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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1907-09-20 · 38 (20.9.1907) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
24 (1907)
Issue
38 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 38 Sr. Llocd's Mocbenscontt Seite 625 Jude aus seiner Religion für sein Selbstbewußtsein schöpft. Und nun wird diese Ehre, eine wahrhafte Ehre, von demselben Blute, wie die Ehre des Vaterlandes, mit allen Mitteln und in allen Formen der Verkennung und der Abneigung angegriffen. Shakespeare hat in einem Drama, das an der Grenze der Komödie liegt, mit einer der Komödie durchaus angemessenen Psychologie verfahren, indem er die Geschichte, die von einem Christen berichtet wird, auf Shylok umdeutet, um nach der Weise des Mittelalters für die beleidigte Ehre die Rache eintreten zu lassen. Das aber ist nicht der Weg der Sittlichkeit. So würde die Ehre zu einem Reizmittel des Lasters. Das kann nicht die echte Ehre sein. Das Selbstbewußtsein des Juden diesen furchtbaren, unaufhörlichen, beinahe jeden Schritt seines bürgerlichen Lebens begleitenden Angriffen gegenüber hat die wahrhafte Ehre als Affekt zu suchen und zu behaupten. Der Staat allein kann sich als Erziehungsanstalt bewähren, um die sittliche Differenz anszugleichen, welche allerdings in dem religiösen Bewußtsein zwischen Christentum und Judentum besteht, insofern als das eine den Erfolg der Sittlichkeit von der Leitung und der Spendung Christi abhängig macht, das andere dagegen von dem einigen Gotte, der nicht zugleich Mensch ist. Der Staat allein kann für die sittliche gegenseitige Würdigung der Bekenner dieser beiden Religionen die Kenntnis, die Einsicht, die Unparteilichkeit, die Sympathie heranbilden, welche die Glieder des Staates in Eintracht verbinden muß. Auf den Staat setzt der Jude auch seine Hoffnung, wo und wie immer er in feiner Ehre getroffen wird. In dem Staate erkennt er keinen Widerspruch gegen seine Religion, sondern vielmehr das Einvernehmen mit ihr. Denn seine Religion hat nicht bloß den Staat verloren, sondern ihn aufgegeben; die Propheten haben den Staat preisgegeben, um die Menschheit zu gewinnen. Der Staat aber, obzwar er des Vehikels der Ration sich bedienen darf und bedienen muß, um vermittelst der nationalen Einheit die Einheit des Staates zu begründen; der nationale Staat selbst darf keinen methodischen Widerspruch bilden gegen den Staatenbund der Menschheit. Hinter dem Rechte der einzelnen Staaten steht das Völkerrecht, und wahrlich nicht in nebelgrauer Ferne, sondern als das Ideal des Rechtes. Die wahre Ehre ist ihres Trostes gewiß in dem Selbstbewußtsein, welches von dem Ideal des Rechtes erfüllt ist." Die „Wiege Abrahams". In dem Berichte der Alliance israelite Universelle für das Jahr 1906 erzählt Herr Niögo, ehemaliger Leiter der israelitischen Schule der „Alliance" in Jaffa, von einer Reise im Euphratgebiet u. A. Folgendes: . Wenn man den Euphrat bei Biredschek überschritten hat, gelangt man nach Mesopotamien und, einige Kilometer weiter, zunächst auf erhöhtes, kalkreiches, kahles Land, später auf eine Ebene von großer Schönheit und verschwenderischer Fruchtbarkeit. Das ist die Ebene Sorudsch, das alte Batus. In geringer Entfernung liegt Orfa, oder Ursa. Diese Stadt lohnt einen Aufenthalt. Sie ist das Ur-Kasdim der Bibel, das Edesse der Kreuzzüge, inmitten einer reichen, fruchtbaren, von zahlreichen Quellen und Nebenflüssen des Euphrat bewässerten Ebene errichtet. Etwa 39 Kilometer von Orfa liegt Haran, die Heimat des Erzvaters Abraham, den die Muselmannen freilich in Orfa