Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Bloch's Wochrrr-christ. Seite 655 Spenders und einem Segenswunsch für denselben ausgerufen. Mancher gibt das Geld in kleinen Raten, damit sein Name recht oft genannt wird. Die Geber erwarten, daß ihnen bei entsprechender Gelegenheit die gleiche Summe von dem Ehemanne wiedergegeben wird; es ist also mehr ein Darlehen, als ein Geschenk. Bei christlichen Hochzeiten fällt dieser letzte Teil der Feier aus und findet seinen Ersatz in nicht gerade geschmackvoller Weise darin, daß jeder der fortgehenden Gäste dem Freunde des Bräutigams seine Gabe für das junge Paar in die Hand drückt. Während dieser Vorgänge im Hause des Bräutigams fand bei den Eltern der Braut ebenfalls eine Feier statt, an welcher hauptsächlich die Frauen zusammen mit der Braut teilnahmen. Von Männern waren hiebei anwesend nur der Vatev und Bruder der Braut und ein oder zwei ihrer nächsten männlichen Verwandten. Die künftige Schwiegermutter führte zur „Musik" zweier Topftrommler einen Tanz auf; darauf wurde die Braut im Kreise ihrer Freundinnen in ihr Festgewand gekleidet, um dem Bräutigam zugesührt zu werden. Aber dieser hatte seine Pflichten noch nicht in vollem Umfange erfüllt: ein Onkel väterlicherseits forderte für sich noch ein Geschenk. Erst nachdem dieses vom Bräutigam nach langem Zank und Streit bewilligt, wurde die Braut, die einstweilen noch hinter Schloß und Riegel gehalten war, freigegeben. J.tzt aber verweigerte ihr elfjähriger Bruder seine definitive Zustimmung zur Heirat, falls ihm nicht noch einige Geldstücke mehr ausgehändigt würden; auch diesem Wunsche wurde wohl oder übel nachgekommen. Empört über die Zurückhaltung des Bräutigams im Bezahlen wie über die erneuten Forderungen seitens der Partei der Braut, verfluchten die künftigen Schwiegermütter jetzt sich gegenseitig und ihre neue Verwandtschaft, der volle Mond lag über dem Kidrontal —; durch das Schweigen der Nacht aber hallten die kneifenden Stimmen der Frauen. Endlich konnte sich der Zug in Bewegung setzen, um die tiefverhüllte Braut zum Hause ihres künftigen Mannes am anderen Ende des Dorfes zu führen. Aber noch entstand eine letzte Verzögerung: die Braut markierte Widerstreben, sich hinführen zu lassen. So will es die Sitte. Es soll manchmal eine Stunde vergehen unter solchem fingierten Sichweigern. Nachdem auch dies glücklich zu Ende, ging es nun wirklich unter den Jubeltrillern der Frauen zum Bräutigam. An der Schwelle seines Hauses nahm die Braut von dem ihr gereichten Sauerteig und tat etwas davon auf ihre Stirn und etwas an die Oberschwelle der Tür; dann trat sie mit einem Wasserkruge auf dem Kopfe ein. Diese Handlungen sollen ihre späteren Pflichten des Brotbackens und Wasserholens symbolisieren. Eingetreten, warf sie sich auf den Boden nieder, während eine Frau ihr Nase, Wangen und Stirn mit Blattgold beklebte. Hierauf enthüllte der Bräutigam ihr Gesicht, worauf er sie offiziell als seine Ehefrau annimmt. Jetzt breitete seine Schwiegermutter, die bis dahin an seiner Linken gestanden hatte, über ihre Hände ein Tuch, in das jeder Gast ein Geldgeschenk legte; die Frauen drückten ihre Münzen, ehe sie diese auf das Tuch legten, erst an die Stirne der Braut, manche auch an die des Bräutigams. Dann zahlte dieser den Kaufpreis für seine Frau in das Tuch, ebenfalls mit jeder Münze ihre Stirne berührend. Das war der Abschluß der Hochzeit. Es sind hie und da in Palästina noch andere symbolische Handlungen üblich, auf die einzugehen wir uns des Raumes wegen versagen müssen. Nur so viel mag erwähnt sein, daß des öfteren die Braut in das künftige Heim geführt wird und hier erst den gleichfalls dorthin in Begleitung seiner Freunde kommenden Bräutigam erwartet. Sie sitzt dann tief verhüllt im Kreise der Frauen, bis ein Bote den Zug ihres nahenden Gatten meldet. Die. Frauen eilen dem Kommenden entgegen. Er wird von ihnen ins Haus geführt und enthüllt die Braut, die seine Hand küßt. Das junge Paar empfängt darauf noch die Glückwünsche der anwesenden Frauen, die sich dann zurückziehen. So haben sich im Lande der Bibel Sitten und Zeremoniell von Verlobung und Hochzeit wenig verändert erhalten seit den Zeiten der Evangelien und des Alten Testamentes. Die Propheten als ethische Erzieher. Eine sozial-pädagogische Studie von Dr. Simon Maudl (Neutitschein). In einer seiner Erzählungen