Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-11 · 41 (11.10.1907) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
41 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021752--16742-3041580
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

feaii Nr. 41 Auch die lebendige Aeußerung der sogenannten Güterlehre war im öffentlichen Zustand der alten Welt m verdichteter Weise wahrnehmbar. Diese Lehre hat die Frage zum Gegenstand: Welcher sichtbare Erfolg ist es, der aus der Uebung der Tugend erwächst? Es gab eine Auffassung der Tugend im Altertum, die ihr Genügen nicht in der Betätigung der Tugend allein, sondern noch in einem Lohn außerhalb derselben suchte. Bei diesem Standpunkt ist es klar, daß die selbstsüchtigen Triebe des Menschen geweckt werden. So erklärt sich die völlig rechtlose Stellung der wirtschaftlich Schwächeren gegenüber den wirtschaftlich Stärkeren bei den sonst als klassisch bezeichneten Völkern des Altertums. Dasselbe Los galt aber auch von den physisch Schwächeren: dem Kranken, dem Greis, dem Kinde, der Witwe und Waise; Personen, die in jener Zeit geradezu vogelfreie Geschöpfe waren. ") Der moderne Mensch kann sich mitten in den Segnungen der Kultur, deren sich heute alle Wesen erfreuen, nur schwer in die Zeit hineinversetzen, da dieselben noch schutzlos in der weiten Welt dastanden. Und dennoch wird er gar oft unwillkürlich an diese Zeit gemahnt. Es ist noch nicht gar so lange her, da das Herz jedes Lesers von starrem Entsetzen ergriffen worden, durch den Bericht eines Archäologen, dahinlautend, daß er in den Grundmauern altkananitischer Wohnhäuser — die Totengerippe von Kindern entdeckt habe. Dieselben sind dem fürchterlichen Aberglauben zum Opfer gefallen, daß jedes neugebaute Haus durch ein unschuldiges Menschenleben geweiht werden muffe. War das nun nicht die traurige Folge eines gewissen falschen Tugendbegriffes, der auf irrigen Bahnen sich bewegte, indem er immer nur auf den eigenen Segen bedacht, selbst vor dem Leben der Teuersten und Nächsten nicht zurückbebte? — Ganz anders der Prophet, der schon in viel früherer Zeit und viel menschlicherer Art gleichsam Verwahrung, einleate gegen solche Herzlosigkeit; und zwar mit seinem Losungsruf: „Die Barmherzigkeit lieben!" Aber noch mehr: Welch ein ethischer Tiefgehalt liegt nicht auch heute noch in diesen Ruf verborgen: die Barmherzigkeit lieben, ohne Rücksicht auf Lohn oder Verlust. Nicht etwa, als ob der Prophet von dem Menschen starre Mißachtung jeglichen Lohnes der guten Tat forderte. Nur soll über diesen Lohn die Tugend selbst nicht mißachtet werden. Nicht damit du Gutes und Schönes erhältst, nein weil es dir zuteil wird, sollst du edel sein, hilfreich und gut. Das Gute soll nicht geübt werden, gelockt von der Absicht auf Bezahlung, sondern lediglich geleitet von der Voraussetzung derselben. Nicht Ausgangssondern. Zielpunkt, soll die Entlohnung alles Edlen auf Erden bilden. Auf diese Weise ist gewiffermaßen mit einem Strich die sogenannte Utilitätsfrage gelöst. — Und diese Auffaffung des Propheten von der menschlichen Tugend hat ihre untrügliche Richtschnur, gleichsam ihre Direktive in der Art und Weise wie der Prophet — wenn der Ausdruck gestattet ist — das göttliche Tugend walten sich zurecht legt. Selbstlosigkeit ist es, die dasselbe verklärt: „Denn Liebe verlange ich und nicht Opfergaben, und die Erkenntnis des Herrn ist mir lieber als Hochopfer." ,5) Eine sinnige Schriftdeutung unserer alten Weisen beleuchtet am besten diese Auffassung der Propheten: „Und ihm (dem Ewigen deinen Gott) sollst du anhangen?") Wie ist es möglich, fragen