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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-04 · 40 (4.10.1907) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 40 wc. JBiocD ö Mocvenscvrm. Seite 663 Wartete, um gegen den Juden loszugehen. Dies konnte man am deutlichsten im Kciegsjahre 1866 sehen, als Preßburg zwei Tage vom Militär entblößt war, da nach der Schlacht von Blumenau sich die Preßburger Garnison nach dem jenseitigen Ufer der Donau zurückgezogen hatte und die Stadt dem Feinde preisgab. Es sollte dies die Strafe dafür sein, weil die Preßburger „Kraxelhuber"13), die christlich „patriotischen", Geschäftsleute, den Preußen für gutes Geld Lebensmittel heimlich lieferten. Diese Entblößung Preßburgs vom Militär benützte der antisemitische Janhagel, um gegen die Juden loszuzehen. Alle Augenblicke kamen Berichte von Juden, deren Geschäft sie in die inneren und äußeren Stadtteile führte, daß sie vom Pöbel attakiert und mißhandelt wurden, so daß sich Niemand das Judenviertel zu verlassen getraute. Am meisten waren die zahlreichen armen Hausierer zu bedauern, die wochenlang sich nicht die außer dem Judenviertel gelegenen Stadtteile zu betreten getrauten und denen ihre Verdienstquelle verschlossen war; da später allerlei Gerüchte von einer beabsichtigten Plünderung der Häuser der Judengasse seitens des Pöbels der Stadt durchschwirrten, so hatte sich aus anständigen friedlichen Bürgern eine Sicherheitskommission gebildet, welche die früher vom Militär besetzte Hauptwache am Hauptplatz bezogen und, an ihren weißen Armbinden erkenntlich, im Vereine m't den Polizisten die Judengasse auf und ab patrouillierten. Die Mitglieder dieser Sicherheitskommiffion gingen auch von Haus zu Haus, den Bewohnern die Warnung erteilend, die Haustore bereits um 7 Uhr zu schließen. Doch atmete alles auf, als zwei Tage darauf sich die Nachricht von dem Abschluß eines Waffenstillstandes verbreitete und die Garnison wieder nach Preßburg zurückgekehrt war, deren starke Patrouillen Abends und die ganze Nacht die Judengasse und die angrenzenden Straßen durchstreiften und jede Ansammlung von Passanten hinderten, viele Renitente verhafteten und der Polizei übergaben. Noch viel ärger und roher äußerte sich der Judenhaß der untersten Klasse der Preßburger christlichen Bevölkerung anläßlich des berüchtigten Prozesses von Tißa-Eßlar, als die Kunde von der Freisprechung der unschuldig Angeklagten sich in Preßburg verbreitete. Da hatte die Wut des Pöbels keine Grenzen. Eine nach Tausenden zählende Menschenmenge wollte von der Kreuzpaterkirche am Ende des Judenviertels aus in hie Judengaffe eindringen. Der liberale, judenfreundliche, städtische Archivar v. Batka versuchte es vergeblich mit aufgehobenen Händen durch gütiges Zureden den Pöbel vom Eindringen in die Judengasse abzuhalten, doch wer weiß, was geschehen wäre, wenn nicht in aller Eile, auf dringende Reklamation des Kultusvorstandes, einige Bataillone Militär im Laufschritt angerückt gekommen und mit aufgepflanztem Bajonett das gewaltsame Eindringen des Pöbels in die Judengasse verhindert hätten. Doch gelang es einem kleinen Teile desselben einige Tage später, als man schon die Ruhe hergestellt glaubte, sein Mütchen an den Juden zu kühlen, indem dieser bei einigen außerhalb des Judenviertels in einer Vorstadt wohnenden Juden deren Geschäfte ausplünderte, in einem Branntweingeschäfte die Spiritusfässer ausrinnen ließ, die Einrichtung demolierte, bevor noch die Polizei erschien und dem vandalischen Treiben Einhalt gebieten konnte. Auch die Judengaffe blieb nicht gänzlich verschont. Kurze Zeit nachher, es war das in der ersten Sukkathnacht ") des Jahres, als wir gerade in der Sukke ,ä) saßen und durch das Geklirr von zerbrochenen Fensterscheiben aufgeschreckt wurden. Auf die Straße eilend, sahen wir eine ziemlich große Schar von maskierten Leuten (es sollen Studenten gewesen sein, jetzt würde man diese Holigans nennen) unter Johlen und Schreien die Judengaffe durchrasen und alle Fensterscheiben einschlagen. An weiteren Ausschreitungen wurde diese' Rotte durch die schnell herbeigeeilte Polizei verjagt. Dieser