Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 41 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 666 Dr. Vlocb's MocvenscvrtN. Nr. 41 In Salzburg aber lag die Sache so, daß die Deutschen die Verteidigerrolle nicht nötig hatten, und da Parteiprogramme viel heiliger sind als die Wahrheit, wurden die jüdischen Aerzte und Mediziner mit deutschen Lügen bombardiert. Damit der Humor der Sache nicht fehle, nahm das „Deutsche Volksblatt" die Wanderversammlung hoch erfreut zur Kenntnis und drückte seine überaus srohe Anerkennung darüber aus, daß endlich deutsche Aerzte daran gingen, das jüdische Element aus der Heilkunde hinauszubringen. Der Jude sei derjenige, welcher das Ansehen der Aerzteschaft bei der Bevölkerung systematisch verringere. Seine Gewissenlosigkeit sei enorm, in seinem Brothunger behandle er die Patienten wie Versuchskaninchen. Und sofort in Lieblichkeit. Der Witz ist doch wirklich glänzend, daß das Verganiblatt die Anwaltschaft der Aerzte betreibt, das Blatt, das sich den Jmpfgegnern mit Begeisterung zur Verfügung stellte und eine hitzige Kampagne gegen die berufenen Mediziner führte, welche mit Kunst und Aufopferung die letzte Epidemiegefahr von Wien abwendeten. Heiter ist diese Aerztefreundlichkeit des Parteiblattes von Lueger, dem wir den berühmten Ausspruch zu verdanken haben, daß ein altes Kcäutlerweib mehr verstehe, als zehn graduierte Doktoren. Dürrkräutlergremium wurde die christlichsoziale Partei nach ihrem jüngsten Vorgehen gegen die Aerzte geheißen — aber der Jude ist es nach Verganis Behauptung, welcher das Ansehen der Medizin untergräbt! Die jüdischen Mediziner sind es nach Behauptung dieses vorbildlichen antisemitischen Ehrenmannes, welche sich in ihrem Erwerbshunger mit Frechheit, aber ohne Kenntnisse auf die Bevölkerung stürzen wie eine Kriegsgefahr. „Mein System" von Ernst Vergani, das System der Verleumdung rechnet doch wirklich mit einer Dummheit, die noch größer ist als die eines christlich sozialen Spießers. Nicht einmal dieser wird es glauben, daß ein Arzt ilberhaupt sich ohne Beweise seiner Geschicklichkeit auf die Dauer materiell erhalten kann. Der Jude aber schon gar nicht. Der muß in der Aera Lueger mit hervorragenden Kenntnissen geradezu gepanzert sein, um beachtet zu werden, um seinen zahllosen Gegnern keinen Angriffspunkt zu bieten. Trotzdem geht es ihnen miserabel. Die Schöpfer der derzeit herrschenden österreichischen Kultur, Lueger und Schönerer, können sich rühmen, das Taufzeugnis wertvoller gemacht zu haben als jedes Prüfungszeugnis. Nach Bericht des Salzburger Referenten sitzen die Juden an den medizinischen Fakultäten in der Wolle. Wir wollten herzlich gerne, daß der Manu nicht gelogen hätte. Das Gegenteil aber von seinen Ausführungen, die Tatsachen sind mehr als betrübend. Tatsache ist, daß der jüdische Mediziner den bittersten Existenzkampf führen muß, daß er nehmen muß, was der arische Kollege, der wirklich nach der Promotion auf den fettesten Stellen in die Praxis geht, so gnädig war, stehen zu lassen. Für einen guten Posten in einer größeren Stadt kommt ein Jude niemals in Betracht. Wenn er sich nicht im Vertrauen auf seine Tüchtigkeit selbständig uiederlassen will, muß er in die ärmsten Gemeinden wandern, die ihn nur im äußersten Notfall nehmen, muß sich lebendig begraben und seine paar Kreuzer mühselig zusammentragen. Selbst um diese Herrlichkeit ist noch eine heiße Konkurrenz unter den Juden selbst, und Leute, die zwanzig Jahre und darüber in Schulen verbracht haben, müssen froh sein, schließlich das Allernotwendigste bestreiten zu können, weil sie samt ihrer jahrelangen Spitalspraxis gegen einen frischgebackenen arischen Doktor nicht einmal in Betracht kommen. Daß nun diese sonderbare Form der Judenfeindschaft, der Vorzug des Glaubens und Stammes gegen Kenntnisse und Fähigkeiten bei einem Arzte in den Gemeinden zuhause ist, ist ihre Sache und ihr Schade am wertvollsten Gute des Menschen, au der Gesundheit. Aber auch Funktionäre