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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-04 · 40 (4.10.1907) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 Vr. Bloch s Wochrnjchrifl. Seite 651 Recht hat, kann man natürlich nicht wissen; wenn sich aber ein Bewohner des hohen Olymps zu Tod gelacht hat, so dürfte das sicher die Venus' sein, wenn sie hinunterblickt auf den Streit der Völker und ihre feindliche Absonderung nach Rassen." Wir kommen aus dem Lachen nicht heraus, wenn er dem Rassenantisemiten die unabweisliche Konsequenz seines Standpunktes ad oculos demonstriert. Der Rassenantisemit ist bemüßigt, seinem Glauben, nämlich einer von den drei semitischen Religionen: Judentum, Christentum, Islam, zu entsagen. Er muß ferner, wenn Leben und Denken sich bei ihm decken sollen, mit der Wocheneinteilung, dem Sonn- und Feiertag, mit unserem Alphabets unserem Kalender, unseren Sitten und Gebräuchen bei Geburten, Heiraten, Todesfällen, ja endlich mit unserer Familieneinrichtung aufräumen. Es bleibt ihm nichts übrig, als zum Pinsel und Zopf zu greifen und Chinese zu werden. Wer aber kein Chinese werden und doch einem zivilisierten Kulturkreise. angehören will, der kann aus dem Semitismus ebensowenig heraus, wie aus seiner eigenen Haut. Unser verstorbener Vizepräsident gab der Wahrheit und Gerechtigkeit die Ehre, als er sein vernichtendes Buch über den Antisemitismus schrieb. Er erklärte zu Beginn des Vorwortes: „Selig sind, die dürsten nach der Gerechtigkeit", also sagt der Heiland in der Bergpredigt, dem höchsten Gesetze für alle Zeiten, alle Völkerbälle Menschen. Diesem Gesetze bin ich in diesem Werke gefolgt, mein Zweck ist dabei ausschließlich, durch die Gerechtigkeit auch gegen Israel zur Friedfertigkeit — einem anderen Gebote der Bergpredigt — nach Maßgabe meiner schwachen Kräfte beizutragen. Ich weiß wohl, welche Schwierigkeiten sich einem derartigen Versuche entgegentürmen. Wer über die Juden nur das Geringste sagt und schreibt, was nicht ungünstig lautet, wird gleich als Jude verschrieen. Doch bei mir wird dieses Mittel nichts nützen. In meinem Stammbau mfindet sich nicht die geringste Spur jüdischen Blutes. Wäre dies aber der Fall, so würde ich diesnicht nur verschweigen, sondern e^s geradezu freudig st bekennen, weil ich stolz wäre auf eine mögliche Stammverwand t s ch aft. mi td en heiligsten Männern und Frauen, die je auf diesem Planeten gewandelt sind". Er donnert den Antisemiten entgegen: „Salus ex Judaeis! Das Heil kommt von den Juden!" Eine tiefe Wahrheit, die leider oft vergessen wird. Dieses Heil ist für Millionen Menschen heute wie vor Jahrhunderten der Glaube, daß wir alle Kinder eines Elternpaares und daher Brüder, alle Geschöpfe eines allmächtigen und allgütigen Gottes sind, der die Welt erschaffen und unser Geschick beherrscht und leitet, daß wir eine unsterbliche Seele besitzen, die für die ewige Seligkeit bestimmt ist. Dieser Glaube ist von den Juden gekommen, von jüdischen Propheten ausgesprochen worden, in jüdischer Sprache sind diese Worte erklungen, die das Heil, den Trost, die Seligkeit von Millionen und Millionen Menschen, Christen und Moslims, ausgemacht haben und noch ausmachen. Dieser Glaube hat die arme Menschheit getröstet und gestärkt in ihrem Leiden, er trocknet die Tränen der Witwen und Waisen, er lindert die Qualen des Kranken, er stärkt sie in der Todesstunde, er hütet vor Verzweiflung. Das ist es, was die Welt Israel verdankt! Diesen Glauben zu wahren, zu erhalten, wiederherzustellen da, wo er verloren gegangen und überwuchert worden ist, ihn zu reinigen von den Schlacken der Jahrhunderte, dies ist die zweite Ausgabe, die sich das Reformjudentum gesetzt hat, wie seine Vertreter in Chicago ausdrücklich erklärt haben." „Die Liebe zur Gerechtigkeit und die Hoffnung, zu einer Versöhnung zwischen Juden und Antisemiten nach Maßgabe meiner schwachen Kräfte beizutragen, waren allein die Motive, die mich veranlaßt haben, dieses Buch zu schreiben. Ich habe die furchtbaren Leiden und Verfolgungen geschildert, denen dieses unglückliche Volk ausgesetzt war, sowie die Not und das Elend, in welcher es sich heute noch in so vielen Ländern befindet. Der geehrte Leser wird mir zugeben, daß die Juden trotz ein paar Millionären und einigen hunderttausend Wohlhabenden