Vorfall hatte das einzige ") Dieser Spottname wurde der zumeist deutschsprachigen Bevölkerung Preßburgs von den Ungarn beigelegt, die sie nicht für echte Ungarn hielten. ") Nacht des Laubhüttenfestes. ,s) Laubhütte. Gute, daß sich tags darauf eine große Anzahl jüdischer junger Leute zu einer Art Jugendwehr bildeten, die zur Selbstverteidigung bereit waren, doch erwies sich diese nicht mehr notwendig, da von nun an starke Militärpatrouillen jede Nacht die Judengaffe durchstreiften. Die Bereitschaft der jungen Leute zum Selbstschutze war wohl auch nicht nach dem Geschmacke der oben gekennzeichneten, zaghaften und furchtsamen Männer, die ihre Bedenken gegen eine kräftige Abwehr mit den Worten „dafür find wir im Golus" äußerten, deshalb man alle diese Gewalttaten und Anfeindungen mit Geduld ertragen müßte. Diese Judenkrawalle hatten den Preßburger Juden noch ein unliebsames Andenken hinterlaffen und mehrere Jahre einen großen Teil der Purimfreude zerstört, da die Polizei das an diesen Tagen in der Judengaffe übliche Maskentreiben und die schönen Maskenumzüge aus Furcht, daß sich unter dem Schutze der Masken allerlei verdächtige Individuen und antisemitisches Gesindel in der Judengaffe einschleichen und Judenkrawalle veranstalten könnten, verbot. Dieses Verbot wurde auch einige Jahre nachher aufrecht erhalten, wodurch wieder allmählich ein Stück der Purimfreude aus der alten Preßburger Judengaffe dahingeschwunden. Hiermit wären wir nun am Endpunkt unserer Reminiszenz und der Lehre, die wir aus derselben ziehen mögen, angelangt. Wir leben in einem verfaffungsmäßig regierten Staate, wo alle Bürger, ohne Unterschied der Religion, gleiche Pflichten aber auch gleiche Rechte haben. Damit ist aber nicht gesagt, daß wir, im Falle die uns schützenden Regierungsorgane bei etwaigen Angriffen des antisemitischen Pöbels nicht gleich bei der Hand find, uns diese Gewalttaten gefallen laffen müffen, wenn es in unserer Macht liegt, kräftige Abwehr zu leisten; da arbeiten wir nur den Judenfeinden in die Hände, die uns Juden als feige und charakterlos bezeichnen. Natürlich wäre es, wo wir in Minderheit, ein Wahnsinn, wenn wir an unseren uns an Zahl weit überlegenen Feinden Vergeltung üben wollten. Doch wo wir an großer Zahl sind und gerade zugegen find, wenn einige antisemitische Rowdys einen dev Unserigen angreifen und beschimpfen und gerade kein behördliches Organ M gegen ist, das diese Angriffe abwehrt, so wäre cs eine Schmach und Schande für alle Juden, wenn wir dies ruhig zusehen würden, während es in unserer Macht gelegen wäre, den antisemitischen Raufbolden die gebührende Strafe und Züchtigung zuteil werden zu laffen. Als Moses unter seinen Brüdern ging und gesehen, wie ein mizrischer Mann einen Jwri geschlagen, da, erzählt uns die Bibel, hat er sogleich den Mizri niedergeschlagen, und er war Einer gegen Einen. Um wie viel größer wäre das Unrecht, wenn eine größere Zahl der Unseligen es ruhig zufieht, wenn einer unserer Glaubensbrüder ohne jeden Grund beschimpft oder gar mißhandelt wird, ohne dem Missetäter die gebührende Züchtigung zu verabfolgen. Dasselbe Verbrechen begehen wir, wenn uns Juden ein b ew ährter Verteidiger unseres Stammes und unserer Religion seine wertvolle Kraft, sein reiches immenses Wissen und Talent zu unserer Verteidigung gegen böswillige Angriffe seitens der Antisemiten anbietet, wie dies z. B. jetzt anläßlich der Reichsratswahlen der Fall war, und wir ihm nicht die nötige Unterstützung verleihen. Zur Liebe können wir die anderen Völker nicht zwingen, doch aber zur Achtung. Alles Andere müffen wir Gott überlaffen, den Beschützer Israels, bis er endlich die Zeit herbeisühren wird, von der es heißt: „Es werden die Helfer am Berge Zion Heraufziehen, um das Gebirge Esaus zu richten, dann wird das Reich des Ewigen allein sein." Neue Bücher. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Begründet von Dr. Z. Fraukel» fortgesetzt von Profeffor Dr. H. Graetz und Dr. P. F. Frankel, neue Folge, im Vereine mit Profeffor Dr. David Kaufmann ins Leben gerufen und herausgegeben von Dr.

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