Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 670 Dr. Llocb s MocdenscvrLN. Nr. 41 Und gerade nach dieser Richtung hin ist den Propheten seitens eines Forschers wie Johann Gottfried Eichhorn folgende Charakteristik zuteil geworden: Die Propheten waren Weise der Vorwelt, die sich durch Verstand und Menschenkenntnis, durch Talent und Erfahrungen über die Wildheit ihrer Zetten hoch erhoben, gute, fromme Männer, die sich dem Strome des einreißenden Verderbens mit Mut entgegensetzten. . . Sie waren Männer von hohem Geiste, die mit einem Adlerbick das Gegenwärtige umfaßten, um die Folgen zu ahnen, die daraus hervorgehen würden, und durch dies alles waren sie . . Werkzeuge in der Hand der Vorsehung, durch die sie die noch unaufgeklärte Welt aufklärte und ein politisch unwiffendes Volk wie vom Himmel herab belehrten, durch deren Geist Ideen, die ohne sie viel später dem menschlichen Verstand bekannt geworden sein würden, früh in Umlauf kamen. ") Und weil nun die Propheten mit ihren sittlichen Ideen der entarteten Strömung ihrer Zeit sich entgegenstellten, darum mußten sie an ihrer eigenen Person erfahren, wie bitter es ist, gegen den unheilschweren Strom der Zeit zu schwimmen, darum traf sie die Schmach, ja die Verachtung ihrer sittenverderbten Zeitgenossen, darum mußten sie den Hohn über sich ergehen lasten: »Ein Narr ist der Prohet, verrückt der Mann des Ideals" *6); ein Hohn, der übrigens ihr glänzendes Ehrenzeugnis bildet und in deffen Hinsicht sie sich in der vornehmen Gesellschaft der edelsten Geister aller Zeiten befinden. Tont comme chez nous. Das ethische Erziehungswerk der Propheten ist auch heute noch nicht abgeschlossen. Gerade in der Gegenwart, in welcher die sozialen Wohlfahrtsbestrebungen durch Kampf und schweres Leid sich hindurchringen muffen, macht dasselbe bedeutsame Schule, und zwar dort am meisten, wo man sich dem unwiderstehlichen Einfluß desselben mit allen gewaltsamen Mitteln entziehen zu können glaubt. Die Propheten erweisen sich gegenwärtig als der Lehrmeister — des sittlichen Mutes. Vorbildlich blieben sie dadurch, daß sie keinen Fingerbreit von dereinmal vorgezeichneten Wahrheit, deren Glut in ihrem Herzen loderte, abwichen; daß sie ihres hehren Amtes uneingeschüchtert walteten als Ankläger ihrer Zeit; mit dem Donnerruf ihres heiligen Zornes die sogenannten, privilegierten Laster ihrer Generation geißelten, andererseits aber alle Opfer einer sittenverleugnenden, allen Geboten der Menschenliebe hohnsprechenden Rechtsbeugung mit dem sanften Hauche der Liebe trösteten. Die Propheten sind, wie Hermann Cohen in seiner „Ethik des reinen Willens" sagt, die Vorbilder der wahren Tapferkeit, sie sind die echten Helden der Politik und der Weltgeschichte. Und alle Diejenigen, welche in der Politik und der Weltgeschichte für ihr Volk und für die Menschheit kämpfen und leiden, sind ihre Jünger.27) Und in den Reihen dieser Jünger der Propheten nahmen die Juden einst, nehmen sie heute noch den vordersten Platz ein. Das darf doch wohl ohne Selbstüberhebung gesagt werden. Denn dieser Platz, es ist ein bitter und schmerzlich behaupteter Ehrenplatz. Aber die Ethik der Propheten bezweckt für ihre Jünger eben keinen Kampf um 'rgend ein Privilegium, um ein Vorrecht, sondern lediglich um das gute Recht des Menschen überhaupt. Darum hat sie es gar nicht nötig, wie man von ihr verlangt, einen Kampf „aufzugeben", weil sie kernen Kampf, sondern nur ein stilles, allerdings beharrliches, treu überzeugtes Heldentum für die geistige, wirtschaftliche und rechtliche Stellung des Menschengeschlechtes führt, ein Streben, das nicht straflos beleidigt werden kann. Und jeder unschuldige R a b o t h, der gegenwärtig als Opfer eines grausamen A h a b, von Haus und Hof verdrängt, in fernen Bleiwerken seine Tage verschmachten muß, er legt in seiner Art ein heldenhaftes Zeugnis ab für die N o t w e nd i g k e i t der prophetischen Erziehung auch in unseren Tagen. Denn alle die sozialen Probleme, welche die Gegenwart in ihren Grundtiefen aufwühlen, sie stehen mehr oder minder unter gebieterischem Einfluß des prophetischen Geistes. Und darin beruht die praktische Bedeutung der P ro p Heien als ethische Erzieher. (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen an Ludwig Traube Von Profestor Franz Voll in Würzburg. Im Mai dieses Jahres, das der klassischen Philologie schon so schwere Wunden geschlagen hat, ist Ludwig Traube von uns geschieden. Was die wistenschaftliche Welt und seine Freunde an ihm verloren haben, ist mit überzeugender Eindringlichkeit unmittelbar nach seinem Tode in der Tagespresse und dann bei jener Trauerfeier zum Ausdruck gekommen, die am Pfingstdienstag vor der Ueberführung der Leiche nach Berlin in dem hohen Kuppelsaale des Schwabinger Friedhofes stattfand. Und vieles der gleichen Art ist seitdem immer wieder bei den Freunden 25) 3. G. Eichh orn: Einleitung ins Alte Testament. Leipzig, I, S. 13. 