Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-20 · 38 (20.9.1907) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021710-3021749--16697-3041532
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 38 L>r. Llocd's Mocöenscdcm. Seite 837 Der antisemitische Sndmark-Berein. Vereheliche Redaktion! Der neueste Tric der deutschen Antisemiten besteht in der Ausnützung ahnungsloser Juden für ihre Parteizwecke. Vor einigen Tagen erhielt ich ein Schreiben der Südmark und eine bereits ausgefüllte Beitrittserklärung, die nur noch mit Datum und Unterschrift zu versehen war, samt einem Posterlagschein zugeschickt. In der Meinung, es handle sich um einen Schulverein, dessen Schulen auch Judenkinder besuchen, meldete ich meinen Beitritt an. Einen Tag später jedoch lese ich die Ergänzung des Berichtes der Hauptversammlung der Südmark und muß zu meiner Schande bekennen, daß ich aufgesessen bin. Allerdings zog ich sofort meine Beitrittserklärung zurück, aber der Schimpf, und wenn auch nur einen Tag, als Jude Mitglied eines antisemitischen Vereines gewesen zu sein, lastet doch auf mir. Nun bitte ich die verehrliche Schriftleitung, andere Juden zu warnen und dadurch vor moralischen Schäden zu bewahren. Anbei übersende ich auch einen Auszug aus der Rede des Obmannes der Südmark, der im „Grazer Tagblatt" vom 14. September erschienen ist. In dieser heißt es wörtlich: „Das aber ist eine der schwersten nationalen Sünden, die deutsche Frauen begehen können, wenn sie zum Slaven, Welschen oder Juden laufen, um sich die im Hause benötigten Gegenstände von diesem liefern zu lassen. Die Folge davon ist der Untergang oder die Abwanderung deutscher Meister und das Eindringen minderwertiger fremder Elemente. Mit den semitischen Juden — und nur dieser semitische Volksteil kommt für uns in Betracht — verb'ndet uns keine Verwandtschaft, sie sind ein seit den Tagen des Perserkönigs Kyres durch ihre Priesterschaft rein gezüchtetes Volk von gänzlich unarischer Denk- und Gefühlsweise, dem das germanische Wesen immer unverstanden bleiben wird Wo sie sich eindrängen, wirken. sie zerstörend schon seit zwei Jahrtausenden. Dies zu bedenken, müssen wir unsere Ortsgruppenleitungeu dringend bitten. Unsere Satzungen drücken ja deutlich genug aus, daß wir auf die Mitarbeit der Juden verzichten." . „ Dies diene allen Juden in Steiermark und Kärnten zur Warnung und Beherzigung, Mit vorzüglichster Hochachtung Laibach, 14. November 1907. Carl F. Verficherungsbeamte^ Budapest. (Rücktritt des Professors Moses Bloch.) Ein in den Annalen der Lehranstalten aller Grade wohl kaum wieder vorkommendes Ereignis hat sich in den letzten Tagen an der Budapester Landes-Rabbinenschule zugetragen. Ein Gelehrter von Weltruf hat sich nach Vollendung seiner gesetzlichen Amtstätigkeit in seinem 93. Lebensjahre in voller geistiger und körperlicher Frische in den Ruhestand zurückgezogen. Es dürfte wohl nicht leicht ein zweiter Fall namhaft zu machen sein, daß ein Gelehrter im Alter von 63 Jahren, nach fiebenunddreißigjähriger segensreicher Wirksamkeit als Seelsorger und Jugenbildner einem Rufe an eine neubegründete Staatsanstalt Folge leistet, an dieser organisatorisch und wissenschaftlich, lehrend und leitend volle dreißig Jahre hindurch ohne Unterbrechung wirkt, eine stattliche Reihe hervorragender Gelehrter heranbildet, eine ansehnliche Zahl grundlegender wissenschaftlicher Werke veröffentlicht und noch immer literarisch tätig ist. Ein solches Schicksal war Professor Moses Bloch beschieden. Ohne Zögern nahm er die Berufung an die nach langen stürmischen Kämpfen durch die Energie August v. Treforts gegründete Budapester Landes-Rabbinenschule an, deren Vorsitzender er drei Jahrzehnte hindurch war, der er Richtung und Ziel gab, die er zielbewußt und mit sicherer Hand leitete und in gemeinschaftlichem Wirken mit Männern wie Wilhelm Bacher,, Ignaz G o l d z i e he r und David Kaufmann zur vollen Blüte