unter ihnen zu zwei Drittel ein Volk von Bettlern find. Diese Bettler leiden aber weit schwerer als die christlichen oder mohammedanischen Armen, infolge der Ausnahmsgesetze, denen sie unterworfen find, mögen dieselben nun niedergeschrieben sein und zu Recht bestehen oder sich nur durch Gewohnheit im gesellschaftlichen Leben geltend machen. Sie bedürfen daher des Mitleids mehr als die andern. Die Mehrzahl der Antisemiten ahnt nicht, was Israel gelitten hat und noch leidet. Viele halten die antisemitische Bewegung für eine moralische; ungezählte edle, brave und große Männer find Antisemiten. Denn diese äußerst ansteckende moralische Influenza ergreift ihre Opfer ohne Rücksicht darauf, ob sie Weise find oder Toren, Gute oder Böse, Gelehrte oder Ignoranten." »Ich gestehe, daß ich unter meinen christlichen Freunden und Bekannten mich nur an drei erinnere, die philosemitisch angehaucht find." Er knüpft an Christus an und gibt aufs nachdrücklichste zu bedenken: „Erschiene Christus heute wiederum auf Erden, so würde der Haß gegen die Reste des Volkes, dem er angehörte, mit seinem heiligsten Willen gewiß nicht übereinstimmen". Sein Buch, das ein hohes Lied, eine gewaltige Symphonie der Humanität ist, klingt in einen volltönenden, uns mächtig bewegenden Akkord aus. Wir glauben die wuchtige, zermalmende Stimme des Gottesgerichtes zu vernehmen, wenn es mit den denkwürdigen prophetischen Worten schließt: „Der Antisemitismus ist durch und durch unchristlich und direkt entgegengesetzt dem Willen Christi, der sein Volk so sehr geliebt hat. Christi Geiste aber wird nichts widerstehen. Vor ihm beugt sich schließlich, wie wir es täglich erleben, alles; vom Orient und Okzident kommen die Völker und machen die Hauptgrundsätze seiner Moral zu Pfeilern ihrer bürgerlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Es ist schließlich ein Erfolg des tiefsten Kernes christlicher Grundsätze, wenn die Gladiatorenspiele, die Sklaverei, die Polygamie, die Tortur, in einigen Ländern auch die Todesstrafe, das Abschlachten der Kriegsgefangenen, das Duell, das Harikiri von der Bildfläche verschwunden find. Auch der Antisemitismus ist gerichtet, seine Tage find gezählt, und wie die obigen Monstra kann er Judas größtem Sohne die Worte zurufen: „Ave Caesar, moriturus te salutat!“ Christi Lehre, deren Hauptinhalt darauf hinausläuft, daß wir alle Kinder eines Gottes und daher Brüder find; die das jüdische Gesetz „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst" (Levit. 19,18) auf die ganze Menschheit ausgedehnt hat und die nach dem großartigen und erhabenen Kapitel 25, 31—46 des Matthäus den Urteilsspruch am Tage des Gerichtes über Heil und Verderben. Seligkeit und Verdammnis, Himmel und Hölle von nichts anderem abhängig gemacht hat als von der Ausübung oder der Nichtausübung der Werke der Liebe, der Barmherzigkeit, des Mitleids, läuft auch der Antisemitismus schnurstracks entgegen und daher muß er früher oder später in Trümmer gehen, denn immer wahr bleiben die Sätze: „Salus ex Judaeis“ und „Ecce vicit leo de tribu Juda“ („Siehe, der Löwe vom Stamme Juda hat überwunden")." Und dieser vollendete Gentleman, dieser hochfinnige Kavalier, an dem sich sämtliche Aristokraten ein Beispiel nehmen sollten — dieser herrliche, überzeugungstreue Mann, der uns ein übrig gebliebenes Monstrum längst vergangener Zeiten in seiner wahren Gestalt zeigte, über die größten Probleme des Fortschrittes, über die Abschaffung der Kriege durch Unterwerfung der Staaten unter ein internationales Schiedsgericht, über die Abschaffung des barbarischen Duells und über die Befferung der Lage der Arbeiter und Proletarier und die Linderung ihrer Lage nachdachte und strahlenden Antlitzes und verklärten Auges den das Ausheben der Thora aus der Bundeslade begleitenden hebräischen Melodien oder dem den Gott voll Erbarmen kündenden, schwermütigen „Ei moieb rachamim“ lauschte, — dieser ganze Mann, der uns vielfach an unseren ersten Präsidenten, an Baron Gundacker von Suttner gemahnt, war, wie wir stolz erhobenen Hauptes sagen können, unser. Meine verehrten Damen und Herren! Das Andenken des Gerechten ist, so lautet ein jüdischer Spruch, zum Segen. Möge das Andenken unseres ftüh, ach nur zu früh von dem unerbitt-

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