Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021752--16744-3041582- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 41 Dr. JBiocD’s Mocbenscbrlkr. Seite 871 nähernden Schriftzüge, deren Reife kaum weniger überrascht als die in solchen Jahren wohl beispiellose Belesenheit in römischen Schriftstellern, auch schon des Mittelalters, und die Feinheit der zum Teil an Tacitus' Dialogus geübten Emendationskunst. Um dieselbe Zeit wagte er eine auf wissenschaftlicher Höhe stehende und nicht ertraglose Kritik von Ernst Dümmlers kleiner Ausgabe der Gesta Apollomi an das Literarische Zentralblatt zu senden, das denn auch der Arbeit des 17jährigen Gymnasiasten die Aufnahme nicht versagte. Als er im Februar 1880 nach dem Abiturientenexamen die Schule verließ, ging er an die Universität München und ist fast immer dort geblieben. München wurde seine zweite Heimat. Nur ein Semester, Sommer 1881, war er in Greifswald, um Kießling und Wilamowitz zu hören. Aus dem, was er mir gelegentlich davon erzählte, geht hervor, daß er dort öfter im Kolleg und Seminar zu sehen war als in München, wo er zwar persönlich den Universitätslehrern wohl bekannt war, aber einen stärkeren Einfluß kaum von irgend einem, zumeist wohl noch von Brunn und Schöll, erfahren hat; desto häufiger war er bei den Handschriften und Büchern der Staatsbibliothek zu finden. Sein erstes Semester hat auch seine erste größere Schrift hervorgebracht. Es waren 1880 die lebendigen Eindrücke des Oberammergauer Passionsspiels und zugleich die klassischen Aufführungen, das sogen. Gesamtgastspiel in München, die ihn und seinen Freund Johannes Lepsius zur Begründung einer Zeitschrift „Schauspiel und Bühne" anregten. Die beiden einzigen Hefte dieser Zeitschrift, an denen namentlich auch G. v. Zezschwitz Anteil hatte, sind 1880 erschienen. Während die anderen Studenten über Shakespeare und Leffing, über Schiller und Ibsens Nora anziehende ästhetische Betrachtungen anstellten, gab Traube eine streng wissenschaftliche Untersuchung zur Geschichte der Mysterienbühne, womit zu einem Kapitel in der Geschichte der Bühnenentwicklung, wie er in der Einleitung sagte, der „kritische Apparat" geboten werden sollte. Ich habe kein Urteil darüber, wie weit die Schlußreihen, die der junge Student damals vortrug, sich als haltbar erwiesen haben. Die Zeitschrift scheint nach Edward Schröders Zeugnis später wenig beachtet worden zu sein?) Aber die Art der Forschung ist von der spateren Traubes nicht verschieden: durchaus Quellenuntersuchung, Aufsuchen der handschriftlichen Überlieferung, dazu Drängen auf gesicherte Aufbewahrung, Verzeichnung und damit Rettung der alten Handschriften des Oberammergauer Spieles, durch deffen Bühne er Wirkungen ermöglicht fand, die von keiner Hofbühne in der jetzigen Gestalt erreicht werden könnten. „Auf einer solchen Bühne würde jeder Schauspieler nicht bloß sprechen, sondern auch gehen lernen. Die Bewegung muß so groß sein, wie das Wort". Das ist fast die einzige rein dramaturgische Betrachtung in dem Aufsatz, alles andere ist geschichtliche Forschung. Es spricht das vielleicht um so stärker für die außerordentlich frühe Bestimmtheit von Traubes wissenschaftlicher Richtung, weil die äußerst regsame, geistvolle und witzige Art des jungen Studenten sich gerade in einem Kreis begabter junger Künstler, Maler und Musiker am wohlsten fühlte. Er versuchte sich selbst damals mit Erfolg als Landschaftsmaler. Später amüsierte er sich gern damit, jede freie Fläche auf Briefpapier¬ oder Zigarrenschachteln mit scherzhaften „Klingerschen Feder;eich' nungen", wie er sie nannte, zu bedecken; die eigentliche Karikatur jedoch war ihm trotz seiner Neigung zum Witz ein unerträglicher Anblick. — Sonst hat ihn damals eine kleinere Gesellschaft jüngerer Gymnasiallehrer häufig als Gast gesehen. Dort begegnete ihm zuerst Wilhelm Mayer aus Speyer, damals noch der Leiter der Handschriften-Abteilung in der Staatsbibliothek, mit dem ihn die Richtung auf die mittellateinischen Studien früh verband. Die Studentenzeit schloß er ab mit der 1883 erfolgten *) »Ich erinnere mich des Eindruckes", so schreibt mir Schröder, „den das gelbe Heft auf mich als alteren Studenten machte» sehr wohl; hier war ein historisches Problem sehr scharfsinnig angeschnitten, das die Literaturgeschichte