des Staates glauben die Verantwortung für ein gleiches Vorgehen tragen zu können, wenn auch daraus die schwersten Uugelegenheiteu entstehen. Dieser Tage lief die Nachricht durch die Zeitungen, daß die Kriegsverwaltung zu wenig Aerzte für das Heer besitze und sich dadurch in großer Verlegenheit befinde. Man sollte doch glauben, daß die Gesuudheltspflege der Truppen in Krieg und Frieden oberstes Gebot sei. Herr Generalstabsarzt Uriel aber ist durchaus anderer Ansicht. Für ihn ist es erste Gewissenspflicht, daß kein Jude Regimentsarzt werde, koste es was es kostet. Die Gründe dafür sind unbekannt, denn kein parlamentarischer Angriff gegen Regimentsärzte hat sich noch gegen einen Juden gerichtet, aber auf dem Weg ins militärärtzliche Korps des Heeres ist der Schritt über das Taufbecken unvermeidlich. Vielleicht kann da eine höhere Instanz Auskunft geben. Bei der Landwehr sind die Verhältnisse jetzt die gleichen. Als man an den allernotwendigsten Aerzten Mangel hatte, neue Regimenter ausgestellt wurden, nahm man auch Juden. Ein Jahr lang. Seit den Kärntner Kaisermanövern aber nicht mehr. Kenntnisse Nebensache, Konfession Hauptsache. Unsere Abgeordneten werden sich mit dieser aktuellen Frage beschäftigen können, werden vom Kriegsminister und Landesverteidigungsminister wohl in Erfahrung bringen, warum die Juden nur als Lückenbüsser gut genug sind. Das jüdische Publikum aber möge beachten, unter wie schweren Verhältnissen unsere braven und tüchtigen jüdischen Mediziner um ihre Existenz ringen, welchen Verfolgungen und materiellen Schädigungen sie schutzlos ausgesetzt sind. Dem gegenüber ist ein Akt moralischer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit notwendig. Jedermann weiß, was gemeint ist. Die antisemitischen Kallexzeffe wahrend der Sal;durger Ferialkurse. Ueber den Vorfall bei den Salzburger Hochschulkursen, über den wir seinerzeit berichteten, werden uns von authentischer Seite folgende Mitteilungen gemacht: . Von den Damen des Salzburger Hochschulvereineswurde für die Hörer der Hochschulferialkurse ein Tanzkränzchen veranstaltet, zu dem sämtliche Hörer auf Namen lautende Einladungen erhielten. Einer der Eingeladenen, Dr. Emil v. H o f m a n n s t h a l, der als Rechtspraktikaut beim Salzburger Landesgericht angestellt war, erkundigte sich noch vorher bei drei der maßgebendsten Personen unter den Veranstaltern, ob diese Veranstaltung etwa antisemitisch sei oder ob Juden auch nur ungern gesehen würden, da er es dann natürlich verschmähen würde, sie zu besuchen. Es wurde ihm einstimmig aufs Nachdrücklichste versichert, daß das gewiß nicht der Fall sei. Daraufhin gm gen Dr. v. Hofmannsthal und zwei seiner jüdischen Kollegen, Dr. P. und Dr. Sch., auf den Ball. Der Ball war etwa zwei Stunden im Gang, Dr. v. Hofmannsthal stand gerade im Saal in Gespräch mit einer Dame, da stürzte Dr. Sch. herein: „Ich bitte Sie, Hofmannsthal, intervenieren Sie da, die werfen gerade den Dr. P. hinaus, weil er Jude ist". Dr. v. Hofmannsthal eilte natürlich sofort hinaus und sah da eine Schar von etwa 30 teutonischen Jünglingen auf Dr. P. einstürmen. Er schob sich in den Knäuel an die Seite von Dr. P. und begann den Herren mit lauter Stimme seine Meinung zu sagen, die allerdings weder freundlich noch höflich war, — daß sie das Gastrecht schänden, daß es eine weit größere Ehre sei, von solchen Leuten hinausgeworfen zu werden, als sich in einer solchen Gesellschaft zu befinden; daß er und seine Kollegen nur der Brachialgewalt weichen würden, denn sie hätten als geladene Gäste genau dasselbe Recht, anwesend zu sein, und wollten den Herren die ganze Schande antuu, daß sie sie mit Gewalt hinausdrängen müßten. Die Herren Teutonen fühlten sich durch keine dieser Bemerkungen in ihrer sonst so empfindlichen Ehre verletzt, sondern drängten — 40 gegen zwei — die jüdischen Hörer mit ihrer von der Aula her bewährten Technik hinaus. Am nächsten Tag begab sich Dr. v. Hofmannsthal zu den Advokaten Dr. Troyer, dem Präsidenten