nun die Alten, Gott anzuhangen? Heißt es doch von ihm: „Denn der Herr dein Gott ist ein zehrendes Feuer."17) Aber damit ist gemeint, hange seinem vorbildlichen Walten an. Wie er Dürftige bekleidet, Kranke besucht Trauernde tröstet, so tue es auch du." *2) In diesem innersten Kern selbstloser Tugend Übung ist das Wesen des Judentums sich niemals untreu geworden; mag es seine Hülle mitunter geändert haben. Wie später bei den Rabbiuen, so bildete auch die ganze Wirksamkeit der Propheten gleichsam einen lebendigen Kommentar zu dieser Güterlehre. Es war ja allerdings noch keine gelehrte, aber immerhin eine gelobte. Güterlehre, mit welcher sie nicht bloß auf ihre, sondern auch noch auf unsere Zeit erziehlich einwirken. Wenn es aber noch eines Beweises dafür bedurfte, wie tief diese selbstlose Auffassung der Tugend auch im Innern der Propheten wurzelte, folgende Tatsache würde denselben erbringen. Amon, Mo ab, Egypten, die Natioualfeinde Israels, auch über sie bricht endlich das Weltgericht der Weltgeschichte herein, und zwar durch die Zuchtrute der alten Welt, durch das Reich A s s u r. Wie berührt nun deren Sturz das Herz der Propheten? Etwa mit freudiger Genugtuung? Nein, das Auge des Propheten zerfließt in Tränen, Klagelaute find es, die seinen Lippen entströmten ob deren Fall: „Ein Vortrag über M o a b: Mein Herz wehklagt um Moab und um dessen Flüchtigen, die bis nach Zear gelangen?8) Nein, ein Schrifttum, dessen hervorragende Schöpfer ein solch schmerzliches Mitgefühl ob des Schicksals ihrer grimmen Feindschaft ") Vergl. des Verfassers: H. St. Chamberlains Anschauungen über den Eintritt der Juden in die abendländische Geschichte; in den Populär-wissenschaftlichen Monatsblättern 1908, Nr. 8, S. 72 f. 15) Hosea 6, 7. '«) 5. B. M. 10, 20. 17) 5. B. M. 4, 24. 18) Sota 14 a; vgl. Sifrö 5. B. M. 10, 20. 19) Jesaja 15, 5; vgl. Jesaja Kap. 19 und Kap. 23. Seite 669 empfinden, es muß doch wohl erhaben sein über jede engherzige Auffassung der Tugend; es kann doch wohl nicht anders, als von lauterer, ethischer Gesinnung diktiert sein. * * Anders als mit jener Anschauung, welche die Tugend zum Gegenstände bloßer Erkenntnis, oder als mit jener, welche die Nützlichkeit zum Prinzip der Tugend macht, verhält es sich mit jener Art der Sittlichkeit, welche die Glückseligkeit als das Ziel des Sittlichen betrachtet. Diese Theorie strebt nach möglichst reicher Befriedigung von Lebensfreuden. Bei den altorientalischen Völkern, besonders aber bei den kananitischen Heidenvölkern waren eben Götzendienst und Lustbarkeit zwei übereinstimmende Begriffe. Dasjenige, was später bei Griechen und Römern als Ausfluß einer genußsüchtigen Lebensauffassung verdichtet in die Erscheinung trat, und zwar in öffentlichen Lustgelagen, wie in den jährlich wiederkehreuden eleushnischen Mysterien, in den Saturnalien, in den Bacchanalien usw., bei denen eine zügellose Leidenschaft waltete, das übten die altheidnischen Völker aus rohem Naturtrieb bei ihrem Götzendienst, der auch mit allerlei wilden Orgien verbunden war. Vom Erhabenen bis zum Lächerlichen, zum sittlich Widerwärtigen ist eben oft nur ein Schritt. Hier handelte es sich nun um die heftigste Kritik, welche die Propheten zu üben hatten; hier bestand deren ethische Erziehung in dem strengen Zug der Absonderung von der sie umgebenden Heidenwelt, welchen sie ihrem Volk aufprägten?") Hierin gerade beruht ja das so hervorragende Verdienst in dem ethischen Wirken der Propheten, daß es auf „rein religiösem Gebiete"") sich bewegte. Mit diesem Verdienst durften sie sich zufrieden geben. Denn wie bei den