selbst geboren sein lassen. Am Fuße des Hügels Top-Dag, auf dem die Häuser von Orfa erbaut sind, finden sich zwei herrliche, in rechtwinkelige Bassins gefaßte fischreiche Quellen. Auf Top-Dag steht eine alte Festung, die von zwei schlanken Türmen überragt wird. Große Platanen umsäumen die Becken der Quellen. Zur Seite des einen Quellenbeckens erhebt sich eine Moschee, zum zweiten führt überaus malerisch die belebteste Straße der Stadt. Die Karpfen in den Becken sind unantastbar. Niemand beunruhigt sie, jedermann füttert sie mit Brot; sie wachsen und mehren sich. Etwas weiter entfernt, aber immer noch am Fuße des Top-Dag, steht eine zweite Moschee auf dem Boden, auf dem Abraham geboren sein soll. Im Innern der Moschee sprudelt in einer Grotte eine Quelle mit ungewöhnlich frischem und klarem Wasser. Von der Decke herab hängt die angebliche Wiege des Erzvaters, mit einem grünen Mantel bedeckt, wie er in den Moscheen die Gräber der Heiligen umhüllt. Vordem wurde weder Jude noch Christ hier zugelassen. Seit dem Tode des letzten Mollah aber waltet ein Scheich, der moderner und praktischer ist. Er gewährt Personen, die ihm empfohlen find, Eintritt gegen Entgelt. Als ich ihn aufmerksam machte, daß bei der großen Feuchtigkeit der Grotte das Holz der Wiege nicht der Verwitterung entgehen könne, antwortete er einfach: „Wir erneuern die Wiege von Zeit zu Zeit, bringen sie aber immer wieder an dieselbe Stelle." Jüdischer Handel in der Sahara. Ueber „Jüdischen Handel in der Sahara" äußert sich Dr. N. S l o u s ch z im ..Frankfurter Israelitischen Familienblatt": „Tripoli, die erste Stadt, die ich in Afrika besucht habe, ist eine jüdische Großstadt. Sie zählt ungefähr 14.000 Glaubensgenossen, die über ein Drittel der gesamten Bevölkerung ausmachen und meistens in einem besonderen Viertel, das in Nordafrika „Hora" genannt wird, während es in Marokko den Namen „Melah" trägt, wohnen. Die Gemeinde ist sehr alt; schon Augustinus weiß von gelehrten Jude» in Oca, wie vormals Tripoli hieß, zu erzählen (4. Jahrhundert). Da die spanischen Flüchtlinge nie nach hier gekommen find und da mehrere Male Juden aus den Oasen der Sahara hier zuströmten, bildet die Hora von Tripoli einen besonderen Judentypus; ihre Bewohner sind echte Afrikaner in Leben und Sitten geblieben. Die Hora besteht aus einer Menge von engen und schmutzigen Straßen, in deren zahlreichen Synagogen und Jeschibot die sehr frommen, aber abergläubischen Juden meist den 8ohar studieren. Merkwürdig sind die Häuser. Ein Haus in der Hora hat keine Fenster nach der Straße hinaus; es sind das kleine, sonderbare Räume, von welchen ein langes, dunkles Gewölbe die sogenannte „Sida" bildet. Die Sida ist für den Juden Alles: sie dient als Schlafzimmer. Alle schlafen auf einem Teppich, der auf einer besonderen Gallerte ausgedehnt liegt, da die Armen weder Betten, noch Möbel besitzen. Das einzige Reservoir von Licht und Luft ist der Hof in der Mitte des Gebäudes. Dort weilen gewöhnlich, von Schmutz umgeben, Hausfrau und Kinder. Die Frau gilt so wenig, daß sie zur Mahlzeit nicht zugelaffen wird; die Kinder gehen fast nackt umher, und doch find beide, Frau und Kinder, gewöhnlich hübsche Menschen. Aber arm sind sie, eine Armut, von der man selbst in Rußland keine Ahnung hat. Wahr ist es, daß der Jude in Tripoli sehr wenig bedarf, ein wenig Brot — oftmals von Gerste - und Früchte, einen farbigen Kaftan für den Mann und ein einziges Stück Zeug, in das die Frau sich einhüllt, aber eben das fehlt ihm. Neun Zehntel unter den Juden Tripolis leben in einer trostlosen Lage dahin. Viele treiben