brachte. Durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und Herzensgüte hat er der Anstalt zahlreiche Freunde und Gönner geworben; seine Schüler waren ihm stets in kindlicher Liebe ergeben, diese Anhänglichkeit seiner Jünger bildete seinen höchsten Stolz. Nun, da der ehrwürdige Greis sich ins Privatleben zurüctzieht, begleiten ihn die aufrichtigen Wünsche seiner zahlreichen Verehrer und Schüler, daß es ihm vergönnt sei, auch die F-üchte seiner Tätigkeit reffen zu sehen, daß er die Anstalt, deren guten Ruf er begründet und die er zu hohem Ansehen gebracht hat, sich auch weiterhin fortentwickeln und gedeihen sehen möge. Eine Erinnerung an Karlsbad. Aus dem Sommer 1907. Wer je die Thermen Karlsbads besuchte und durch diese Wunderquellen Heilung von seinem Leiden fand, wird, wenn er auch kein besonderer Naturfreund ist, mit stiller Sehnsucht der lieblichen Umrahmung gedenken, mit welcher die Natur jene Heilquellen umgab. Wie der Mensch einen kostbaren, wertvollen Edelstein auf eine prächtige Unterlage bettet, so hat die gütige Natur ihr unersetzliches Heilmittel in einen smaragdgrünen Wald-Pokal gesenkt, bei deffen Anblick auch die kranke Seele Genesung findet für Leiden, Dulden und Entsagen! Da erschließt sich selbst das verhärtetste Menschenherz dem Mitgefühle mit fremdem Leide, man reichet dem Anderen helfend die Bruderhand ohne zu fragen, welch Stammes er sei und der grüne luftige Kuppelbau des sängerreichen Wald-Tempels nimmt Gebete auf, oft tiefer empfunden — und andächtiger dargebracht dem allerhöchsten Geiste — als zwischen marmornen, säulengeschmückten kalten Wänden, von Menschenhand zur Ehre Gottes errichtet! Da war es auch, wo ich in innigem geistigem Gleichklange mit einem der Besten unseres Glaubens über die Tiefen unserer heiligen Lehre in anregendem Gespräche verkehrte und von den geklärten Ansichten des nun 75-jährigen mit wonnigem Schauer erfüllt wurde. Er ist einer der ältesten Bürger Karlsbads, von Allen geachtet und verehrt, kein stubenhockender Gelehrter, sondern ein Mann, der noch heute mit allen Fasern des Seins im frisch pulsierenden praktischen Leben wurzelt. Als ich ihn vor meinem Abschiede aus seinem gastlichen Hause frug, woher er diese edle Auffaffung von Gottheit, Welt und Menschen gewonnen, da führte er mich an einen altertümlichen Schrank und diesen öffnend antwortete er: „Ich habe meine Anschauungen aus den hinterlaffenen Papieren eines edlen Kirchenfürsten, des hochwürdigen Prälaten Ignaz Heinrich Karl Freiherrn von Weffenberg, Domherr, General-Vikar im Bistum Konstanz, welcher meinem seligen Großvater vor etwa 120 Jahren über dessen Frage, was Jener glaube, diese Zeilen schrieb." Mit diesen Worten überreichte mir Herr Adalbert Theiner, dies der Name meines lieben Freundes, ein vergilbtes, bräunliches Blatt und ich las mit wachsendem Entzücken folgende goldene Worte: Mein Glaube! Ich glaube, daß die schöne Welt regiere Ein hoher, weiser, nie begriffner Geist; Ich glaube, daß Anbetung ihm gebühre. Doch weiß ich nicht, wie man ihn würdig preist. Nicht glaub' ich, daß der Dogmen blinder Glaube Dem Höchsten würdige Verehrung sei; Er bildet uns ja, das Geschöpf im Staube, Von Irrtum nicht und nicht von Fehlern frei. D'rum glaub' ich nicht, daß vor dem Gott der Welten Des Talmud und des Alkoran Bekenner weniger als Christen gelten; Verschieden zwar, doch Alle beten an. Ich glaube nicht, wenn wir vom Irrwahn hören Der Christen Glaube mache nur allein Uns selig, wenn die Finsterlinge lehren: „Verbannt muß. jeder Andersdenker sein." Das hat der Weise, der einst seine Lehre Mit seinem Blut besiegelt, nie gelehrt. Das hat fürwahr. — dem Heiligtum sei Ehre — Kein Jünger je aus seinem Mund gehört! Er lehrte Schonung, Sanftmut, Duldung üben, Verfolgung war der hohen Lehre fern; Er lehrte ohne Unterschied die Menschen lieben. Verzieh dem Schwach.» und dem Feinde gern

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.