heidnisch-sittenlolen Kananitern Religion gleichbedeutend war mit sittlicher Entartung, ebcnso galt den Propheten die Religion nichts anderes, als was wir im heutigen Sinne Ethik nennen. Dieses ethische Wirken der Propheten auf „rein religiösem Gebiet" ist es ja, was den Propheten bleibende Erinnerung im dankbaren Andenken der Nachwelt sichert, mögen sie gleich damit nichts weiter erreicht haben als „lediglich eine Reaktion gegen den kananitischen Kultus"?') Dlese Reaktion hieß ja eben damals nichts Geringeres, als einen — Augiasstall voll sittlicher Verworfenheit, voll Laster und Bestialität reinigen. Max D u n k e r,") der große Altertumsforscher, dem man wohl ein maßgebendes Urteil über diese Dinge zutrauen darf, sagt darüber: Der innerlichen Gewißheit und dem Gewissen der Propheten ist er (Gott) zugleich auch Maßstab dessen, was sie in ihrer Erleuchtung, in ihrer Brust als das Rechte, Gute, Heilige und Höchste empfunden, d i e hoch sie, ethische Macht... Er ist rein und hehr. Er haßt Unrecht und Greueltat, Erpressung, Habsucht. Betrug, Bedrückung des Nächsten. Man sieht also lauter ethische Qualitäten, von denen der „heidnische Kultus", gegen welchen das prophetische Erziehungswerk „lediglich eine Reaktion" gebildet haben soll, nichts weiter ausgenommen, als — das gerade Gegenteil derselben. Und eben jener düstere Hintergrund unnatürlicher Laster beim Götzendienst dieses „Kultus", er war es, von welchem sich endlich leuchtend die moralische Forderung abhebt, die der Prophet im Namen der wahren Pflicht aufstellt: „in S i t ts a m k e i t wandeln vor Deinem Gott". Da haben wir endlich in gewissem Sinne eine Probe der prophetischen Pflichtenlehre. In gewissem Sinne. Denn eine genau umschriebene Pflichtenlehre im späteren philosophischen Geist, etwa eines Sckleiermacher. kannte der Prophet freilich nicht. Er bedurfte derselben nicht. Er übte eben die moralische Pflicht gewiffermaßen sittlich — notwendig. Er brauchte nicht erst nach gesetzlichen Paragraphen des Schicksamen und Gebührlichen Umschau zu halten. Kraft seiner sittlichen Natnr war er sich stets des rechten Weges wohlbewußt. Sein tatsächliches Verhalten war eine lebendige Pflichtenlehre. Sie erteilte unzweideutig auf die Frage: Welche Absicht es iei, die bei der Ausübung der Tugend zu leiten habe, die Antwort: S i t ts a m k e i t, ohne jegliche, genußsüchtige Ziele! * * * Von dieser sittlichen Höhe des Propheten will ihre „Einsicht in den menschlichen Charakter" betrachtet werden, die man ihnen mit der angeblichen Begründung absprechen möchte, „weil sie dem Volke den einen Kultus genommen, ohne ihm dafür einen anderen gegeben zu haben.2i) Wahrlich, die Propheten haben damit allein schon dem Volke genug gegeben, wenn sie jenen Entsetzen erregenden Kultus, wie wir ihn eben geschildert, schonunglos hinweggeräumt. Von dieser sittlichen Höhe erstrahlt aber auch ihre weise Fernsicht in die Zukunft, welcher sie mit Recht den Ehrennamen der „Seher" verdanken; von ihr aus erscheinen die Propheten als ethische Erzieher auch heute noch so zeitgemäß; bleiben diese ältesten Bildner des Menschengeschlechtes auch in der Gegenwart noch die besten, weil sowohl das sittliche Pflichtbewußtsein, als auch die sittliche Betätigung unserer Tage noch nicht auf der Höhe der prophetischen Ethik sich befindet. '") Vgl. Lazarus: Der Prophet Jeremias. Breslau 1804. S. 46 f. ") Chamberlain a. a. O. I. 523 f. ") Chamberlain a. a. O. ") Max D u n k e r: Geschichte des Altertums, 1, 227. 24) Chamberlain a. a. O., I, 524. V-r. Bwrtz's Wortzrnsthrrst.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.