Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 40 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021710-3021751--16722-3041559- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sei:c 650 Dr. Llocb's MLocvenscbrttt. Sir. 40 Freundinnen, unsere geistreiche Fürstin Pauline Metternich- Sandor, schreibt über sie: „Als ich sie kennen lernte, war ich sehr jung und konnte mich selbstverständlich in ihrem Kreise nur als entferntstehender, kleiner, bescheidener Satellit bewegen. Ich sah bewundernd zu ihr hinauf, denn sie war in jeder Beziehung bezaubernd. Schön, groß, imponierend durch ihre herrliche und vornehme Erscheinung, ein type de grande dame — gewann sie auch immer alle Herzen im Sturme durch ihre Anmut, Liebenswürdigkeit und namenlose, ja selbst grenzenlose Güte, welch letztere oft mißbraucht wurde." Wie einer Königin huldigte man ihr, wo sie erschien. Die Herzen der bedeutendsten Männer aller Nationen lagen ihr zu Füßen. Deutsches und slavisches Blut mischte sich in den Adern der Nichte des russischen Reichskanzlers Grafen Nesselrode. Sie besaß eine Vorliebe für deutsches Wesen, deutsche Tiefe und Tüchtigkeit, deutsche Wahrheitsliebe und deutschen Idealismus, deutsche Kunst und Wissenschaft, die sie ihre festgegründeten Beziehungen und Freundschaften unter den Deutschen suchen und finden ließ. Diese hochbedeutende Frau legte 1873 kurz vor ihrem Tode das sehr bezeichnende Bekenntnis ab: „In Warschau verkehre ich nur mit Juden und billige alles, was sie tun. Nur sie interessieren sich für die guten Sachen, üben Wohltätigkeit mit ihrem ganzen Gelde, finden Genuß an der Musik und unterstützen die Künstler. Wenn wir allein unter uns bleiben sollten, so würde man bald nur einen Haufen armer Faulenzer sehen, die sich untereinander auffressen." Graf Heinrich Coudenhove, ihr ältester Enkel, — er war im Oktober 1859 geboren —, war also hereditär belastet. Er liebte es, seine geistige Deszendenz an seine Mutter und deren Mutter anzuknüpfen. Ein mächtiger Wissens- und Wahrheitsdurst drückte seiner Persönlichkeit den Stempel auf. Die diplomatische Karriere war für den jungen Doktor der Philosophie und beider Rechte der äußere Rahmen für seinen gewaltigen Forschungs- und Wandertrieb, der sich an den Erfahrungen in drei Weltteilen, Europa, Amerika und Asien, entzündete. Er hatte nichts mit den zünftigen, bureaukratischen Diplomaten gemein; an Männern von dem Schlage eines Alfred von Kremer, Hammer-Purgstall und Prokesch-Osten muß er gemessen sein, um verstanden zu werden. Seine erste diplomatische Station war Athen, wo er mit Bewußtsein auf den Spuren eines Plato und Sophokles unter dem bläulich belaubten Oelbaum der Athene wandelte. Ein Jahr darauf, 1885, nach Bucnos-Ahres versetzt, wollte er, seinen Humboldt im Kopfe, der Natur ins volle Antlitz schauen. Buenos-Ayres wurde mit Konstantinopel vertauscht und 1891 kam Tokio an die Reihe, wo damals Baron Rüdiger Biegeleben als Gesandter wirkte. Hier erkannte der Graf sofort instinktiv die Stärke der neugewonnenen japanischen Kultur und er hatte sogar den Mut, die buddhistische Ethik den moralischen Anschauungen in Europa überlegen zu finden. Nach Biegelebens Abgang rückte er zum österreichischungarischen Geschäftsträger auf. Nicht ohne Hochmut nahm man in unserem Ministerium des Aeußern seine in die Tiefe gehenden Berichte entgegen. Die Herren auf dem Ballplatze schüttelten über seine Erwägungen, Befürchtungen und Borhersagungen ihre Zöpfe und konnten nicht recht begreifen, warum er mit solchem Pathos von Japan spreche, als ob Japan mehr wäre als ein sonderbarer Inselstaat, der im fernen Ozean schwimme und das im Herzen Europas gelegene Oesterreich-Ungarn eigentlich soviel wie nichts angehe. In Japan lebte er sich ganz in die Volksseele hinein. Der milde Geist des Buddhismus hatte sein edles Gemüt gestreift. Etwas von einem Buddhisten oder sagen wir Urchristen lebte und webte in ihm. Es kamen Wallungen über seine feurige Seele, daß man ihn für einen Jünger indischer Weisheit oder des heiligen Francisms von Assisi hätte halten können. Da der ärmliche Wirkungskreis des österreichisch-ungarischen Vertreters, dank der Indolenz der heimatlichen Regierung, den Tatendrang des jungen