Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 644 Dr. jbiocö s Mocdenscbrtkr Nr 39 Diese Krankheit nahm einen so argen Verlauf, daß selbe bereits - am Rande des Grabes stand und ist es nur den Herren, Doktoren dieser Anstalt, den Herren Dr. Rosenfeld und Dr. Po^ner, welche Tage und Nächte lang an dem Krankenlager dieser Frau weilten, zu verdanken, daß dieselbe nach mehr als viermonatlichem Aufenthalte dortselbst das Krankenbett verlaffen konnte. Außerdem uiuß hiebei bemerkt werden, daß selbst der Vorstand der löblichen Kultusgemeinde Karlsbad durch die sehr kostspielige Behandlung, sowie durch Aufnahme einer Krankenschwester aus Prag, ferner auch durch Verabreichung der teuersten Medikamente sehr viel zur Erhaltung dieser Mutter von fünf kleinen Kindern beigetrogen hat. Zuletzt muß noch zweier Leute Erwähnung getan werden, welche durch ihre liebevolle Behandlung als auch durch unermüdliche Tätigkeit sich auszeichneten, und zwar des Herrn Verwalters dieser Anstalr, Herrn Moritz Wotzilka und seiner Gattin Frau Jda Wotzilka, welche durch ihre Herzensgüte die bösen Tage dieser Frau erträglicher machten. Diese Anstalt, welche soviel Gutes für die leidenden Mitmenschen leistet (jedes Jahr finden daselbst paar hundert Kranke Erleichterung und Erholung von ihrer Krankheit), verdient wahrlich, daß sie allen edlen Wohltätern empfohlen wird. Paris. Der zürn G e g e N-S u l t a n von Marokko ausgerufene Mulay Hafid gilt als ein warmer Freund der Juden, was sich schon darin offenbart, daß ein Glaubensgenoffe Dr. Holzmann sein Leibarzt, Privat-Sekretär und intimer Vertrauter ist. Wie den hiesigen Zeitungen telegraphiert wird, hat er denn auch eine jüdische Deputation von Marrakesch seines Schutzes versichert. (Dr. Holzmann, der berufen scheint, eine hervorragende politische Rolle zu spielen, ist in Jerusalem geboren, studierte in Konstantinopel, wo er als Lehrer des Hebräischen an der Alliance- und dann an einer von ihm selbst begründeten Schule tätig war, Medizin, setzte seine Studien an der Berliner Universität fort und begab sich vor etwa zehn Jahren nach Marokko, wo er sehr rasch eine ausgedehnte Praxis, zugleich als Apotheker, fand und vor einigen Jahren von Mulay Hafid zu seinem Leibarzt ernannt wurde.) Feuilleton. Chol-Hamoedgiiste. Eine humoristische Skizze von Hermann L ö w i n g e r, Wien. Wer seine Jugendjahre in einer in einer größeren Stadt befindlichen älteren jüdischen Gemeinde verlebt hat, der wird sich gleich uns an den Gebrauch der in der Umgebung derselben wohnenden jüdischen Landsleute, an den Chol-Hamoed-Tagen Ausflüge zu ihren in der Stadt wohnenden Anverwandten zu machen, gewiß erinnern. Ein großer Teil dieser , Landsflöcke", wie diese von den Städtern spöttisch benannt worden, pflegt nicht erst eine Einladung abzuwarten. Sie kommen und sind da. Ob sie gelegen kommen und Platz zum Uebernachten finden werden, dies ist nicht ihre Sorge; dafür sollen Diejenigen sorgen, die sie mit ihrem ungebetenen Besuche beglücken. Dazu müffen noch die unfreiwilligen Gastgeber oft gute Miene zum bösen Spiele machen und manchen Gast, den einzuladen ihnen nicht einmal im Traume eingefallen wäre, freundlichst begrüßen, als hätten sie nichts sehnlicher als dessen Besuch erwartet. Wie oft machte ich als kleiner Junge meine Betrachtungen, wenn in der Judengasse zu P. am ersten Tage Chol- Hamoed die Wägelchen mit den Landsleuten in aller Gottesfrühe angefahren kamen und bei vielen Häusern Halt machten, meinen Zweifel nicht unterdrücken könnend, ob dieselben wirklich alle zum Besuche eingeladen waren. Wie unangenehm wurde ich berührt, wenn so ein Wägelchen vor unserem Hause Halt machte und demselben eine entfernte Verwandte, wie z. B. eine Großmuhme mit.ihren drei Söhnen aus dem nahen Dorfe K. entstiegen, wenn sich darunter der „lange Meier", wie das oft vorkam, befand. Dieses unangenehme Gefühl steigerte' sich noch zum Aerger, wenn, wie dies