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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-04 · 40 (4.10.1907) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 662 Dr. Llocv's Mocvenscbrtru Rr. ^0 Begeisterung für Freiheit und Gleichheit die Völker die Fesseln des Despotismus gesprengt hatten; und da Menschenrechte überall, also auch für die Juden, proklamiert wurden, da waren die niederen Schichten der christlichen Bevölkerung noch vom finsteren Religions- und Rassenhaß befangen. Sie konnten fich nicht an den frischen Luftzug, an den Geist, der die Völker Ungarns neu belebte, gewöhnen und in die veränderte Politische Situation hineinfinden. In den Mauern der alten Krönungsstadt war bei der damals zumeist deutschsprachigen Bevölkerung das Rischus *) zu tief eingenistet, als daß die bösen Geister des Judenhasses so schnell von den Hellen Sonnenstrahlen der Egalite und Liberte verscheucht werden konnten. Allein unsere biederen Alten nahmen die oftmaligen Aeußerungen der Judenfeindlichkeit mit einer gewissen Geduld und Resignation entgegen und mit den Worten: „Dafür find wir im Golus", erduldeten fie so manche Verhöhnung und Beleidigung, wenn fich auch ihr Inneres dagegen empörte. Wie oft fühlte ich als kleiner Junge mich auf's Tiefste gekränkt, wenn ich so am Sabbath oder an den Feiertagen, festlich gekleidet, mit meinen Kameraden einen Spaziergang in den Straßen der inneren Stadt machend, und wir in einer wenig belebten Gasse oft von einer Schar christlicher Buben mit den Schimpfworten: „Jud Haschele", Hepp- Hepp-Rufen und anderen Spottreden beschimpft wurden. Wir drückten uns zusammen wie die Schafe, wenn sie von einem Rudel Wölfe angefallen werden, schnell die Flucht ergreifend, wenn die „Schkozim", wie diese Unholde damals genannt wurden, zum Angriffe übergehend, uns verfolgten. Erzählten wir dies dann unseren Eltern, so hatten diese keine andere Antwort: „Was kann man machen, dafür sind wir im Golus. Bleibt's lieber daheim oder geht's im Palffygarten* 2 3), wenn ihr spazieren gehen wollet." Dem Rischus konnte man schwer entgehen, wenn man aus dem Bereiche des Judenghettos sich hinauswagte. Davon hatten ich und meine Kollegen auch als große Bachurim viel zu leiden. Besonders im Sommer war das Budengehen in der Mühlau 4) gefährlich. Beim Hin- und Rückwege mußten die armen Bachurim, die die Mittel nicht besaßen, das städtische Schwimmbad zu besuchen, allerlei Scharmützel mit den fie verspottenden, oft mit Steinen bewerfenden Christenjungen bestehen und getrauten sich die Bachurim nur in größeren Scharen dieses Freibad zu besuchen. Die Zaghaften unter denselben suchten bei solchen Rischus-Aeußerunge« schnell das Weite. Doch nicht immer kamen diese Unholde so leichten Kaufes davon. Noch heute ist mir eine Episode erinnerlich, die auf den Beschauer einen komischen Eindruck gemacht hätte, wenn diese nicht zu traurig gewesen wäre. Zwei ältere Bne Thoru5 * 7) machten nämlich, wie es damals üblich am Lag beomer °) einen Spaziergang nach dem iu der Nähe des Freibades Mühlau gelegenen Wäldchen und wurden auf dem Rückwege von halbwüchsigen Christenjungen angefallen, verhöhnt und mit Steinen beworfen. In ihrer Empörung über die ihnen widerfahrene Unbill erhoben die guten Alten ihre Stöcke gegen die sie verfolgenden Schkozim. Doch was könnten fie gegen diese frechen Jungen ausrichten, die ihnen immer näher an den Leib rückten. Doch in ihrer größten Not kam gerade eine Gesellschaft von Bachurim vom Bade zurück, darunter einer Namens Duldner. Dieser, eine Hünengestalt, durch seine große Körperkrast in der Jeschiwabekannt, hatte sich nicht die Worte Leffings im „Nathan der Weise", „denn dulden ist das Erbteil unseres Stammes" zum Losungsworte gemacht. Schnell die Situation erfassend, lief er den stechen Rangen *) Judenhaß. *) Ein im Bereiche des Judenviertels vis-a-vis der großen Synagoge gelegener, schöner Park, der von den Juden stark betucht wurde. 3) Rabbinatsschüler. 4) Ein am seichten Ufer der Donau gelegenes Freibad. 5) Thoragelehrte. ®) 33ten Omertage (Halbfeiertag). 