Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 41 Seite 672 Wr. Mocb's Mocvenscbrm. ziemlich neue Art, eine Selbstverständlichkeit hoher Voraussetzungen, die zunächst überraschte und vielfach auch abschreckte. Die gleiche Leichtigkeit, mit der er selbst ohne weitere Vorbereitung jedes Problems sich bemächtigen konnte, mutete er damals auch seinen Hörern zu; von Einführung und Einleitung war kaum die Rede, die kritische Arbeit, die Prüfung der Ueberlieferung setzte fast unmittelbar ein, und es war anfangs schwer zu folgen. Wenn ein Vertteter der jetzt neu auftauchenden „Hochschulpädagogik" dieses Verfahren gesehen hätte, so würde er es wohl als Beispiel benützt haben, wie man es nicht machen solle. Er hätte dabei nur vergessen, daß die tiefsten Wirkungen der Regel spotten und schließlich immer wieder das Geheimnis der Persönlichkeit find. Nicht jedem wäre dieser Weg anzuraten gewesen, und bei Traube kam als persönliche Erschwerung seine damals. oft hochgradige Nervofität hinzu, die sich auch dem Hörer fühlbar machen mußte. Trotz alledem hat er seine damals und noch manches Jahr wenig zahlreichen Zuhörer — die ersten waren meist aus dem ehemaligen Akademisch-Literarischen Verein, in dem er gerne verkehrte — nicht nur in seinen Anschauungen und in seiner Arbeitsweise festgehalten, er ist ihnen auch fast allen ein verehrter geistiger Führer und Freund geworden. Später hat er es in immer steigendem Maße gelernt, bei seiner Vorlesung sich der Jugend seiner Zuhörer anzupassen, mit ihnen Kontakt zu finden, wie er es nannte, und ihnen mit unvergleichlicher Anmut in einem aus Tausenden ausgewählten Beispiel das Verständnis zu erschließen. Zu mir sprechen aus jenen späteren Jahren nur mehr die Blätter seiner Kollegienhefte. Aber seine jüngeren Zuhörer haben mir mit wahrer Begeisterung auch von der Form seiner späteren Vorlesungen gesprochen; und welcher Meister in der Kunst,. das sprödeste Problem den Hörern nahezubringen, er geworden war, das haben wir Aelteren empfunden, als er in der kleinen, aus Gymnasiallehrern, jüngeren Dozenten, Bibliothekaren und Thesaurusassistenten bestehenden Philologischen Gesellschaft etwa 1902 uns über eine verwickelte paläographische Frage einen Vorttag hielt, dessen prachtvolle Klarheit mir und anderen Zuhörern bis heute unvergeßlich geblieben ist. Wie er in seinem Stil, im Deutschen wie im Lateinischen, von einer Neigung zu geistreichen Wortspielen und Anspielungen auf entlegene Dinge den Weg gefunden hat zu einer wahrhaft klassischen Einfachheit, so war es auch in den Vorlesungen. Die wiicksamste. Förderung aber gab er stets im nahen persönlichen Verkehr. Unzählige hat er hier aus seinem Wiffen bereichert und mit der Schärfe seines Blickes gefördert. Er hat selbst die ihm so nötigen Ferien geopfert, um zu Hause oder auf dem Lande etwa einem jungen Engländer oder Amerikaner, der zur Unrechten Zeit herüber kam, ein völlig organifiertes und durchgeführtes, täglich mehrstündiges Kolleg in Paläographie und Handschristenkunde zu halten. Die Jahre nach der Habilitation, in denen neben der Arbeü an den Poetae aevi Carolini eine immer gründlichere Verüefuug in die lateinische Paläographie herging, hatten bei Traube ein nervöses Leiden gesteigert, das ihn lange Zeit fast nicht über die Schwelle seines Hauses kommen ließ. Es war eine Platzscheu, .die ihm fast jedes Ueberschreiten der Straße unmöglich und jeden Besuch in fremdem Hause, vollends jede Reise zu einer Qual machte, von der fich Fernerstehende keine Vorstellung bilden konnten und die zu überwinden seine ganze mächtige Willenskraft manchmal nur eben hinreichte. So war es für ihn ein wichtiger Schritt, daß er 1894 durch einen Freund in einer stillen Straße in Schwabing fich ein kleines Haus mü einem Gärtchen kaufen ließ und mit allen seinen Bücherschätzen dahin übersiedelte. Später kaufte er noch einen angrenzenden schmalen Stteifen Gartenland hinzu; ein Häuschen ohne "Oberstock ließ fich zu einem einfachen Hörsaal für seine Hebungen einrichten, der mit Schulbänken ausgestattet und an den Wänden mtt Karten und mit den Bildern der Männer geschmückt wurde, in denen er seine Vorbilder sah: von Erasmus bis zu den Brüdern