einmal geschah, „Meier der Große" zu dem gerade in P. abgehaltenen Feuerwehrtage kommend, in seiner Paradeuniform als Feuerwehrhauptmann in K. erschien, da ich wußte, daß mir gewöhnlich, unseren beschränkten Wohnungsräumlichkeiten halber, die Ehre zuteil wurde, der Bettgenosse dieses „Gog-megog" *) sein zu müssen. Auch das Amt eines Cicerone, welches mir gewöhnlich übertragen wurde, nämlich den langen Meier überall zu begleiten, war mir zuwider, da mir im Vorhinein vor dem Rioth * 2) der tratsch- und spottsüchtigen Bewohner der Judengasse in P., welche ich mit dem in seiner Uniform und seinem ganzen Wesen mehr einem Goj3) gleichsehenden Meier passieren mußte, grauste. Doch ist es nicht unsere Absicht, länger bei diesen ungebetenen Orchim 4) zu verweilen. Wir wollen vielmehr einen Chol-Hamoed-Jux, der sich einmal in'der Judengasse zu P. zwischen zwei Trödlern abspielte, in welchem die Chol-Hamoedgäste die Hauptrolle inne hatten, zur Erheiterung der geehrten Leser erzählen. Die Trödler Eisig Blau und Baruch Engel, deren Geschäfte sich unweit von einander befanden, standen nicht auf bestem Fuße mit einander. Die Schuld daran trug eigentlich Baruch Engel, der Aermere von Beiden, welcher dem in einem gewissen Wohlstände lebenden Blau neidisch und deshalb aufsässig war. Der Hauptgrund der Antipathie Engels gegen Blau war aber, weil dieser bei den Lizitationen immer die Preise hinaufschraubte, wodurch Engel selten etwas kaufen konnte. Der reichere Blau konnte es leichter wagen, höhere Preise zu bieten, weil er, wenn er auch manchesmal wegen des hohen Einkaufspreises nicht viel verdiente oder gar oft mit einem kleinen Verluste verkaufen mußte, diesen viel leichter ertragen konnte, während Engel einen solchen nicht zu riskieren vermochte. Wenn Engel auch öffentlich von der Abneigung gegen Blau nichts merken ließ, war er ihm doch, wie oben erwähnt, nicht gut, und wenn er ihm in Geheimen einen Schabernak spielen konnte, so tat er dies. Doch der wohlhabende Blau konnte die Gehässigkeit seines Nachbars Engels leicht ertragen. Er hatte eine gute Parnoso 5 6) und bereits ein schönes Vermögen sich erworben, und wenn ihn auch der so heiß ersehnte Kindersegen versagt geblieben, so wußten sich er und seine Frau Pessel damit zu trösten, daß dadurch der Hausgebrauch ein kleinerer und sie im Stande waren, von Jahr zu Jahr immer mehr Vermögen aufzuhäufen und sie reiche Leute geworden waren. Trotzdem war Eisig Blau ein großer Knicker oder, wie man in den alten Gemeinden einen kargen Menschen zu nennen pflegte, ein Kelew Daß Engel ihm diesen Schimpfnamen beilegte, ist selbstverständlich. Wie oft sagte er, wenn er auf seinen Nachbar Blau zu sprechen kam: „Eso ein Kelew, er hat kein Kind und kein Rind und hängt sich für einen Kreuzer auf; man hört das ganze Jahr nichts davon, daß er einen armen Mann eine Pruto 7), Zedoko 8) gibt. Wenn Engel vor seinem Geschäfte wie gewöhnlich auf und ab ging und die selbstzufriedene Miene seines Nachbars Blau betrachtete, dachte er immer darüber nach, wie er demselben irgend einen Streich spielen und ihn ärgern könnte. Eine solche Gelegenheit sollte sich ihm darbieten. Engel wußte, daß Blau kein Freund von Gästen war, erstens weil sie ihm Ausgaben verursachten, zweitens, weil diese ihn in seiner behaglichen Ruhe, die gewöhnlich reiche, kinderlose Leute zu lieben pflegen, stören könnten. Auf diese Schwäche Blaus hatte Engel seinen Plan gebaut. Als er gerade vor Pessach seinen in der Nähe P's. liegenden Geburtsort Ragendorf wegen des dort stattfindenden Marktes besuchte und wie gewöhnlich viele von den dort wohnenden Verwandten Blaus zu ihm in seine Bude kamen, da fragte er diese, ob sie nicht kommenden Chol- Hamoed einen Ausflug nach P. zum Besuche ihres reichen Verwandten Blau machen werden. Als dieselben nicht *) Niesen. 2) Blicken. 3) Nichtjuden. 4) Gästen. 5) Einkommen. 6) Hund, geizig. 7) Kleinste, jüdische Münze. s) Almosen.