Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 24 (1907)
- Issue
- 39 (27.9.1907)
- Date
- 1907-09-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39 Vr. Bloch's WortxensttzrM Seite 637 Zur Gründung der Zentralstelle für das jüdische Armenmesen in Wien. Eine Verbesserung des Zustandes der jüdisch-konfessionellen Armenpflege in Wien herbeizuführen, ist seit Jahren das angelegentlichste Bemühen aller, die sich mit Armensachen in unserer Gemeinde befassen. In den Zentren der Kultur, in den Städten und Großkommunen, wo Tausende und Abertausende unbekannt und ungenannt aneinander vorübergehen, haben sich die individuellen persönlichen Bande zwischen Hilfsbedürftigen und Hilfsbereiten längst als unzureichend erwiesen; es sind unpersönliche Bindeglieder zwischen beide getreten, ständige Einrichtungen der Fürsorge für die verschiedensten Notfälle des Lebens. Aber das Nebeneinander der vielen Hilfsstellen, die keine Verbindung und keinen Zusammenhang haben, bildet für Unwürdige sehr häufig geradezu den Anreiz, aus der Wohltätigkeit eine Erwerbsquelle sich zu schaffen, vom gewerbsmäßigen Bettel zu leben und durch diesen Mißbrauch die Institute und die wirklich Dürftigen gleichermaßen zu schädigen. Andererseits ist es in jenen Fällen, in welchen für wahrhaft Dürftige ausgiebige Hilfe nottut, dem einzelnen Institute nicht möglich, solche Hilfe zu leisten, weil das Ausmaß des Erforderlichen seine Kräfte übersteigt oder die gebotene Hilfe überhaupt nicht in seiner Wirkungssphäre gelegen ist. Nach diesen beiden Richtungen hin Wandel zum Befferen zu schaffen, soll die Zentralisation den Weg weisen. Darunter verstehen wir bei voller Wahrung der Autonomie der teilnehmendenJnstitutionen das planmäßig geregelte Zusammenwirken der Institute in Bezug auf die Erhebungen und in Bezug auf die Unterstützungen. Die Identität der durch das Moment der konfessionellen Zugehörigkeit bezeichneten Armenklientel, die Fluktuation der bald in diesem, bald in jenem Stadtbezirke wohnhaften armen Bevölkerung, die räumliche, quantitative und qualitative Größe der Aufgaben führen zur Erkenntnis, daß die in gleicher Richtung wirkenden Kräfte die angestrebten Ziele leichter und wirkungsvoller erreichen, wenn diese Kräfte aus dem Verhältnisse des Nebeneinander in das Verhältnis des Miteinander treten. Hiebei ist noch zu erwägen, daß, wenn wir als jüdische Gemeinschaft Wohltätigkeit für die Glaubensgenossen üben, wir doch als Staatsbürger und Mitglieder der Gesellschaft, wie an den Pflichten auch an den Rechten der öffentlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen teilhaben. Sollen nun die Fäden, die von den jüdisch-konfessionellen zu den öffentlichen und gesellschaftlichen Wohlfahrtseinrichtungen reichen, fester geknüpft werden, soll die jüdisch-konfessionelle mit der öffentlichen und der freiwilligen interkonfessionellen Armenpflege in stärkerem Maße als bisher in Kontakt treten, dieselbe zur Mithilfe heranziehen und ergänzend auf sie einwirken, so ist es vorerst notwendig, das eigene Haus in Ordnung zu bestellen, die jüdisch-konfessionelle Armenpflege in sich zu konsolidieren und auszugestalten, die Vielheit zur.Einheit zusammenzufassen. Föderation und Zentralisation, diese in dem vielfach verschlungenen Jneinandergreifen der Erscheinungen, Beziehungen und Bedürfnisse des modernen Lebens begründete Form der Erfüllung sozialer Funktionen, müssen auch in der jüdisch-konfessionellen Armenpflege Einzug halten. Von diesen Gesichtspunkten ausgehende Reformbestrebungen sind seit geraumer Zeit zum Gegenstände eingehender Erörterungen und Beratungen gemacht worden, welche mehrere zahlreich besuchte Versammlungen der Wiener israelitischen Wohltätigkeits- und Humanitäts-Institutionen beschäftigt haben. In der Versammlung vom 27. Mai 1907 wurde das Regulativ einer die Schaffung eines Zentral-Armenkatasters und einer Zentral-Auskunftsstelle bezweckenden Zentralstelle für das jüdische Armenwesen prinzipiell beschlossen. Der Kultusvorstand hat seine werktätige Förderung dieses gemeinnützigen Unternehmens bereits bekundet, indem er der Zentralstelle nebst der Beistellung der Bureaulokalitäten im Amtsgebäude der Kultusgemeinde eine Subvention von Kr. 2000 jährlich votierte. Nunmehr liegt es an den Wiener israelitischen Wohltätigkeits- und Humanitäts-Institutionen, welcher speziellen Aufgabe immer sie sich widmen mögen, gleichviel ob ihre Tätigkeit der offenen Armenpflege angehört oder in geschloffenen Anstalten sich vollzieht, im notorisch gemeinsamen Interesse beizutragen, daß die Zentralstelle aus dem Stadium der Vorbereitung heraustrete und zur lebendigen Wirklichkeit