mit sträflicher Gleichgiltigkeit behandelt batte und das nun von den Jntereffen der modernen Bühnentechnik aus in helles Licht gerückt wurde." Promotion; die Differtation war ein kleines Heft mit dem Titel: Varia libamsuta eritiea, das großenteils mit den neuplatonischen Quellen des Macrobius sich beschäftigt, vor allem aber Proben von Traubes glänzendem Scharfsinn in der Herstellung verdorbener antiker Texte gibt. Auch hier wieder eine ungewöhnliche Belesenheit, die doch niemals prunkt, sondern rein im Dienste der Sache verwendet wird, und eine bewunderungswürdige Souveränität in der Herrschaft über das Material; daneben freilich auch allzu jugendliche Eigenschaften, eine an die Worte des Gegners sich heftende Polemik, die sein bescheidenes si quid video mit einem Attamen nihil vidit hitzig niedersticht. Für den späteren Traube war gerade die steigende Unlust gegen jede Art rein polemischen Schreibens charakteristisch, und auch anderen hat er es zu verleiden gesucht. Wenn er in einem Druckbogen dergleichen sah, so pflegte er mit Nachdruck den Rat zu geben und zu wiederholen, es kurzweg zu streichen. Er wußte, daß solche Ausfälle dem Autor selbst in kurzer Zeit wenig Freude machen. Damals war er noch anders, wenn ich aus der Zeit zu Ende der Achtziger-Jahre, wo ich ihn kennen lernte, zurückschließen darf: oft schroff und leidenschaftlich, in ein epigrammatisch zugespitztes Wort rasch ein vernichtendes Urteil kleidend. Es bezeichnet seine damalige Art, daß der junge Doktorand auf die — durch ihren freundlichen bevormundenden Ton ihn vielleicht etwas irritierende — Aeußerung einer Professorin, er werde in diesen letzten Tagen vor seinem Doktorexamen wohl sehr mit seiner Vorbereitung beschäftigt sein, die rasche Antwort gab: „Das überlaffe ich meinen Examinatoren." Will man ihn nicht falsch beurteilen, so muß man dazu nehmen, daß es die gleiche Zeit war, wo er, wie die Schwester erzählt, sogar die Uhr des geliebten Vaters verkaufte, um einem Freunde aus der Not zu helfen uud nach Wilhelm Meyers Mitteilung aus einem ganz ähnlichen Motive seine erste Verbindung mit den Nonrunsnta Germaniae Historica au knüpfte, ein Schritt, der fteilich irgendwann einmal für ihn notwendig war und mit seiner Lebensarbeit aufs Innigste zusammenhing. Jahre eindringendster Arbeit lagen zwischen dem Anfang seiner Univerfitätszeit und dem 28. November 1888, an dem er sich mit einem Teil seines Buches „Karolingische Dichtungen" für klassische und mittelalterliche Philologie habilitierte. Außer durch Reisen nach Italien und ins Engadin, wo er sogleich sehr ernsthafte rätoromanische Sprachstudien begann und die Literatur sammelte — noch am 2. März 1907 hat er der Akademie über das von ihm erkannte älteste rätoromanische Sprachdenkmal in einer Einfiedler-Handschrift eine Abhandlung G. Gräbers vorlegen können — wurde diese Arbeitszeit nur unterbrochen durch das Militärjahr (1886—1887), aus dem er neben allerlei heiteren Geschichten auch die schönen exakten Wendungen und Gewehrgriffe mitbrachte, mit denen er bei den Kindern, die er so gerne hatte, stets hellen Jubel hervorries. Ob der schon mehr als 25jährige Soldat und Unteroffizier mit seiner starken Neigung zu Spott und Uebermut immer ganz die militärische Etikette wahrte, weiß ich nicht. Aber er dachte gar nicht ungern an diese Zeit zurück. Körperlich war er stets sehr geschickt, in früheren Jahren ein guter Bergsteiger, in späteren sehr gewandter Tennisspieler, Radfahrer und Turner. Nur so war es ihm möglich, die Gefahr, mit der die übermäßige geistige Arbeit seine Gesundheit fortgesetzt bedrohte, wenigstens einigermaßen zu beschwören. Die erste Vorlesung, die er hielt, war nach dem „Rückblick auf meine Lehrtätigkeit", den er im Dezember 1901 niederschrieb, Geschichte der römischen Literatur im Mittelalter, dazu paläographisch-kritische Uebungen. Die ersten, über die ich aus eigener Erinnerung berichten kann, waren die vom Wintersemester 1889/90. Rudolf Schöll hatte uns ältere Studenten auf den neuen Dozenten aufmerksam gemacht. Die Uebungen, an denen ungefähr ein halbes Dutzend Zuhörer sich beteiligte, fanden in seiner Wohnung statt. Sie behandelten und kritisierten Reifferscheids Sueton, jenen 86mii8iäorum Lnstoninm Semisnetoniumve Isidorum, wie er ihn nannte. Es war eine uns