Kleinhandel in den Bazaren; manche find Handwerker, Goldschmiede, Schneider. Tischler, Schuhmacher u. s. w.; aber die Stadt ist arm, und außerdem ist seit einigen Jahren der Handel mit der Sahara und d m Sudan gesunken. Mehrere von den jüdischen Frauen widmen sich der Reinigung von Straußenfedern und Elefantenbeinen, die aus dem tiefsten Afrika kommen. Dieser Handel, den die Juden von Tripoli und den anderen Oasen Tripolitaniens treiben» ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen, die der Reisende zu beobachten Gelegenheit hat; ich möchte deshalb hier darüber sprechen. Bis jetzt ist Tripolitanien das einzige Land Nordafrikas, in das ein Christ nicht kommen darf, die Oase der Küste ausgenommen. Aus diesem Grunde ist es letzteren unmöglich, Handel mit dem östlichen Sudan zu treiben. Ganz anders die Lage der Juden. Der Araber haßt zwar den Juden, aber er duldet ihn. Außerdem haben sich jüdische Ausiedlungen in mehreren Punkten des Hinterlandes erhalten. Der Berber und oftmals sogar der wilde Tuareg sehen in dem Juden einen Einheimischen, der seit immer im Lande wohnt und der ihm vor dem Siege des Islams den Monotheismus und die ersten Erzeugnisse der Kultur gebracht hat. Sogar dort, wohin ein „Rummi" (Christ) nicht kommen darf, kann ein Jude frei und sorglos herumreisen. Jüdische Kleinhändler wandern über die Sahara. Ich habe in Mesrata Juden gesehen, die bis Girsa, einer wilden Nomaden-Gegend im Süden der Syrthe, gehandelt haben. In Bemyhaga sah ich jüdische Händler, die sogar bis Djorbub in Modal, dem Hauptort der fanatischen Lenussige, die als die bösesten Christenfeinde bekannt sind, gekommen waren. In dem Höhlenbewohnerlanv Gabrian sind mehrere Juden, die mit dem Fezzan Handel treiben. Die reicheren Juden aber organisieren aus mehreren Hunderten Kameelen sich zusammensetzende Karawanen, die Zucker, Salz und Merkantilien in die Wüste tragen und von dort Elefantenbeine, Straußenfedern und Farben zurückbringen. Solche Karawanen durchziehen oftmals die Wüste auf einem Wege von 20 90 Tagereisen. Da Juden als einheimisches Element in dieser Gegend austreten, haben sie oftmals mit alten Antipathien und Sympathien zu rechnen, die nur unter Bruderfeinden möglich sind Es gibt z. B. im extremen Süden eine Oase namens Ghat. Die Einwohner dieses Ortes, die sämtlich Berber sind, erklären, die Enkel der Philister der Bibel zu sein, die von David geschlagen wurden und von Ghat nach Afrika sich zurückzogen, um dort die Stadt Ghat zu bauen. Die Juden werden von diesen daher als ihre Erbfeinde angesehen — und wehe dem, der den Namen David trägt und nach Ghat sich wagen möchte! Bemerkenswert ist da« Vertrauen, das die Einwohner der Wüste den jüdischen Kauflenten schenken. Sogar die Muselmanen aus Ghal vertrauen, wenn sie nach Tripoli kommen, ihre Waren ausschließlich jüdischen Händlern an. Ferner habe ich beobachtet, daß die Einwobner von Djebil Nefuffa — sämtlich Berber, die sich als Enkel der Ammoniter und Moabiter der Bibel bezeichnen — den Juden viel höher achten und schätzen, als den muselmaniichen Araber. Dasselbe ist in noch größerer Nähe von Tripoli der Fall. So erklärten die Ureschfana, daß sie als Nachkommen einer jüdisch-berberischen Prinzessin Namens Fanana die Juden als Verwandte achten dürfen. Solche und andere Ursachen machen aus tun Juden TripolitanienS einen der nützlichsten Faktoren des Handels. Sie zeigen uns auch, warum der jüdische Einfluß immer bis zum Sudan und andererseits bis Aethiopien sich erstreckte. Und wahrlich, kein Element zeigt sich in

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