Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021752--16741-3041579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 668 Dr. 351OCD 0 'Mycvenscbrm. Sir. 41 Unterhaltung erscheinen dürfen; das hätte die Studenten so in Wut gebracht, daß sie auf ihn losstürzten; gegen Dr. v. Hofmannsthal habe man gar keine feindseligen Absichten gehabt und dieser habe sich nur ganz ungerechtfertigt hineingemischt. Dr. v. Hofmannsthal erklärte darauf, daß das eine Verdrehung sei; daß seiner Erfahrung nach überhaupt der polnischeste Jude nicht so gut drehen könne wie ein Antisemit; unwahr sei es, daß Dr. P. von der „Alpinia" hinausgeworfen wurde; eine Unwahrheit sei es, daß die „Alpinia" und dieser Ball von denselben Leuten veranstaltet werde, aber selbst dann hätte Dr. P., namentlich eingeladen, das Recht zu erscheinen gehabt; insbesondere sei es aber eine Lüge, daß der Hinauswurf nur persönlich, nicht gegen sie als Juden gemeint gewesen sei, denn es habe dabei geheißen: „Juden hinaus!", „wir können keine Juden hier brauchen!", „wenn Sie noch einen Volksgenossen da haben, dann nehmen Sie ihn nur mit"; man wollte auch Dr. v. P . . . y aus Prag, den man für einen Juden hielt, entfernen; als er seine Brieftasche zog, um mit den Herren Karten zu wechseln und diese sein Wappen auf derselben sahen, dann hätte man sich vielmals bei ihm entschuldigt. Doch mache es ihm und seinen Kollegen eine diebische Freude, wenn die Herren am nächsten Morgen nicht den Standpunkt aufrechtzuerhalten wagen, den sie am Abend mit so großen Stimmitteln vertreten hätten. Dies ändere aber nichts an der Unwahrheit ihrer Entschuldigung. Dies wurde auch in dem Brief ausgeführt, den Dr. v. Hofmannsthal im Namen seiner Kollegen an Prof. v. Weitste in richtete und in dem er sich gegen den Schlußsatz der Erklärung verwahrte. Der Vorfall hat in Salzburg in allen Kreisen die schärfste Verurteilung erfahren. Solche Sachen haben sich auch immer nur ereignet, weil die Juden sich Alles gefallen ließen, und es ist ersprießlich, daß mit diesem Brauch gebrochen werde. Die Veranstalter der Kurse und des Balles, die sich nach unseren Informationen persönlich in hohem Grade loyal und korrekt benommen haben, was wir auch insbesondere von Herrn Prof. v. Wett stein betonen wollen, hätten gewiß eine entsprechende Erklärung ohne jedes Zaudern abgegeben,, wenn sie nicht unter dem Eindruck des Terrorismus der Salzburger schönerianerischen Studenten stünden. Es ist nur angebracht, daß diesem Terrorismus eine gleiche Energie entgegengesetzt wurde, insbesondere wenn die Herren um den freiheitlichen Ruf ihrer Veranstaltung so besorgt sind und um keinen Preis die fortschrittlichen Blätter sich mit solchen Angelegenheiten befassen sehen möchten. Die Propheten als ethische Erzieher. Eine sozial-pädagogische Studie von Dr. Simon Mandl (Neutitschein.) (Fortsetzung.) Zn dem Gott der Unsichtbarkeit haben wir gewiffermaßen den Maßstab, die Theorie der Sittlichkeit, sozusagen die formale Ethik; die angewandte Ethik soll eben im prattischen Leben segensvoll sich bekunden. Bisher haben wir bloß die sittliche Gesinnung kennen gelernt; aus dieser soll aber auch die sittliche Tat folgen. Und auch dieser Bedingung haben die Propheten Rechnung getragen, und zwar in dem Begriffe der Moral, die sie festgesetzt. Und somit ragt das ethische Wirken der Propheten, um mit dem Dichter zu sprechen, als des Lebens goldener Baum, mitten hinein in die sozialen Erforderniffe der Gegenwart. Wie stellen sich nun nach prophetischen Begriffen die moralischen Pflichten der Gesellschaft dar? Hiefür besitzen wir auch den Ausspruch eines Propheten, der aber die ethische Wirksamkeit des gesamten Prophetismus beleuchtet. Es ist das Wort des Propheten Micha, der um das Jahr 730 v. d. g. Z. wirkte. Eine gar traurige Zeit; Gefahr von außen und von innen; der assyrisch-babylonische Sterndienst und in deffen Gefolge Rechtlosigkeit, grausamer Aberglaube und Sittenlostgkeit, drohen im Reiche Judäa Eingang zu finden. Und als nun das Volk unter den Anklagen des Propheten in sich zusammensinkt und alles zu opfern bereit ist, selbst den Erstgeborenen für seine Vergehungen, da verkündet ihm der Prophet Micha: „Es ist dir gesagt o, Mensch, was gut ist und was Gott der Herr von dir fordert. Nichts als Recht üben, Barmherzigkeit lieben und in Sittsamkeit') wandeln vor deinem Gott"?) Schon die Apostrophe: „O MenschI" ist für die Zeit des fraglichen Propheten bezeichnend; eine Zeit, in welcher iedew Fremden als solchen das Brandmal ..Feind" (bostes) anhaftete. Wo es sich der prophetischen Ethik um die Verwirklichung und Gestaltung der geistigsittlichen Ideenwelt handelte, da kam nicht der einzelne Volksangehörige, sondern die ganze Menschheit in Betracht?) Aber noch in anderer Hinsicht ist diese Wendung der Frage: „Was gut ist", kennzeichnend. Es ist geradezu staunenswert, wie sich der Prophet auch hier als weitblickender Seher bewährt. Denn die Frage nach dem wahren Gut, das heißt, „was gut sei," sie bildet den Angelpunkt erst einer weit späteren Gedankenarbeit. S o k r a t e s (geboren 470 v. d. g. Z. in Athen), sowie seine Schule und Platon (geboren 427 v. d. g. Z. in Athen), sie behaupten, die Tugend als das höchste Gut sei ein Wissen. Es genüge daher, die Sittlichkeit ihrem wahren Wesen nach zu erkennen. Die Ausübung des Sittlichen sie folge dann von selbst. Ari st vieles dagegen (geboren 384 v. d. g. Z. in Stagira, Makedonien) als der reale Denker, der auch sonst auf allen Gebieten menschlicher Forschung den konkreten Tatsachen das Vorrecht einräumt, er steht auf dem Standpunkt, daß das sittliche Handeln erst durch beharrlicke Hebung bedingt und daß die sittliche Einsicht eine Folge der sittlichen Betätigung sei. Beide Systeme leiden aber an Einseitigkeit. Während das letztere leicht in gedankenmäßiges Tun ausarten kann/) führt das andere zu geistiger Aristokratie, die für das Volk keinen praktischen Wert hat?) Die Propheten aber hatten beide Systeme sozusagen vorweg genommen und lange noch bevor dieselben gleichsam rein akademisch erörtert wurden, in werktätiger Lebensführung harmonisch verbunden. Sie rufen beharrlich: „Ich werde meine Lehre in ihr Inneres geben und auf ihr Herz sie schreiben"°); somit hinweisend auf die sittliche Gesinnung; unterlassen es aber auch nicht, mit allem Nachdruck immer wieder als praktische Betätigung zu fordern: „Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden mögen Recht sprechen in euren Toren!"* * 3 4 * * 7) „Falschheit und Verleumdung8 *) ist eine Sünde; Jähzorn8) und Völlerei l0 * *) verachtenswert; Treue selbst gegen fremde Herrscher eine Pflicht."") Und so wirken die Propheten erziehlich, indem sie zum Volk herabsteigen, weise sich anschmiegend dem praktischen Bedürfnis, aber auch dem praktischen Vermögen und Können des Volkes. Und aus dem Geist dieser erziehlichen Wirksamkeit heraus entguillt das Wort des Propheten Micha: „Gerechtigkeit üben." Ihm genügt es nicht allein, von der Tugend zu wissen, er legt Gewicht darauf, Gerechtigkeit a u s z u ü b e n. Die beiden Worte: Gerechtigkeit üben, bieten gewissermaßen einen knappen Grundriß der prophetischen T u g e n d l e h r e, die sich, allerdings in viel späterer Zeit erst mit der Frage beschäftigt, worin das Wesen der Tugend bestehe. Die Rechtsanschauung des ganzen Altertums gipfelte sozusagen in einem Grundsatz, den nachmals die mächtige Roma auf die Spitze trieb: „Die Welt möge zugrunde gehen, wenn nur das Recht seinen Lauf nimmt"; das Recht, das aber in dieser Form und Fassung einen Beigeschmack von Härte und Roheit hat. Die Propheten jedoch haben, nach allen vorhandenen Rechtsbegriffen derselben zu schließen, die Ueberzeugung zu ihrer eigenen gemacht: „Die Welt möge vor allem auferbaut werden durch Chesed "), durch Sanftheit und Milde; eine Ueberzeugung des Psalmisten, die aber auch einen prophetischen Ausdruck gefunden in den Worten: B i z' d o k o h, durch Rechtlichkeit mögest du gefestigt werden 13). Diese Rechtlichkeit aber erscheint nach prophetischer Auffassung getränkt von Güte und Rücksicht. — Auf ethtischem Gebiete immerwährend die rechte Mitte finden zwischen starrem Recht und edler Billigkeit, das ist nicht leicht. Dazu gehört auch ein „Genie", ein geniales Empfinden. Die Welt hat dasselbe bis heute noch nicht entdeckt. Daß nun die Propheten schon zu ihrer Zeit in rechtlicher Beziehung diese richtige Mitte gefunden haben, das befugt und befähigt sie dazu, die ältesten Erzieher des Menschengeschlechtes genannt zu werd-n. ’) Wir wählen für „haznea" diese Uebersetzung und nicht die übliche: „Demut", weil wir sie, wie aus dem Verlauf dieser Ausführung erhellen soll, als text- und sinngemäßer erachten. -) Micha 6, 8. 3) Vgl. Lazarus, die Ethik des Judentums, Frankfurt 1898 S. 149. 4) Vgl. A. Schwegler, Gesch. d. griech. Philosophie, Freiberg i. S. 1886. S. 312. b) S ch w e g l e r a. a. O. S. 242. °) Jes. 31, 32. 7) Secharja 8,16. 8) Jer. 913 f.. «) Jes. 2,22. ' '") Amos 6, 4 f. “) Jer. 29, 7. M) Ps. 89, 3. ») Jes. 54, 14.