spricht Maxim Gorki*) den Gedanken aus: Ein Volk kann nicht sterben wie ein Mensch stirbt, denn es ist Gott, dem Schöpfer der Erde, notwendig. Aber ein Volk kann auch nur solange leben, als es selbst den Willen zum Leben hat, zur Betätigung der Aufgabe, die ihm zugewiesen ward. Und den ihm zugewiesenen Beruf erblickt das Judentum darin, als das Volk der Propheten als Träger ihrer ethischen Ideen sich zu betätigen. Es hat wohl in keiner Zeit an Versuchen gefehlt, diesen Beruf herab,usetzen; und zwar mittelst der Begründung: Alles Aeltere ist das Schlechtere; was später kam, das ist das Bessere. Diese Versuche, die auch gegenwärtig ihre Vertreter finden, können uns nicht gleichgiltig sein. Bekennen wir uns doch zu jenen ethischen Ideen der Propheten, von welchen wir überzeugt sind, daß sie als die Grundlage aller sittlich-sozialen Lehren sich bewährt haben. Die Würdigung der Propheten als ethische Erzieher dürfte darum vom genannten Gesichtspunkt aus dem Interesse dieser geschätzten, weitverbreiteten Blätter entgegenkommen. Wird doch die Gestalt der Propheten gerade gegenwärtig wieder in den Mittelpunkt der populär-wissenschaftlichen Tagesfragen gestellt. Die Aufgabe der vorliegenden Studie soll es nun sein, nachzuweisen, daß die Propheten nicht nur auf ihre Zeit einen erziehlichen Einfluß ausgeübt, sondern auch heute noch, ja sogar auf eine noch nnabsrhbare Zukunft ethisch einzuwirken berufen sind. Es sei nun versucht, diesen Nachweis an der Hand hervorragender prophetischer Aussurüche zu erbringen. * * * Zunächst handelt es sich darum, über den Begriff Ethik klar zu werden. Die Ethik, von dem griechischen Ethos. Sitte, stammend, a!s die Sittenlehre, muß zuvörderst in ihrem Verhältnis zu dem wahren Gut und zu der wahren Pflicht des Menschen betrachtet werden. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Frage: Welches ist das wahre Wesen der Tugend, welche Pflicht erwächst aus der Erkenntnis der wahren Tugend und endlich, welcher Art ist die Absicht, die bei der Ausübung der Tugend zu leiten hat. Es gilt nun, nachzuweisen — und darin gipfelt der Ausgangspunkt vorliegender Abhandlung — wie die Propheten, ihrem Zeitalter weit vorauseilend, diese Fragen in klastischer Weise gelöst haben. Wohl findet sich bei ihnen ein geschloffenes ethisches System im heutigen schulmäßigen Sinn nicht vor. Doch lassen die Spuren ihrer segensreichen Tätigkeit auf ihren weltumfassenden ethischen Erziehungsplan schließen. Diesen haben sie für die spätesten Zeiten genau umschrieben. Denn ihrem weisen Fernblick lag die sittliche Natur aller kommenden Geschlechter klar vor, wie ein aufgeschlagenes Buch. Und sie üben nur deshalb einen so nachhaltig erziehlichen Einfluß aus. weil in ihrer eigenen Person die Sittlichkeit in einer Weise verkörpert erschien, wie in keinem Menschen jemals vor und jemals nach ihnen. Die Propheten können darum mit Recht als die ältesten Erzieher des Menschengeschlechtes bezeichnet werden, weil in ihnen sittliche Gesinnung und sittliche Tat, ethisches Empfinden und ethisches Wirken treu vereint zum Ausdruck gelangten. * Um das erzieherische Wirken der Propheten vom g eschichtlichen Gesichtspunkt aus würdigen zu können, ist es zweckmäßig, die Verhältnisse, sozusagen das Milieu kennen zu lernen, aus welchem heraus sie erwuchsen. Und da ist es überaus bezeichnend, daß die Geburtsstunde des Prophetismus mit der Auflehnung gegen eine Gewalttat zusammenfällt. An der Wiege des Prophetentums sehen wir eine Begebenheit roher Willkür seitens eines gesellschaftlich Hochstehenden gegen einen Armen. Sie trug sich im Reiche Israel ungefähr zu Beginn des 8. Jahrhunderts vor der gewöhnlichen Zeitrechnung. Nämlich das himmelschreiende Unrecht, welches A h a b, der König von Israel, auf Anstiften seiner Gemalin I s e b e l, einer phönizischen Vrinzestin, an dem unbescholtenen Landmann N a b o t h ausübte. Er entreißt demselben besten Grundstück, welches an den königlichen Palast grenzt, nachdem er zuvor den Unschuldigen des Hochverrates anklagen und hinrichten läßt. Wahrlich eine Untat, die nur den frevlerischen Abschluß all der Gewalttätigkeiten bildete, welche dieses Königspaar verschuldet hatte. Voll sittlicher Entrüstung tritt nun Eljahu aus Tischbi, ein schlichter Mann aus dem Volk, vor das Königspaar hin mit den *) Maxim Gorki in der Novelle: Gesunkene Leute.