2°) Hosea 9, 7. 27) Hermann Cohen: Ethik des reinen Willens. Berlin 1904. S. 529. erklungen, die die schmerzliche Kunde erreicht hatte; noch wird kaum ein Gespräch in seinem weiten Freundeskreise geführt, kaum ein Brief gewechselt werden, der nicht die Klage um diesen Unersetzlichen erneuerte. „Daß wir Traube verloren haben, werde ich nie verschmerzen" — so stand in dem kürzlich eingetroffenen Briefe seines liebsten dänischen Freundes; und der gleiche Grundton der schmerzlichsten Klage durchzieht sie alle. Denn er war ein Mensch der seltensten Art, wie wenige wert der Tränen. Die nachfolgenden Zeilen wollen nicht den heute kaum möglichen Versuch machen, Traubes wissenschaftliche Leistungen und seine Stellung in der Geschichte der Philologie genauer darzulegen; ihre Absicht ist weit bescheidener. Der Verfasser will das Bild eines geliebten Toten, dessen Freundschaft zum besten Gewinn auch seines Lebens gehört hat, festzuhalten suchen und vielleicht auch manchem von denen, die ihm und seiner Arbeit ferner standen, eine Vorstellung davon erwecken, warum wir diesen Verlust so schwer empfinden. Was dabei über Traubes Entwicklung und Lebensumstände gesagt ist, beruht zum Teil auf seinen eigenen Aufzeichnungen, zum Teil auf persönlichen Erinnerungen und denen von Traubes Freunden und Angehörigen, vor allem dem ergreifend schönen Nachruf seiner ihm geistig nahestehenden Schwester Frau Margherita Mengarini, der den Freunden, wie wir hoffen, bald zugänglich werden wird. Ueber Ludwig Traubes früheste Entwicklung weiß ich wenig zu berichten. Daß er (geboren am 19. Juni 1861) aus dem Hause eines ebenso hochbegabten wie menschenfreundlichen Arztes stammte, als der einzige Sohn Ludwig Traubes, des ruhmvollen Vertreters der inneren Medizin an der Universität Berlin, ist für die Sicherheit, mit der er ohne jeden falschen Schritt sogleich in der Welt der Wissenschaft sich zurechtfand, gewiß nicht gleichgiltig gewesen. Das Bild, das ein dankbarer Schüler von dem Kliniker Ludwig Traube in der Allgemeinen Deutschen Biographie entworfen hat, weist ebenso wie gelegentliche Aeußerungen Traubes darauf hin, daß er mit dem Vater geistig und seelisch viel Verwandtes hatte. Der Vater las zur Erholung nach der schweren Arbeit des Tages griechische und römische Schriftsteller; als er erkrankt war, würde der Sohn sein Vorleser. Erst durch die Erinnerungen von Frau Mengarini habe ich erfahren, daß nicht bloß körperliche Schwächlichkeit, sondern selbst ein schwaches Gedächtnis ihn bis zum 10. Lebensjahre quälte und daß nur die Mitarbeit der jüngsten Schwester ihm damals beim Lernen weiterhalf. Von dem, was er aus der Schulzeit erzählte, ist mir nur der Name des geistvollen Nachdichters römischer Komödien und Horazischer Satiren in Erinnerung geblieben, Carl Bardts, dem er nach dem frühen Tode der Mutter und wenige Wochen später auch des Vaters nach Neuwied gefolgt ist und in dessen Familie er demals Aufnahme fand. Bardts Freundlichkeit verdanke ich eine Schilderung seines Wesens in jener Zeit. Die erschütternden Schicksalsschläge, zu denen sich noch ein deprimierendes Schulerlebnis gesellte (den geborenen Philologen ließ man die Unterprima wiederholen!), hatten den Jüngling scheu und verschlossen gemacht. Nur mit einem seiner Kameraden, dem jetzigen Kliniker Geheimrat Moritz, schloß er damals eine Freundschaft für das Leben; der vertraute Genosse jener Jünglingsjahre wurde einer seiner ärztlichen Berater in der letzten Krankheit. Aus Bardts Hause schien er als ein einigermaßen Fremder, wie er gekommen war, zu scheiden; später hat er in einer Art, wie nur er es konnte, gezeigt, wie wenig sein dankbares Herz vergeffen hatte, und der ehemalige Lehrer empfand mit tiefer Befriedigung, wie er mir schreibt, daß ihm die Freundschaft Traubes ein unendlich wertvoller Besitz geworden war. Unter fast zweitausend Primanern, die Bardt in etwa vierzig Jahren durch seine Hände gehen sah, war er nach dessen Zeugnis mit einem noch Lebenden das stärkste philologische Ingenium. Das Joch der Schule ertrug er freilich nur mit Mühe. Wie sehr er im Grunde ihr bereits entwachsen war, zeigt eine Geburtstagsgabe, die er dem Lehrer überreichte: „Lmsudatiunculas Taciteas scripsit Ludovicus Traube. Suo sumptu suisque typis impressit Noevedeae a. Rh. MDCCCLXXIX“ steht auf dem Titel des schmalen Heftchens. Jene Typen sind seine eigenen, schon damals der mittelalterlichen Buchschrift sich