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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-27 · 39 (27.9.1907) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
39 (27.9.1907)
Date
1907-09-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 640 Dr. Llocb's MocvenscvrlN. Nr. 39 tuugen zu gedenken, speziell dieses Versorgungshaus durch Stiftung von Freiplätzen, damit allen in diesem Altersversor-A gungshaus Aufnahme Suchenden ein Ruheplatz gewährt werdest kann. Berlin. Die „Judenfrage" ist wieder einmal akut^ geworden im — Verein deutscher Studenten. Den Anlaß zur" Wiederauftollung der Diskussion bildet der in den „Akad. Blättern" - erfolgte Abdruck der Festrede, die Professor Dr. D. Meinhold zum sünfundzwanzigjährigen Stiftungsfest des Bonner Vereines deutscher Studenten gehalten hat. Meinhold ist nichts weniger als Jüdenfteund, er hat sich aber doch ein gewisses Verständnis für die Realität der Dinge gewahrt, und so gelangt er denn in einem Rückblick auf die Gründungsepoche des Verbandes in dieser Festrede zu folgendem Ergebnis: „ . . . Wir muffen aus der Tatsache, daß unter uns so viele jüdische Mitbürger wohnen, die richtigen Konsequenzen ziehen, ihre Kräfte zur Mitarbeit an unserem Volke verwenden. Die geistige Beweglichkeit, wie sie den Juden meist zu eigen ist, mag und soll unserem deiäschen Volke zugute kommen, die Gewandtheit im Handel und Wandel soll uns, wo wir so stolz gerade hier voranschreiten, lehrreich und nützlich sein, die stetige gespannte Aufmerksamkeit, das Vorwärtsdrängen, wenn anch oft im eigenen Interesse, soll dem deutschen Michel die Schlafsucht vertreiben; ihre Begeisterung, für Kunst, ihre unleugbare Begabung für die Reproduktion derselben, der wir Deutsche doch manches verdanken, ihre unzweifelhaft oft bewiesene Opferwilligkeit für diese Dinge, mag sie auch nicht immer den reinsten Beweggründen entsprungen sein, soll den Deutschen treiben und stacheln, daß er an noch etwas mehr denkt als an seinen Skat und Biertisch. Es ist also nationale Pflicht, das Gute, den Nutzen, der uns aus dem Zusammensein mit diesem begabten Volke erwachsen kann, auch wirklich herauszuziehen, ohne dabei der Gefahren zu vergessen, die gerade für den Deutschen von hier aus sich erheben. Vergessen wir nicht der großen Taten, die ein Dernburg für unsere Nation, gerade in unserem Sinne getan. Er aber entstammt dem jüdischen Volke." Die Rede klang aus in einer Warnung vor der Ueberspannung des Nationalftätsprinzips: „. . . Selbstvergötterung ist eine dem einzelnen wie den Völkern höchst schädliche Sache. Die großen Güter der Kultur sind Sache nicht eines Volkes, sondern der Menschheit. An ihrer Förderung sollen alle Völker in gemeinsamer Arbeit, in edlem Wettstreit tätig sein. In all diesem gilt es, die rechte Gesinnung zu pflegen, die das Recht und die Pflicht eines stolzen Nationalgefühls ebenso schätzt, wie die Gefahren eines übertriebenen chauvinistischen Treibens erkennt und bekämpft, und zwar dies alles gerade aus Liebe zum deutschen Volke. Wir sollen uns hüten, „national" zum Schlagwort werden zu lassen, in unseren Forderungen und Gedanken zu erstarren und so dem eigentlich fortschreitenden Leben abzusterben. Auch hier gilt es, sich vor Erstarrung zu bewahren, das, was einst wahr und berechtigt war, als Gesetz für alle Zeiten aufzustellen. Der tote Prophet ist gar zu oft der Feind des lebenden. Die Vereine sind nicht und sollen nicht ein Gerichtshof sein, der festzustellen hätte, welche Handlung nun im gegebenen Falle national wäre oder nicht." Man hat, so bemerkt dazu die „Lib. Korr." treffend, aus den Reihen des antisemitisch-alldeutschen