Grimm und zu Mommsen, dessen hochgeschätzter Mitarbetter er stütze geworden war, durch eine bei dem Unterschied der Jahre doppelt ungewöhnliche Freundschaft mü ihm verbunden. (Fortsetzung folgt.) Me Iuben von Tanger. Von Dl. Fritz Wahl. Tanger, Mitte September. Wenn es nur die verzwickten Krümmungen und Windungen wären, die dem Fremden das Zurechtfinden in dem Gassenlabyrinth der Maurenstadt so sehr erschweren; aber da sieht man fich plötzlich obendrein noch in einem Sackgäßchen gefangen! Will man dann zur Seite .einbiegen, steckt man schon in einer neuen Falle und schließlich weiß man kaum noch ein und aus. Darum warnt wohl hin und wieder auch ein freundlicher Zuruf den Ortsunkundigen noch rechtzeitig an. der Straßenecke: „Freund, nicht dorthin! Da gibt es keinen Durchgang." Einmal hieß es jedoch in anderem Tone: „Tenor gehen Sie hier nicht weiter!" Das war an den Grenzen des älteren Stadtteiles, in dem ausschließlich Araber wohnen. Anderen Tages, da mich ein Araber begleitet, hält mich dortniemand an. Wir steigen auf holprigen Winkelwegen den Hügel hinan. Die hellfarbenen Häuser türmen sich am steilen Abhang wie große Kalkwürfel schief und ohne Regel übereinander oder verschwinden unter wuchtigen, dunklen Bogengängen. Ein offenes Tor läßt den Blick in den bunten Raum des Jnnenhofes ein. In dem Bilde eines mit schlanken Säulen, zierlichen Ornamenten und schweren Teppichen geschmückten Patio steht eine junge Mutter und hält ein nacktes, braunes, zappelndes Knäblein auf dem Arm. Wie sie sich von mir beobachtet sieht, bedeckt sie schnell ihr feingeschnittenes Antlitz mit dem Zipfel des faltigen weißen Gewandes. Aber sie ist neugieriger als ich, der Fremde, es sein darf, denn ihre verhüllte Gestalt erscheint auch in der Türe, und ein paar große tiefe Augen schauen uns nach. „Wie friedlich ist es doch in diesem Teil der Stadt", sage ich zu dem Araber, der neben mir geht. — „Ja," erklärt er, „es ist so still, weil hier keine Juden wohnen. Es gibt kaum einen Laden oder eine Werkstatt und keinen Arbeitslärm in diesem Viertel." Doch das Quartier der moslemitischen Ruhe beherbergt nur einen kleineren Teil der arabischen Bevölkerung. Die Uebrigen leben mit den jüdischen Einwohnern in den gleichen Straßen, oft unter einem Dache und bisweilen in demselben Raume einträchtig beieinander. Beide treiben Handel oder ein Handwerk, oft auch gemeinsam. Sie arbeiten unterschiedslos auf dem Neubau wie in der Schmiede zusammen. Ihre Kramgeschäfte und Wechslerbuden auf dem „Kleinen Socco" sind nicht verschieden an Art und Zahl. Im Wandel und Wesen der beiden Elemente fällt eigentlich auch kein trennendes Merkmal auf; sie scheinen zu einander zu gehören. Die Bekenner des Islam wissen hier nichts von einer Feindschaft gegen die israelitischen Mitbürger, und es muß schon sehr lange her sein, daß man die Synagogen aus Angst vor Verfolgungen in versteckte Hinterhöfe einbaute und die Zugänge zwischen winklige hohe Mauern legte, damit sie bester zu verteidigen wären. Sollte aber aus der glimmenden Gegenwart doch der „heilige Krieg" emporlodern, so wird es manchen Juden in Tanger geben, der in diesen Engpässen sein Leben nicht billig verkauft. Denn es sind Makkabäergestalten unter ihnen. Viele starke und stattliche Erscheinungen, hochgewachsene kräftige Männer mit edlen Köpfen. Man sieht ihnen an, daß sie Nachkommen jenes Stammes sind, der einst gemeinsam mit den besten Geschlechtern der Mauren das katholische Spanien groß und glücklich gemacht hat. Sie tragen ihren Kaftan, mit dem breiten, farbigen Leibgurt, und das schwarze runde Mützchen nicht wie ein Abzeichen der Entrechtung und Erniedrigung, sondern so selbstbewußt und stolz, wie nur der vornehme Araber die prächtigste Gewandung. Und Frauen und Mädchen, die an üppigem Wuchs des Körpers und an Anmut des Einherschreitens den Schönen ihrer spanischen Heimat ebenbürtig sind, lassen ebenfalls ihre Judentracht nicht als gesellschaftliche Aechtung gelten. Sie hüllen Brust und Schultern mit der Grazie der Andalusierin in den weichen Shwal und wissen das bunte Seidentuch so kleidsam um das schwarze Haar zu legen, daß es wie ein kokettes Häubchen das Oval des Gesichtes in weicheren