sich gestalte. Das Gelingen des Unternehmens erfordert, daß keine Korporation, kein Verein, keine Anstalt, die ihre Obsorge in irgend einer Form jüdischen Armen zuwendet, sich ausschließe. Möge sich die Hoffnung, daß die große Wiener jüdische Gemeinde in der zeitgemäßen Neuorganisation ihrer Armenpflege anderen jüdischen Gemeinden, in welchen, wie in Deutschland, derartige Einrichtungen bereits nutzbringend wirksam find, nicht zurückstehen werde, als begründet erweisen und erfüllen! vr. v. 8. „Israel und Europa". In seinem bereits kurz erwähnten Geschichtswerk Israel jo Lnrope (London, Macmillan and Co. 1907) führt I. Abbott in lebendiger, temperamentvoller Darstellung die Schicksale des jüdischen Volkes vor, von der Berührung mit dem Hellenismus an, unter dem Römerreich und dem entstehenden Christentum, durch das Mittelalter hindurch in den einzelnen Ländern Europas, bis zur neuen und neuesten Zeit; die letzten hundert Seiten sind den Kapiteln Rußland, Rumänien, Antisemitismus, Zionismus gewidmet. Ueberall tritt das kulturhistorische Moment breit und gewichtig in den Vordergrund: Die geistigen Einflüsse Griechenlands und Roms auf die Juden, ihr Verhältnis zum Christentum, ihre Handelstätigkeit und Geldgeschäfte, sowie das Ghetto des Mittelalters, Renaissance und Reformation im Verhältnis zu den Juden, die Geschichte ihrer Emanzipation und „Wiedergeburt" sPalingenesi) alles — alldies ist ausführlich und von der hohen Warte des Geschichtsschreibers aus klug und geistvoll dargestellt. Die Tendenz, die das ganze Buch beherrscht, dürfte sich am besten aus folgenden Sätzen der geradezu klassisch geschriebenen Einleitung ergeben: „Mit Recht hat Philo, der griechisch-jüdiiche Weife Alexandriens, in Arons Stab, der da Knospen trieb und Blüten trug und Blumen brachte und Mandeln reifte", ein Sinnbild seines Volkes erblickt. Von dem Stamm, der sie getragen, und dem Boden, der sie genährt, gewaltsam entfernt und seit beinahe 2000 Jahren den winterlichen Stürmen der Feindschaft und Verfolgung ausgesetzt, keimen und blühen die Kinder Israels immer noch und stellen die Welt unaufhörlich vor dasselbe Problem» das sitzt als die jüdische Frage erkannt: „Was tun mit den Juden?" Die Art und Weise, in der jede einzelne Generation von Staatsmännern, von den Gesetzgebern des alten Rom bis zu denen des modernen Rumänien, darauf Antwort zu geben versucht hat, gibt ebensowohl ein 'sicheres Kennzeichen für das materielle, intellektuelle und moralische Gepräge der einzelnen Länder in jeglicher Zeitperiode, wie sie für ein außerordentlich interesiantes und lehrreiches, wenn auch etwas betrübendes Studium der politischen Gesittung Europas die Grundlage liefert. . . . Ich beabsichtige das Geschick Israels in Europa von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart im Umriß darzustellen. Das ist eine traurige Erzählung und schon oft erzählt; aber wichtig genug, sie immer wieder zu erzählen. . . . Trotz der Länge ihres Aufenthaltes unter den Völkern des Westens sind die Inden zum großen Teil in manch' wichtigen Punkten dieselben geblieben, wie zur Zeit der Patriarchen. Ein jüngerer Stamm hätte dem Einfluß der Umgebung sich gefügt; ein schwächerer wäre dem Drucke unterlegen; ein schmiegsamerer und und liebenswürdigerer hätte seine Ueberwinder überwunden. Die Juden aber waren, als sie in die erste Berührung mit Europa kamen, bereits zu alt, um sich zu assimilieren, zu stark, um vertilgt zu werden, zu sehr verwachsen mit ihrem Sonderkult, um Propaganda zu machen. Nachdem sie als israelitischer Staat zu existieren aufgehört, blieben sie immer noch eine Nation; in einem beständig wechselnden Panorama stellen sie das einzige ruhende Bild. . . . Diese Weigerung, der übrigen Welt sich anzupassen, hat ihren Ursprung in gegenseitiger Abneigung, Zwietracht und Verfolgung; jedes Zeitalter fügt eine, neuen Ring zum Giftbaum des Antijudaismus. Für dieses Ergebnis tragen beide Seiten die Verantwortung, oder keine. . . . Die jüdischen Niederlassungen haben in den meisten Fällen abgeschlossene Gemeinschaften inmitten einer ungleichartigen Umgebung gebildet und sind dadurch stets der Gegenstand des Vorurteils gewesen — das wenig beneidenswerte Privilegium aller Minoritäten, die sich hartnäckig weigern, dem von der Majorität anerkannten Gesetz sich anzupassen. . . . Niemand schließt sich ungestraft aus . . 8oi mon frere, ou je te tue ist ein Grundsatz, der, wenn auch in gemäßigter Form, bei ganz anderen, als geheimen, revolutionären Gesellschaften zur Geltung gelangt. Der einzige Unterschied besteht in der Art, in der dieser grausame Grundsatz in den verschiedenen „ Ländern