Verbandes schon lange nicht mehr so vernünftige Anschauungen gehört, wie sie hier insbesondere über die Gefahren der nationalen Phrase geäußert werden. Es ist daher auch nur selbstverständlich, wenn die Veröffentlichung dieser Rede in den Kreisen der Ultras etwas verstimmt hat. Zur Geschichte der Juden iu München. Beim Abbruch des Hauses Kaufingerstraße 36 in München sind die Grimdmauern und Umriffe eines jüdischen Bades (Mikwah) aufgedeckt worden, das allem Anscheine nach aus dem Beginne des XIV. Jahrhunderts datiert. Anläßlich der Entdeckung des auch architektonisch bemerkenswerten Bauwerkes veröffentlichen die „Neuesten Nachrichten" einen kurzen Abriß der Geschichte der Juden in München, der auch für unsere Leser von Interesse sein dürfte: „Die Münchener Judengemeinde ist fast so alt, wie die Stadt selbst; finden wir doch schon zu Zeiten Herzog Heinrichs des Löwen eine verhältnismäßig nicht unbeträchtliche Zahl von Israeliten in der jungen Siedclung vor. Von jeder bürgerlichen Beschäftigung, von öffentlichen Aemtern und Würden ausgeschlossen, beschäftigten sich diese mit Tauschhandel einheimischer Landesprodutte gegen jene fremder Länder. Da sie, wie überall in Deutschland, das ausschließliche Vorrecht des Geldhandels in Händen hatten, finden wir sie als Geldgeber des luxusbedürstigen Adels, der Geistlichkeit und der Börger. In der Gruftstraße erhob sich ihre Synagoge, die sie in Anbetracht der unruhigen Zeiten in den Kellerräumen eines Hauses angelegt hatten. Im Jahre 1285, als eben Hungersnot und Seuchen in Mönchen wüteten, entstand in den »«Straßen urplötzlich das tobende Geschrei, die Juden hätten einem galten Weibe ein Kind abgekauft und dieses in ihrem Bethause mit ^Pfriemen und Nadelstichen zu Tode gemartert. Gierig griff das Volk sdie Mythe auf, fiel über die Juden her und mordete, wie Meichelbeck seiner bist. Frissingensis erzählt, ihrer an hündertvierzig jeden ) Alters und Geschlechts. Herzog Ludwig der Strenge suchte vergebens /dem Rasen des blindwütigen Pöbels Einhalt zu tun. Nun glaubte man der verhaßten Eindringlinge ledig zu sein; aber gar bald richtete sich das zähe Volk wieder häuslich im demolierten. Ghetto ein, baute die abgebrannte Synagoge neuerdings auf und gelangte bald zu erneutem Wohlstand. Zwar brachen in den Jahren 1345, 1349 und 1413 neuerliche Verfolgungen aus, doch die Herzoge erstickten das Uebel im Keime. Eine ernsthafte Verfolgung sah erst das Jahr 1442, allwo Herzog Albrecht HI. die Juden „ihres unmäßigen Wuchers halber" aus München vertrieb und ihre Synagoge dem Leibarzt Hans Hartlieb schenkte. Dieser richtete das Haus zu seiner Wohnung ein und erbaute dabei zugleich einen Betsaal, indem er ein aus Italien mitgebrachtes Madonnenbild aufstellte. Dieser Betsaal, im Volksmunde „Gruftkirche" genannt, verfiel 1805 der Säkularisation. Daß sich die Israeliten trotz des Verbannungs-Ediktes bald wieder in München einfanden, beweist uns die Gesetzgebung, in der wir allerlei Paragraphen aufgezählt finden, die erschreckende Blicke in den Fanatismus jener finsteren Zeit gestatten. So war z. B. Derjenige, der das haarsträubende Verbrechen beging, mit einem Juden zu baden, zu essen, zu trinken oder gar bei ihm zu dienen, mit dem großen Kirchenbann bedroht. Christ und Jüdin, oder umgekehrt, die sich mitsammen vergingen, endeten gemeinsam auf dem Scheiterhaufen. Aeußerst streng waren die Kleidungsvorschriften. Die Gewänder der Inden des Mittelalters mußten von gelber Farbe sein; dazu waren gelbe, kegelförmige oder hornartig gebogene Hüte vorgeschrieben. Mit harter Strafe wurde es geahndet, wenn die Israeliten Waffen mit sich