denen man ansah, daß sie zur „armen Vetterschaft" gehörten. Die äußerlichen Klaffenunterschiede gingen jedoch unter in der lauten Herzlichkeit, mit der die Unterhaltung geführt wurde. Endlich brachte eine korpulente Matrone den Gegenstand des festlichen Aktes herein und legte die kleine Hauptperson einem dicken Manne, der behaglich schmunzelnd auf einem hohen Seffel thronte, auf die Kniee, und die Zeremonie nahm unter Gebeten und Segenssprüchen ihren rituellen Verlauf. Als aber das winzige Kerlchen energisch zu schreien anfing, da ging ein vergnügtes Lachen durch die Reihen der Festgenoffen, und . alle sagten, das sei ein gutes, ein sehr gutes Vorzeichen. Dann traten wir, einer nach dem anderen, nebenan in das Schlafgemach. an das reichverzierte, spitzenbehangene Bett, wo die jugendlich schöne Mutter lag und den Erstgeborenen in den Armen hielt. Wir sagten unseren Glückwunsch und sahen dabei in ein Augenpaar, aus dem unendliche Seligkeiten jauchzten. Korrespondenzen. Wien. Die vor den Ferien gepflogenen Beratungen über die Schaffung einer unserer jüdischen Jugend im besten Sinne des Wortes angemessenen Literatur find in den Ferien zu einem Stadium gediehen, in dem man dieser angestrebten Sache ein sehr günstiges Prognostikon stellen kann. Es wurde mit einem tatkräftigen deutschen Verleger ein Einvernehmen getroffen, das alle, die sich für die so brennende hochaktuelle Frage intereffieren, aufs Lebhafteste befriedigen wird. Montag, den 7. Oktober d. I. um 6 Uhr abends fand in der Bibliothek der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. II., Ferdinandsstraße 23,1. Stock, eine Zusammenkunft von Männern statt, welche sich für diese Angelegenheit lebhaft interessieren. Nach einer eingehenden Debatte einigte man sich in folgendem Beschlüße: „Die heutige Versammlung beschließt, einen Verein zur Schassrrua von jüdischen Botts- und Jugendbiblrotheken ins Leben zu rufen. Dieser Verein wird es als seine Aufgabe betrachten, einerseits auch die Schaffung guter nener jüdischer Jugendschristen in geeigneter Weise zu fördern, andererseits die Errichtung von jüdischen Bibliotheken auch außerhalb Wiens anzuregen und zu fördern." Ins vorbereitende Komitee wurden gewählt die Herren: Rab. Dr. S ch m i e d l, Dr. B. M ü n z. Prof. A n t s ch e r l, Dr. Frankfurter, Inspektor Dr. Kan i tz, Direktor Heller, Hof- und Gerichts-Advokat Dr. Knöpfmacher. Ein eingesperrter Verteidiger. Wie die Blätter melden, spielte sich im Gefangenhaustrakte im Wiener Landesgerichte ein ebenso aufsehenerregender als heiterer Vorfall ab. Der Verteidiger Dr. Vinzenz Rabenlechner hatte üm eine Unterredung mit seinem Klienten, dem berüchtigten Einbrecher Julius Hitzky nackgesucht und mußte mit Rücksicht auf die Gefährlichkeit dieses Individuums sich in die sogenannte Vorsührungszelle begeben, weil gewalttätige Untersuchungshäftlinge nicht in das Sprechzimmer des' Verteidigers geführt werden dürfen. Es war etwa 3U12 Uhr mittags, als der Anwalt in die Zelle eintrat, deren Tür angelehnt blieb. Dr. Rabenlechner vertiefte üch sofort in ein Gespräch mit seinem Klienten, studierte dabei die Akten und merkte gar nicht, daß die Zellentür plötzlich ins Schloß geworfen und zugesperrt wurde Hitzky, der bekanntlkch in dem gegen ihn kürzlich durchgeführten Prozeß wegen mehrfacher Einbrüche die Selbst - beschuldigung vorbrachte, er habe gemeinsam mit einem Brigittenauer Trödler an einem 12jährigen Mädchen einen Ritnalmord verübt, setzte seinem Verteidiger auseinander, daß -r die Leiche aus dem