7) Rabbinatsschule. entgegen, den größten und Anführer derselben beim Kragen packend und ihn tüchtig durchprügeln, war das Werk eines Augenblicks. Durch dieses gute Beispiel ermutigt, folgten dann seine anderen weniger mutigen Kollegen und beteiligten sich tüchtig an dem „Hamanklopfen", so daß in einem Nu die kleinen Reschoim 8) nach allen Richtungen flüchteten und das Weite suchten. Als dann ein des Weges kommender erwachsener. Roscho, für den stechen Jungen Partei ergreifend, auf Duldner losgehen wollte, da wurde auch dieser von dem Athleten unter den Preß? burger Bachurim unter Assistenz seiner Kollegen tüchtig durchgebläut. Die beiden Bne Thoru wurden sodann unter dem Schutze der sie umgebenden Bachurim nach Hause begleitet. Duldner und seine wackeren Kollegen wurden dann in der Judengasse, wo ihre „Heldentat" bereits bekannt geworden, von vielen Gleichgesinnten mit einen kräftigen „Jejascher Koach" °) begrüßt, und bildete das mutige Eingreifen Duldners lange das Tagesgespräch in der Preßburger Judengaffe. Doch Viele von den oben bezeichneten Individualitäten, die vor lauter Furcht und Zaghaftigkeit ihren Mannesmut verloren, fürchteten die üblen Folgen, die die mutige Abwehr Duldners für die Juden nach sich ziehen könnte, und meinten daß man die Gojim nicht reizen dürfe und sich lieber alles gefallen lassen müsse, denn „dafür sind wir im Golus"; diese von stumpfer Resignation und von der Furcht, daß es noch ärger werden könnte, diktierten Worte waren oft ein billiger Trost für entmutigte gedrückte Naturen unter unseren Glaubensbrüdern. Wie oft mußten sie diese gebrauchen, um den sich in ihrem Innern regenden Unmut und die Empörung gegen den Hohn und Spott, das Unrecht und der Feindseligkeit, welche fie auf Schritt und Tritt von den Judenfeinden zu erdulden hatten, zu besänftigen und zu unterdrücken. Es gab zu dieser Zeit selten einen Tag, an dem sich nicht das Rischus in Preßburg außerhalb der Judengaffe in irgend einer Weise äußerte. Von der Wiege bis zum Grabe wurde der damalige Jude chikaniert. Nicht einmal bei einer Halwojow) konnten die kleinen und großen Reschoim''), die das Rischus bereits mit der Muttermilch eingesogen, ihren Judenhaß ganz unterdrücken. Wenn sie auch die Majestät des Todes ein wenig im Banne hielt, so verfolgten sie doch den Halwojowagen mit höhnischen Blicken, wenn dieser den zumeist von Christen bewohnten Bezirk Zuckermantel passieren mußte, und revanchierten sich dann oft an den Leuten, die vom Beth- Chajimn) zurückkehrten, indem sie diese beschimpften und oft mit Steinen bewarfen. Manchesmal folgte bald die Strafe, wenn nämlich unter den von der Halwojo Zurückkehrenden zufällig einige Mitglieder der auch von den Nichtjuden gefürchteten Athleten der jüdischen Trägergilde, wie z. B. Koppel Lebele mit seinem Sohne Jossel, oder der als Raufbold berüchtigte Binim Koch darunter waren und eine Razzia unter den kleinen und großen Reschoim hielten. Doch die große Menge der Preßburger Juden war schon an den Rischus gewöhnt und nahm dieses mit einer Ruhe und Resignation, als müßte es so sein, hin, denn sie sagten sich: „Dafür find wir im Golus". Gefährlich war es zu der Zeit vor den christlichen Ostern die in der Nähe des Judenviertels gelegene Kreuzpaterkirche, wo die Auferstehung mit großem kirchlichen Pomp gefeiert wurde, zu passieren; dort war es für Juden ratsam, einen weiten Umkreis um die Kirche zu machen, wenn fie nicht zum Niederknien gezwungen werden wollten. Dieselbe Vorsicht war am Frohnleichnamstage angezeigt, während des Umzuges der Prozession, denn wehe Demjenigen, wenn er zufällig dieser entgegenkam und nicht das Haupt entblößte, er wäre einer Lynchjustiz verfallen und übel zugerichtet worden; denn mit dem Preßburger Mob war nicht zu spassen, und von einer kleinen Schlägerei bis zum Judenkrawalle und Plünderung war nur ein Schritt. Dies zeigte sich in Preßburg bei vielen Gelegenheiten, weil der Pöbel nur einen paffenden Moment ab- 6) Judenfeinde. Q) Gott gebe dir ferner Kraft. ,0) Leichenbegängnis. 11) Judenfeinde. '*) Friedhof.

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