Diplomaten nicht zu beftiedigen vermochte, suchte dieser seine Energie in wissenschaftlicher und menschlicher Betätigung auszulösen. Baron Siebold war Zeuge, wie er an Sonntagen, wo die Gesandtschaftskanzlei geschloffen war, auf ein kleines Wägelchen Säcke mit Reis laden ließ und hinausging, um den Reis an arme Leute zu verteilen. Er lebte in Tokio mehr mit Japan als mit Europa. Bald sollten ihn eheliche Bande mit einer jungen Tochter Japans, die ein Kind einfacher Leute war, mit Mitsu Aoyama, verknüpfen. Als er nach dem Tode des Vaters 1896 nach Europa zurückkehrte, um das Majorat anzutreten, wurde er hier von Standesgenossen und sogar von Verwandten mit scheelen Augen angesehen. Allein was focht ihn das an? Er war ein domo ein generis, der seinen eigenen Weg ging, ein Edelmann im höchsten und besten Sinne des Wortes. Die verkörperte Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe, forschte er auf Schloß Ronsperg, wo er sein ständiges Domizil ausschlug, den höchsten Problemen nach. 1901 erschien sein vortreffliches, von großer Gelehrsamkeit getragenes Buch über das Wesen des Antisemitismus, den ein gekröntes Haupt als die Schmach und Schande unseres Jahrhunderts gebrandmarkt hat. Weiter als je sind wir von der Realisierung der in „Henoch" personifizierten Idee entfernt. Welch große Gefahr der Antisemitismus in sich birgt, welch werbende Kraft er besitzt, erhellt zur Genüge daraus, daß es eine Zeit gab, in der selbst unser Graf nach seinem eigenen Geständnisse praktischer Antisemit war. Später mäßigte er sich und ward theoretischer Antisemit. Eines seiner Gebete lautete: „O Herr, schick' uns den Moses wieder, auf daß er seine Stammesbrüder heimführe in das gelobte Land. Laß auch das Meer sich wieder teilen und laß die beiden Wassersäulen feststehen wie eine Felswand. Und wenn in dieser Wasserrinnen, das ganze Judenvolk ist drinnen, dann, Herrgott, mach' die Klappe zu, dann haben wir arme Christen Ruh!" „Wenn man", sagt er, „als ich vor einigen Jahren mich entschloß, die Judenfrage zu studieren und über dieselbe zu schreiben, mich gefragt hätte, ob das Werk antisemitisch ausfallen würde, so hätte ich diese Frage wahrscheinlich bejaht:"- Ein ernstliches, gründliches Studium der Sache hat ihn eines Bessern belehrt. Es wandelte ihn aus einem Antisemiten in einen Philosemiten. Es zeigte ihm in unwiderleglicher Weise, daß der Antisemitismus einzig und allein auf dem religiösen Fanatismus beruht. Und der Rassenantisemitismus? Eindringliche Forschung lehrte ihn: Das Wort Jude enthält keine ethnographische Bedeutung. Es gibt keine semitischen Völker. Die freie ungläubige Wissenschaft glaubt an keine Person namens Sem, der ihr Ahnherr und Stammvater gewesen sein könnte. Es gibt nur Völker, die untereinander verwandte Sprachen reden, die von einem Gelehrten vor ungefähr 120 Jahren semitische Sprachen genannt worden sind. Semitisch ist lediglich ein philologischer Begriff. Die semitische Sprachen redenden Völker sind von einander total verschieden und haben anatomisch mit den Juden und vielfach auch unter sich nichts gemein. Es gibt keine semitischen Charaktereigenschaften, welche allen semitisch redenden Völkern gemeinschaftlich wären. Die Juden sind ein Mischvolk, sie haben nur sehr wenig Aehnlichkeit mit den Arabern, welche den reinsten semitischen Typus vorstellen sollen, sie stehen uns physisch viel näher als die Beduinen. Wer also von einem Wesen der semitischen Rasse spricht, sagt einen Unsinn, und wer den Begriff dieses semitischen Wesens mit den Juden in Zusammenhang bringt, ebenfalls. Rassenhaß ist und bleibt für unseren Grafen Ausdruck einer Persönlichkeit, die auf niederen Stufen moralischer Ausbildung zurückgeblieben ist. Je milder der Rassenhaß bei einem Volke sich zeigt, eine desto höhere Stufe der Aufklärung und Gesittung nimmt es ein, und jene Nation kann den höchsten Grad der geistigen und moralischen Entwicklung für sich in Anspruch nehmen, bei der ein Rassenhaß gar nicht mehr vorhanden ist. Sehr geistvoll und humoristisch äußert sich Graf Coudenhove: „Der Philosoph Nietzsche hat einmal geschrieben, er bezweifle sehr, daß sich die Götter zu Tode gedämmert, er sei vielmehr der Ansicht, sie hätten sich zu Tode gelacht. Ob er