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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-10-04 · 40 (4.10.1907) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
40 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 40 Dl*a BIOCll^S JahrgangXXIV errti Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. Wim, 4. Oktober 1907. Lrs<Leint jeden Freitag. Brief-Adreffe: Wien, IX/i9 Werggasse 39. Telegramm-Adresse: Llocd's Mocbenscdrttt, MUen. Inhalt: Leitartikel: Dr. Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi, Gedenkrede. — Der Komödie zweiter Teil. — Hofmokl. — Eine Hochzeit im Lande der Bibel. — Die Propheten als ethische Erzieher. — Korrespondenzen: „Auf blutigen Spuren." Tolstoi über Judenfrage. Rücktritt des Hofrates Professor Politzer. Füllet die Tempel. Reflexionen. Sydney. Die Juden und die Landtagswahlreform. Israelitische Tempel und israelitisches Gymnasium in Budapest. Prag. König Eduard und das Versöhnungsfest. Die Kolonien in der Jewish Colonisation Association. — Vermischtes: Wien. Jüdisches Museum. Jüdische Vergnügungsreise nach Palästina. Prag. Königsfeld. Warschau. Odessa. Bern — Feuilleton: „Dafür sind wir im Golus." — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. *--« K. ft. Postsparfta Yen-Amt Slearlng-Verkebr Mr. 810.976. Redaktion und Administration: wirn IX/1. Werggasse Mr. 39. 'Telefon Nr. 14.847 ®--« »---• VrMgsprris für Vrfirrrrirtz: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ansland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespal- . tene Petitzetle 24 Heller. %-» Ir. Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi. Gedenkrede - auf den am 14. Mai 1906 verstorbenen Vizepräsidenten des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, gehalten in der Generalversammlung dieses Vereins in Wien am 86. Juni 1907 von Bibliothekar Dr. Bernhard Miinz. V e r e h r t e D a m e n u n d H e r r e n! Klagen wollen wir, wehklagen über den frühen, viel zu frühen Heimgang des Dichters der Vision „Henoch". Beim heißersehnten Brunnen, am Rande der gelben, fahlen Wüste, wo oftmals Christen, Juden, Moslims vertraut zusammenlagern, als wären alle Kinder eines Glaubens, in der heiligen Friedensnacht Al-Kadr, hatte Graf Heinrich Coudenhove-Kalergi diese Vision. Das erste Buch Mofis erzählt von Henoch, er sei so gut, so fromm, so lieb gewesen, daß Gott ihn lebendig zu sich genommen, damit den bittern Tod er nimmer koste. Doch wie, dachte der Dichter, erstieg er solche Höhe? „Er war kein Christ, kein Jud, kein Muselmann, War ungetaust und wohl auch nicht beschnitten; Er kannte weder Sonntag, Sabbath, Ostern, Den Ramazan auch nicht, keinen Versöhnungstag, Für ihn hatt' nie der Sinai gedonnert, Nie hatt' er Kunde von der Nacht Al-Kadr Und ward doch selig, wie, durch welche Macht?" So grübelnd lag der Dichter in tiefem Sinnen und schier erdrückend ward es ihm im Zelte; da trat er heraus ins unbegrenzte Freie, sich am frischen Hauch der Nacht zu stärken. Es war eine schöne, unvergeßliche Nacht, Sinnbild der Ruhe und der Seligkeit, Ausdruck des ausgelöschten Willens. Eins fühlte er sich selbst mit der Natur: Kein ich, kein du, kein sie mehr, keine Vielheit, — hier atmet nur das Brahm, das Seiende, das unteilbare Seiende in der menschlichen Seele. Plötzlich bot sich ihm ein entsetzliches Schauspiel: Ein tiefgebeugtes jüdisches Weib, dessen Antlitz vom tiefsten Gram durchfurcht war, wankte zu dem Brunnen, kniete bei ihm nieder und jammerte laut: „O Vater Henoch, hier an Deinem Brunnen Bin fliehend ich, erschöpft dahingesunken Und fleh' zu Dir, Du Ahnherr meines Vaters, Des heil'gen Sem . . . Gib Rettung mir in meiner Herzensnot! Von allen Seiten drängen mich die Feinde, Sie trachten tückisch mir nach meinem Leben Und hetzen mich Verlafs'ne, Jammernde Von Land zu Land, durch Wüsten, über Berge Und ohne Rast und Ruhe muß ich wandern! Ich kann nicht mehr; zur Last wird mir das Leben, Das greuliche, das mich zu Boden drückt." An ihre Fersen heften sich wie Bluthunde zwei Männer, von denen der eine ein goldenes Kreuz trägt, während auf dem Haupte des andern der Halbmond als Symbol erglänzt; mit infernalem Hasse messen sich die Männer und nur in dem tätlichen Hasse gegen die Juden find fie einig. Dem blutigen Ringen macht die Erscheinung Henochs ein Ende, von dem ein Meer von Licht ausstrahlt. Die Männer werden inne, daß blindwütiger Wahn fie betörte, weil fie jenen Glauben verlassen hatten, der Henochs heiliger, wahrer Glaube war, — die Sittenlehre, die nur zwei Sätze und keine andern kennt: Gott lieben über alles, und wie sich selbst den Nächsten. Ein beseligendes Band umschlingt die drei, denn herangedämmert ist jene Zeit, welche die Juden durch das Zusammenweiden von Lamm und Wolf symbolifieren, — das messianische Zeitalter, und fie rufen jubelnd:. „Von Schmerzen frei sei alles, was da atmet, Ehre Gott in der Höh', den Menschen Friede!" In der Dichtung „Henoch" bringt Graf Coudenhove die Idee, in der sämtliche Freidenker der Erde eins find, zu warmer, pulsierender, flammender, lebendiger Anschauung. Vor kurzem erschienen die Briefe seiner Großmutter Marie von Mouchano w-K a l e r g i s an ihre Tochter, seine Mutter, im Verlage von Breitkopf u. Härtel in Leipzig. Unter den hervorragendsten Erscheinungen ihrer Zeit ward fie gefeiert. Auf den Höhen des Lebens führte ihr Weg dahin. Und sich selbst allein, einzig der Macht ihrer durch Geist, Genie, Schönheit und Herzensgüte ausgezeichneten Persönlichkeit dankte fie diesen Höhenweg. Die Freundin von Kaisern und Königen, der Liebling der europäischen Höfe, der glänzende Mittelpunkt aristokratischer Kreise, die Beschützerin von Kunst und Künstlern, selbst Birtuofin und Poetin am Klavier, eine allezeit hilfsbereite Menschenfreundin, — das war fie, so ist fie durchs Leben gegangen. Wohl keine Frau ihrer Zeit war der Gegenstand so aufrichtiger und hingebender Bewunderung, wie fie. Eine ihrer nächsten

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