führten, Schmuckgegenstände irgendwelcher Art trugen oder wertvolles Pelzwerk an ihre Kleider hefteten. Erst zu Beginn des XVI. Jahrhunderts begann eine Lockerung dieser strengen Vorschriften platzzugreifen, und zu Ende jenes Jabrhunderts finden wir den Juden in die allgemein gültige christliche Tracht gekleidet; doch war er gehalten, auf der Brust einen gelben Ring aus Tuch oder Leder in der Größe einer Handfläche zu befestigen, während den Jüdinnen ein blaugestreifter Schleier als Abzeichen diente. Diese kleidlichen Abzeichen erhielten sich bis fast zum Beginne des XVIII. Jahrhunderts. Mit der Vergrößerung der Stadt vermehrte sich trotz des Verbannungsgebots auch die Zahl der Israeliten. Nach der Wiedereinsetzung Emanuels mußten sie laut Verordnung vom 22. März 1715 inner halb 24 Stunden das Land räumen und noch unter Maximilian III. \ war ihnen die Feier des Laubhüttenfestes streng untersagt und waren sie außerdem einem Leibzoll unterworfen. Im Jahre 1791 wurde dieser Leibzoll von fünf auf zwanzig Kreuzer tägliche Abgabe erhöht. Von dem Kaufe liegender Güter waren sie gänzlich ausgeschlossen. Doch allmählich gestalteten sich die Verhältnisse milder. Jenen Juden, welche ein hinreichendes Vermögen besaßen, wurde die Ansiedelung in München erlaubt, der Leibzoll ward stillschweigend aufgehoben. Gegen eine jährliche Abgabe von 500 fl. an die Armenkasse wurde ihnen auch die Feier des Laubhüttenfestes gestattet und zugleich erlaubt, daß die jüdischen Frauen ihr Wochenbett in München halten durften, was ihnen früher verwehrt war. Im Jahre 1783 befanden sich nur 56 Juden in München, 1788 waren es 124, 1799 135, 1801 aber 263. Diese schon ziemlich zahlreiche Gemeinde hatte weder Synagoge, noch Rabbinerwohnung, noch Begräbnisstätte; ihre Verstorbenen bestattete sie in Kriegshaber bei Augsburg. Im Jahre 1816 wurde der israelitische Friedhof an der Thalkirchnerstraße angelegt, nachdem der frühere, an der Dachauerstraße gelegene während des von 1442 bis zum Anfänge des XIX. Jahrhunderts dauernden Exils außer Gebrauch gekommen und vielfach überbaut worden war. Eine Synagoge wurde 1826 an der Theaterstraße (jetzt Weftenriederstraße) nach den Plänen des Baumeisters Metivier erbaut; sie verdankte ihr Entstehen dem Großhändler M. Pappenheimer. Der rasch aufblühenden Gemeinde wurde dieses Gotteshaus allmählich zu klein, und so erbaute Albert Schmidt im Aufträge der Kultusgemeinde in den Jahren 1884—1687 die neue Synagoge an der Herzog Maxstraße. Dieselbe faßt über 2000 Personen und ist Deutschlands größtes und schönstes israelitisches Bethaus. Die alte Synagoge wurde abgebrochen. Zum Schluffe dieser flüchtigen Skizze sei noch eine kurze Statistik der wachsenden Gemeinde angeführt: 1824 war die Zahl der Juden auf 592 angewachsen, 1830 belief sie sich auf 855, 1875 aber bereits auf 3475, lt)90 auf 6108 mtb ist schließlich im Jahre 1905 auf 10.066 gestiegen." Jüdische Katakomben in Rom. Im Jahre 1602 hatte Antonio Bosio in der Nähe der Eisenbahnstation Trastevere bei Rom, an den Hügeln von Monteverde jüdische Katakomben entdeckt, die er in seiner »Roma subterranea« kurz beschrieb. Die Stätte war nachher so vollkommen in Vergessenheit geraten, daß Marchi und De Nossi vergebens danach gesucht haben. Durch einen glücklichen Zufall ist man vor zwei Jahren bei Weinbergarbeiten wieder darauf gestoßen. An anderer, von Bosio nicht untersuchter Stelle wurden zahlreiche Kleinfunde gemacht, wie Lampen, Glasstücke, Fragmente von Elfenbein-Schnitzereien, Ringe, Amulette, Pickel und Schaufel eines Totengräbers, ferner Inschriften. Die

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